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Beschreibung von Cod. Guelf. 84.8 Aug. 2°
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Evangeliar
Entstehungsort: Weißenburg (?)
Entstehungszeit: 9. Jh., Mitte/2. Viertel
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 199 Bl.
Format: 26,5 × 19 cm
Seitennummerierung: Neuere Tintenfoliierung
Lagenstruktur: 1 Pergamentvorsatzblatt (ungezählt). IV (8). II (12). IV (20). II (24). 21 (192). IV-I (199).
Zustand: Lagenbezeichnungen in römischen Ziffern am mittleren unteren Blattrand auf dem letzten (Lagen I-VII, IX-XVI, XIX, XX, XXII, XXIII, XXV) oder dem ersten Blatt der Lage (Lagen VIII, VII, VIII, XXI, XXIIII, XXVI).
Seiteneinrichtung: 19,5 × 13 cmeinspaltig, 25 Zeilen; Bl. 1-10, zweispaltig, 27 Zeilen.
Hände: Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Das Lektionar auf 1r-10v von zeitgleicher Hand (Bl. 9 und 10 Hand aus dem 10. Jahrhundert). 199v auf dem unteren Blattrand Urkundenschrift des 10. Jahrhunderts.
Schrift: Zum ersten Prolog und zum Beginn des Matthäus-Evangeliums jeweils eine Textzierseite in Capitalis Quadrata mit anschließender Capitalis Rustica, Buchstaben farbig hinterlegt (11v und 24v). Incipits und Explicits in roter Capitalis Quadrata, Capitalis Rustica und Unzialis. Angabe der eusebianischen Sektionen bzw. Parallelenstellenverweise am Rand.
Zum ersten Prolog und zum Beginn des Matthäus-Evangeliums jeweils eine Textzierseite in Capitalis Quadrata mit anschließender Capitalis Rustica, Buchstaben farbig hinterlegt (11v und 24v). Incipits und Explicits in roter Capitalis Quadrata, Capitalis Rustica und Unzialis. Angabe der eusebianischen Sektionen bzw. Parallelenstellenverweise am Rand.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    9 Zierinitialen. Kanonbögen.
  • Kanonbögen:

    Kanonbögen entweder mit drei (15/16r, 16v/17r, 17v, 19v/20r) oder mit vier (14v/15r, 18r, 18v) hufeisenförmigen Bögen und übergreifenden, der Bogenabfolge enstprechend geschwungenen Umfassungsbögen. Der zweite, äußere Umfassungsbogen schließt rechteckig ab. Basen und Kapitelle bestehend aus gegenständigen doppelkonturierten Palmetten (18v, 19r in Vasen) oder sind architektonisch gestuft (Basen: 14v, 15r, 17v, 18r). Als Füllmotive dienen Flechtband (14v, 17r), Achterschlingen (16v), Knospenfries (14v, 15v, 16r, 19v), Palmettenfries (15r, 15v, 16r, 17r, 18r, 18v, 19r, 19v, 20r), Spiralranke (14v, 15r, 17v,18r , 18v, 19r, 19v, 20r), farbige Segmente (14v, 16v), Schuppenmuster (16v, 19r), Kreise mit Augen (17r, 19r), gereihte S-Formen (17v), gedrehtes Stufenband (18r), Pfeilband (18r), Treppenmuster (18v, 20r). 21,7 × 15,5 cm.
  • Initialen:

    Zu den Anfängen der Vorreden und der Evangelientexte 2 rote Federinitialen (12r, 20v und 7 Initialen als gefüllte Hohlbuchstaben - 25r, 70v, 72v, 105r, 108r, 160r, 162v; 3,1-25). 72v der Buchstabenstamm quadrantenweise, diagonal komplimentär farbig hinterlegt. Im Besatz kleine Herzblätter (72v), doppelt konturierte, teils gekernte Palmettenstauden (12r, 20v, 70v, 108r - gespiegelt, 160r), Rankenansätze (12r,20v), Sporangien (12r, 70v, 72v, 162v) und Profilblattpalmetten (72v). Alls Füllmotive Knospenfriese (25r, 70v), Flechtband (105r), Seilband (72v, 160r), Kreise im Ausspaarungstypus (105r, 162v), Augen (160r), S-förmige Ranken (162v) und Fische (108r). Als Buchstabenersatz ein Vierfüßer mit verlängerten Ohren (108r - im Kampf mit der Schlange) und ein Fisch (105r). Buchstabenenden in Form von doppelten Blüten mit gekernter Knospe (70v) und fadenförmig eingerollten Rankenansätzen.
