geplant: Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 3: Cod. Guelf. 441 bis 615 Helmst., beschrieben von Bertram Lesser. (Vorläufige Beschreibung)

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 447 Helmst.

Evangelia III cum glossa ordinaria. Ps.-Hieronymus. Evangelium Nicodemi

Pergament — 163 Bl. — 28 × 18,5 cm — Benediktinerinnenkloster Lamspringe — 12. Jh., 2. Hälfte

Aus zwei Teilen zusammengesetzt: I 1v–146v, II 147r–162v. Lagen: II (4). 6 IV (53)! 2 II (61). IV (69). IV+1 (78). 8 IV (142). II (146). 2 IV (162). Tintenfoliierung modern: 1162, Zählfehler: Bl. 41 übersprungen.

Der ursprüngliche romanische Holzdeckelband (vermutlich wie bei Cod. Guelf. 443 Helmst u. ö.) ist verloren. Jetzt in einen spätgotischen Holzdeckelband mit schwarzgefärbtem Schafslederüberzug gebunden. Streicheisenlinien. Einzelstempel Eichel: EBDB s004247. Lilie, Mittelblatt rhombisch, unterer Abschluss lilienförmig: EBDB s002267. Ornament, Punkte: EBDB s003653. Rosette, ein Blattkranz, fünfblättrig: EBDB s007639. Rosette, ein Blattkranz, sechsblättrig: EBDB s007095, EBDB s007280. Der Werkstatt "Streu-Stempel Helmst. 447" (EBDB w001420) zugeschrieben. 5 Doppelbünde, Kapital an Kopf und Schwanz mit rotgefärbten Lederstreifen umflochten. 2 Riemenschließen mit Fensterlager in ausladender Gabelform mit geweihartig gewellten Enden, Schließenhaken analog gestaltet. Auf VD und HD je 4 kreisrunde Schonernägel aus Messing in Plattenform sowie je 2 umgreifende Eckbeschläge. Am vorderen oberen Ende von Bl. 61, 97 und 147 je eine schmale Registerzunge aus Pergament als Blattweiser, jeweils mit rotem Faden am Blatt angenäht.

Fragment HS: Pergament, ein Doppelbl., ca. 20 × 28 cm, am oberen Rand gefaltet, quer eingeklebt. Schriftraum: 19 x 13 cm (beschnitten), einspaltig, 28 Zeilen. Textualis, eine Hand. Rubriziert, rote Lombarden. 14. Jh. Aelius Donatus: De partibus orationis ars minor (spätmittelalterlicher Normaltext, cap. 16). (Text setzt ein)[coni]ugatio genus numerus figura tempus persona. Qualitas verborum in quo est … — … Persona verborum quot sunt tres que prima ut lego secun[da] (Text bricht ab). Druck: Schwenke Donat- und Kalender-Type, 40.

Herkunft: Die beiden Teile der Hs. wurden in der zweiten Hälfte des 12. Jh. im Benediktinerinnenkloster Lamspringe geschrieben. — Am 10.4.1572 mit den übrigen Lamspringer Codices in die Bibliotheca Julia in Wolfenbüttel überführt, 1588 von Eberhard Eggelinck im Verzeichnis der Pergamenthandschriften der Bibliotheca Julia (NLA – StA Wolfenbüttel, 1 Alt 22, 83, 22r–35v, hier 27r, als 4 Evangelistæ auff Pergamein geschrieben mit gloßen ad marginem in folio vnd brettern gebunden mit schwartzem leder vbertzogen, auch mit Puckeln vnd Clausuren beschlagen verzeichnet. 1614 im Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 164 [159]) unter den Sacra Biblia et partes bibliorum als Matthæus Evangelista manuscriptus in membranis cum glossis mit der Signatur E 7 nachgewiesen. Seit 1618 in der Universitätsbibliothek Helmstedt, 1644 im Helmstedter Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 7v) als Evangelia Matthei, Marci & Lucæ cum glossis interlinearibus & marginalibus unter den Theologici in folio beschrieben; auf dem Kopfsteg des VS diese Inhaltsangabe wiederholt, daneben die entsprechende Helmstedter Signatur T 125. Im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 161 genannt.

