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Beschreibung von Cod. Guelf. 360 Helmst. I II
Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 2: Cod. Guelf. 277 bis 370 Helmst. und Helmstedter Fragmente. Beschrieben von Bertram Lesser. Wiesbaden: Harrassowitz, (im Erscheinen).
Handschriftentitel: Ps.-Methodius. Petrus Pictaviensis. Flores temporum
Entstehungsort: Süddeutschland
Entstehungszeit: 15. Jh., 3. Viertel
Katalognummer: Heinemann-Nr. 395
Beschreibstoff: Papier
Aus zwei Teilen zusammengesetzt: I 1r–18v, II 19r–106v.
Umfang: 106 Bl.
Format: 29,5 × 21 cm.
Lagenstruktur: IX (18). 6 VI (90). VIII (106).
Zustand: Im gesamten Codex Schwemmränder eines Wasserschadens.
Einband: Halbledereinband des 18. Jh., Pappdeckel wie bei Cod. Guelf. 277 Helmst. mit dunkelbraun marmoriertem Kiebitzpapier kaschiert, aus der Werkstatt des Buchbinders Anton Friedrich Wirck in Helmstedt.
Entstehung der Handschrift: Die paläographischen Merkmale und die enthaltenen Texte deuten auf eine Entstehung der beiden Teile der Hs. im süddeutschen Raum hin.
Provenienz der Handschrift: Später im Besitz von Matthias Flacius Illyricus, Besitzvermerk 1r: Illÿr. Auf dem Kopfsteg eine ebenfalls von Flacius stammende Zählung: No. 2; die weiteren Nummern vgl. in den Codices Flaciani Cod. Guelf. 190 Helmst. (No. 3), 253 Helmst. (No. 6), 372 Helmst. (No. 1), 431 Helmst. (No. 7), 456 Helmst. (No. 5) und 473 Helmst. (No. 4, der mit Nr. 8 versehene Codex ist letztmalig im Katalog von 1644 erwähnt). 1r auf dem Fußsteg die typische Signaturnummer der flacianischen Bibliothek: №. 146.
Erwerb der Handschrift: Zusammen mit der übrigen Bibliothek des Matthias Flacius Illyricus am 20.4.1597 von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg für die Bibliotheca Julia in Wolfenbüttel erworben, 1614 im Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 114 [110]) unter den Libri Historici als Manuscripta Genealogia et Chronicon per cellulas divisum in fol. Ibidem Flores temporum Fratris Hermanni Ordinis Sancti Wilhelmi Januensis mit der Signatur K 24 genannt. — 1618 aus Wolfenbüttel in die Universitätsbibliothek Helmstedt überführt; 1644 in deren Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 29v) unter den Miscellanei MSSti in folio als Genealogiæ Veteris Testamenti. Hermanni Ordinis S. Wilhelmi Januensis Flores ætatum et temporum. Ohn bandt beschrieben; im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 403 aufgeführt.
Bibliographie
Handschriftenteil: I
Entstehungszeit: um 1465
Beschreibstoff: Papier
Wasserzeichen: Krone ohne Bügel, oben offen, Mittelzinken einkonturig, Enden blattförmig, Reif dreikonturig: WZIS DE2730-PO-50449 (1463, zwei weitere Typen nicht nachweisbar).
Umfang: 18 Bl.
Lagenstruktur: IX (18).
Seiteneinrichtung: Schriftraum: 23 × 15 cm, einspaltig, 47–49 Zeilen (nur Textseiten).
Hände: Saubere, fast kalligraphische jüngere gotische Kursive von einer Hand.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Rubriziert, rote Lombarden und Paragraphenzeichen. Zu den Schemazeichnungen vgl. beim jeweiligen Text.
Inhalt:
  1. 1r–5r Ps.-Methodius Olympius: Apocalypsis (partim). (Text setzt ein) … ex filiis descendebat heroum qui filius Sem et ipse primus regnavit super terram. Septingentesimo vero et nonagesimo anno tertie ciliade[sic] quod agebatur et trium milium annorum edificata est Babilon … — … omnis honor et gloria et potestas et magnitudo et imperium nunc et semper in secula Amen.
