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Beschreibung von Cod. Guelf. 312 Helmst.
Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil II: Cod. Guelf. 277 bis 370 Helmst. Mit einem Anhang: Die mittelalterlichen Handschriften und Fragmente der Ehemaligen Universitätsbibliothek Helmstedt, beschrieben von Bertram Lesser (im Erscheinen).
Handschriftentitel: Conradus de Soltau. Ps.-Thomas de Aquino
Entstehungsort: Mittel- oder Süddeutschland
Entstehungszeit: 14. Jh., 4. Viertel
Katalognummer: Heinemann-Nr. 346
Beschreibstoff:
Umfang: 216 Bl.
Format: 29,5 × 21 cm
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern: 1209, Zählfehler: Nach Bl. 90 setzt die Zählung mit Bl. 85 wieder ein; letztes Bl. ungez.
Lagenstruktur: IV (6)! 17 VI (204)! IV (209)! Kustoden auf dem ersten Bl. jedes Sexternios in arabischen Zahlen. Vorsatzkonstruktion: vorn und hinten je zwei Bl. des ersten und letzten Quaternios als Spiegel an die Deckel geklebt. Lagenmitte durch Pergamentfalze verstärkt.
Seiteneinrichtung:
  • 7ra204vb 20 × 14 cm, zweispaltig (Spalten jeweils 6 cm breit), je nach Hand 32–50 Zeilen.
  • 205r209v 25 × 14,5–16 cm, einspaltig, 32–39 Zeilen.
Hände: Ältere gotische Kursive von 2 Händen,
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Wenige Seiten rubriziert (157r), Raum für Initialen und Lombarden ausgespart.
  • Auf dem VD ungelenk wirkende Federzeichnung von der Hand des zweiten Schreibers: Der Dedikator oder Schreiber (?) steht betend im Priestergewand vor einer überlebensgroßen, gekrönten Maria mit dem Jesuskind, darüber ein aus acht wechselnd gestellten Herzen gebildetes Kreuz. Um beide Personen windet sich ein Spruchband in frühneuhochdeutschen Versen:
    Maria milte muter godis
    nyt enla mich sterben des ewigen dodis
    und so myn hercz lidit des biteren dodes pyn
    libe Maria so wolle dyn gnade bij mir syn.
    Vier weitere Schemazeichnungen im Text unten.
Spätere Ergänzungen: Im gesamten Codex, bes. 157ra204vb, Marginalien und Notizen der anlegenden Hände.
Einband: Gotischer Holzdeckelband mit gepreßtem, ungefärbtem Schafsleder übezogen, berieben, Wurmfraß, bes. im HD. Streicheisenlinien. Einzelstempel Löwe, schreitend: EBDB s002899. Mondsichel und Stern: EBDB s003077. Wappen: EBDB s009249. Sämtlich der Werkstatt "Kreuznach" (EBDB w001467) zugeschrieben. Vier Doppelbünde, an Kopf und Schwanz Kapitalbund, Kapital mit ungefärbten Lederstreifen umflochten. Zwei Langriemenschließen verloren, unten komplett entfernt, oben noch Gegenblech mit Riemenrest vorhanden. Auf dem VD zwei identische Titelaufschriften, am Kopf Textualis, in der Mitte Bastarda: Questiones Sentenciarum.
Entstehung der Handschrift: Die Handschrift dürfte im letzten Viertel des 14. Jh. im mittel- oder oberdeutschen Raum entstanden sein, vgl. den Sprachstand des "Dedikationsbildes" auf dem VD, möglicherweise im Umfeld einer Universität.
Provenienz der Handschrift:
  • Im 15. Jh. gehörte sie dem Pleban Johannes, der den Codex einer der beiden Hauptpfarrkirchen (St. Nikolaus oder St. Paulus) in Bad Kreuznach schenkte; entsprechender Vermerk 1r: Hunc librum presentem super libris[sic] sentenciarum ego Johannes plebanus committo ecclesie parochiali in Cruczenach.
