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Beschreibung von Cod. Guelf. 496a Helmst.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Admonitio generalis. Sermones de symbolo. Expositiones orationis dominicae
Entstehungsort: Fulda
Entstehungszeit: um 800
Beschreibstoff:
    Pergament
  • Pergament nach insularer Art bearbeitet (Haar- und Fleischseite kaum unterscheidbar).
Umfang: 26 Bl.
Format: 25,5 × 16 cm.
Seitennummerierung: Tintenfoliierung (16. Jahrhundert).
Lagenstruktur: 3 IV (24). I (26). Hinterspiegel als Bl. 27 gekennzeichnet. Lagenzählung in römischen Zahlen auf der ersten Seite.
Seiteneinrichtung: Schriftraum: 19-20,5 × 11-15 cm, einspaltig, 18-25 Zeilen.
Hände: Angelsächsische Minuskel von drei Händen
Hand A: 1r-25v und 15r-27r; Hand B: 10r-14v; Hand C: Marginalien (Adressatenvermerke und Glossen; zur Schrift und Händescheidung vgl. ausführlich Spilling Angelsächsische Schrift). Ergänzungen: 1r Capitulare Caroli Magni conditum Aquis anno 789 quod et Lotharius Imperatoris nepos suo capitulari et Ansegisus libro primo inseruit (16. Jahrhundert?); von gleicher Hand am Blattrand eingefügte Überschriften auf 1r, 21v und 25v. VS Inhaltsverzeichnis (19. Jahrhundert; vermutlich von dem Wolfenbütteler Bibliothekar C. P. C: Schönemann).
Schrift: Textanfang in vergrößerter, insularer Halbunzialmajuskel.
Textanfang in vergrößerter, insularer Halbunzialmajuskel.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    2 Initialen. Zeichnung.
  • Initialen:

    Zu den Textanfängen zwei qualitätvolle Federinitialen (1r - 5,2. und 15r - 3,8.) mit gespaltenem (1r) oder durchgängigem (15r) Initialstamm und dreieckig erweiterten Enden. Im Besatz Flechtband (1r) und Tierköpfe, wobei ein Vogelkopf (1r) und insgesamt vier Fabelwesenköpfe (1r und 15r) zu unterscheiden sind. Der Vogelkopf mit langem, nach unten gebognenem Schnabel, die hybriden Fabelwesenköpfe mit nach oben weisenden Schnabelspitzen. Sämtliche Tierköpfe mit kreisrunden Augen und Nackenschöpfen, bzw. deren Ansätzen/Ohren.

    Zeichnung:

    Iv untere Blatthälfte, quer zur Schreibrichtung eine Zeichnung (unvollendete Skizze; 11,8 × 10,5 cm.). Rechts ein Mann, der sich auf einen ihm bis zur Hüfte reichenden Schild stützt. Der linke Arm ist auf Augenhöhe erhoben, die Hand in Greifposition umgeschlagen. Eine fehlende Lanze oder ein Speer (nicht ausgeführt), ist zu ergänzen. Links dahinter ein zweigeschossiges Gebäude mit Giebeldach. An der Frontseite des Obergeschosses eine Säule, auf Traufhöhe angesetzte Palmetten (Akroterien): Eine karolingische Basilika mit angedeuteter Säulenstellung an der Frontseite des Obergadens (Andeutung eines Westbaus?). Der Akroterienbesatz der Dachecken in Anlehnung an antike Tempelbauten (zur Zeichnung und deren Deutung, vgl. H. Mordek, Von Paderborn nach Rom - der Weg zur Kaiserkrönung, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Bd. 1, 47-54, hier 52, Abb. 7.; S. Patzold, Skizze eines Herrscherbildnisses einer Rechtshandschrift, Wolfenbüttel, HAB, 496a Helmst. (Beschreibunng/Katalogeintrag), in: Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd. 1 Karolingische und ottonische Kunst, hrsg. von B. Reudenbach, D. Blume, München 2009, 270, 171, Taf. 54.; Mordek Bibliotheca, 949, 950; H. Mordek, Frühmittelalterliche Gesetzgeber und iustitia in Miniaturen weltlicher Rechtshandschriften, in: La giustizia nell'alto medioevo [secoli V-VIII], Spoleto 1995, Bd. 2, 997-1052, hier 1020-1022 [Settimane di studio del Centro italiano di studi sull'Alto Medioevo 42]; H. Mordek, Von Paderborn nach Rom - der Weg zur Kaiserkrönung, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Bd. 1, 47-54, hier 52, Abb. 7).