  • Farben:

    Rot, Grün, Gelb vor pergamentfabenem oder farbigem Hintergrund. Farben leicht verblasst. Einzelne Flechtband- oder Ornamntdetails farbig hinterlegt.
Einband: Rolleinband 16. Jahrhundert. Mit den Motiven: Kreuzigung (mit den Initialen B und S) - Sündenfall - Auferstehung - Eherne Schlange (mit Datum 1556). Die Kreuzigung bezeichnet mit B und S.
Geschichte der Handschrift: Das Evangeliar 84.8 Aug. 2° mit seiner qualitätvollen Ausstattung blieb in der bisherigen Forschung weitestgehend unberücksichtigt. Lediglich Bischoff und Fischer geben die Lokalisierungen und Datierungen Alemannisch(?), 2. Viertel/Mitte 9. Jahrhundert (Bischoff) und Reichenau(?), 840-850 (Fischer; Bischoff Katalog 3, Nr. 7288.; B. Fischer, Zur Überlieferung des lateinischen Textes der Evangelien, in: Recherches sur l'histoire de la Bible Latine, hrsg. von R. Gryson, P. M. Bogaert (Cahiers de la Revue Théologique de Louvain 19), Louvain-la-Neuve 1987, 51-104, hier 91.). Diese Beurteilungen stehen jedoch ohne Begründungen. Heinemann gab die Handschrift in das 10. Jahrhundert, ohne Lokalisierung. Der einheitliche Buchschmuck, Kanontafeln und Initialen, weisen die Handschrift eindeutig als ein südwestdeutsches Erzeugnis aus. Äußerst ähnliche Ausstattung liegt in Codices aus St. Gallen und der Reichenau vor (zu den Skriptorien vgl. 48 Weiss.), wobei in den Vergleichen die Reichenauer Erzeugnisse aus der Zeit des Bibliotekars Reginbert (gest. 846) im Vordergrund stehen. Als verbindende Elemente gelten die Initialform (gefüllte Hohlbuchstaben mit angefügten, fadenförmigen Rankenansätzen - Sporangien), Füllmotive wie S-Formen und Augen, ähnliche Spiralranken, Pelmettenfriese, einfache Seilbänder, ähnliche Palmettenstauden und doppelte Blüten als Initialstammendungen (vgl. insbesondere die Reichenauer Abschriften in Karlsruhe, BLB, Aug. perg. 19 und Karlsruhe, BLB, Aug. perg. 29, Reichenau, 2. Viertel 9. Jahrhundert; von Euw St. Gallen, Kat. Nr. 51 und 52, Abb. 171-182). Einige Unterschiede bestehen jedoch in der Verwendung der Materialien. Auf der Reichenau wurde durchgängig mit reichem Goldauftrag gearbeitet und zudem gerne ein dunkeles Blau verwendet. Kräftiges, doppelt gezogenes, goldenes Randband bestimmt, wie bei den St. Galler Handschriften ab dem 2. Drittel des 9. Jahrhunderts das Erscheinungsbild der Initialen (beginnend im Wolfcoz-Evangelistar, St. Gallen, StiB, Cod. 367 - vgl. von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 35, Abb. 109-122 und Berschin/Kuder Reichenauer Buchmalerei 9. Jahrhundert, Kat.Nr. III, Abb. 3 - und der Reichenauer Abschrifte Karlsruhe, Aug. perg. 19), wobei auch die gefüllte Hohlinitiale weiterverwendet wird. Der im Wolfenbütteler Evangeliar auf 72v verwendete Initialtypus mit quandrantenweise ausgeführter farbiger Hinterlegung ist dem Reichenauer Spektrum fremd und hat seine Parallele in Weissenburger Handschriften (vgl. das Evangeliar 61 Weiss., den