    Textgeschichte: Ohne Kapiteleinteilung, cap. 1–3 fehlen durch Blattverlust. Gehört zur Recensio I (vgl. Laureys/Verhelst, 114–119, Hs. fehlt). Ein weiterer Auszug des Textes in Cod. Guelf. 366 Helmst., 44va–48va.
    Ausgaben
    Literatur: Stegmüller RB 124,4; CAVT 258.
  2. 5v–16r Petrus Pictaviensis: Compendium historiae in genealogia Christi. Adam in agro Damasceno formatus in Paradisum … — … XIIIIo anno Neronis est passus eodem die quo et Petrus. >Finis<. Der Prolog fehlt. Der Textanfang steht auf Bl. 6r über dem gesamten Stammbaum. Der Stammbaum von Adam bis Christus erstreckt sich in einer umfangreichen, weitgehend dem Druck entsprechenden Schemazeichnung über alle Seiten, der Text ist jeweils darüber- oder dazwischengesetzt. Die in das genealogische Schema integrierten Namen stehen in roten Kreisen, die durch braune Doppellinien verbunden sind. In gleicher Ausführung folgende zusätzliche Schemata: (8r) die Liste der 42 Lagerstätten des Volkes Israel während des dreijährigen Wüstenzuges unter einer Arkadenstellung aus vier Säulen auf komplexen Basen mit Spiralschäften, die die drei Listen mansiones primi anni, secundi anni und tercii anni umgeben. Sie sind überfangen von drei Spitzbögen, in der Mitte ein Lanzettbogen, außen je ein Kielbogen, mit Maßwerkansätzen. (9r) diagrammatische Darstellung der Gebietsverteilung an die zwölf Stämme des Volkes Israel. (13r) Idealplan der Stadt Jerusalem mit sechs Toren und Wohnbezirken.
    Textgeschichte: Mit identischem Explicit und gleichen Zusatzschemata auch in Freiburg, UB, Hs. 36a, IIr–VIIr (Freiburg 1,1, 34); Città del Vaticano, BAV, Pal. lat. 963, 2vb6rb (Heidelberg 3, 69).
    Druck (abweichend): M. Petri Pictaviensis Galli Genealogia et chronologia Sanctorum Patrum…, Basel 1592 (VD16 P 1895), (separate Paginierung); P. S. Moore, The works of Peter of Poitiers, master of theology and chancellor of Paris (1163–1205), Notre Dame/Ind. 1931 (University of Notre Dame, Publications in mediaeval studies 1), 188–196 (Auszug). Vgl. zum Text ibid., 97–117; Glorieux Répertoire 1, 230 Nr. 100f; Stegmüller RB 6778 (Hs. genannt); G. Melville, Geschichte in graphischer Gestalt. Beobachtungen zu einer spätmittelalterlichen Darstellungsweise, in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, hrsg. von H. Patze, Sigmaringen 1987 (Vorträge und Forschungen 31), 57–154, bes. 68–76 (72f., 112 Hs. genannt); L. Alidori, Il Plut. 20.56 della Laurenziana. Appunti sull'iconografia dei manoscritti della Genealogia di Petrus Pictaviensis, in: Cicli e immagini bibliche nella miniatura. Atti del VI Congresso di Storia della Miniatura, Urbino, 3–6 ottobre 2002, hrsg. von Ders., Firenze 2003 (Rivista di Storia della Miniatura 6–7), 157–170 (167 Hs. genannt).
  3. 16v Epitome vitae Bedae Venerabilis. Beda venerabilis presbyter et monachus in Anglia claruit circa annum domini DC LXXXVII … — … Hac sunt in fossa Bede venerabilis ossa. Cuius corpus apud ianuam devotissime colitur etc.
    Textgeschichte: Auch in Cod. Guelf 289 Helmst., 93ra (vgl. dort zu Text und Literatur); 388 Helmst., 283vb–284rb.
  4. 16v Thomas de Aquino: Nota de imprecationibus. Nota quod imprecationes que in sacra scriptura ponuntur … quadrupliciter possunt intelligi … — … orando petere aliqua temporalia inimicis mala ut corrigantur. Leicht gekürzte Fassung von S. th. II.2, qu. 83, art. 8, ad 1–3.