  • Farben:

    Die Initialen als Federinitialen. Besatzmotive tintenfarbig ohne Koloration. Die Zeichnung ebenfalls tintenfarbig.
Einband: Karolingischer Koperteinband aus Pergament. Umschlagklappe fehlt, ursprünglich wahrscheinlich Wickelverschluss. Vermutlich Primäreinband aus Fulda mit neuer Heftung (Essen 1955). Zum Einband vgl. Scholla, 180, 181; Dies., Early western limp bindings. Report on a study, in: Care and conservation of manuscripts 7. Proceedings of the seventh international seminar held at the Royal Library, Copenhagen 18th–19th April 2002, hrsg. von G. Fellow-Jensen und P. Springborg, Kopenhagen 2003, 132–158 (156 Hs. genannt).
Geschichte der Handschrift: Mit dem Text der Handschrift liegt das sogenannte Capitulare ecclestiasticum vor, das Karl der Große am 23. März 789 erließ. Die Handschrift beinhaltet die älteste von 22 erhaltenen Abschriften der sogenannten Admonitio generalis (darunter auch die Version in Cod. Guelf. 130 Blank. Mit Anweisungen für den Unterricht und der Ausbildung von Priestern, sowie Anordnungen zur Einrichtung von Schulen und dem Erstellen von benötigter Litertur (liturgische und biblische Handschriften) gilt der Text als wichtiges Zeugnis der karolingsichen Kirchenreform (vgl. Divina Officia, Kat.Nr. 47, P. Carmassi). Paläographisch gilt der vorliegende Codex als eines der ältesten Zeugnisse des Fuldaer Skriptoriums (vgl. Spilling Angelsächsische Schrift, 53-58). Die vorliegende Abschrift der Admonition generalis war von Karl dem Großen an den Fuldaer Abt Baugulf gerichtet und entstand dort im Skriporium, vermutlich zu seiner Amtszeit (772-802). Ihr rein insular anmutender, aus Vogelköpfen bestehender Buchschmuck zeigt enge Parallelen zur Ausstattung einer nur noch in Fragmenten erhaltenen Cuthbert-Vita des Beda (Berlin, SBBPK, Nachl. Grimm 132, 1; Budapest, Széchenyi Nationalbibliothek, Cod. lat. 441, Bl. 1-2; Budapest, UB, Fragm. Lat. 1- Fulda , 8./9. Jahrhundert; vgl. Weiner, 25, 236, Kat.Nr. 11, Taf. 1, 3-8 und 2,1-3), die das enge Ausstattungsspektrum der Wolfenbütteler Handschrift um Flechtband, kleine Blattmotive (Herzblätter) und Punktrandungen erweitert. In der Qualität unterscheiden sich beide Codices mit ihrem hohen Niveau deutlich von den zeitlich anschließenden, unter Baugulfs Nachfolger Ratgar (802-817) entstandenen Handschriften, deren Formenrepertoire stark reduziert wirkt (Basel, UB, F III 15a; Basel, UB, F III 15c, Bl. 1-11; Rom, BAV, Pal. lat. 556; Würzburg, UB, M.p.th.q.22, vgl. Weiner, 26, 27, Kat.Nrn. 2, 3, 41, 68, Taf. 3 und 4). Früheste Vorbilder für die hybriden Kopfformen der Fabelwesen (1r) gibt der südenglische Vespasianpsalter aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts (London, BL, Cotton Vespasian A. I., 25v, 44v, 62r, 92v). In weiteren deutsch-insularen Handschriften liegen ähnliche Formen vor (Berlin, SBBPK, Nachl. Grimm 132,1, Fulda, um 800; Rom, BAV, Vat. lat. 41, Fulda, 1. Viertel 9. Jahrhundert; Würzburg, UB, M.p.th.f. 45, Angelsächsisches Frauenkloster bei Würzburg, Ende 8. Jahrhundert; Berlin, SBBPK, Phill. 