Otfrid-Autograph 77 Weiss., Weissenburg, Mitte 9. Jahrhundert und 48 Weiss., Weissenburg, 2. Viertel/Mitte 9. Jahrhundert). Diese Ausstattungsweise gelangte vermutlich über Fuldaer Einflüsse in das Formenspektrum des Skriptoriums (vgl. 61 Weiss.). Das Nebeneinander von Initialstilen, wie in 84.8 Aug. 2°, ist ebenfalls aus Weißenburger Handschriften des 2. Viertels des 9. Jahrunderts bekannt (vgl. 48 Weiss.). Auch hier dominiert die Zusammenstellung von Initialen, die auf der einen Seite den Stilrichtungen aus St. Gallen und der Reichenau folgen und auf der anderen Seite aber Fuldaer Traditionen aufnehmen (vgl. 61 Weiss.). Zahlreiche Füllmotive des Evangeliars finden sich bereits in Weissenburger Handschriften aus dem 1. Viertel des 9. Jahrhunderts, es sind dies die Spiarlranke (vgl. 10 Weiss., 37v), Punkte im Ausspaarungstypus (vgl. 81 Weiss., 7r; 3 Weiss., 87v; 18 Weiss., 32v), kreisrunde Augen (vgl. 3 Weiss., 2r; 72 Weiss., 10v) und das gedrehte Stufenband (vgl. 18 Weiss., 25r und 67 Weiss., 39v). Ähnliche Motive, im Detail leicht variierend, finden sich in den Reichenauer Handschriften desselben Zeitraums (vgl. Karlsruhe, BLB, Aug. perg. 87, Karlsruhe, BLB, Aug. perg. 26 und Karlsruhe, BLB, Aug. perg. 103; von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 48-50, Abb. 164-170). Obwohl das Ornamentrepertoire und Teile der Initialformen nachweisbar enge Parallelen zur Reichenauer Buchmalereie, speziell unter Reginbert aufweisen, lassen Lösungen im Detail sowie das erweiterte Initialspektrum die Weissenburger Herkunft der Handschrift vermuten. Der bereits fortschrittliche, detailfreudige Initialstil (bes. 162v) veranlasst zu einer Datierung gegen Mitte des 9. Jahrhunderts.
Provenienz der Handschrift: Über die ältere Provinienz der Handschrift ist nichts bekannt. Der Ledereinband mit Rollverzierung stammt aus dem Jahr 1554 (Neubindung). Das Evangeliar wurde 1658/59 von Herzog August d. Jüngeren für seine Bibliothek erworben (Milde Erwerbungsjahre, 115). Im Vorderen Spiegel die Einträge von jüngerer Hand: Codex scriptus seculo 8 vel 9. und Nota bene puta X vel XI l. rectius dixeris. 199v am unteren Blattrand in Urkundenunterschrift des 10. Jahrhunderts In nomine domine nostri Jhesu Christi Pius benedixit nobis.
Inhalt:
  • 1r-10v Lektionar.
  • 11v-199r Evangeliar. 11v 11v Schriftzierseite zum Prolog. 12r-14r Prolog. 14v-20r Kanontafeln. 20r-24r Argumentum (Stegmüller RB, Bd. 1, 590). 24v Schriftzierseite zu Matthäus. 25r-70r Matthäus. 70v-71r Argumentum (Stegmüller RB, Bd. 1, 607). 71r-72r Breviarium. 72v-107v Marcus. 108r-162v Lucas. 163r-199v Johannes.
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980
Wolfenbüttel Aug. Die Augusteischen Handschriften, beschrieben von O. von Heinemann, Teil 1-5, Frankfurt/M. 1890–1903, Nachdruck 1965–1966 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Die alte Reihe 4–8)

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