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Beschreibung von Halberstadt, Historisches Stadtarchiv, M 6
Katalog der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften in Halberstadt. Verzeichnis der Bestände der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Domschatz zu Halberstadt, und des Historischen Archivs der Stadt Halberstadt, bearbeitet von P. Carmassi, Wiesbaden 2018
Handschriftentitel: Francisus de Zabarellis
Entstehungsort: Leipzig (?)
Entstehungszeit: 15. Jh. Erste Hälfte (zwischen ca. 1431 und 1443)
Beschreibstoff:
    Papier und Pergament
  • Wasserzeichen: 1. Blume, fünfblättrig. Darauf einkonturiges Kreuz.WZMA, AT8900-78_8. 1431. 2. Blume, fünfblättrig. Darauf einkonturiges Kreuz.WZMA AT8900-78_240. 1431. 3. Buchstabe M (Unzialis). Darüber Krone. Nicht nachweisbar. 4. Dreiberg. Darüber einkonturiges lateinisches Kreuz. Nicht nachweisbar. 5. Dreiberg. Darüber einkonturiges lateinisches Kreuz. Nicht nachweisbar.
Umfang: 457 Bl.
Format: 40 × 28,5 cm
.
Seitennummerierung: Moderne Foliierung (Bleistift), wegen Wasserschaden mit Einschränkungen ausgeführt.
Lagenstruktur: V-8 (2). 5 IX (92). VIII (108). 19 IX (450). III (456). Loses Blatt (457). Das äußere Blatt jeder Lage aus Pergament. Lagenzählung (in 1-9 oder a-i Form). Die Blätter 453, 454, 457 sind lose.
Zustand: Die Handschrift hat im 20. Jh. durch Wasserschaden erheblich gelitten. Im heutigen Zustand kleben viele Blätter im Bereich des Kopfstegs, gelegentlich auch am Fußsteg, besonders bei Berührung von Pergament und Papier. Das Blättern ist daher nur mit Einschränkungen möglich. An manchen Stellen Risse im Papier. Entsprechende Flecken auch auf den Buchdeckeln, insbesondere auf dem HD.
Seiteneinrichtung: Schriftraum: Schriftraum: 28,5 × 19 cm. Zweispaltig, bis auf fol. 453v-454r. Ca. 45-50 Zeilen.
Hände: Bastarda. Die Initien der kommentierten Dekretalen in Textualis. Gelegentlich Randnotizen.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Rubriziert.
  • 2 bis 9 cm rote oder blaue Initialen (Lombarden).
Einband: Spätmittelalterlicher Einband. Holzdeckel mit Leder bezogen. Streicheisenlinien (Rahmung und Rautenmuster). Jeweils fünf Buckel auf VD und HD. Spuren von vier Schließen. Auf dem VD die Metallteile der Schließen ziseliert. Auf dem Rücken zwei aufeinander geklebte Signaturschilder, das oberste mit der Signatur M 6. Darunter Spuren einer alten Signatur, mit Tinte auf dem Rücken geschrieben. Die vom Stifter gewünschte Ankettung ist am Einband in seiner heutigen Form nicht verifizierbar.
Entstehung der Handschrift: Nach der heute verblassten Notiz auf fol. 2r wurde die Handschrift von Conrad Donekorf an die Domvikare zu Halberstadt geschenkt. Er starb nach derselben Notiz am 19. 11. 1443. Terminus ante quem für die Herstellung der Handschrift. 1435-1443 ist er nach Schmidt als Domdekan in Halberstadt nachweisbar. Vgl. UB Stadt Halberstadt, 2, Register, S. 523. Die Handschrift ist mit dem Eintrag im Dominventar von 1465 zu identifizieren: Item lectura Francisci de Zaborellis super tertio decretalium (Diestelkamp, Inventarium, S. 192). Conrad Donekorf wird fol. 2r als decretorum doctor bezeichnet. Im Wintersemester 1411 hatte er sich in Leipzig immatrikuliert und erlangte dort den Grad des licentiatus decretorum: Matrikel Leipzig 2, S. 37 und Register. Ebenfalls in Leipzig wurde er doctor decretorum und ist 1434 als ordinarius, dann als Rektor belegt. Vgl. Friedberg, Emil, Das Collegium Juridicum. Ein Beitrag zur Geschichte der Leipziger Juristenfacultät (Leipzig 1882), S. 12-13, 91, 97. Conrad Donekorf wird 1434 als "lerer in geistlichen rechten unser iuristen und geistlichin rechten ordenarius unser universiteten zu Lipezk" und Inhaber einer Pfründe in der Kirche St. Peter zu Merseburg erwähnt: Vgl. CDS, II,9, 208, S. 183. Nach seinem Tod 1449 erwähnt: Ibid., 232, S. 258. Im Jahr 1440 trat er wegen Krankheit vom Amt des Kanonikers in der Kirche Unserer Lieben Frau zu Halberstadt zurück: Vgl. Rep. Germ. V, I, 2, 2735, S. 472-473, hier 473 (Conradus Donckarf). Auch in der Handschrift Halberstadt, Historisches Stadtarchiv, M 96 (Ministrationes presentiarum), fol. 91r, erwähnt. Wie er in den Besitz der Handschrift kam, ist nicht belegt. Die Diplomabschrift fol. 453v-454r lässt aber auf eine Verbindung zu Arnoldus de Hesede schließen. Dieser könnte der ursprüngliche Eigentümer der Handschrift gewesen sein und diese in Leipzig an der Universität an seinen Nachfolger im Rektorat oder bei seiner Aufnahme in das Halberstädter Kapitel Conrad Donekorf geschenkt haben. Eine weitere Handschrift, die in seinem Besitz war, ist Halle, Universitäts- und Landesbibliothek, Ye 2° 54: Francisus de Zabarellis, Lectura super Clementinis. Vgl. Schipke, Handschriftencensus, 223, S. 139.
