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Beschreibung von Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek, 8° Cod. Ms. philol. 127
Patrizia Carmassi: In Vorbereitung: Katalog der mittelalterlichen lateinischen Handschriften der SUB Göttingen, beschrieben von Patrizia Carmassi.
Handschriftentitel: Publius Ovidius Naso
Entstehungsort: Deutschland (Köln?)
Entstehungszeit: 12. Jh., Mitte
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: II, 73 Bl., II
Format: 16,3 × 10,8 cm
Seitennummerierung: Moderne Foliierung (Bleistift).
Lagenstruktur: II, 8 IV (64). IV +1 (73).
Zustand: Verlust einer Lage zwischen fol. 8 und 9. An einigen Stellen Teile des Pergaments ausgeschnitten: Vgl. fol. 40, fol. 60, die untere Hälfte von fol. 73. Fol. 1r: die letzten 10 Zeilen ausradiert, der Text im 13. Jh. neu geschrieben. An manchen Stellen Tinte verblasst. Fol. 34r: Auf dem Fußsteg mit einer Messerspitze die Buchstaben Py als Paraphe eingraviert. Wahrscheinlich für Py[romontanus]. Siehe unter Provenienz.
Seiteneinrichtung: 32 Zeilen. 13 × 7 cm
Hände: Verschiedene Schreiber.
Schrift:

Carolino-gothica.

Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    Zu Beginn der einzelnen Bücher Initialen in roter (nur fol. 1r) oder schwarzer Tinte mit Farbuntermalung. Höhe: ca. 1,5 cm. Versalien mit Farbe untermalt (Rot, Gelb, Grün, Orange), bis auf wenigen Ausnahmen. Punktverdickungen und Ausparungen im Schaft. Beim Wechsel der Tage ornamentale Paragraphenzeichen am Rande, gelegentlich mit Ausläufern (Punkten, Blättern).
  • 1r Initiale T(empora) in roter Farbe mit Punktverdickung und Silouhettenornament.
  • Weitere Initialen: 1r; 17v; 31v; 46r; 57v.
  • 28r: Auf dem Seitensteg Skizze eines Kapitells oder Ausläufer für eine Zierinitiale (3 x 3 cm). Ausgewaschen (?).
Einband: Einband des 18. Jahrhunderts. Rot-braunes Maroquin über Pappdeckeln mit Goldpressungen. Auf dem Rücken Goldpressung mit dem Titel OVIDII FASTI und geklebter Papierzettel (20. Jh.) mit moderner Bibliothekssignatur. VS und HS mit der gegenüber liegender Seite grün gefärbt.
Entstehung der Handschrift: Herkunft: Deutschland (Köln?). Vgl. Ähnlichkeit mit Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 28.
Provenienz der Handschrift: Provenienz: Die Handschrift befand sich im 17. und 18. Jh. in Erfurt in der Bibliotheca Amploniana im Collegium zur Himmelspforte, die aus dem Nachlass von Amplonius Ratinck de Berka (1363-1435) entstanden war (s.u.). Der Philologe Nicolaas Heinsius (1620-1681), der auf der Suche nach deutschen Ovids Handschriften für seine Edition war, hatte die Empfehlung von Johann Bernhard Zinzerling (1625-1669) bekommen, dass dort exzellente Codices seien: Ovidii optimos codices Erfurti esse in collegio portae Coeli Zingerlingus me docuit, Burman Epistolae, 3, S. 248. Am 24.12.1657 schreibt Heinsius, vier Ovidhandschriften durch Johann Georg Graevius aus Erfurt erhalten zu haben, darunter eine mit den Fasti: Fasti DC. annorum, nec tamen magnae rei, quantum primâ fronte apparet. [...] Ait tres alios in eadem bibliotheca asservari cum Claudiano, quorum usus sit sperandus, ubi hos receperint Erfurtani (Burman Epistolae, 3, S. 377). Heinsius zitiert diese kollationierte Handschrift auch in Oxford, Bodleian Library, Bodl. Auct. F. 4.25 mit dem Sigel E und nennt sie Codex Erfurtanus Collegii arae Coeli 600 annorum. Zitiert in E. H. Alton, D. E. W. Wormell, E. Courtney: A catalogue of the Manuscripts of Ovid's Fasti, in: Bulletin of the Institute of Classical Studies 24 (1977), S. 45. Im Bücherverzeichnis der Bibliotheca Amploniana von 1412 werden in der Tat Libri fastorum Ovidii erwähnt: Erfurt, S. 791. Weitere mittelalterliche Codices aus der Kölner Dombibliothek kamen in Besitz von Amplonius