Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil II: Cod. Guelf. 277 bis 370 Helmst. Mit einem Anhang: Die mittelalterlichen Handschriften und Fragmente der Ehemaligen Universitätsbibliothek Helmstedt, beschrieben von Bertram Lesser (im Erscheinen). (Vorläufige Beschreibung)

Helmstedt, Ehemalige Universitätsbibliothek, I Hs 1

Psalterium cum canticis

Pergament — 188 Bl. — 16 × 11,5 cm — Nordharzraum (Diözese Halberstadt) — 1190–1210

Lagen: I (2). IV–2 (8). 21 IV (176). IV–2 (182). IV–2 (188). Bleistiftfoliierung modern: 1–188. Alle Bl. sind an der vorderen unterem Ecke bis fast ins gesamte untere Drittel so stark abgegriffen, dass die Schrift teilweise verblasst ist. Am Vorderschnitt Beschädigungen durch Fraß und Feuchtigkeit, bei der Restaurierung (1962) beschnitten und mittels neu angesetztem Pergament repariert. Schriftraum: 14 × 8 cm, einspaltig, nur die Litanei 185r–187v zweispaltig, 19 Zeilen. Drei Haupthände, Hand 1: Text der Psalmen und Cantica (10v–184v und 188r–v) in einer sehr regelmäßigen Carolino-Gothica, die mit ihren Schaftbrechungen und rundem r nach o, b usf. bereits Züge der frühen Textualis trägt; Hand 2: 3r–8r (Kalendar); Hand 3: 185r–188v (Kyrie und Litaneien, die Verwendung von wie in Cod. Guelf. 1075 Helmst.). Auf Bl. 1v–2r Nachträge von einer Hand des 13. sowie von zwei Händen des 14. Jh., im Kalendar und in der Litanei Nachträge von drei weiteren Händen. Auf Bl. 80v von einer ungelenk wirkenden Hand des 15. Jh. ein Minuskelalphabet in jüngerer gotischer Kursive sowie mehrere Buchstabenreihen als Schreibübung nachgetragen. Die erhaltenen Miniaturen sind trotz z. T. hochgradiger Beschädigungen, die oberste Malschicht ist durch mechanische Beanspruchung und Farbfraß weitgehend abgelöst, von hoher Qualität. Sie messen jeweils 13–13,5 x 8,5 cm und sind wie die gliedernden Initialen auf Goldgrund mit ca, 0,5 cm breiten blauen Rahmen (Emailtyp) ausgeführt. Die Gewandgestaltung der Figuren wirkt leicht und plastisch, die Gesichter sind, soweit dies der Zustand noch erkennen lässt, fein modelliert und mit Weißhöhungen kontrastiert, die ausnahmslos goldenen Nimben fein punziert. Byzantinisierende Stilelemente sind unverkennbar; in stilistischer Hinsicht sind außerdem das Kanonbild und die Initialen im Missale Cod. Guelf. 40 Helmst. aus der Diözese Halberstadt (6va und 130va–b, um 1200) vergleichbar, ebenso das Kanonbild aus dem wohl zwischen 1192 und spätestens 1250 für den Braunschweiger Dom vollendeten Missale NLA – StA Wolfenbüttel, VII B Hs 172, 132v, vgl. Stange Beiträge, 324f. mit Abb. 14; H. Belting, Zwischen Gotik und Byzanz. Gedanken zur Geschichte der sächsischen Buchmalerei im 13. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 41 (1978), 217–257, hier 234f. mit Abb. 16; Härting, 26–28, 58f., 80–82. Das heute als Bl. 1 und 2 gez. Doppelbl. gehörte ursprünglich zur zweiten Lage und wurde versehentlich vor die erste Lage mit dem Kalendar gebunden. Aufgrund des Verlustes eines Doppelbl. in der ersten und – bei regelmäßigen Quaternionen – von bis zu drei Doppelbl. in der zweiten Lage ist der Bildprolog unvollständig. Da nach dem erhaltenen Material von zwei Miniaturen pro Doppelbl. auszugehen ist, fehlen folglich