Provenienz der Handschrift: Auf fol. 1r eine moderne Signatur mit rotem Buntstift (240). Der Codex befand sich zuletzt in der Akademie der Wissenschaften in Eriwan (Armenien). Eriwan-Nummer: 560.
Inhalt:
  • 1ra-b Fragment. Lectura super librum tertium decretalium. Bearbeitung nach Antonius de Butrio, Lectura super librum III decretalium (Varianten und Abkürzungen). Verglichen mit: Excellentissimi Antonii À Bvtrio Ivris Vtrivsqve Monarchae, In Librum Tertium Decretalium Commentarij … Qvintvs Tomvs (Venetiis 1578). CALMA, I, S. 343-344, mit Lit. Incipit des Prologs nicht mehr lesbar. Incipit: Ut laici.([= X 3,1,1]) Tria sunt dicta. Secundum ibi: "sed pars". Text nur auf der Rectoseite aufgetragen. Initialen nicht ausgeführt. Eine Abschrift dieses Textes, geschrieben in Bologna ca. 1420, war auch im Besitz des Halberstädter Klerikers Jo[hannes?] Mollenbeke de Stendal: Staatsbibliothek zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz, Ms. Magd. 246b: Berlin SBB (5), S. 192-194. (1v) leer.
  • 2r Spuren eines Eintrags, heute durch Wasserschaden bis auf die letzten Worte unleserlich. Hier wird die Transkription von Schmidt (1878), S. 10-11, wiedergegeben: Lectura tertii libri decretorum Francisci de Sabarellis ordinis studii Paduani, post eum per Iohannem papam XXIII creati cardinalis, quam egregius decretorum doctor Cunradus Donekorff legavit in ultima voluntate sua ecclesie Halberstadensi pro anima sua ad librariam cathenariam perpetuoque ibidem manendam, cujus anima requiescat in pace, qui obiit anno domini MCCCCXLIII, in nocte beate Elisabeth electe, pro ejus etiam anima testamentarii ipsius dederunt ecclesie Halb. centum florenos Rhen. pro memoria singulis annis in ecclesia peragenda, de duabus marcis distribuendis et cetera. Der Einband weist allerdings kein Zeichen einer Verkettung auf. (2v) leer.
  • 3ra-453ra Franciscus de Zabarellis: Lectura super librum III decretalium. Continuacio sumi potest per ea que notantur supra e compilatione … — … intellectum da mihi et vivam. Vivunt autem qui fruuntur intellectu hic per famam et in celo per gloriam. Et cetera. Quam nobis elargiri dignetur idem ipse deus omnipotens qui trinus et unus vivit et regnat in secula benedictus Amen. Verglichen mit: Cardinalis Zabarella In Tertium Decretalium (Lugduni 1557).
    • (3ra) Prologus.
    • (3rb) Textus. Ut laici secus. Casus: Laici prope altare vel in choro.
      • (99v-102r) leer.
      • (453rb) leer.
  • 453v-454r Privilegium doctoratus. (Abschrift). Diplom zur Verleihung des Grades Doctor decretorum an Arnoldus de Hesede. 1. September 1426. Schriftraum: 29,5 × 20,5 cm.
