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Beschreibung von Cod. Guelf. 17.5 Aug. 4°
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Walahfrid Strabo, Vitae sancti Galli et Otmari
Entstehungsort: St. Gallen
Entstehungszeit: um 920
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 140 Bl.
Format: 21,5 × 16,2 cm
Seitennummerierung: Neuere Tintenfoliierung.
Lagenstruktur: 6 IV (48). II (52). 4 IV (84). IV-1 (91). 3 IV (115). II (119). VI (131). II (135). II+1 (140). Lagen bei Neubindung in falscher Reihenfolge gebunden. Richtige Reihenfolge: Blätter 1-8, 25-40, 9-24, 41-68, 77-84, 69-76, 92-99, 85-91, 108-115, 100-107, 116-140 (vgl. von Euw St. Gallen, 463).
Zustand: Pergament guter Zustand, Farb- und Metallauftrag, zum Teil verblichen. Blattränder beschnitten (Initialverlust).
Seiteneinrichtung: 15,5 × 12,5 cm, einspaltig, 19 Zeilen.
Hände: Karolingische Minuskel von drei Händen.
Hand A: 2r-47r, 55r, Z. 3-6; Hand B: 47v-54r, 55v-91r, 92r-99v, 132r Z. 6-19; Hand C: 100r-132r Z. 5, 132v-140v (vgl. Hoffmann Buchkunst, 397). Hand C identisch mit London, BL, Add. 21170, Hand B (54r-98v; vgl. Hoffmann Buchkunst, 383).
Schrift: Auszeichnungssschriften der Initialzierseiten an die Initiale anschließend in Capitalis, Unzialis und Capitalis Rustica. zu den Kapiteln rubrizierte Majuskeln alternierend mit silbernen und goldenen Gründen (zum Teil schwarz/grau oxidiert), daneben auf den Blatträndern rubrizierte Paragraphenzeichen und Kapitelzählungen. Erste Textzeile in Unzialis. Inciptits und Explicits in rubrizierter Capitalis Rustica.
Auszeichnungssschriften der Initialzierseiten an die Initiale anschließend in Capitalis, Unzialis und Capitalis Rustica. zu den Kapiteln rubrizierte Majuskeln alternierend mit silbernen und goldenen Gründen (zum Teil schwarz/grau oxidiert), daneben auf den Blatträndern rubrizierte Paragraphenzeichen und Kapitelzählungen. Erste Textzeile in Unzialis. Inciptits und Explicits in rubrizierter Capitalis Rustica.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    9 Initialen, 5 Textzierseiten, 2 gerahmte Initialzierseiten.
  • Initialen: Zu den Textanfängen (2r, 55r - Ligatur, 109r, 110v, 116v, 117r, 133v, 134r; 4,7-17,8) und den Text- und Initialzierseiten reich verzierte Initialen mit breit angelegtem goldenen Randband. Dieses an den Enden gelegentlich durch schmale Spangen geklammert (vgl. 109r). Initialstämme häufig gegliedert mit vegetabilen End- und Gliederungsgeflechten oder -knoten (1v, 134v Blüten als Gliederungsmotive). In den Binnenfeldern vom Initialstamm ausgehendes Flechtwerk und Palmettenstauden (55r). Auf 54v die Initiale von unten in einer Hand als Strauß gehalten. Als Füllmotive in den Initialstämmen, teils von den Verflechtungen ausgehende gereihte Blatt- (Palmettenblatt: 7v) und Blütenmotiven (Vierpassblüte: 55r; Lilien: 55r, 116v) oder Äste mit enstprechendem Besatz (54v, 108v, 109r, 111r). Als weitere Füllmotive das Stufenband (5r, 55r, 116v, 117r), die Schlange (111r) und die Fiederung (1v, 110v). Im Besatz Sporangien, Pallmetten- und Profilpalmettenblätter, an Fäden hängende Trifolien (vgl. 2r), Lilien (vgl. 54v) und fünfblättrige Blüten (vgl. 54v). Als Initialstammendung Vogel- (118v) und Tierköpfe (1v, 7v).

    Textzierseiten und Initialzierseite: Auf 1v, 7v, 54v, 108v und 118v Textzierseiten mit einleitenden Initialen und anschließendem Text in Capitalis. Buchstaben im Initialstil verziert oder unverziert in Minium mit goldenen und silbernen Gründen (13-22,6 × 12,5-15,1 cm). 8r eine gerahmte Initialzierseite. Der Rahmen mit Blüten als Gliederungsmotiven und der Fiederung als Füllmotiv. Im Initialbinnenfeld dichtes Flechtband, das durch Ableger der Endgeflechte ergänzt wird (15 × 12,5 cm).

  • Farben: Silber (grau/schwarz oxidiert), Gold und Minium.

