Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung) (Vorläufige Beschreibung)

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 86 Weiss.

Pompeius, Commentum artis Donati. Grammatische Texte

Tours — um 750

Provenienz: Die Handschrift befand sich nachweißlich im Kloster Weißenburg, Besitzeintrag. 1r Signaturenbuchstabe .J. (14. Jh.). Vorblatt recto Codex monaterii sanctorum Petri et Pauli in Wissenburg. Darüber Commentum artis Donati. 1r und 218r Stempel der Bibl. Impériale zu Paris. Das Vorblatt mit einer Notiz über die tironischen Noten (216r-218r) von F. Kopp a. d. J., 1824. Wiener Liste 4° 21.

Pergament — 219 Bl. — 22 × 15,5 cm

Lagen: Vorsatzblatt 4 IV (32). IV-1 (39). 20 IV (203). IV+1 (212). III+1 (219). Lagenbezeichnungen in römischen Ziffern auf dem unteren Rand des letzten Blattes der Lage, daneben requisitum est (tironisch). Handschrift ist verbunden: Lagenanfänge in der ursprünglichen Lagenreihenfolge: 1, 9, 17, 25, 33, 124, 196, 188, 180, 172, 164, 156, 148, 132, 40, 48, 56, 64, 72, 80, 96, 104, 112, 140, 204, 212. Die alten Bünde fehlen. Das Vorblatt ist ein Fragment aus demselben Missale (10./11. Jahrhundert), das auch zum Einbinden von 34 Weiss. und von Speyer, Staatsarchiv, Cod. trad. Wiss. verwendet wurde. Schriftraum: 18 × 12 cm, einspaltig, 23-24 Zeilen. Vorkarolingische Minuskel von mehreren Händen. 216r-218r Unzialis. Die Minuskel steht der Hand J des Pariser Eugippius (Paris, BnF, nouv. acq. lat. 1575) sehr nahe (vgl. Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 1, 8-9). Überschriften in Unzialis, rot und tintenfarbig. Grünliche Marginalien.

Roter Ledereinband (Neubindung1963).

INHALT

1r-139v Pompeius: Commentum artis Donati (Keil 5, 95-282). 140r-141r Cassiodorus: Institutio saecularium lectionum, Praefatio (Keil 7, 213-214; PL 70, 1051-1052). 141r Cassiodorus: De generibus causarum, aus: Institutio saecularum lectionum (PL 70, 1163-1164). 141r-144v Julius Severus: De pedibus expositio (Keil 6, 641-645). 145r-145v Griechisch-lateinisches Glossar, abgedr. in Mallius Theodorus, 86-89. 146r-146v Caesurae Versuum. Auszug aus Isidorus Hispalensis, Etymologia 1, 17, 21-27 (PL 82, 92ff., abgedr. in Mallius Theodorus, 86-89; Weiterführendes zum Text, vgl. Butzmann Weissenburger, 250). 146v-147r De caesuris (Keil 6, 645, Z. 25-35). 147r-205r De metris. Auszüge aus Isidorus Hispalensis, Etymologia 1, 38 (Bl. 147, 204, 205r; Mallius Theodorus, 91-98). 205r-216r Mallius Theodorus: De metris (Keil, 6, 585-601). 216r-218r Mallius Theodorus: Griechische, liturgische Texte. 216r Oratio; 216v Gloria; 217r Magnificat; 217r Benedictus. Die Texte mit lateinischen Interlinearglossen in tironischen Noten von zwei Händen (1. Hand: Oratio, Gloria und Magnificat; 2. Hand: Benedictus; abgedr. in Mallius Theodorus 99-100). 205r-216r Mallius Theodorus: De metris (Keil, 6, 585-601). 39v Nachtrag: Lateinisches Glossar (zweispaltig). 218v-219r Nachtrag: Federproben aus dem 9. Jahrhundert.

AUSSTATTUNG

5 Initialen.

Initialen:

Zu den Textanfängen eine große Zierinitiale (124r) und vier kleine Initialen (16r, 25r, 30v, 38v) als verzierte Hohlbuchstaben. Zwei leicht verzierte Federmajuskeln (40r, 147r). Initialstämme mit dreieckig erweiterten Enden, seitlich eingerollt (häufig paarweise, gegenständig, vgl. 16r, 25r - rankenförmig, 30v, 38v). 38v das Initialstammende als große Knospe. Auf 25r als Besatz eine Rebe. Auf 124r als oberer Initialabschluss ein Säulenschaft mit Kanneluren und seitlich eingerollten Voluten, als unterer Abschluss ein stilisierte Fischkopf. Der Initialstamm gefüllt mit einem breiten, eckig geführten Seilband. Die Fadenausläufer häufig wellenförmig (vgl. 30v). 1,5-4 cm. 39v und 141r unverzierte Kreuze zu den Textanfängen. 1,0-1,5 cm.

Farben:

Initialen in brauner Tintenfarbe, 124r zusätzlich rot koloriert.