Heinemann Nr. 482. — Krämer, 473. — Germania Benedictina 11, 370 — Wolter-von dem Knesebeck Lamspringe, 468, 476. — Oldermann-Meier, 138. — Divina officia, 74. — Härtel Lamspringe, 119. — Härtel, 43, 73f. Nr. 5. — Röckelein Klosterfrauen, 30, 34. — Hotchin Women's reading, 168. — Kruppa Reform, 53.

I

Pergament — 146 Bl. — 28 × 18,5 cm — Benediktinerinnenkloster Lamspringe — 12. Jh., 3. Viertel

Lagen: II (4). 6 IV (53)! 2 II (61). IV (69). IV+1 (78). 8 IV (142). II (146). Tintenfoliierung modern: 1162, Zählfehler: Bl. 41 übersprungen. Auf Bl. 7–146 zusätzliche Foliierung des 14./15. Jh. in arabischen Zahlen: 2136, Zählfehler: Bl. 25 ungez., Bl. 28 als 24 (recte: 30) gez., Bl. 57 als 58 (recte: 54) gez., Bl. 76 mit Nachtrag ungez., Bl. 144–146 3fach als 136 gez. Bl. 1 an den VD geklebt. Bl. 76 hinzugehefteter Schaltzettel mit Marginalglossentext, misst nur 4 x 14 cm. Schriftraum: 20,5 × 9 cm, Haupttext mit 2 marginalen Glossenspalten (außen meist 6,5 cm, innen meist 3,5 cm breit), angeordnet in Drei-Spalten- oder Drei-Spalten-Klammerform (Powitz, 66–68), Textspalte 24 Zeilen (Blindliniierung, Punkturen an den Blatträndern z. T. sichtbar), Glossenspalten bis zu 86 Zeilen. Haupt- und Glossentext in Carolino-Gothica von mehreren schwer unterscheidbaren Händen: Evangelientext in größerer Schrift, mindestens vier Hände (ein Handwechsel deutlich 87r) der sog. "Scriptrix-Gruppe" (vgl. bei Cod. Guelf. 443 Helmst.); Marginal- und Interlinearglosse sowie der vorangestellte Evangelienprolog in sehr kleiner Schrift von drei Händen, wohl ebenfalls der "Scriptrix-Gruppe", ähnlich in Cod. Guelf. 1030 Helmst. Die visuelle Verbindung zwischen Text und Glossenapparat wird zunächst (6r–86v ohne Buchschmuck) durch schlichte, schrägrechts abgewinkelte Paragraphenzeichen hergestellt, die für die Glossierungspraxis der in Laon hergestellten Bibelcodices typisch sind, vgl. P. Stirnemann, Où ont été fabriqués les livres de la glose ordinaire dans la première moitié du XIIe siècle?, in: Le XIIe siècle. Mutations et renouveau en France dans la première moitié du XIIe siècle, hrsg. von F. Gasparri, Paris 1994 (Cahiers du Léopard d'Or 3), 257–301, bes. 258–261. Sie finden sich auch in der ältesten (1131) Abschrift des Markusevangeliums mit der Glossa ordinaria aus dem Augustiner-Chorherrenstift Riechenberg bei Goslar, Kassel, UBLMB, 2° Ms. theol. 6, 1ra44vb (Kassel 1,1, 10f.), und ebenso in dem Lamspringer Cod. Guelf. 511 Helmst., 1va–21vb. Im illuminierten Teil der Hs. (87r–146r) sind die Paragraphenzeichen rubriziert und abweichend geformt. Mit Ausnahme der Initiale 6r sind Rubrizierung und Initialschmuck erst ab Bl. 87r ausgeführt, davor ist Raum für Initialen oder Satzmajuskeln ausgespart. 87r–146r rubriziert, rote und grüne Verweiszeichen zwischen Glosse und Text. Die Marginalglosse ist meist entweder mit einer einfachen roten oder doppelten rot-grünen Linie umrandet, z.T. (wie 94v) mit vegetabilen rankenartigen Verzierungen; in gleicher Weise sind Löcher und Nähte im Pergament gekennzeichnet. Der Evangelientext ist durch rote, grüne oder kombiniert rot-grüne Initialmajuskeln mit Konturbegleitstrichen in der jeweiligen Gegenfarbe gegliedert, die am Beginn der liturgischen Perikopen angebracht sind (weitgehend identisch auch in Cod. Guelf. 