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Beschreibung von Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek, 8° Cod.Ms. theol. 199
Lukas Wolfinger: In Vorbereitung: Katalog der mittelalterlichen volkssprachigen Handschriften der SUB Göttingen, beschrieben von Lukas Wolfinger.
Handschriftentitel: Margareta von Antiochien (dt.; Verslegende I)
Entstehungsort: Altmark (?)
Entstehungszeit: 15. Jh. (Ende)
Katalognummer: Meyer-Sign. Theol. 199
Beschreibstoff:
  • Papier
  • Wasserzeichen: Sechsberg(WZIS DE3270-theol199_3; Varianten 1489 bzw. um 1485/1492); Sechsberg (WZIS DE3270-theol199_16; Varianten 1487-1490 bzw. um 1485/1492).
Umfang: II, 27, I Bl.
Format: 14,6-14,8 × 10,2-10,5 cm
8
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern: 1-27 (auf 11r die fälschlich eingetragene Blattzahl 12 korrigiert zu 11).
Lagenstruktur: Außer zwei neueren Vorsatzbl. (eines wohl 18.-19. Jh., das andere 20 Jh.) und einem wohl gleichfalls neueren Nachsatzbl. (ebenfalls 18.-19. Jh.) besteht die Handschrift aus folgenden Lagen: 2 VI (24). 3 (27).
Zustand: Das Papier ist an mehreren Stellen der Handschrift gebrochen oder gerissen und deshalb teilweise mit durchsichtigem, dünnem Papier zusammen- bzw. überklebt.
Seiteneinrichtung: Schriftraum: 10,7-11,5 × 7-8,2 cm; einspaltig, 15-17 Zeilen
Hände: ; gesamter Haupttext in Bastarda von einer Hand geschrieben; wenige Korrekturen, teilweise in Rot; die einzelnen Verse der Margaretenlegende abgesetzt in je eigener Zeile geschrieben.
Von frühneuzeitlicher Hand des 17. oder 18. Jhs. (viell. des Johann Gottfried Olearius, dessen Name unten rechts am VS vermerkt ist) auf dem Buchrücken, dem VS, auf 1r und 23r Einträge zum Inhalt, zu Parallelüberlieferung und Bemerkung zum 'abergläubischen' Geburtssegen in der Handschrift.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Durchgehend rubriziert, gerade auch die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verszeilen;

beim Text der Verslegende einfache Lombarden bzw. Initialen in Rot (zwei- bis dreizeilig); zu Beginn des Johannesevangeliums auf 24r eine fünfzeilige, cadellenähnliche Initiale in normaler und roter Tinte; die Oberlängen in der ersten Zeile der Seiten vielfach gelängt, ebenso die Unterlängen der letzten beiden Zeilen; auf 8r und 25r Rahmungen einzelner Wörter bzw. Textstellen mit normaler oder roter Tinte.

Einband: Koperteinband aus Pergament (mit Schmutzflecken): eine mittige Schließe (Zweitverwendung?) aus Messingblech mit geprägtem floralem Muster; im 18. oder 19. Jh. Erneuerung der Bindung, dabei wurden die alten Bünde entfernt und die Lagen der Handschrift an Papierstreifen angebunden, die an den Pergamentumschlag geklebt sind (die Schlitze an den Seiten des Pergamentumschlags, durch welche die beiden ursprünglichen Bünde gezogen waren, sind noch gut sichtbar und zeigen die originale Breite des Rückens an); zudem wurde dabei jeweils ein neues Vorsatz- und Nachsatzbl. eingefügt; auf der Vorderseite des Pergamentumschlags aufgeklebt ein Papierschildchen mit der modernen Signatur der SUB Göttingen; auf dem Rücken mit Tinte eine aufgrund von Beschädigungen bzw. Abrieb nur noch teilweise klar zu entziffernde Inhaltsangabe von derselben frühneuzeitlichen Hand wie die Einträge auf dem VS, auf 1r und 23r: Legenda Catharinae, Barbarae, Margarete, Dorotheae manuscripta et inpressa (?). Darunter - wohl als Signatur eingetragen - 49. Auf dem VS mit Bleistift ein weiteres Mal eingetragen die Göttinger Signatur (Cod. Ms. theol. 199); darüber der Hinweis NB. vide hoc ipsum [M(anu)s(cript)um] Margaretae martyrium typis excusum, cum Passione Catharinae, Barbarae et Dorotheae, Lipsiae, 1508./ et hoc libello compactum. p.; am rechten unteren Rand des VS zudem mit Bleistift der radierte Eintrag Theol. sowie - darunter - der (Besitz-?)Vermerk M. J. G. Olearius; auf dem HS eingetragen die ältere Göttinger Signatur Cod. theolog. 122.