STIL UND EINORDNUNG

Die Handschrift wurde wohl unter Abt Wicterp (gest. 756) im Kloster Tours geschrieben und befand sich anschließend dort im Besitz (Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 1, 14). Paläographisch nahe verwandt, größtenteils ebenfalls mit tironischen Kollationsvermerken und unter Verwendung von grünlicher Tinte geschrieben nennt Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 1, 9ff.: Köln, Dombibliothek, Hs. 98, Tours, um 750 (vgl. Glaube und Wissen, Kat.Nr. 8; Zimmermann, 73, 204, 205, Taf. 116d, e); Paris, BnF, Nouv. acq. lat. 1575, Tours, um 730 (vgl. CLA V, Nr. 682; Rand, Nr. 3, Taf. 3-24); Den Haag, Museum Meermann, Ms. A 10 A 1, Tours, vor 750; Épinal, BM, Ms. 68, Tours, 744 (vgl. Rand, 79, 80). Von Lowe werden der Gruppe paläographisch die beiden Pariser Handschriften Paris, BnF, lat. 1572, Tours, 8. Jahrhundert (vgl. CLA V, Nr. 530) und Paris, BnF, lat. 1820, wahrscheinlich Tours, 8. Jahrhundert (CLA V, Nr. 536) hinzugegeben. Besonders die Schrift von Paris, BNF, lat. 1575 zeigt enge Parallelen zur Wolfenbütteler Handschrift (vgl. Rand, Taf. 18 und 20 ). Das von Bischoff für die Gruppe als charkteristisch bezeichnete Füllmotiv der Wellenlinie in Kombination mit in Zickzackfolge angelegten Schrägstreifen, liegt in der Wolfenbütteler Handschrift nicht vor (von Bischoff angegeben für Köln, Dombibliothek, Hs. 98, 155v - vgl. Zimmermann, Taf. 116e und Èpinal, BM, Ms. 68). Die Ornamentik in der wolfenbütteler Handschrift ist eher unspezifisch und fahrig ausgeführt. Allein die kleinen spiral- oder wellenförmig verlaufenden Fäden lassen sich auch in den anderen Handschriften der Gruppe ausmachen. Das auf 124r vorhandene Füllmotiv des eckig ausgeführten Seilbandes begegnet in zahlreichen vorkarolingischen französischen Handschriften, so u.a. in Brüssel, KBR, ms. 9850-52, Bl. 4-139 und 144-176, Soissons, spätes 7. Jahrhundert, hier 90v und 100r (CLA X, Nr. 1547a; Zimmermann, 210, 211, Taf. 126a und c) und Rom, BAV, Pal. lat. 493, Frankreich, 8. Jahrhundert, hier 14r (CLA I, Nr. 93; Zimmermann 192, 193, Taf, 101*). Aufgrund des unspezifischen Ornaments erfolgt die Lokalisierung der Handschrift basierend auf paläographischen Kriterien.

Wolfenbüttel Weiss., Nr. 4170 (Heinemann Nr.). — Lesne, 706. — CLA IX, Nr. 1394. — Butzmann Weissenburg, 248-250. — Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 3, 214, 222, 303. — Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 1, 9ff. — Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 2, 13, 263. — Ganz Tironian Notes, 43. — Hellmann Tironische Noten, 28, 29, 33-37, 48, 101, 262, 263, Abb. 1-3. — W. Berschin, Alkuin und die Biographie, in: Alkuin von York und die geistige Grundlegung Europas. Akten der Tagung vom 30. September bis zum 2. Oktober 2004 in der Stiftsbibliothek St. Gallen, hrsg. von E. Tremp, K. Schmuki, St. Gallen 2010, 169–182, hier 182. — Bischoff Katalog 3, Nr. 7424a.


Abgekürzt zitierte Literatur

Bischoff Katalog 3 B. Bischoff, Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen), Teil 3: Padua–Zwickau, aus dem Nachlass hrsg. von B. Ebersperger, Wiesbaden 2014
Bischoff Mittelalterliche Studien B. Bischoff, Mittelalterliche Studien. Ausgewählte Aufsätze zur Schriftkunde und Literaturgeschichte, 3 Bde., Stuttgart 1966/1967/1981
CLA Codices Latini antiquiores. A Palaeographical Guide to Latin Manuscripts prior to the ninth century, hrsg. von E. A. Lowe, Bd. 1–12, Oxford 1934–1971
Ganz Tironian Notes D. Ganz, On the History of Tironian Notes, in: D. Ganz (Hg.), Tironische Noten, Wiesbaden 1990 (Wolfenbütteler Mittelalter Studien, Bd.1), 35-51
Glaube und Wissen Glaube und Wissen im Mittelalter. Die Kölner Dombibliothek, bearb. von J. M. Plotzek, U. Surmann, Ausstellung Köln, 7. August - 16. September 1998, München 1998
Hellmann Tironische Noten M. Hellmann, Tironische Noten in der Karolingerzeit am Beispiel eiens Persius-Kommentars aus der Schule von Tours, Hannover 2000
Keil H. Keil, Grammatici latini, 7 Bde., Supplementum, Leipzig 1855-1880
Lesne E. Lesne, Histoire de la proprieté ecclésiatique en France, Lille 1938
Mallius Theodorus Mallii Theodori De Metris Liber Indictum Sacra Natalicia Serenissimi Principis Ac Domini Caroli Brunsvicensium Ac Luneburgensium Ducis ..., bearb. von J. F. Heusinger, Wolfenbüttel 1755
PL Patrologiae cursus completus. Series Latina, Bd. 1–221, hrsg. von J. P. Migne, Paris 1844–1865
Rand E. K. Rand, The earliest book of Tours, Cambridge 1934 (Studies in the script of Tours, 2)
Wolfenbüttel Weiss. Die Handschriften der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, Abt. 3: Die Weissenburger Handschriften, beschrieben von O. von Heinemann, in: Die Handschriften der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, Abt. 2 Teil 5, Wolfenbüttel 1903, 268–443
Zimmermann E. H. Zimmermann, Drei Missale(!) aus dem Braunschweiger Dome. Eine kunstgeschichtliche Untersuchung, in: Braunschweigisches Magazin 17 (1911), 42–45