1662, Hersfeld, Ende 8. Jahrhundert; Rom, Pal. lat. 577, Hersfeld, um 800; München, BSB, Clm 6298, Würzburg, Ende 8. Jahrhundert; Gotha, Forschungs- und Landesbibliothek, Memb. II. 193, Hersfeld, Ende 8. Jahrhundert; Zusammenstellung mit Angaben zu den Hss., vgl. Weiner, 96; 73 Weiss., Fulda, Mitte 9. Jh.). Die auf Iv unvollendet eingefügt Zeichnung eines triumphierenden Herrschers (s.o.) zeigt, nach Mordek, vermutlich Karl den Großen als Beschützer der Kirche (H. Mordek, Von Paderborn nach Rom - der Weg zur Kaiserkrönung, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Bd. 1, 47-54, hier 52, Abb. 7). Vergleiche finden sich in Herrscherbildern, wie in der etwas früheren Darstellung Ludwigs des Frommen im Figurengedicht des Hrabanus Maurus (Rom, BAV, Reg. lat. 124, 4v) oder auf dem Elfenbeindiptychon von Ambronay (um 800, heute im Museo del Bargello in Florenz; H. Mordek, Von Paderborn nach Rom - der Weg zur Kaiserkrönung, in: Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Bd. 1, 47-54, hier 52, 53, Abb. 6). Geht man von einer Darstellung Karls des Großen in Verbindung mit einer Kirchendarstellung aus, so ergibt sich ein inhaltlicher Bezug zum nachfolgenden Text, der sich auf die Kirchenreform bezieht.
Provenienz der Handschrift: Die vorliegende Handschrift befand sich vermutlich während des gesamten Mittelalters in der Klosterbibliothek von Fulda. Aus dem 15./16. Jahrhundert stammend befindet sich auf dem VD der Titel Statuta canonica Karoli und die Signatur XXXI or 6 (von der Hand des Bibliothekars Johannes Knöttel, gest. 1505; vgl. dazu P. Lehmann, Fuldaer Studien, in: Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-philologische und historische Klasse 3. Abhandlung, München 1925 [eigene Paginierung, 17f. Hs. genannt]; K. Christ, Eine unbekannte Handschrift der ersten Fassung der Dionysiana und der Capitula e canonibus excerpta a. 813, in: Festschrift für Georg Leidinger zum 60. Geburtstag am 30. Dezember 1930, hrsg. von A. Hartmann, München 1930, 25–36 (26 Anm. 1, Hs. genannt); K. Christ, Die Bibliothek des Klosters Fulda im 16. Jahrhundert. Die Handschriften-Verzeichnisse, Leipzig 1933 [Zentralblatt für Bibliothekswesen, Beiheft 64], 32). Noch vor 1556 wurde die Handschrift in Fulda von Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) erstanden. Für Flacius charakteristische Hinweiszeichen und Unterstreichungen mit Rötel finden sich auf den Seiten 4r, 11r, 12v und 13r (zu Flacius vgl. Hartmann, 150; Bollbruck, 225-227). 1597 erwarb Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg die Handschrift, womit sie nach Wolfenbüttel gelangte. 1618 wurde sie an die Universität nach Helmstedt übergeben. 1815 gelangte sie von dort wieder zurück nach Wolfenbüttel und in den Bestand der Herzog August Bibliothek.
Inhalt:
  • 1r-15r Admonitio generalis (Capitularia regum Francorum, Bd. 1, hrsg. von A. Boretius, Hannover 1883 [MGH Capit. 1], 53–62 [mit dieser Hs.]; Die Admonitio generalis Karls des Großen, hrsg. von H. Mordek u.a., Hannover 2012 [MGH Fontes iuris N.S. 16], 180–239 [Sigle W1]; Rep. Font. 3, 142-144).
