Katalog der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften in Halberstadt. Verzeichnis der Bestände der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Domschatz zu Halberstadt, und des Historischen Archivs der Stadt Halberstadt, bearbeitet von P. Carmassi, Wiesbaden 2018 (Vorläufige Beschreibung)

Halberstadt, Domschatz, Inv.-Nr. 478 (olim M 4)

Biblia sacra (Pars I)

Pergament — 201 Bl. — 49 × 36 cm — Halberstadt, Martinikirche — 1306

Lagen: 3 V (30). V-1 (39). 5 V (89). 2 IV (105). V (115). V-1 (124). 2 V (144). V-1 (153). 4 V (193). V-2 (201). Lagenbezeichnung mit römischen Zahlen auf dem Fußsteg, bis auf Lage XVIII sichtbar. Beginnt mit III (fol. 10v). Die ersten zwei Lagen sind verloren. Lücken auch zwischen fol. 30-31, 122-123, 153-154, 197-198. Moderne Foliierung (Bleistift), zum Teil fehlerhaft, durch zweite moderne Foliierung (Bleistift) ersetzt. Mehrere (wohl mit Prachtinitialen ausgestattete) Blätter abgeschnitten. Gelegentlich Wachstropfen, Wasserflecken und Risse. Pergament in der ersten Lage gewellt. Schriftraum: 33 × 23 cm. Zweispaltig. 31 Zeilen. Textualis. Kopftitel in Unzialschrift (alternierend rote und blaue Buchstaben), gelegentlich fehlerhaft (116v-122v). Angaben der Kapitel in römischen Zahlen (blaue und rote Zahlen). Oft stehen die Kapitelzahlen und die zu rubrizierenden Texte in brauner Tinte am Rande. Punkte in roter und brauner Tinte (von 1 bis 6) am Rande zur Kennzeichnung der liturgischen Lesungen. 31r, 123r: Moderne Angaben (Bleistift) auf dem Kopfsteg über fehlende Blätter. Rubriziert. Fünf- bis siebenzeilige (ohne Ausläufer) historisierte Initialen zu Beginn der biblischen Bücher, mit originalen schützenden Stoffstreifen aus grüner Seide. Schwarze Federzeichnung, lange vertikale Ausläufer. Deckfarbenmalerei. Farben: Rot, Orange, Gelb, Blau, Violett, Rosa, Ocker, Braun, Weiß, Schwarz, Gold. Französischer Einfluss (?). 66rb: V(ocavit). Feldbuchstabe, eingerahmt in Goldleiste. Außengrund: Kreuzblütenmuster, Binnengrund: Gold. Motive im Buchstabenstamm: Ranken, weiße Punkte. Ikonographie: Schafopfer. Zwei Juden opfern kniend jeweils ein Schaf vor einem Altar. Dieser ist mit einem verzierten Altartuch bedeckt. 89vb: L(ocutus). Zoomorphe Initiale. Zwei Drachen als Ersatzmotive. Dreipunktmuster und Viereckstab als Ornament. Ikonographie: Der Herr spricht zu Moses. Auf der linken Seite Moses mit erhobener rechter Hand. Ihm gegenüber sitzt der Herr mit Kreuznimbus auf einem Thron, in der Linken ein Buch haltend, mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach oben weisend. 175ra: P(ost). Feldinitiale: Innen- und Außengrund: Gold. Als Ausläufer ein Drache, Halbpalmettenblätter und Kreise. Dekorationsmotive im Buchstabenstamm: Fächerblätter, Kreise mit Rauten in der Mitte, weißes Dreipunktmuster und kleine Kreuze. Ikonographie: Der Herr setzt Juda zum Führer ein. Auf einer bogenartigen Architektur Gott in der Gestalt Christi mit Kreuznimbus auf der linken Seite, die rechte Hand erhoben, in der Linken ein Buch haltend. Ihm gegenüber ein Mann in Rüstung, in der rechten Hand ein erhobenes Schwert, als Zeichen der richterlichen Gewalt, mit der Linken einen Schild haltend, auf dem ein Adler dargestellt ist. Zierinitialen zu Beginn der Prologe, nur fol. 153vb erhalten: T(andem). Feldbuchstabe, von schwarzer Kontur eingerahmt. Grund in vier farbige Kompartimente geteilt. Links von der Initiale kleiner Buchstabe t in brauner Tinte für den Illuminator geschrieben. Zwei bis neunzeilige (ohne Ausläufer) rot-blaue Knospenfleuronnée-Initialen zu Beginn der Kapitel. Knospen, Perlen mit Kernen, Kreuzblüten als Besatz- und Binnenfeldornamentik. Knospen, geordnet als Büschel, Garbe. Als Besatzmotive der Fleuronnéestäbe Kreissegmente, vegetabile Formen in Federzeichnung, Sägeblatt, kompakte vegetabile Formen. Häufig auch einfache Fadenausläufer, mit Knospenmotiven und Parallelfäden. Zeichnungen von Tieren, Menschen, Fabelwesen und weiteren Drôlerie-Motiven in roter und blauer Tinte am Ende der Ausläufer der Fleuronnée-Initialen. Rot-schwarze cadellen-artige Initialen, gelegentlich mit Tier- und Menschengesichtern. Zur Ausstattung vgl. Stange, Deutsche Malerei, S. 98. In der späteren Literatur werden ohne Überprüfung immer zwei Bände (Schmidt Nr. 4 und 5.) erwähnt: Kroos, Bildhandschriften, S. 171; Fingernagel, Andreas - Roland, Martin, Mitteleuropäische Schulen I. Textband = Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Denkschriften 245 = Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters. Reihe 1, Bd. 10 (Wien 1997), S. 105.