718 Helmst. und 1030 Helmst.); die z. T. an den Buchstabenenden angebrachten fähnchen- oder blattartigen Ausläufer entsprechen den Usancen der "Scriptrix-Gruppe". Die Gestaltung der Ahnenreihe Christi mit wechselnd roten und grünen Satzmajuskeln Q auf Bl. 103v–104r zu entspricht den Kapitelverzeichnissen in Cod. Guelf. 443 Helmst. Außerdem sind zwischen den Spalten der Klammerglosse, sofern diese auf dem Kopf- oder Fußsteg zusammentreffen, diverse federgezeichnete Trennzeichen angebracht, die ebenfalls in Rot und Grün gehalten sind und in einigen Fällen eine inhaltliche Beziehung zum Evangelientext aufweisen: 88r auf dem Fußsteg ein verziertes I, 89r auf dem Fußsteg eine wappenartige Darstellung (in Rot 6 grüne Vierblätter, ähnlich 96v und 105r, hier mit grünem Nesselblatt), 93r auf dem Kopfsteg ein roter Hahn in grünem Rahmen (Bezug zur Verleugnung Petri im Evangelientext darunter), 93v auf dem Kopfsteg ein stilisierter baumbewachsener Hügel oder Berg, 95r auf dem Kopfsteg eine stilisierte Pflanze, auf dem Fußsteg ein Gebäude mit offenem Tor (Grab Christi am Ostermorgen?, darüber im Evangelientext ), 97r auf dem Kopfsteg ein stilisiertes blütenartiges Ornament, 99r auf dem Kopfsteg eine Kirche oder Tempel, 100r auf dem Fußsteg eine stilisierte Architektur (Stall von Bethlehem), im oberen Teil Christus in der Krippe als Marginalillustration zum darüberstehenden Evangelientext der Weihnachtsgeschichte (), 107v auf dem Fußsteg ein Gebäude (Zollhaus des Matthäus, dessen Berufung im Text darüber geschildert ist), 143v auf dem Kopfsteg ein Dreiberg mit Kreuzen als Abbreviatur für Golgatha zum darunterstehenden Text , auf dem Fußsteg ein stilisiertes blütenartiges Vierblatt. Am Beginn von Mt und Lc Spaltleisteninitialen mit weißem, rot konturiertem Leistenstamm (meist mit Punktverzierung), genagelten Schnallen und roter Spaltfüllung, dazu Blattranken im Binnenfeld. Der Polstergrund der Initialen ist abschnittsweise wechselnd grün und blau hinterlegt. 6r auf der freigelassenen unteren Blatthälfte Initiale L über 12 Zeilen, im Binnenfeld eine dreifach gewundene Spiralranke (die Größe der Kreisbogen nimmt von oben nach unten zu), die mit zwei Schnallen am Buchstabenkörper befestigt ist. Die Endausläfer sind volutenartig eingerollt und so um die Spiralen geschlugen, dass eine labyrinthartige Struktur entsteht. Ranken und Ausläufer sind mit Halbpalmetten, Knollen- und gelappten Profilblättern besetzt, denen eine rote Strichelung ein dreidimensional-plastisches Aussehen verleiht. Rechts neben der Initiale in einem Block von roten Capitalis- und Unzialmajuskeln . Auf die gleiche Weise sind auch die kleineren Initialen Q (96v, über 5 Zeilen) und F (97r, über 6 Zeilen) gestaltet. Zu diesen für die Codices der "Scriptrix-Gruppe" typischen Initialformen vgl. auch bei Cod. Guelf. 443 Helmst.