  • 15r-19r Sermo appendicis CCXLI (Sermo de symbolo VI) (PL 39, 2191-2193 und 38, 1060; CPL 284 und 368; Kurz 5/1 402 Nr. 230).
  • 19r-21r Ps.-Augustinus: Sermo appendicis CCXLI (Sermo de symbolo V) (PL 39, 2190f; Kurz 5/1 402 Nr. 230).
  • 21r-23v Aurelius Augustinus: Sermo LIX (Expositio orationis dominicae, versio a Caesario Arelatensi mutata breviataque) (PL 38, 400-402; CC SL 104, 602-604).
  • 24r-25v Oratio dominica cum commento (PL 72, 353C-354B; Stegmüller RB 9353).
  • 25v-27r Expositio orationis dominicae (R. Schurr, Katechetisches in vulgärlateinischer und rheinfränkischer Sprache aus der Weissenburger Handschrift 91 in Wolfenbüttel, Inaugural-Dissertation Universität Greifswald, Greifswald 1894, 17f.; Stegmüller RB 9354).
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

Aris M. A. Aris, R. Pütz, Bibliotheca Fuldensis. Ausgewählte Handschriften und Handschriftenfragmente aus der mittelalterlichen Bibliothek des Klosters Fulda, Fulda 2010 (Dokumentationen zur Stadtgeschichte 29)
Becker/Licht J. Becker, T. Licht, Karolingische Schriftkultur. Aus der Blütezeit des Lorscher Skriptoriums, Regensburg 2016
CC SL Corpus Christianorum. Series Latina, Bd. 1–, Turnhout 1954–
CLA Codices Latini antiquiores. A Palaeographical Guide to Latin Manuscripts prior to the ninth century, hrsg. von E. A. Lowe, Bd. 1–12, Oxford 1934–1971
CPL Clavis patrum Latinorum, hrsg. von E. Dekkers, Steenbrugge u.a. 31995 (Corpus Christianorum. Series Latina)
Divina Officia P. Carmassi, Divina officia. Liturgie und Frömmigkeit im Mittelalter, Wiesbaden 2004 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 83)
Gugel K. Gugel, Welche erhaltenen mittelalterlichen Handschriften dürfen der Bibliothek des Klosters Fulda zugerechnet werden?, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1995
Hartmann M. Hartmann, Humanismus und Kirchenkritik. Matthias Flacius Illyricus als Erforscher des Mittelalters, Stuttgart 2001 (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 19)
Kunst und Kultur der Karolingerzeit 799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn. Katalog der Ausstellung Paderborn 1999, hrsg. von C. Stiegemann und M. Wemhoff, Bd. 1–3, Mainz 1999
Kurz 5/1 R. Kurz, Die handschriftliche Überlieferung der Werke des heiligen Augustinus, Bd. 5/1: Bundesrepublik Deutschland und Westberlin, Werkverzeichnis, Wien 1976 (Veröffentlichungen der Kommission zur Herausgabe des Corpus der lateinischen Kirchenväter 9 = Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte 306)
McKitterick R. McKitterick, The Anglo-Saxon missionaries in Germany: Reflections of the manuscript evidence, in: Dies., Books, Scribes, and Learning in the Frankish Kingdoms, 6th–9th Centuries, Aldershot u.a. 1994 (Collected studies series 452), Nr. IV, 291–329
Milde Mittelalterliche Handschriften der Herzog August Bibliothek, ausgewählt und erläutert von W. Milde, Frankfurt/M. 1972 (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sonderbd. 1)
PL Patrologiae cursus completus. Series Latina, Bd. 1–221, hrsg. von J. P. Migne, Paris 1844–1865
Scholla A. B. H. Scholla, Libri sine asseribus. Zur Einbandtechnik, Form und Inhalt mitteleuropäischer Koperte des 8. bis 14. Jahrhunderts, Leiden 2002
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980
Weiner A. Weiner, Die Initialornamentik der deutsch-insularen Schulen im Bereich von Fulda, Würzburg und Mainz (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg, Bd. 43), Würzburg 1992
Wolfenbüttel Helmst. O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)

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