Spätmittelalterlicher Einband. Holzdeckel mit Schweinsleder bezogen. Streicheisenlinien. Spuren von zwei Langriemenschließen. VD: Spuren von fünf Metallbeschlägen. HD: Fünf Metallbeschläge mit runden Buckeln (einer davon verloren). Rückenschild mit der Signatur M 4. Älteres Rückenschild mit Angaben über Inhalt und Auftraggeber, heute kaum lesbar. Lesezeichen: Zwei Streifen aus Leder. An einem ist ein verschiebbarer Umschlag aus Pergament fixiert (9,9 × 9,6 cm) zur Markierung der jeweiligen Zeile. Auf der Recto-Seite in roter Tinte das Wort columpna. Die Spalte kann durch das Drehen einer im Inneren des Umschlags befindlichen Pergamentscheibe festgelegt werden, auf der die Worte prima, secunda, tertia, quarta in schwarzer Tinte, im Winkel von 90° Grad aufeinanderfolgend, geschrieben sind. Das ausgewählte Wort auf der inneren Pergamentscheibe ist durch einen rechteckigen Schlitz im Umschlag neben dem Wort columpna zu lesen. Dazu vgl. Schreiber, Heinrich, Drehbare mittelalterliche Lesezeichen, in Zentralblatt für Bibliothekswesen 36 (1939), S. 281-293, besonders S. 289-90: Typus aus Kloster Altzelle; Bischoff, Bernhard, Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters = Grundlagen der Germanistik 24 (Berlin 1986), S. 41; Lesser, Bertram, Registerknöpfe und Leserrädchen. Lesezeichen aus Klosterbibliotheken in Südniedersachsen, in Schätze im Himmel, S. 227-236.

VS: ein Blatt Pergament, zweispaltig, 30 Zeilen, nicht vollständig beschrieben, nicht rubriziert, von der Schreiberhand des Codex. Prologus in librum Regum. Incipit: [V] iginti et duas esse litteras. Vgl. Stegmüller RB 323. Endet mit Préfaces, S. 24, Z. 12.