neben dem Januarbl. des Kalendars (s. unten) maximal sieben weitere Bildseiten. Erhalten sind: 1r Taufe Christi: Zentral steht der nackte Christus im blauen, kaum mehr erkennbaren aufgetürmten Wasserstrom des Jordan (starker Farbfraß). Er wendet sich nach links zum taufenden Johannes, der nur mit einem braunen Pallium ohne Untergewand bekleidet ist. Von rechts halten zwei Engel in Halbfigur mit roten Gewändern und blauen Flügeln ein Tuch. Aus dem Himmel senkt sich aus einem roten Segment die Hand Gottes, die von der nurmehr schwach sichtbaren Taube des Heiligen Geistes zum Teil verdeckt wird. — 2v Kreuzigung: Christus an einem roten Kreuz, mit goldenem, fein punziertem Nimbus und blauem, schlaff herabhängendem Perizoma, mit leicht nach links durchgebogenem Leib und in die gleiche Richtung geneigtem Haupt. Der aus dem Bild ragende Kreuztitulus wurde nachträglich hinzugefügt und ist nur durch einen roten Rahmen mit der schwarzen Inschrift Ihesus Nazarenus rex iudeorum angedeutet. Unter dem Kreuz links Maria mit purpurnem Maphorion und heller, heute fast völlig farbloser Tunika, rechts Johannes mit hellroter Tunika und ebenfalls purpurnem Pallium, beide im Trauergestus. — 8v Verkündigung: Der barfüßige und blau geflügelte Erzengel Gabriel mit hellroter Tunika und purpurnem Pallium wendet sich von links an Maria, die Rechte im Redegestus erhoben, in der Linken das Spruchband Ave Maria gratia plena dominus tecum. Der Name der rechts stehenden, dem göttlichen Boten zugewandten Maria, die mit leicht geneigtem Haupt und vor die Brust erhobenen Händen die Botschaft empfängt, ist mit Goldschrift hervorgehoben. Sie trägt eine blaue Tunika, ein purpurnes Maphorion und schwarze Schuhe. — 9v Himmelfahrt: Typus des "entschwindenden Christus", im Bildvordergrund erhebt sich ein hoher grüner Hügel mit zeichnerisch angedeutetem Pflanzenbewuchs. Vom rot-grünen Stein auf dem Gipfel ist Christus bereits emporgestiegen; von seinem mit einer blauen Tunika und einem roten Pallium bekleideten Körper sind nur noch Beine und Füße zu sehen. Der Oberkörper ist in dem halbkreisförmigen, blauen, mit Weiß gehöhten Himmelsgewölbe am oberen Bildrand verschwunden. Zwei in Halbfigur sichtbare rotgeflügelte Engel neigen sich schräg aus den oberen Ecken herab. Sie halten zwei fast völlig unleserlich gewordene Spruchbänder mit roten Aufschriften, links: Viri galilei quid statis aspicientes, rechts: Hic Ihesus qui assumptus est a vobis (Act 1,11). Zu beiden Seiten des Berges sind Maria und acht der Apostel in zwei bewegten, in Gestalt und Ausdruck reich differenzierten Gruppen zu erkennen. Während Maria im Vordergrund der linken Gruppe steht, weist rechts der an Haar- und Barttracht kenntliche Petrus auf den gen Himmel fahrenden Christus. — 10r Maiestas Domini: In einer rot-weiß-grünen Mandorla thront der mit einer blauen Tunika und rotem Pallium bekleidete Christus, die Rechte im Rede- bzw. Segensgestus erhoben, in der Linken hält er ein Buch. In den Ecken die Symbole der vier Evangelisten: oben links Matthäus (Mensch), oben rechts Johannes (Adler), unten links der Markus (Löwe), unten rechts Lukas (Stier), allesamt mit Schriftrollen. — Im Kalendar sind die Monatsanfänge mittels der Abkürzung (kalendae) in goldenen Majuskeln vor grünem (K) bzw. blauem (Ł) Grund hervorgehoben und mit einem dünnen roten Rahmen versehen; identische Auszeichnungen finden sich im Kalendar des älteren "Hamerslebener Psalters" Cod. Guelf. 