    • (453v) Iohannes de Scarabelis decretorum doctor canonicus ecclesie papiensis … — … et testimonium premissorum. Der Text ist von einer anderen Hand als der Haupttext geschrieben. Arnold von Hesede († 1476) war Kanoniker in Hildesheim und verfügte zuletzt u.a. über die Pfründe des Archidiakonats im Ostgau zu Halberstadt. Von seiner universitären Laufbahn war bisher bekannt, dass er sich 1417 in Erfurt und 1426 in Leipzig immatrikulierte, dort schon als decretorum doctor. Zuerst Professor für Kirchenrecht an der Leipziger Universität, dort auch Rektor 1432, später Domherr in Hildesheim und als geistlicher Richter tätig. Die bisher unbeachtet gebliebene Abschrift in M 6 belegt, dass er an der Universität Pavia am 01.09.1426 den Grad des doctor decretorum erlangt hatte. Entsprechung in der Dokumentation der Paveser Universität: Codice diplomatico dell’Università di Pavia II,1. 1401-1440 (Pavia 1913), Nr. 358, p. 234 ("Licenziati e laureati dell’anno 1426"): Licentia in iure canonico domini Arnoldi de Alamania … Doctoratus in iure canonico simul et semel dominorum Arnoldi de Sauxonia de Alamania et Frederici de Constancia … . Ab einem unbekannten Zeitpunkt wurde Arnoldus Domherr von Halberstadt (vgl. Schwarz, Brigide, Hannoversche Bürgersöhne, S. 88).
      • Schmidt (1878), S. 10.
      • Friedberg, Emil, Das Collegium Juridicum. Ein Beitrag zur Geschichte der Leipziger Juristenfacultät (Leipzig 1882), S. 97.
      • Schwarz, Brigide - Piepenbring-Thomas, Carola, Hannoversche Bürgersöhne im adeligen Domkapitel von Hildesheim. Das Beispiel Arnold von Hesede, in Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 67 (1999), S. 77-109, mit detailliertem Lebenslauf und Bibliographie.
      • Vgl. Gramsch, Robert, Erfurter Juristen im Spätmittelalter. Die Karrieremuster und Tätigkeitsfelder einer gelehrten Elite des 14. und 15. Jahrhunderts = Education and society in the Middle Ages and Renaissance 17 (Leiden 2003), S. 821-823.
      • Walther, Helmut G., Pavia und Padua im frühen 15. Jh. Zu Profilierung zweier Rechtsuniversitäten bei der Ausbildung für die politische Praxis, in Krynen, Jacques - Stolleis, Michael (ed.), Science politique et droit public dans les facultés de droit européennes (XIIIe - XVIIIe siècle), Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 229 (Frankfurt am Main 2008), S. 263-282.
      Textgeschichte: Eine repetitio des Arnoldus von Hesede aus seiner Leipziger Zeit ist in der Handschrift Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 294 Helmst., fol. 78v-81v (Leipzig, um 1430) erhalten. Neue Beschreibung unter: http://diglib.hab.de/?db=mss&list=ms&id=294-helmst&catalog=Lesser
    • (454v-457v) leer, bis auf Liniierung fol. 456.
    • Schulte 2, S. 284.
    • Hove, S. 496.
    • DDC 5, Sp. 901.
    • Belloni, S. 204-208, hier S. 206, ohne Erwähnung dieser Handschrift.
    • HQL 1, S. 381.
    • Girgensohn, Dieter, Francesco Zabarella aus Padua. Gelehrsamkeit und politisches Wirken eines Rechtsprofessors während des großen abendländischen Schismas, in Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, kanonistische Abteilung 79 (1993), S. 232–277.
    • Id., Studenti e tradizione delle opere di Francesco Zabarella nell’Europa centrale, in Piovan, Francesco - Sitran Rea, Luciana (edd.), Studenti, università, città nella storia padovana. Atti del Convegno, Padova, 6-8 febbraio 1998 = Contributi alla storia dell'Università di Padova 34 (Trieste 2001), S. 127–176.
    • Kuttner, Stephan, Francesco Zabarella’s Commentary on the Decretals: A Note on the Editions and the Vatican Manuscripts, in BMCL 16 (1986), S. 97–101.
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

Belloni A. Belloni, Professori giuristi a Padova nel secolo XV. Profili bio-bibliografici e cattedre, Frankfurt/M. 1986 (Ius commune. Sonderhefte 28)
CALMA C.A.L.M.A. Compendium auctorum latinorum medii aevi, hrsg. von M. Lapidge u. a., Bd. 1–, Firenze 1999–
CDS Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, hrsg. von O. Posse u. a., Leipzig 1864–1941
DDC Dictionnaire de droit canonique, Bd. 1–7, hrsg. von R. Naz, Paris 1935–1965
Hove A. van Hove, Commentarium Lovaniense in Codicem Iuris Canonici, Vol. 1,1: Prolegomena ad Codicem Iuris Canonici, editio altera, Mecheln 1945
HQL 1 Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, Bd. 1: Mittelalter (1100–1500): Die gelehrten Rechte und die Gesetzgebung, hrsg. von H. Coing, München 1973 (Veröffentlichung des Max-Planck-Instituts für Europäische Rechtsgeschichte)
Schulte J. F. von Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur des Canonischen Rechts … , Bd. 1: … von Gratian bis auf Papst Gregor IX. Stuttgart 1875; Bd. 2: … von Papst Gregor IX. bis zum Concil von Trient, Stuttgart 1877
WZMA Wasserzeichen des Mittelalters (WZMA). Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien (http://www.ksbm.oeaw.ac.at/wz/wzma.php)

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