1v–5r Prologus in IV evangeliis. Omnes divine auctoritatis scripturas sanctum evangelium antecellit quia quod lex et prophete futurum prenuntiaverunt hoc in evangelio completum demonstratur [cf. Glossa ord. praef. in Ioh] … — … cum videamus complures senes cum suis nepotibus vivere alios vero viros statis filiis obire susceptis [Beda in Lucam 1,3]. Der ungedruckte und bislang nur hier nachgewiesene Evangelienprolog ist weitgehend aus Zitaten patristischer und frühmittelalterlicher Autoritäten (Augustinus, Hieronymus, Beda Venerabilis, Hrabanus Maurus u.a.) und aus den Evangelienvorreden der Glossa ordinaria (Stegmüller RB 11827–11830) montiert. – 5r unter dem Textschluss Inhaltsangabe (Bastarda, 15. Jh., gleiche Hand wie in Cod. Guelf. 443 Helmst. u.ö.): Passio sancti Nichodemi.

5v–6r Prologus in Matthaeum. Edition: Wordsworth/White, 15–17. Literatur: Stegmüller RB 590.

6r–61r Evangelium secundum Matthaeum cum Glossa ordinaria. (6r–61r) Mt. 6r von einer Hand des 15. Jh. in marg. hinzugefügt: Secundum Matthaeum. Cap. primum. Liber generacionis Ihesu Christi filii David filii Abraham (wiederholt den Majuskeltext in Capitalis quadrata und Unzialis neben der Initiale). Die gleiche Hand hat im laufenden Text an der entsprechenden Stelle in marg. jeweils eine gliedernde Kapitelzählung hinzugefügt; von ihr stammt vermutlich auch die nachträgliche Foliierung. (6r–61r) Glossa ordinaria marginalis. Primo libro veteris testamenti in quo scriptum est liber generationis Ade respondet primus liber novi testamenti dicens Liber generationis Ihesu Christi [Hraban. in Matth. 1,1] … Plenior sensus esset Hic est liber generationis … — … non est dandus baptismus nec valet baptismo mundari si post non insistat operibus bonis. (6r–61r) Glossa ordinaria interlinearis. 'Abraham' Fides. 'Ysaac' Spes meditans in agro cęlesti. 'Iacob' Caritas. 'Iudas' est confessio. 'Phares' Divisio … — … 'usque ad consummationem sęculi' Nota quod usque ad finem seculi non deficient qui divina mansione digni sunt. Die Marginalglosse endet mit dem Eintrag zu , das abschließende Augustinuszitat fehlt; die Interlinearglosse endet dagegen mit einem sonst zur Marginalglosse gehörenden Text. Wie ein stichprobenhafter Vergleich mit der gedruckten Glosse (GW 4282, Bd. 4, p. 2vb89vb, die Ausgabe PL 114, 65D–144C ist hier ungeeignet) ergibt, liegt hier ein stark bearbeiteter Text vor, der sowohl stellenweise gekürzt als auch ergänzt ist. Beispielsweise ist die Marginalglosse zu (ecce magi) aus einer Predigt des Heiricus Altissiodorensis ergänzt: Magi fuerunt ut dicitur de genere Balaam et successores doctrinarum eius et Caldei qui stellas pro diis colebant [Heiric. hom. 17]. Fuerunt autem de terra Persarum ubi Saba fluvius a quo regio nominatur … Welche Stellung diese Textfassung in der Gesamtentwicklung der Glossa ordinaria einnimmt und ob ggf. Zusammenhänge zum bislang nur hier nachgewiesenen Evangelienprolog (siehe oben) bestehen, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. Literatur: Stegmüller RB 11827.

61r–v Prologus in Marcum cum Glossa ordinaria. (61r–v) Textus prologi. Edition: Wordsworth/White, 171–173. Literatur: Stegmüller RB 607. (61r) Glossa ordinaria. Beda: Marcus Petri discipulus rogatu Romanorum, evangelium scripsit ut quod Petrus verbo predicaverat quod conservaretur in perpetuum litterarum memoria. Iheronimus: Quattuor sunt qualitates de quibus sancta evangelia contexuntur … — … Marcus id est excelsus mandato. Lucas id est iste consurgens vel ipse elevans. Die Glosse ist nicht regelmäßig neben dem kommentierten Text angeordnet; die letzte Kommentarpassage fehlt . Literatur: Stegmüller RB 11828.