Ratinck, der in Prag, Köln und Erfurt Medizin studiert hatte, in Köln 1399 Rektor der Universität, Leibarzt des Erzbischofs Friedrich von Saarwerden († 1414) und Priesterkanoniker des Kölner Domstifts wurde. Siehe J. M. Plotzek, U. Surmann (Hg.): Glaube und Wissen im Mittelalter. Die Kölner Dombibliothek, Katalogbuch zur Ausstellung, München 1998, S. 30; B. Pfeil: Theologische Handschriften in der Amploniana 1. Der Stifter und seine Büchersammlung, in: J. Pilvousek, J. Römelt (Hg.): Die Bibliothek des Amplonius Rating de Berka und ihre verborgene Schätze, Erfurt 2010 (Erfurter theologische Schriften 39), S. 11-19, S. 13; Abschnitt "Der Dombibliothek früher zugehörige Handschriften", unter http://www.ceec.uni-koeln.de. Auf Falzstreifen aus Pergament, das die letzte Lage umhüllt und mit einer Breite von ca. 2,5 cm nach fol. 73 herauskommt, hat Johann Christian Wilhelm Diederichs (1750-1781) einen Besitzvermerk der Länge nach geschrieben: J. C. W. Diederichs Pyrmontanus / Erfordiae 1773. Diederichs studierte in Göttingen Hebräisch und benutzte für seine Dissertation, die er am 22.04.1775 verteidigte, hebräische Handschriften in der Erfurter Ministerialbibliothek. Siehe Meyer, Göttingen 1, S. 192, zu Cod. Ms. Michael. 95; Erfurter Hebräische Handschriften, hrsg. von Landeshauptstadt Erfurt, Jena 2010. Bei diesem Aufenthalt konnte Diederichs offenbar die Ovids Handschrift erwerben. Zum Aufenthalt Diederichs in Erfurt vgl. seine Kollationen, enthalten in Cod. Ms. Michael. 93 und 94. Cod. Ms. Michael. 93, Vorsatzbl., nicht foliiert: Variae lectiones codicis primi Erfurtensis, cujus nova collationem institui ad Biblia Hebraica b. Io. Henrici Michaelis Erfordiae d. 3 Augusti 1772. Jo Christ. Wilh. Diederichs. Pyromont. Walduc.; ibid., p. 847: Finis codicis Erfurtensis I Erfurti die I Juni 1773. J.C.W. Diederichs. Cod. Ms. Michael. 94, unpag. Vorsatzblatt: Variae lectiones Codicis Erfurtensis secundi. Jo. Christ. Wilh. Diederichs. Erfordiae d. I Jun. 1773. In Cod. Ms. Michael. 93 hat sich auch ein loses Pergamentstreifen erhalten, mit der Inschrift in brauner Tinte: Collegium Amplonianum in usu universorum Candidatorum, das die Benutzung dieser Bibliothek von Seiten Diederichs und indirekt die Provenienz des Codex mit den Fasti aus der Bibliotheca Amploniana bestätigt. Auskunft zu dem Erfurter Aufenthalt geben auch die Briefe Diederichs, gesammelt in Cod. Ms. Michael. 95. Demnach war er ab 29. Juli 1772 in Erfurt (fol. 16v), am 12. September 1773 noch in Erfurt (fol. 69v) und am 8. Februar 1774 wieder in Pyrmont (fol. 79v). Ab 1775 wurde er Privatdozent in Göttingen und ab 1780 Professor für orientalische Sprachen an der Universität zu Königsberg: Vgl. Specimen variantium lectionum codicum Hebraicorum MSS. Erfurtensium in psalmis consentiente amplissimo philosophorum ordine pro summis in philosophia honoribus rite obtinendis die XXII. Aprilis MDCCLXXV publice defendet Io. Christ. Guil. Diederichs Pyromontanus, Gottingae 1775; Matrikel Göttingen 1, S. 170 (theol., Apr. 18. 1768); Deutsche Biographische Enzyklopädie, hg. von Walther Killy, München 1995, 2, S. 27; Johann Stephan Pütter: Versuch einer academischen Gelehrten-Geschichte von der Georg-August-Universität zu Göttingen. Zweyter Theil, Göttingen 1788, S. 70-71; Siegfried, Art. Diederichs, Johann Christian Wilhelm, in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 119-120: Online-Version: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116099224.html#adbcontent. Aus der Bibliothek Diederichs gelangten nach Göttingen auch die Codices 8° Cod. Ms. philol. 164 (Besitzvermerk Diederichs mit dem Jahr 1774), 8° Cod. Ms. philol. 167, 8° Cod. Ms. philol. 170 (früher Teil zusammen mit 8° Cod. Ms. philol. 164 und 8° Cod. Ms. theol. 100).