1075 Helmst., 1v–6v, wieder, vgl. zu diesem Codex Heitzmann, 42f. Nr. 9; A. Cohen-Mushlin, Scriptoria in medieval Saxony. St. Pancras in Hamersleben, Wiesbaden 2004, 56 mit Abb. 50–54 und 193–196 Nr. 2; Schätze im Himmel, 410–413 Nr. 60 (P. Carmassi). Jeweils in der rechten Spalte des Kalendars die Tierkreiszeichenbilder in golden gerahmten Medaillons auf blauem Grund. — 10v historisierte Spaltleisteninitiale B in einem blau gerahmten, 11 x 8 cm großen Feld auf Goldgrund. Die senkrechte Haste des Buchstabenkörpers ist blau, der obere Bogen mit Ausläufer rot, der untere grün; die drei Teile sind zur Steigerung der Plastizität mit Weißhöhungen versehen. Die spiralig gedrehten Bogenausläufer enden im Binnenfeld in großen, vielfach verzweigten Oktopus-Blättern in den Farben Blau, Rot, Gelb, Grün und Altrosa, wiederum mit Weißhöhungen, die ebenso wie die beiden bis auf ihre roten phrygischen Mützen nackten Rankenkletterer den Einfluss des anglofranzösischen Channel-Style verraten. Auf dem unteren Bogen sitzen zwei weitere Gestalten in blau-roten Gewändern, welche die dünnen Ausläufer der Spiralranken und Blätter um die Buchstabenbögen schlingen und sie auf diese Weise verbinden. In merkwürdigem Gegensatz zu dieser qualitätvollen Initiale steht die Tatsache, dass das Initium Beatus vir qui non habiit in consilio impiorum [Ps 1,1] nicht geschrieben, sondern vermutlich nachträglich mit einem dünnen Instrument in den Goldgrund geritzt wurde. In ihrer Gestaltung sehr ähnlich ist die nicht historisierte Beatus-Initiale des gleichzeitig entstandenen Psalters Hamburg, SUB, Cod. 84 in scrin., 14r, Hamburg 7, 135–137; B. Braun-Niehr, Der Codex Vaticanus Rossianus 181. Studien zur Erfurter Buchmalerei um 1200, Berlin 1996, pass., Abb. 248 Nr. 69. Gleichartig gestaltete, ebenfalls mit kunstvoll spiegelsymmetrisch gegliederten Oktopusblättern in den genannten Farben gefüllte und identisch gerahmte Initialen auf Goldgrund, deren Buchstabenkörper wechselnd grün, rot und altrosa gefärbt sind, über 6–8, zumeist aber 7 Zeilen zur formalen Drei- und liturgischen Achtteilung des Psalters auf Bl. 35r, 51v, 66r, 66v, 82v, 102r, 120r, 122v und 139v. Die Oberlänge der auf Bl. 51v befindlichen, in Altrosa gehaltenen Initiale D wird von einem auf dem Rund des Buchstabenkörpers sitzenden roten Adler mit blauen Flügeln gebildet; als Cauda der Initiale Q auf Bl. 66r dient ein langgestreckter roter zweifüßiger Drache (Lindwurm) mit blattartig auslaufenden Schweif, dessen blauer Kopf sich in den altrosa Buchstabenkörper verbeißt; ein ähnlicher Drache findet sich wiederum in Cod. Guelf. 1075 Helmst., 62r bei Ps. 51. — Der Text ist durchgängig rubriziert und mit roten Versmajuskeln in Capitalis quadrata bzw. Unzialis versehen. Am Beginn der einzelnen Psalmen abwechselnd rote und blaue Lombarden über 2 Zeilen mit einfachem, noch sehr schematisch wirkendem Knospenfleuronée und anderen geometrischen Zierelementen, wie Linienbündeln, in der Gegenfarbe.