61v–95v Evangelium secundum Marcum cum Glossa ordinaria. (62r–95v) Mc. 62r von einer Hand des 15. Jh. auf dem Kopfsteg hinzugefügt: Secundum Marcum. Cap. primum. Marcus. Inicium evangelii Ihesu Christi (wiederholt die in Unzialmajuskeln geschriebene erste Zeile des Evangelientextes). Die gleiche Hand hat im laufenden Text an der entsprechenden Stelle in marg. jeweils eine gliedernde Kapitelzählung hinzugefügt. (61v–95v) Glossa ordinaria marginalis. INITIUM EVANGELII IHERONIMUS. Quattuor evangelia unum sunt et unum IIII. Itaque et Marci liber dicitur evangelium et similiter aliorum quia unum omnia et omnia unum. Evangelium bona annunciatio quod proprie ad regnum Dei et remissionem peccatorum pertinet … — … et ad illud usque tempus narrando pervenit quo apostoli eiusdem evangelii verbum per totum orbem seminaverunt. (62r–95v) Glossa ordinaria interlinearis. 'Ihesu' Salvatoris. 'Christi' Uncti. 'Vox' Iohannes de quo est vox Christi de quo voce clamat dominus ad iudeos … — … 'Cęlum' unde venerat. 'Sedet ad dextris' Stephanus vidit stantem quia in certamine habuit eum adiutorem. Sedere iudicantis est et regnantis stare autem adiuvantis. 'Sermonem' Preceptum obedientia. Obedientiam signa comitantur. Die Reihenfolge der ersten beiden Zitate der Marginalglosse ist umgestellt; die Interlinearglosse am Schluss ergänzt. Zu den generellen Modifikationen des gesamten Glossentextes insgesamt siehe oben, 6r–61r. Druck: GW 4282, Bd. 4, p. 90ra137rb (vergl.); PL 114, 179A–244C. Literatur: Stegmüller RB 11828.

95v–96r Prologus in Lucam. Edition: Wordsworth/White, 269–271. Literatur: Stegmüller RB 620.

96v–146r Evangelium secundum Lucam cum Glossa ordinaria. (96v–146r) Lc. 97r von einer Hand des 15. Jh. auf dem Kopfsteg hinzugefügt: Inicium secundum Lucam. Lucas. (96v–146r) Glossa ordinaria marginalis. Lucas de omnibus que fecit Ihesus et docuit usque in diem qua assumptus est sermonem facturus … — … et in eodem sacerdotio terminans magis ordinem quam preceptarum traditionem. (96v–146r) Glossa ordinaria interlinearis. 'Multi' multi non tam numerositate quam heresum diversitate ut Basilides et Apelles et qui sub nomine Thomę vel Mathię vel aliorum apostolorum falsa scripserunt … — … 'cum gaudio magno' quia dominum post triumphum resurrectionis etiam cęlos penetrare vident. Marginalglosse u. a. am Schluss ergänzt, die Interlinearglosse enthält zu Beginn einen Zusatz aus der Marginalglosse. Zu den generellen Modifikationen des gesamten Glossentextes insgesamt siehe oben, 6r–61r. Druck: GW 4282, Bd. 4, p. 137va222vb (vergl.); PL 114, 243C–356A. Literatur: Stegmüller RB 11829.

146v Nachtrag von einer Hand des 15. Jh.: .

II

Pergament — 16 Bl. — 27,5 × 18,5 cm — Benediktinerinnenkloster Lamspringe — 12. Jh., 4. Viertel

Lagen: 2 IV (162). Starkes, angeschmutztes Pergament mittlerer Qualität mit zahlreichen Perforationen, die entweder mit rotem Faden vernäht oder rot markiert bzw. umrandet wurden. Schriftraum: 22,5 × 15 cm, einspaltig, 38 Zeilen, Blindliniierung, Punkturen an den Blatträndern sichtbar. Regelmäßige späte Carolino-Gothica von einer Hand der "Scriptrix-Gruppe". Rubriziert, Satzmajuskeln rot gefüllt. 147r Raum für Initiale ausgespart, 156v rote Initialmajuskel F über 2 Zeilen mit den für die "Scriptrix-Gruppe" charakteristischen fähnchen- oder blattförmigen Silhouettenornamenten.