Entstehung der Handschrift: Nach den Wasserzeichen dürfte die Handschrift Ende des 15. Jhs. entstanden sein (Ende 1480er-/Anfang 1490er-Jahre), die Schreibsprache verweist dabei auf eine Herkunft aus dem sprachlichen Mischgebiet zwischen dem Ostfälischen, Südmärkischen und Ostelbischen (also etwa dem Gebiet zwischen Elbe und Aller; vielleicht aus dem näheren oder weiteren Umkreis von Salzwedel und Stendal; vgl. Seelbach, Die Sprache). Sie scheint für eine konkrete Person bzw. eine Frau namens Anna geschrieben worden zu sein (wenn nicht sogar von derselben), da es im Formular der 'Vota ad partum mulieris' auf 23v heißt: Sancta Maria ... Adiuva hanc famulam Annam cum tua misericordia in partu suo (vgl. Düwel - Mueller - Lehmberg, Die Margaretenlegende, S. 190 und S. 193 sowie Düwel, Ein Buch, S. 190). Aufgrund der Zusammenstellung der Texte charakterisieren Düwel - Mueller - Lehmberg, Die Margaretenlegende, S. 193 und Düwel, Ein Buch, S. 191 die Handschrift als "christlich-magisches Mittel zur Geburtshilfe".
Provenienz der Handschrift:
  • Auf unbekanntem Weg gelangte sie offenbar in die Bibliothek des lutherischen Theologen Johann Gottfried Olearius (1635-1711), der in Arnstadt u.a. als Oberpfarrer und Superintendent tätig war (seit 1688), ebenda 1689 auch Konsistorialrat wurde. Auf 1r befindet sich nämlich der Eintrag M. J. G. Olearius (aufzulösen als Magister Johann Gottfried Olearius). Von der Hand desselben könnten auch die weiteren frühneuzeitlichen Einträge in der Handschrift stammen (auf dem Rücken des Einbandes VS, auf 1r und 23r). Augenscheinlich bestand in der Frühen Neuzeit ein Überlieferungsverbund zwischen dieser Handschrift der Margarethenlegende und einem Druck derselben, der außerdem noch die Legenden der Hl. Katharina, Barbara und Dorothea enthält (Diß sint die passien der vier Haupt iunckfrawen: Katherine, Barbare, Margarethe und Dorothee, Kacheloffen: Leipzig, 1508, VD16 ZV 31867; es handelt sich hier offenbar um die aktuelle Signatur 8 H E SANCT 136/15 RARA der SUB Göttingen). W. Meyer erklärt in seiner Beschreibung der Handschrift, dass ihr dieser Druck "ehemals beigebunden" war, eine Angabe, die sich wohl aus den frühneuzeitlichen Einträgen auf dem VS und dem Rücken des Einbandes speist (siehe unter Einband). Problematisch an der Annahme einer gemeinsamen früheren Bindung der zwei Bücher ist allerdings, dass der Koperteinband bzw. dessen Rücken für eine gemeinsame Aufnahme beider zu schmal erscheint. Vielleicht war der Druck also einfach nur beigelegt oder mittels eines Umschlags oder einer Schnur angefügt. Gleichwohl muss er - das belegen die genannten Einträge zweifelsfrei - längere Zeit gemeinsam mit der Handschrift verbunden gewesen sein (ob dieser Verbund bereits aus der Entstehungszeit um 1500 herrührte oder erst aus dem Ordnungswillen eines frühneuzeitlichen Gelehrten resultierte, ist nicht zu sagen; falls jedoch die frühe Besitzgeschichte beider Bücher parallel verlaufen sein sollte, wäre für die Provenienz der Göttinger Handschrift auch der aus dem 16. Jh. stammende Eintrag zu Andreas Hammer auf Bl. 51v des Druckes von Interesse, der auf einen Vorbesitzer dieses Namens verweisen dürfte; A. Hammer ist bislang allerdings nicht identifizierbar).
  • Die Handschrift verblieb offenbar weiterhin in Arnstadt im Besitz der Familie des Johann Gottfried Olearius, dürfte zuerst an seinen Sohn, den Polyhistor Johann Christoph Olearius (1668-1747; u. a. Schulinspektor, Bibliothekar, Superintendent und Oberpfarrer in Arnstadt) übergegangen, von diesem dann als Erbe an dessen Sohn Johann Christian Olearius gelangt sein (1699-1776; Prediger, dann Diakon und Archidiakon in Arnstadt sowie Bibliothekar der dortigen Kirchenbibliothek), als dieser verstarb, an seine seit dem Tod ihres Gemahls Samuel Kaspar Schuhmann 1754 verwitwete Schwester Johanna Sophia (vgl. GND Nr. 120149923).
  • Kurz nach deren Tod im Jahr 1780 wurde die Handschrift nämlich auf einer Auktion in Arnstadt versteigert (3. Sept. 1781; siehe dazu den entsprechenden Eintrag im Manuale von 1781 im Archiv der UB Göttingen, S. 173 und S. 183).