Der Codex war zunächst in einen romanischen Holzdeckelband mit Lederüberzug gebunden. Drei Doppelbünde. An den Rändern von Bl. 10, 35, 51, 66, 82, 102, 122 und 139v Spuren verlorener Blattweiser. Der stark beschädigte Einband wurde 1958 im Atelier von K. Desbarats (Stadtarchiv Freiburg/Br.) durch einen neuen Holzdeckelband mit weißem Ziegenlederüberzug und einer neuen Langriemenschließe ersetzt.

Herkunft: Aufgrund der Einträge im Kalendarium lässt sich der Entstehungszeitraum des Codex zwischen 1184/90 und 1210 eingrenzen. Dazu passen auch der paläographische Befund, die Ausführung der Miniaturen und das Fleuronnée; Einflüsse des Zackenstils sind nicht erkennbar. Die Schriftheimat ist im Nordharzraum, vermutlich in der Diözese Halberstadt zu suchen. Ob die Gemeinsamkeiten mit dem älteren Psalter Cod. Guelf. 1075 Helmst. eine Lokalisierung des Codex ins Augustiner-Chorherrenstift Hamersleben erlauben, kann an dieser Stelle nicht endgültig entschieden werden. — Die Nekrologeinträge im Kalendar belegen, dass sich der Codex zeitweilig im reichsunmittelbaren Kanonissenstift St. Servatius in Quedlinburg befunden hat. Das hohe Niveau von Schrift und Ausstattung legt nahe, dass er von Anfang an für ein Mitglied dieses Konvents bestimmt war. Der ungewöhnliche Memorialeintrag für den "Erfurter Latrinensturz" vom 26.7.1184 (s. unten) lässt vermuten, dass die Familie der ersten Besitzerin zu den Betroffenen dieses Unglücks gehörte. Der gegenwärtige Zustand des Codex deutet auf eine intensive und langandauernde Benutzung, sei es zu Andachts- oder Studienzwecken. Ob dies allerdings ausschließlich im Servatiusstift geschah und wie lange er sich dort befand, ist unbekannt. Da kein direkter Buchtransfer aus Quedlinburg nach Wolfenbüttel oder Helmstedt bekannt ist, gelangte der Psalter vermutlich über die Familie einer Besitzerin in einen der südniedersächsischen Frauenkonvente. Dabei könnte es sich um das Zisterzienserinnenkloster Wöltingerode gehandelt haben, das noch weitere Codices aus Quedlinburg besaß, deren Fragmente in den Wöltingeroder Bänden Cod. Guelf. 620 Helmst. und 1311 Helmst. nachgewiesen wurden, vgl. dazu Hoffmann Schreibschulen, 30 und 97f. — Sofern dies zutrifft, befand sich der Codex seit 1572 in der Bibliotheca Julia in Wolfenbüttel, in deren Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 293 [288]) der Codex unter der Signatur X 40 der Papalia Miscellanea als Ein alt Psalterium cum premissa historia Christi picta aufgeführt ist. Eine Verwechslung mit den Psalterien aus Wöltingerode ist ausgeschlossen, da diese an anderer Stelle genannt sind. Seit 1618 in der Universitätsbibliothek Helmstedt; im Handschriftenkatalog von 1644 aufgrund seiner Größe nicht explizit erwähnt, wird der Codex dagegen 1797 im Katalog von P. J. Bruns (BA III, 52) unter Nr. 1075 beschrieben: Psalmi et Cantica mutil. fine membr. 8°. — Die Hs. wurde 1810 nicht in die Universitätsbibliothek Göttingen überführt und ist unter der Katalognummer von Bruns in der Verlustliste der Göttinger Bibliothekskommisison vom Mai 1812 genannt, vgl. Göttingen, SUB, BA, B 25b:2, Promemoria der Göttinger Bibliothekskommission vom 9.10.1815, Anlage H, unfol., sondern verblieb, zusammen mit dem Codex I Hs 2 hinter einem Regal versteckt, im Juleum zu Helmstedt und wurde erst 1957 durch den Bibliothekar Rolf Volkmann wieder aufgefunden.

Haase Helmstedt, 105. — Volkmann, 67 (Hs. fälschlich als "Wöltingeroder Breviarium Romanum" genannt).

1r Miniatur (Taufe Christi, s. oben).

1v–2r Oratio cuiusdam sanctimonialis. (Text setzt ein) … de clementissima domina tota mentis et corporis intencione coram te in terra prostrata te deprecor … — … mater dei sis adiutrix ei que hec scri[psit]. Mit einer relativ dünnen Feder von einer ungeübt wirkenden und fehlerhaft schreibenden Hand (spalmodiis, diutrix mit superskribiertem a) in der ersten Hälfte des 13. Jh. auf den leeren Rückseiten der Miniaturen nachgetragen. Direkt darunter:

2r Versus. Von zwei Händen des 14. Jh. wurde direkt anschließend als Fortsetzung des Gebets zunächst das Marienresponsorium CANTUS 200464 (= Chevalier 2072, Druck bei Mone Nr. 484 im Apparat) nachgetragen. Darunter auf dem Fußsteg zwei mittelhochdeutsche Zeilen: Ich vrowe such daz ich mich beide herte vnd uogen [!] taghet Über jeder der stark abgegriffenen Textzeilen gotische Hufnagelnotation ohne Notenlinien.

2v Miniatur (Kreuzigung Christi, s. oben).