147r–156v Ps.-Hieronymus: Expositio IV evangeliorum (redactio I, expositio evangelii secundum Matthaeum tantum). Incipit expositio quatuor evangeliorum de brevi proverbio edita Iheronimi presbiteri. [P]rimitus querendum est omnium librorum tempus locus persona … — … in monte ostendit de populo iudeorum ad gentes. Diese Abschrift, die nur den Kommentar zum Matthäusevangelium enthält, ist in der Forschung bislang unberücksichtigt. Druck: PL 30, 531B–590A, hier bis 560C. Literatur: B. Griesser, Die handschriftliche Überlieferung der Expositio IV Evangeliorum des Ps.-Hieronymus, in: Revue Bénédictine 49 (1937), 279–321; CPL 631; Stegmüller RB 3424; BCLL, 97f. Nr. 341; BHM 470; J. F. Kelly, A catalogue of early medieval Hiberno-Latin biblical commentaries (part II), in: Traditio 45 (1989/1990), 393–434, hier 397f. Nr. 56A; CPPM 2, Nr. 2364a.

156v–162v Evangelium Nicodemi. Incipiunt gesta et passio salvatoris domini nostri Ihesu Christi que invenit Theodosius magnus imperator in Iherusalem in pretorio Pontii Pilati in codicibus publicis. (156v) Prologus II. Factum est in anno duodecimo imperatoris Tyberii cesaris romanorum … — … et mandavit idem Nichodemus litteris hebraicis. Ohne Trennung dem Text vorangestellt. (156v–163v) Textus. Anne et Cayphe et Senne et Dathan et Gamalieli quod Judas … — … accipientes singuli stolas albaset post tres dies celebrato pascha domini rapti sunt in [nubibus omnes qui nobiscum resurrexerunt et perducti sunt trans Iordanem] (Text bricht ab). Textversion A, cap. 1,1–2,11, mit anderem Textbestand auch in Cod. Guelf. 297 Helmst., 131ra–137va, 38.8 Aug. 2°, 1ra–12ra; 83.2 Aug. 2°, 238va–246ra; 83 Gud. lat., 266va–269vb; 254 Gud. lat., 1r–23r; eine niederdeutsche Fassung in Cod. Guelf. 430 Helmst., 131va–155vb. Druck (der Text weicht erheblich von den Ausgaben ab): Evangelia apocrypha, hrsg. von C. de Tischendorf, Leipzig 21876, 333–432, hier 335–407; The Gospel of Nicodemus – Gesta Salvatoris. Edited from the Codex Einsiedlensis (Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Ms 326) by H. C. Kim, Toronto 1973 (Toronto Medieval Latin Texts 2), 13–50; A Gospel of Nicodemus Preserved in Poland: Polish version from the Codex of Laurentius of Lask; Latin version from Kraków, Biblioteka Jagiellońska MS 1509, hrsg. von Z. Izydorczyk, Turnhout 2007 (Corpus Christianorum, Series Apocryphorum, Instrumenta 2). Stegmüller RB 179,12; CANT 62; Z. Izydorczyk, Manuscripts of the Evangelium Nicodemi. A Census, Toronto 1993 (Subsidia Mediaevalia 21), 199f. Nr. 409 (Hs. genannt).