Erwerb der Handschrift: Hier wurde sie, gemeinsam mit zahlreichen anderen Büchern für die UB Göttingen erworben - darunter auch dem erwähnten Druck der 'Passien der vier Haupt iunckfrawen', von dem sie spätestens zu diesem Zeitpunkt separiert worden sein dürfte (vgl. auch Düwel, Ein Buch, S. 189); auf 1r rechts unten ein kleiner Besitzstempel der UB Göttingen (Bibl.R.Acad.G.A.), der bei Jammers, Bibliotheksstempel, S. 93-94 nicht verzeichnet, aber wohl den ältesten Besitzstempeln des Hauses zuzurechnen ist. Im April 1880 wurde die Handschrift offenbar an Prof. Steyskal in Znaim ausgeliehen, der in diesem Jahr seine Edition der Margaretenlegende vorlegte (vgl. dazu den Eintrag im alten handschriftlichen, als Loseblattsammlung angelegten Handschriftenkatalog der UB Göttingen unter der entsprechenden Signatur: 27. April 1880 an Prof. Steyskal in Znaim)
Inhalt:
  • Ir-v leer; jedoch vorne daran angeklebt ein Blatt (modern) mit dem üblichen Bearbeitungsformular der Preuß. Akad. d. Wiss. (Bearbeiterin: Dr. Marie-Luise Dittrich; Okt. 1939) auf der Vorder- und der Handschriftenbeschreibung von Wilhelm Meyer auf der Rückseite.
  • 1r-23r Margareta von Antiochien (dt. Verslegende I). Et scholen alle frowen/die martir gerne schouwen/ horen vnde lezen … — … vor vullet is dat ertrick/ mit dyner czirheit vnde dat hemmelrick./ Hir het dat bokelin eyn ende./ Got mote vns syne hulpe senden/ vnde geue vns allen samen/ dat ewyge hemelricke. Amen. Die Abfolge der Verse weicht in der Göttinger Handschrift von der üblichen Fassung ab bzw. ist gestört (vgl. dazu insbesondere van den Andel, Die Unordnung, sowie Düwel - Mueller - Lehmberg, Die Margaretenlegende, S. 163-164); Edition: ebd., S. 164-186 (nach der vorliegenden Handschrift); allgemein zu dieser Verslegende der Hl. Margareta von Antiochien und der Fassung der Göttinger Handschrift siehe ebd., speziell S. 160-162; zudem Düwel, Ein Buch, S. 189-191; 2VL 5, Sp. 1239-1241, Nr. I; Foidl, Margareta von Antiochien, hier Sp. 118.
  • 23r-24r Gebetsformeln für eine leichte Geburt. >Vota ad partum mulieris ut pariat absque graui dolore. Et dic hec verba subsequentia.< Neben dieser Überschrift auf 23r ist von frühneuzeitlicher - zweifellos protestantischer Hand (siehe zur Geschichte der Handschrift) - angemerkt O Superstitionem! Zudem ist von derselben Hand im Text der Überschrift paraeat korrigiert zu pariat.
    • (23r) Vr non bur a plantatur furnum puerum plantancium. Diese Worte, die gleichsam als 'Beschwörungsformel' zu verstehen sein dürften, sind bei Düwel - Mueller - Lehmberg, Die Margaretenlegende, S. 190 im Fußnotenteil bzw. in Anm. 86 abgedruckt; sie finden sich bereits im Rezept eines 'liber de causis feminarum' aus dem 8./9. Jh. (s. Egert, Gynäkologische Fragmente, S. 20, Nr. 60).
    • (23r-24r) Anna peperit Mariam, Maria peperit Ihesum, Elisabeth peperit Johannem … — … Inmensus pater, inmensus filus, inmensus spiritus sanctus. Eternus pater, eternus filius, eternus spiritus sanctus. Pater noster et credo debet dici. Druck (nach dieser Handschrift): Düwel - Mueller - Lehmberg, Die Margaretenlegende, S. 164-186; Düwel, Ein Buch, S. 189-190.
  • 24r-25v Johannes evangelista: Evangelium 1,1-14 (dt.). >Sancti Johannis ewangelium<. In deme Ambegin was dat wort, vnde dat wort was bie gode vnde got was dat wort, dat was in den anbeginne … — … syne ere, dy ere alzo des eygen geborns van dem vater vul gnaden vnde warheit; dorch dat ewangelium vorgeue vns got alle vnsze mizdath. Amen. Druck (nach dieser Handschrift): Düwel - Mueller - Lehmberg, Die Margaretenlegende, S. 190-191. (26r-27v) leer.
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
Göttingen 2 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 2: Universitäts-Bibliothek: Geschichte, Karten, Naturwissenschaften, Theologie, Handschriften aus Lüneburg, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1893 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 2)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

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