  5. 17r–18v Arbores de Ⅶ virtutibus et Ⅶ vitiis. 17r sind Stellen diverser Autoritäten von den Kirchenvätern bis zu Thomas de Aquino in zwei Spalten, links zu den Tugenden und rechts zu den Lastern, aufgelistet: Hic nota quedam diffinita que verso folio sunt depicta.Deus spiritus est essencialiter invisibilis … — … habitans enim procul sed prope non exterius sed interius. Sie dienen als Erläuterung zu den beiden folgenden Schemata. – 17v zwei Schemata in rot-brauner Federzeichnung in Gestalt zweier stilisierter Bäume. Links: Der Baum des Lebens, der in dem in einer Mandorla thronenden Christus (Maiestas domini) wurzelt; als Beischrift Prv 8,35; Apc 1,8; Mal 3,6 und die Antiphon CAO 2599. Aus dieser "Wurzel Jesse" wächst der stilisierte Baum des Lebens mit dem Stamm der Humilitas und den Kardinaltugenden Justitia, Prudentia, Spes (links) und Temperantia, Fortitudo, Pietas (rechts) als eichenlaubverzierten Ästen, bekrönt von der Caritas: Hec operit multitudinem peccatorum Caritas. – Rechts: Aus dem Maul des Teufels in Drachengestalt wächst der Baum des Todes (Beischrift: Sap 2,24 und Apc 12,9) mit dem Stamm der Superbia und den eichenlaubverzierten Ästen der Laster Gula, Ira, Heresia (links) und Rapina, Avaricia, Desperancia (rechts), bekrönt von der Invidia: Hec corrodit proprium subiectum Invidia. – 18r Baum der Erkenntnis, am unteren Ende des mit Superbia und Babilonia beschrifteten Stammes die als gekrönte Frauenbüste personifizierte Sinistra (Eva, Synagoge), am oberen Ende der Vetus Adam, zugleich Personifikation der Luxuria umgeben von 14 Fructus Carnis, die als kreisförmige Früchte aus zwei Ästen hervorwachsen. Am Stamm sechs weitere, welk herabhängende Äste mit den Namen der übrigen Hauptlaster und ihrer als Kreise symbolisierten Früchte, jeweils sieben an ein Ast, nicht vollständig ausgeführt. – 18v Baum des Lebens in gleicher Ausführung, diesmal als Wurzel die Personifikation der Dextera (Maria, Ecclesia), der mit Humilitas und Iherusalem beschriftete Stamm ist bekrönt von Christus als Novus Adam, welchen zwölf Fructus Spiritus umgeben. An den sechs steil nach oben ragenden Ästen der Tugenden jeweils sieben Früchte der betreffenden Tugend. Beischrift: Cum omnis divine pagine sermo ad intendat ut homini bonum humilitatis persuadeat … — … habent motus imperator et caupo.
Handschriftenteil: II
Entstehungszeit: um 1455
Beschreibstoff: Papier
Wasserzeichen: Ochsenkopf mit Augen und Nasenlöchern, darüber einkonturige Stange, darüber Stern: WZIS DE4500-PO-75046 (1456, zwei weitere Typen nicht nachweisbar).
Umfang: 88 Bl.
Seitennummerierung: Zeitgenössische Tintenfoliierung: 1–89 (entspricht Bl. 19–106 der modernen Zählung). Zählfehler: auf Bl. 54 folgt Bl. 56.
Lagenstruktur: 6 VI (90). VIII (106).Reklamanten.
Seiteneinrichtung: Schriftraum: 21–22 × 14–14,5 cm, einspaltig, 35–37 Zeilen.
Hände: Bastarda und jüngere gotische Kursive von mehreren, schwer unterscheidbaren Händen. Am Beginn der Kapitel Textualis als Auszeichnungsschrift.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Rubriziert, rote Lombarden.
Inhalt:
1. 19r–106v Flores temporum cum continuatione Johannis Fistenport. >Flores temporum et etatum<.
  • (19r–104r) Textus. Marie virginis indignus famulus ego Hermannus ordinis sancti Wilhelmi Ianuensis scire desiderans quibus temporibus quilibet sanctus floruit … — … ego vero de hiis nichil temere audeo iudicare quos papa excommunicavit et ubique vitari precepit.