Abgekürzt zitierte Literatur

BCLL M. Lapidge, R. Sharpe, A Bibliography of Celtic-Latin Literature 400–1200, Dublin 1985 (Royal Irish Academy Dictionary of Medieval Latin from Celtic Sources. Ancillary publications 1)
BHM B. Lambert, Bibliotheca Hieronymiana Manuscripta. La tradition manuscrite des oeuvres de Saint Jérôme, Bd. 1A–4B, Steenbrugge 1969–1972 (Instrumenta patristica 4)
CANT Clavis apocryphorum Novi Testamenti, hrsg. von M. Geerard, Turnhout 1992
CPL Clavis patrum Latinorum, hrsg. von E. Dekkers, Steenbrugge u.a. 31995 (Corpus Christianorum. Series Latina)
CPPM Clavis patristica pseudepigraphorum medii aevi, hrsg. von I. Machielsen, Turnhout 1990– (Corpus Christianorum. Series Latina)
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
Germania Benedictina Germania Benedictina, hrsg. von der Bayerischen Benediktiner-Akademie München in Verbindung mit dem Abt-Herwegen-Institut Maria Laach, Bd. 1–, St. Ottilien 1994–
GW Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Bd. 1–, Leipzig 1925–1938, Stuttgart 1978–
Härtel H. Härtel, Geschrieben und gemalt. Gelehrte Bücher aus Frauenhand. Eine Klosterbibliothek sächsischer Benediktinerinnen des 12. Jahrhunderts, Wiesbaden 2006 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 86)
Härtel Lamspringe H. Härtel, Lamspringe. Ein mittelalterliches Skriptorium in einem Benediktinerinnenkloster, in: Kloster und Bildung im Mittelalter, hrsg. von N. Kruppa und J. Wilke, Göttingen 2006 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 218, Studien zur Germania sacra 28), 115–153
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Hotchin Women's reading J. Hotchin, Women’s reading and monastic reform in twelfth-century Germany. The library of the nuns of Lippoldsberg, in: Manuscripts and monastic culture. Reform and renewal in twelfth-century Germany. Working conference in August 2002 at the Benedictine monastery of Admont in Steiermark, hrsg. von A. I. Beach, Turnhout 2007 (Medieval church studies 13), 139–189
Kassel 1,1 Die Handschriften der Gesamthochschul-Bibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, Bd. 1,1: Manuscripta theologica. Die Handschriften in Folio, bearbeitet von K. Wiedemann, Wiesbaden 1994
Krämer S. Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, Bd. 1–3, München 1989–1990 (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband 1)
Kruppa Reform N. Kruppa, Reform und Bildung. Die Klosterreformen der Hildesheimer Bischöfe im 12. Jahrhundert am Beispiel der Regularkanonikerreform, in: Innovation in Klöstern und Orden des Hohen Mittelalters. Aspekte und Pragmatik eines Begriffs, hrsg. von M. Breitenstein, S. Burkhardt und J. Dücker, Berlin, Münster 2012 (Vita regularis 48), 39–64
Oldermann-Meier R. Oldermann-Meier, Der Kirchenschatz des ehemaligen Benediktinerinnenklosters Lamspringe. Zusammensetzung und Einziehung zur Zeit der lutherischen Reformation, in: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 66 (1998), 111–146
PL Patrologiae cursus completus. Series Latina, Bd. 1–221, hrsg. von J. P. Migne, Paris 1844–1865
Powitz G. Powitz, Textus cum commento, in: Codices manuscripti. Zeitschrift für Handschriftenkunde 5 (1979), 80–89, Nachdruck in Ders., Handschriften und frühe Drucke. Ausgewählte Aufsätze zur mittelalterlichen Buch- und Bibliotheksgeschichte, Frankfurt/M. 2005 (Frankfurter Bibliotheksschriften 12), 57–81
Röckelein Klosterfrauen H. Röckelein, Schreibende Klosterfrauen – allgemeine Praxis oder Sonderfall?, in: Die gelehrten Bräute Christi. Geistesleben und Bücher der Nonnen im Hochmittelalter. Mit einer Einführung von H. Härtel, hrsg. von H. Schmidt-Glintzer, Wiesbaden 2008 (Wolfenbütteler Hefte 22), 15–38
Schwenke Donat- und Kalender-Type P. Schwenke, Die Donat- und Kalender-Type. Nachtrag und Übersicht, mit einem Abdruck des Donattextes nach den ältesten Ausgaben und mit 7 Tafeln im Lichtdruck, Mainz 1903 (Veröffentlichungen der Gutenberg-Gesellschaft 2)
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980
Wolter-von dem Knesebeck Lamspringe H. Wolter-von dem Knesebeck, Lamspringe, ein unbekanntes Scriptorium des Hamersleben–Halberstädter Reformkreises zur Zeit Heinrichs des Löwen, in: Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235. Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995, Bd. 2: Essays, hrsg. von J. Luckhardt und F. Niehoff, München 1995, 468–477
Wordsworth/White Novum Testamentum domini nostri Iesu Christi latine secundum editionem sancti Hieronymi, Bd. 1: Quattuor Evangelia, hrsg. von J. Wordsworth und H. J. White, Oxford 1898