Herkunft: Geschrieben in der Kirche St. Martini zu Halberstadt von Theodericus de Mysna [= Meißen] im Auftrag des Kanonikers der Kirche Unserer Lieben Frau und Pfarrers der Kirche St. Martini zu Halberstadt Heinricus de Hakenstede, canonicus. Der Codex, vollendet am 29. Juli 1306, bildet den ersten Teil einer mehrbändigen Bibel. Ein zweiter Band, vollendet vom selben Schreiber Theodericus am 21. Januar 1309, wurde von Schmidt in seinem Katalog verzeichnet: Schmidt (1878), 5, S. 10. Dieser Band (olim Nr. 5) befindet sich heute in St. Petersburg, Russische Nationalbibliothek, F. 955, op. 2, Nr. 2 Waitz, Handschriften, S. 653-654, fügt 1843 drei Handschriften der Bibliothek des Domgymnasiums zusammen unter dem Titel Biblia (Nr. 3.4.5.). Beschrieben werden aber nur die Kolophone von Schmidt Nr. 4 und 5. Die Bibel mit der alten Signatur Nr. 3. gehört nicht zu dieser Gruppe und ist heute Halberstadt, Domschatz, Inv.-Nr. 473. — Die Bibel wurde in der Kirche Unserer Lieben Frau zu Halberstadt benutzt, wie es dem Kolophon und den Zeichen zur Einteilung des Textes in liturgische Lesungen zu entnehmen ist. Der Auftraggeber ist urkundlich von 1299 bis 1304 belegt: vgl. Schmidt (1878), S. 10; Codex diplomaticus Anhaltinus. Theil 2: 1212 - 1300, ed. Otto von Heinemann (Dessau 1875), 866, S. 601-602; UB Stadt Halberstadt, 1, 299, S. 236 (10.4.1304); UB Stift St. Johann, 104, S. 108-110 (20.1.1302). Am 25.7.1311 wird Heinricus als verstorben bezeichnet, seine Pfründe als vakant: UB Stift St. Johann, 133, S. 144-146.

Schmidt (1878), 4, S. 9-10. — Waitz, Handschriften, 4-5, S. 653-654. — Manuscripta … Lieben Frauen Stifts-Bibliothek, 1-2, S. 107. — Krämer, Handschriftenerbe, S. 311.

1ra-199ra Biblia sacra (Pars I). Octateuch. Gn - Rt. (1ra) Gn. Beginnt mitten im Satz mit Gn 18,16: runt oculos contra Sodomam (30vb) Endet mit Gn 50,4: locutus est Ioseph ad familiam . (31ra) Ex. Beginnt mit Ex 1,11: posuit itaque eis magistros (66rb) Lv. (89vb) Nm. (122vb) Endet mit Nm 35,26: extra fines urbium que exulibus (123ra) Dt. Beginnt mit Dt 1,15: tes et nobiles et constitui (153vb) Prolog. Tandem finito pentateuco Moysis velut. Stegmüller RB 311. Endet mit quem Sophtim appel Préfaces, S. 22, Z. 3. (154ra) Ios. Beginnt mit Ios 1,7: igitur et esto robustus valde … (175ra) Idc. (198ra) Rt. Beginnt mit Rt 3,11: Noli ergo metuere sed quicquid (198vb) Auf den letzten zwei Zeilen Abklatsch von Idc 20,46-47: rissimi Remanserunt itaque (?) de omni numero Beniam (?).

199ra Anno domini MCCCVI hanc partem primam biblie Heinricus de Hakenstede, canonicus ecclesie sancte Marie virginis necnon plebanus ecclesie forensis in Halberstat propriis sumptibus in parrochia sancti Martini scribi procuravit per manus Theoderici de Mysna nuncupati. Et eandem auxiliante domino Iesu Christo complevit in die Simplicii Faustini et Beatricis martyrum beatorum. Qui ipsam abstulerit anathema sit et moriatur. Amen. [29. Juli 1306].

(199v-201v) leer. Nur vertikale Tintenliniierung ausgeführt.


Abgekürzt zitierte Literatur

Schätze im Himmel Schätze im Himmel – Bücher auf Erden. Mittelalterliche Handschriften aus Hildesheim, hrsg. von M. E. Müller, Wolfenbüttel 2010 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 93)
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980