Erwerb der Handschrift: Nach Diederichs gehörte diese Handschrift Benedikt Christian Avenarius, Theologe, Jurist und Beamter, Stadtvogt und Stadtschulze in Hameln (1739-1826) und von diesem wurde sie der Universität geschenkt. Vgl. Anmerkung auf fol. IIr (schwarze Tinte, Kurrentschrift, Hand von Bibliothekar): Von Herrn Bened. Christ. Avenarius Stadt Schultheiß in Hannover [gestrichen] Hameln [s.l.] als Geschenck erhalten d. 18. Aug. 1794. Dieser hatte in Göttingen studiert: Matrikel Göttingen 1, S. 118 (theol., Okt. 17, 1756). Zu seiner Person siehe auch Rosemarie Schillemeit (Hg.): Das Stammbuch des Benedict Christian Avenarius: Zeugnisse eines Studenten- und Hofmeisterlebens in Göttingen, Braunschweig und im Leipzig des jungen Goethe, Bielefeld 2002 (Braunschweiger Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur 4), S. 129 mit Anm. 84 über die Schenkung dieser HS. Seit 1773 war Avenarius als Stadtschulze in Hameln tätig. Avenarius erwarb die Handschrift in Hameln bei der Auktion des Nachlasses Diederichs im Jahr 1787: siehe Cod. Ms. Philol. 128, fol. 1v: Erfordiae anno 1773 sibi libro comparasse, ad eius calcem manu sua, quam bene noram, adscripserat Joannes Christianus Wilhelmus Diederichs, Pyromontanus, Regiomonti, si recte memini, vita defunctus, ex ipsius autem supellectili libraria hic Hameliae ante aliquot annos divendita in meam possessionem concesserat. Zu der Auktion siehe auch Cod. Ms. Philol. 167. Von Avenarius sind zudem zwei Autographen erhalten, die das gleiche Datum der Schenkung tragen (18. Aug. 1794), und die er als begleitende Schriften zum Codex übergab: Cod. Ms. Philol. 129, 5 Bl., in elegischen Distichen, mit der Überschrift Fastorum Ovidii liber in bibliothecam Goettingensem receptus; Cod. Ms. Philol. 128, 5 Bl., in Prosa, mit der Überschrift: De libro scripto fastorum Ovidii, praesertim an si idem sit, quo usus Heinsius sub codicis Erfordensis nomine. Dokumentation über die Gesamtschenkung des Avenarius in Acquisitionsjournal Cod. Ms. Bibl. Arch., Manual 1794, S. 107: Ein Geschenk des Herrn Avenarius, Stadtschultheiß in Hameln. den 18n Aug. An ersten Stelle in der Liste steht: Ovidii Fasti Mscpt In 8vo. Dass diese Handschrift in Erfurt von Nicolaas Heinsius für seine Ovidedition benutzt wurde, hat die neuere Forschung anhand der Textvarianten und der Notizen des Heinsius bestätigt: D. E. W Wormell: The Identification of the Manuscripts of Ovid's Fasti known to Heinsius, in: Hermathena 93 (1959), S. 38-62, hier S. 47 (Sigel O); M. D. Reeve: Heinsius's Manuscripts of Ovid, in: Rheinisches Museum für Philologie 117 (1974), S. 133-166, hier S. 149 (s. o.). Auf dem VS drei geklebte Papierzettel mit den Angaben zu Mikrofilmierung und Digitalisierung der Handschrift, darunter Ausschnitt aus Meyers Katalog. Fol. Iv moderne bibliothekarische Angabe der Signatur (Bleistift). Fol. IIr: Moderne Angaben zur Benutzung des Codex für kritische Editionen (Bleistift): Fasti benutzt von Merkel / De nuce benutzt von Bährens. Fol. 1r: am rechten Seitensteg ovaler Stempel (schwarz) EX BIBLIOTHECA REGIA ACAD. GEORGIÆ AUG. Zu der Handschrift vgl. auch Göttingen, Universitätsbibliothek, Bibliotheksarchiv, Kataloge, 67:3, fol. 63, mit alter Signatur (gestrichen) Cod. philol. 66: Ovidii fastorum liber. Codex membranaceus. Munificentia Bened. Christ. Avenarii Sculteti Hamelensis Bibliothecae illatus, Aug. 18.1794.