Einband: Weinroter Maroquin über dünnem Holz. Beidseitig Rahmung mit Streicheisenleisten. Zwei kleine Messingbeschläge für verlorene Schließen. (18.-19. Jh.)
Geschichte der Handschrift: Die St. Galler Handschrift 17.5 Aug 4° enthält mit den von Wahlafrid Strabo zwischen 833 und 834 und 834 und 838 verfassten Viten (Gallus und Otmar), sowie der Miracula des St. Galler Mönches und Lehrers Iso (um 830-871) einen direkten Bezug zum Galluskloster. Der Text der Handschrift ist in drei weiteren St. Galler Handschriften erhalten (St. Gallen, StiB, Cod. 562, St. Gallen, 890-900, vgl. von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 112, Abb. 513-518; London, BL, Add. 21170, St. Gallen, um 920, vgl. von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 128, Abb. 610-613; Stuttgart, WBL, HB XIV 2, St. Gallen, 3. Viertel 9. Jh., vgl. von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 129, Abb. 614, 615), wobei nach von Euw mit St. Gallen, StiB, Cod. 562 die direkte Textvorlage für die Wolfenbütteler Handschrift vorliegt. Die Schreiberhand C (s.o.) ist identisch mit Hand B der zeitgleich entstandenen Londoner Handschrift. Die Initialausstattung der Wolfenbütteler Handschrift steht fest in der Tradition des St. Galler Skriptoriums und greift auf die hier im 9. Jahrundert ausgeprägten Ornament- und Initialformen zurück (vgl. das vom St. Galler Diakon und Schreiber gefertigte Evangelistar St. Gallen, StiB, Cod. 53, St. Gallen, um 895; von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 108, Abb. 449-470 - hier besonders die auffällig ähnlich gestalteten Textzierseiten, wie p. 6). Anknüpfend an die identische Schreiberhand (s.o.), finden sich in den zeitgleich zu Wolfenbüttel entstandenen Viten London, BL, Add. 21170 ebenfalls ähnlich gestaltete Initialen, wobei sich im Stil eine andere ausführende Hand zeigt. In etwas späterer Zeit lebt der Stil fort (vgl. Trier, Bibliothek des Prieserseminars, Hs. 106, St. Gallen, 825/950; von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 136, Abb. 659-668). Während Hoffmann für eine Datierung der Wolfenbütteler Vitae in die 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts plädiert, erfolgte aus kunsthistorisch stilistischer Sicht eine frühere Einordnung in die Zeit des St. Galler Abtes Salomo III. (890-920), die von von Euw zuletzt überzeugend dargelegt wurde (von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 127, Abb. 598-609).
Provenienz der Handschrift: Die Handschrift wurde von Herzog August d. J. von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel 1652/53 für 12 Taler erworben (vgl. Eintrag vorderer Innendeckel - hier auch Inhaltsverzeichnis und ein Verzeichnis der richtigen Lagenanordnung; Erwerbungsdaten, vgl. Milde Erwerbungsjahre, 121).
Inhalt:
  • 1v-86r Walahfrid Strabo: Vita et miraculi sancti Galli Liber I: 1v-8v, 25r-40v, 9r-24v, 41r-52v; liber II: 53r-68v, 77r-84v, 69r-76v, 92r-99v (Walafridi Strabi abbatis Augiensis de vita B. Galli confessoris liber, in: Alamannicarum rerum scriptores, Bd. 1, Frankfurt 1606, 233-276; MGH SS rer. Merov. 4, 280-337; BHL, Nr. 3247).
  • 86v-91r Officium sancti Galli.
  • 108v-116v Walahfrid Strabo: Vita sancti Otmari 100-107v, 108v-115v, 116-116v (Walafridi Strabi abbatis Augiensis liber de vita S. Othmari abbatis, in: Alamannicarum rerum scriptores 1606, Bd. 1, S. 277-284; MGH SS rer. Merov. 2, 41-47; BHL, Nr. 6386).
  • 116v-139r Iso Sangallensis: De miraculis sancti Otmari (MGH SS 2, 47-54).
  • 139-140 Officium sancti Otmari.
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)

Abgekürzt zitierte Literatur

BHL Bibliotheca hagiographica Latina antiquae et mediae aetatis, Bd. 1–2, hrsg. von den Socii Bollandini, Bruxelles 1898–1901, Suppl. ed. altera, Bruxelles 1911, Novum suppl. hrsg. von H. Fros, Bruxelles 1986
Bischoff Katalog 3 B. Bischoff, Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen), Teil 3: Padua–Zwickau, aus dem Nachlass hrsg. von B. Ebersperger, Wiesbaden 2014
Divina Officia P. Carmassi, Divina officia. Liturgie und Frömmigkeit im Mittelalter, Wiesbaden 2004 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 83)
Hoffmann Buchkunst H. Hoffmann, Buchkunst und Königtum im ottonischen und frühsalischen Reich, Textbd., Stuttgart 1986 (MGH Schriften 30,1)
Hoffmann Schreibschulen Südwesten H. Hoffmann, Scheibschulen des 10. und 11. Jahrhunderts im Südwesten des Deutschen Reichs, 2 Bde., Hannover 2004 (MGH Schriften 53)
Merton A. Merton, Die Buchmalerei in St. Gallen vom neunten bis zum elften Jahrhundert, Leipzig 1923.
MGH SS Monumenta Germaniae Historica Scriptores (in Folio), Bd. 1–, Hannover 1826–
MGH SS rer. Merov. Monumenta Germaniae Historica Scriptores rerum Merovingicarum, Bd. 1–7, Hannover 1885–1920
Milde Erwerbungsjahre W. Milde, Die Erwerbungsjahre der Augusteischen Handschriften der Herzog August Bibliothek, Supplement zum Katalog von Otto Heinemann "Die Augusteischen Handschriften" Bd. 1-5, Wolfenbüttel 1890-1903, in: Wolfenbütteler Beiträge 14 (2006), 73-144
Otto der Große Otto der Große - Magdeburg und Europa, Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, 27. August - 2. Dezember 2001, hrsg. von M. Puhle, Mainz 2001
von Euw St. Gallen A. von Euw, Die St. Galler Buchkunst vom 8. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts, 2 Bde., St. Gallen 2008
Wolfenbüttel Aug. Die Augusteischen Handschriften, beschrieben von O. von Heinemann, Teil 1-5, Frankfurt/M. 1890–1903, Nachdruck 1965–1966 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Die alte Reihe 4–8)

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