  • Auf welchem Wege er zu seinen letzten Besitzern gelangte, ist unbekannt; Vermerk 1r: Ex hæreditate Eberhardina possidet Frid[ericus].Chr[istophorus]. Rademacher Past[or].Sch[auensis]. 1694. Der aus Braunschweig gebürtige Rademacher immatrikulierte sich am 13.9.1680 für ein Theologiestudium an der Universität Helmstedt (Matrikel Helmstedt 2, 222 Nr. 188.18) und war 1689–1691 zunächst als Pastor in Jühnde bei Göttingen (Die Pastoren der Landeskirchen Hannovers und Schaumburg-Lippes seit der Reformation, Bd. 1, hrsg. von P. Meyer, Göttingen 1941, 577) und von 1691 bis zu seinem Tode 1738 als Pfarrer in Schauen bei Osterwieck tätig (V. Albrecht-Birkner, Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen, Bd. 7, Leipzig 2008, 26). Offenbar schenkte er den Codex zusammen mit dem aus dem Augustiner-Chorherrenstift Hamersleben stammenden Sammelband QuH 26 (olim S 37.2° Helmst.) seiner ehemaligen Alma mater.
Erwerb der Handschrift: Seit dem frühen 18. Jh. im Besitz der Universitätsbibliothek Helmstedt. In deren Handschriftenkatalog von P. J. Bruns (1797, BA III, 51) unter Nr. 95 erstmals beschrieben: Sermones super libris sententiarum. b) Thomæ de Aquino sermones de sacramento venerabilis Eucharistiæ. chartac. fol.
Inhalt:
  1. 1r Versus. Druck: Walther I 2898 (nach dieser Hs.). Darunter zwei aus jeweils acht wechselnd gestellten Herzen gebildete Kreuze sowie die oben genannten Besitzvermerke. – 1v6v leer.
  2. 7ra156ra Conradus de Soltau: Quaestiones super Ⅳ libros sententiarum. Utrum per studium sacre scripture acquiratur habitus alius a fide quod non arguitur sic: Primo omnis habitus qui per studium sacre scripture acquiritur est fides … — … qui dicit quod improbi usque ad diem iudicii vident gloram sanctorum Amen etc. Sit finis deo laus omnipotenti etc. Der Text umfasst die Kommentarabschnitte in librum I (7ra55rb), in librum II (55rb84rb), in librum III (84rb109vb) und in librum IV (109vb156ra); die Nummer des kommentierten Sentenzenbuches ist jeweils als lebender Seitentitel ausgeworfen.
    Textgeschichte: Auch in Cod. Guelf. 230 Helmst., 324ra–421rb; 69.20 Aug. 2°, 52ra197vb.
    Ungedruckt.
    Literatur
    • Stegmüller RS 175 (Hs. genannt);
    • Tříška Činnost, 110 Nr. 2 (Hs. genannt);
    • Tříška Repertorium, 82;
    • 2VL 11, 880–886, hier 882f.;
    • CALMA 3, 8 Nr. 9.
    156rb–vb leer.
  3. 157ra204vb Ps.-Thomas de Aquino: Sermones XXXII de venerabili sacramento altaris. >De sacramento venerabilis Eukaristie sermones sancti Thome de Aquino<. Modus procedendi in sermones de sacramento corpore domini. De sacrosancto corporis domini locuturi sacramento proponimus dante deo procedere tali modo … — … que nunc est et future ad quam nos perducere dignetur Ihesus Christus dominus noster et beate et gloriose Marie virginis fructus et filius qui vivit et regnat cum deo patre in unitate spiritus sancti deus per omnia secula seculorum Amen. Prolog mit Inhaltsangabe und 32 Sermones, in marg. gezählt. Nach Schneyer 5, 608–611 sind Nr. 412–444 mit Initium nachweisbar. 193ra–b leer, kein Textverlust.
    Textgeschichte: Vollständig in Cod. Guelf. 160 Helmst., 149va184va; Sermo 29 auch in Cod. Guelf. 679 Helmst., 202v203v.
    Drucke
    • GW 767770 (767, 1r52r vergl.);
    • Beati Alberti Magni … opera omnia …, Bd. 23, hrsg. von A. Borgnet, Paris 1891, 669–797;
    • Busa S. Thomae Aquinatis opera 7, 667–684 (ohne Prolog).
    Literatur
    • Glorieux Répertoire 1, 72 Nr. 6cr, 103 Nr. 14fe und 2, 46 Nr. 305bx;
    • Schneyer 5, 608–611 Nr. 412–444;
    • Distelbrink, 185 Nr. 206;
    • Zumkeller, 18 Nr. 14;
    • CALMA 1, 132 Nr. 105.