Inhalt:
  • 1r-70r Publius Ovidius Naso: Fasti. >Incipit Ovidius fastorum<. >Explicit Ovidius fastorum<. Kalendarium fehlt. Am Rande gelegentlich kalendarische Angaben, wie z.B. fol. 2r, fol. 17v, 56v, etc. auch mit farbigen Untermalung. Editionen: P. Ovidii Nasonis Fastorum libri sex. Editore et interprete R. Merkelio, Berolini 1841, mit Erwähnung dieser Handschrift, S. CCLXXVIII (Siegel G); Publius Ovidius Naso: Fastorum libri sex. Edited with a Translation and Commentary by Sir James George Frazer, 5. Bde, Bd. 1, London 1929, ND Hildesheim 1973, mit Erwähnung dieser Handschrift, S. XXVIII; P. Ovidi Nasonis Fastorum libri VI, rec. C. Landi, editionem paravit alteram L. Castiglioni, Torino 1960 (Corpus scriptorum Latinorum Paravianum), unter Verwendung dieser Handschrift (Sigel g), S. LXI; Ovidi Nasonis Fastorum libri sex, rec. E. H. Alton, Stutgardiae 1997. 4. Edition (Bibliotheca scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana).
  • fol. 8v Der Text endet mit I,510. Textlücke bis II,297 (fol. 9r). Spätmittelalterliche Anmerkung auf dem Fußsteg: Hic est defectus.
  • 70v-73r Ps.-Ovidius: Nux. >Incipit Ovidius de nuce<. >Explicit Ovidius de nuce<. >Explicit liber fas[torum]<. Nachtrag von späterer Hand. Edition: Poetae latini minores, post Aemilium Baehrens iterum recensuit Fridericus Vollmer, 2,2: Ovidi Nux, consolatio ad Liviam, priapea, Lipsiae 1923 (Bibliotheca scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana), S. 1-14, unter Benutzung dieser Handschrift (siehe S. 5). Bei beiden Werken marginale und interlineare lateinische Glossen, längere Scholia am Rande, von gleicher Schreiberhand wie der Text, gelegentlich mit Dekoration der Initiale mit Farbe wie im Text (vgl. fol. 52r, 57v). Nicht Arnulfus-Kommentar. Fol. 14r, 57r Angabe der rhetorischen Figur: ypallage. Gelegentlich auch Nota-Bene Zeichen am Rande. Fol. 32v am linken Seitensteg eine längere Randnotiz durch Radierung getilgt. Spätere Schicht von vereinzelten spätmittelalterlichen Randglossen. Manicula fol. 72r.
  • 73v Nachträge. Probationes pennae und Nachträge verschiedener Hände (12. und 15. Jh.): Explicit Avianus / Cum scripsit sic Tristanus; Iustus ut palma florebit; sicut cedrus Libani multiplicabitur [Ps 91,13] in domo. Auch als Gesangsstück, z.B. Responsorium in Commune unius confessoris: Justus ut palma florebit sicut cedrus Libani multiplicabitur plantatus in domo domini in atriis domus dei nostri florebit (siehe Cantus, Nr. 007062); Viginti octo (?) utimur in latinitate, ex his quatuor; Iustus iudex iudicavit me et absolvit me a peccatis meis; Michi venit plus quam satis ad gaudium.
Bibliographie
Handschriftenteil:

Abgekürzt zitierte Literatur

Erfurt Beschreibendes Verzeichniss der amplonianischen Handschriften-Sammlung zu Erfurt, bearb. und hrsg. mit einem Vorwort über Amplonius und die Geschichte seiner Sammlung von W. Schum, Berlin 1887
Göttingen 1 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 1: Universitäts-Bibliothek: Philologie, Literärgeschichte, Philosophie, Jurisprudenz, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1893 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 2)
Härtel Adreßbuch H. Härtel, Adreßbuch der Sammlungen mittelalterlicher Handschriften in Niedersachsen, Wolfenbüttel 1976 (Mittelalterliche Handschriften in Niedersachsen 1)

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