3r–8r Kalendarium. Nichtliturgisch, ohne Festgrade, Januar fehlt (Blattverlust). Angegeben sind Goldene Zahl, Sonntagsbuchstaben, römische Tageszählung (rot), daneben in Blau die Zeitspannen der Nonen, Iden und Kalenden durch spaltenweise übereinandergestellte litterae elongatae, zu den Medaillons mit den Tierkreiszeichen s. oben. Den Monaten sind jeweils die Merkverse der dies aegyptiaci vorangestellt: Ast Februi quarta est precedit [tertia finem] … — … Dat duodena cohors septem inde decemque Decembris. Druck: Grotefend 1, 36. Dazu Schaller/Könsgen 7597 und Suppl. (= Walther I 9771 bzw. Thorndike/Kibre 651.13). Das Kalendar entspricht in seinen Grundzügen dem der Diözese Halberstadt, vgl. Cod. Guelf. 40 Helmst., 3va–6rb, und Grotefend 2, 59–63, identisch: 4.2. Castoris presbyteris, 9.3. Gregorii episcopi, 30.3. Quirini martyris, 13.4. Euphemie virginis, 24.4. Alexandrini martyris, 9.5. Translatio sancti Nicholai, 26.5. Bede presbyteri, 3.12. Cassiani martyris. Hinzu kommen einige Sonderfeste des Kanonissenstiftes St. Servatius in Quedlinburg, die auch im sog. "Goldenen Hildesheimer Kalendarium" – Cod. Guelf. 13 Aug. 2°, vgl. zum Codex selbst Goldenes Hildesheimer Kalendarium. Faksimile der Handschrift Cod. Guelf. 13. Aug. 2° der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, hrsg. von H. Härtel, H. Wolter-von dem Knesebeck und W. Hohl, Stuttgart 2003; Schätze im Himmel, 340–343 Nr. 26 (M. E. Müller), sowie zu den Festen und Gedenkeinträgen E. F. Mooyer, Ungedruckte Nekrologien und Erläuterungen, in: Neue Mitteilungen aus dem Gebiet historisch-antiquarischer Forschungen 8 (1850), H. 3–4, 48–87, hier 70–83; Kroos Bildhandschriften, 194–196 – , nachgewiesen sind: 5.2. Agathe virginis, 13.5. Servatii episcopi, 3.6. Laurentini [!] (rot), 5.6. Bonefacii episcopi et sociorum eius, 12.6. Basilidis Cirini Naboris, 15.6. Viti Modesti Cresantii martyrum, 13.7. Margarete virginis 3.8. Inventio sancti Stephani prothomartyris, 13.8. Ypoliti martyris, 21.10. XI milium virginum, 8.11. Quatuor coronatorum, 22.11. Cecilie virginis, 29.12. Thome martyris in Cantuaria. Bemerkenswert sind außerdem die beiden Hildesheimer Sonderfeste Cantianorum adventus (1.4.) und Cantianorum (31.5.) sowie einige sonst im Nordharzraum nicht nachweisbare und eher in den frankobelgischen Raum gehörende Heilige: 25.10. Cleophe discipuli domini, 11.10. Gummari confessoris, 13.10. Venantii episcopi, 30.10. Seraphionis episcopi, 27.11. Valeriani confessoris, 10.12. Melchiadis pape. Ebenfalls nach Quedlinburg weisen mehrere nachgetragene Memorialeinträge für verschiedene Kanonissen (u. a. rot: 27.3. Ermengardis monacha obiit, 30.4. Margareta virgo obiit, 23.6. Mechtildis obiit, 28.7. Sophia virgo obiit, 24.9. obiit Mactildis conversa), Laien (u. a. rot 21.5. Eilart obiit, 18.7. Meinfredus laicus obiit, 7.9. Berterath laicus obiit), Priester (z. B. 18.10. Burchardus monachus obiit) und die beiden Quedlinbuger Äbtissinnen Beatrix II von Winzenburg († 2.4.1160, hier fehlerhaft am 1.4. als Beatrix abbatissa) und Adelheid III. von Sommerschenburg († 1.5.1184, hier am 1.5. als Athelheit abbatissa), beide auch in Cod. Guelf. 13 Aug. 2°, 3v–4r, Abdruck bei Mooyer, Ungedruckte Nekrologien (s. oben), 75 und 77. Die in Cod. Guelf. 13 Aug. 2° vorhandenen Einträge für nach 1200 verstorbene Mitglieder des Stifts fehlen hier ebenso wie die in Quedlinburg verehrte Kaiserin Kunigunde (kanonisiert 1200). Für die Identifizierung der Quedlinburger Provenienz und weitere Hinweise danke ich PD Dr. M. E. Müller, Hamburg. Einen Terminus post quem für den gesamten Codex liefert der bislang nur aus diesem Kalendar bekannte Memorialeintrag Memoria illorum qui Erpesfordie casu interfecti sunt zum 26.7., der sich auf den sog. "Erfurter Latrinensturz" vom 26.7.1184 bezieht, als während des Erfurter Hoftages von König Heinrich VI. das erste Obergeschoss der als Tagungsort vorgesehenen Dompropstei von St. Marien unter der Last der Anwesenden zusammenbrach, wobei etwa 60 Teilnehmer des Hoftages den Tod in der unter dem Gebäude befindlichen Abortgrube fanden. Eine Zusammenstellung aller Quellen dazu in: Die deutschen Königspfalzen. Repertorium der Pfalzen, Königshöfe und übrigen Aufenthaltsorte der Könige im deutschen Reich des Mittelalters, Bd. 2: Thüringen, bearbeitet von M. Gockel, Göttingen 2000, 127–131 Nr. 25.