  4. 205r209v, HD Quaestiones de venerabili sacramento altaris schematibus Ⅳ auctae. >Queritur de causis<. Notandum quod quatuor de causis hoc sacramentum fuit ordinatum sive institutum. Prima est Christi recordacio ut memoria eius habeatur … — … et quod letificat gracia deificans nota bene. Die sonst bislang nicht nachweisbare Quästionensammlung zur Eucharistie versammelt knapp das spätmittelalterliche Wissen zur Lehre dieses Sakraments, u. a. auch aus den Notizen der vorhergehenden Predigten, die z. T. vom selben Schreiber stammen (analoge Christus- und Marienanrufungen auf dem Kopfsteg der Seiten, s. oben). Als Zusammenfassung drei roh gezeichnete, beschriftete Baumschemata: 208v fructus 12 ligni vite id est corporis Christi contra 12 mala hominum; 209r Gegenüberstellung der radix eines Baumes mit vincula culpe, defectio gracie, mortis plage gegen die Früchte der Eucharistie corpus Christi liberat nos a vinculis culpe, in gracia perficit, salvat nos a plagis mortis; der gleiche Inhalt in anderer Darstellung nochmals 209v. Quelle für die Beschriftungen sind die vorausgehenden "Sermones XXXII de venerabili sacramento altaris", cap. 21–23, Druck: Busa S. Thomae Aquinatis opera 7, 667–684, hier 678f. Ein vereinfachtes, aber inhaltlich kongruentes Baumschema, das auf die zwölf languores hominis beschränkt ist, vgl. in Cod. Guelf. 385 Helmst., 1r. – Das letzte, ungez. Bl. leer. – Auf dem HD werden die Kategorien des zweiten Schemas auf dem Kopfsteg nochmals wiederholt und darunter in eine neue Anordnung gebracht: Links der Baum der Erkenntnis (radix omnium malorum) mit Adam, Eva und der Schlange, rechts der Baum des Lebens (radix gratiae), der Stamm gebildet aus Maria mit dem Jesusknaben, die in gleicher Gestalt nochmals zwischen beiden Bäumen zu sehen ist. Darunter ein stilisierter Vogel mit der Beischrift: Deus propicius esto michi peccatori [Lc 8,13].
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)
  • Normdaten ergänzt bzw. korrigiert. (schassan, 2015-09-04)

Abgekürzt zitierte Literatur

2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
Busa S. Thomae Aquinatis opera S. Thomae Aquinatis opera omnia, ut sunt in indice thomistico additis 61 scriptis ex aliis medii aevi auctoribus, hrsg. von R. Busa, 7 Bde., Stuttgart 1980 (Index Thomisticus, Supplementum)
CALMA C.A.L.M.A. Compendium auctorum latinorum medii aevi, hrsg. von M. Lapidge u. a., Bd. 1–, Firenze 1999–
Distelbrink B. Distelbrink, Bonaventurae scripta: authentica, dubia vel spuria critice recensita, Rom 1975 (Subsidia scientifica Franciscalia 5)
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
Glorieux Répertoire P. Glorieux, Répertoire des maîtres en théologie de Paris au XIIIe siècle, 2 Bde., Paris 1933–1934 (Études de philosophie médiévale 17–18)
GW Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Bd. 1–, Leipzig 1925–1938, Stuttgart 1978–
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Matrikel Helmstedt 2 Die Matrikel der Universität Helmstedt, Bd. 2: 1636–1685, bearbeitet von W. Hillebrand, Hildesheim 1981 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 9,1,2)
Schneyer J. B. Schneyer, Repertorium der lateinischen Sermones des Mittelalters für die Zeit von 1150–1350, Bd. 1–11, Münster 1969–1990, Bd. 1–4 ebd. 21973–1974 (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters 43, 1–11)
Stegmüller RS F. Stegmüller, Repertorium commentariorum in Sententias Petri Lombardi, Bd. 1–2, Würzburg 1947
Tříška Činnost J. Tříška, Literární činnost předhusitské university, Prag 1967 (Sbírka pramenů a příruček k dějinám University Karlovy 5)
Tříška Repertorium J. Tříška, Repertorium biographicum Universitatis Pragensis praehussiticae 1348–1409, Prag 1981 (Knižnice archívu Univerzity Karlovy 12)
Walther I H. Walther, Initia carminum ac versuum medii aevi posterioris Latinorum, Göttingen 1959 (Carmina medii aevi posterioris Latina 1)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)
WZMA Wasserzeichen des Mittelalters (WZMA). Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien (http://www.ksbm.oeaw.ac.at/wz/wzma.php)
Zumkeller A. Zumkeller, Manuskripte von Werken der Autoren des Augustiner-Eremitenordens in mitteleuropäischen Bibliotheken, Würzburg 1966 (Cassiciacum 20)

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