    Druck
    • Eckhart Corpus historicum 1, 1551–1640, hier bis 1637;
    • MGH SS 24, 230–250 (teilweise, ab dem Jahr 713).
  • (104r–106v) Johannes Fistenport: Continuatio. Notandum est hic diligenter quod ista cronica est hic finita per venerabilem fratrem Hermannum ordinis sancti Wilhelmi forte ut puto per dissolucionem humane vite idcirco ego scriptor huius libri illud quod sequitur non proprio dictamine sed ex aliis cronicis diligenter sumpsi … — … ac eciam ambo manibus mox se iunxerunt et iuramento prestito amici facti sunt. >Et sic est finis<.
    Druck
    • Hahn Collectio, 397–405 (nach dieser Hs.).
Daran ohne Übergang oder Rubrik angeschlossen:
Textgeschichte: Gehört zur Textstufe 3, Redaktion D, Typ B. Mit der Fortsetzung des Johannes Kraus auch in Cod. Guelf. 110 Extrav., 9v–135va.
Literatur
  • Potthast Wegweiser 1, 451f. (Hs. genannt);
  • Rep. font. 4, 474f.;
  • 2VL 2, 753–758;
  • H. J. Mierau u. a., Studien zur Überlieferung der Flores temporum, Hannover 1996 (MGH Studien und Texte 14) hier 69f. (Hs. genannt, Sigle: Wo2).

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Normdaten ergänzt bzw. korrigiert. (schassan, 2015-09-04)

Abgekürzt zitierte Literatur

CAO R.-J. Hesbert, Corpus antiphonalium officii, Bd. 1–6, Rom 1963–1979 (Rerum Ecclesiasticarum Documenta, Series maior 7–12)
CAVT Clavis apocryphorum Veteris Testamenti, hrsg. von J.-C. Haelewyck, Turnhout 1998
Freiburg 1,1 Die lateinischen mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau, Bd. 1: Hs.1–230, beschrieben von W. Hagenmaier, Wiesbaden 1974 (Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau 1,1)
Hartmann M. Hartmann, Humanismus und Kirchenkritik. Matthias Flacius Illyricus als Erforscher des Mittelalters, Stuttgart 2001 (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 19)
Heidelberg 3 Die historischen und philosophischen Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek (Cod. Pal. Lat. 921–1078), beschrieben von D. Walz, hrsg. von V. Probst und K. Zimmermann, Wiesbaden 1999 (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 3)
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Laureys/Verhelst M. Laureys und D. Verhelst, Pseudo-Methodius, Revelationes: Textgeschichte und kritische Edition. Ein Leuven-Groninger Forschungsprojekt, in: The use and abuse of eschatology in the Middle Ages, hrsg. von W. Verbeke u. a., Louvain 1988 (Mediaevalia Lovaniensia Series 1, Studia 17), 112–136
MGH SS Monumenta Germaniae Historica Scriptores (in Folio), Bd. 1–, Hannover 1826–
Pseudo-Methodius Die Apokalypse des Pseudo-Methodius. Die ältesten griechischen und lateinischen Übersetzungen, hrsg. von W. J. Aerts und G. A. A. Kortekaas, Bd. 1: Einleitung, Texte, Indices locorum et nominum, Leuven 1998 (Corpus scriptorum Christianorum orientalium 97)
Rep. font. Repertorium fontium historiae medii aevi, Bd. 1–12, hrsg. vom Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, Rom 1962–2007
RETM Repertorium edierter Texte des Mittelalters aus dem Bereich der Philosophie und angrenzender Gebiete, 2. Aufl., hrsg. von R. Schönberger u. a., Bd. 1–4, Berlin 2011
Sackur E. Sackur, Sibyllinische Texte und Forschungen. Pseudomethodius, Adso und die tiburtinische Sibylle, Halle 1898
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980
VD16 Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des XVI. Jahrhunderts, Online-Ressource: http://gateway-bayern.bib-bvb.de/aleph-cgi/bvb_suche?sid=VD16
Waitz/Holder-Egger G. Waitz und O. Holder-Egger, Aus neueren Handschriftenverzeichnissen, in: Neues Archiv der Gesellschaft für Ältere Deutsche Geschichtskunde 11 (1886), 418–425
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

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