8v–10r Miniaturen: 8v Verkündigung an Maria, 9r leer, 9v Himmelfahrt Christi, 10r Maiestas Domini (s. oben).

10v–174r Psalterium. Die Gliederung durch Zierinitialen (s. oben) kombiniert die formale Dreiteilung des Psalters (Ps 1, 51 und 101) mit der liturgischen Achtteilung nach dem Cursus romanus mit Einschnitten bei den Psalmen zur Matutin der Ferialtage (Ps 26, 38, 52, 68, 80 und 97) und den Psalmen für Vesper und Laudes ab Ps 109.

174r–181v Cantica VT. Incipiunt cantica. Nach Bl. 178 und Bl. 180 jeweils durch Verlust eines Bl. fragmentiert, es fehlen Hab 3,14–19 und Dt 32,1–7 sowie Dt 32,35–43 und Dn 3,57–69. Vgl. Stegmüller RB 21g.

181v–182v Cantica NT. Stegmüller RB 21h.

182v Te deum. Ymnus angelicus. Durch Verlust eines Bl. bricht der Text bereits im 4. Vers ab: Tibi cherubyn et seraphyn incessabili … Druck (u. a.): PL 86, 944A–D; Daniel 2, 276f. Nr. II. Zum Text CPL 650.

183r–184v Symbolum Athanasianum. (Text setzt ein) … tem in unitate veneremur. Neque confundentes personas neque substantiam separantes … — … firmiterque crediderit salvus esse non poterit. Durch Verlust eines Bl. fehlt der erste Teil des Textes, dazu CPL 167.

185r–188v Kyrie cum litaniis rogationibusque. Die Litaneien entsprechen weitgehend dem Kalendar. Die Anreden und Anfangsbuchstaben der Namen sowie die gleichen Teile der Litaneien und Rogationes in Spalten angeordnet und wechselnd in Rot, Blau und Grün gehalten. (185ra–186va) Kyrie. Diverse marginale Nachträge, auch mit Hilfsmitteln nicht mehr lesbar. (185ra–186va) Litaniae de trinitate etc. Bemerkenswert: sancta Maria ora pro nobis rot. (186va–b) Litaniae de discipulis domini. Darin Georgii rot. (186vb–187ra) Litaniae de sanctis martyribus. Darin Benedicte und Nicolae rot, Gregorii blau hervorgehoben, abschließend: o sancti confessores orate pro nobis und o sancti monachi et heremite orate pro nobis. (187ra–va) Litaniae de sanctis virginibus. Darin Catherina rot. (187va–188vb) Rogationes. Durch den Verlust eines Bl. unvollständig; der Text bricht im Gebet Ut episcopos et abbates … ab.

188v Preces minores. Preces. Ego dixi Domine miserere mei sana animam meam [Ps 40,5] … — … congregacio. Pro cuncto … (Text bricht ab). Durch Blattverlust fehlt der Schluss des Textes; erhalten sind neben dem Eingangsgebet kurze Fürbitten Pro pastore nostro, Pro rege nostro, Pro antistite nostro sowie Pro congregacione nostra.


Abgekürzt zitierte Literatur

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Chevalier Repertorium hymnologicum. Catalogue des chants, hymnes, proses, séquences, tropes en usage dans l'église latine depuis les origines jusqu'à nos jours, Bd. 1–6, ed. par U. Chevalier, Louvain u. a. 1892–1921
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Daniel H. A. Daniel, Thesaurus hymnologicus sive Hymnorum, canticorum, sequentiarum circa annum MD usitatarum collectio amplissima, Bd. 1–5, Leipzig 1855–1862
Grotefend H. Grotefend, Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, Bd. 1: Glossar und Tafeln, Bd. 2, Abteilung 1: Kalender der Diözesen Deutschlands, der Schweiz und Skandinaviens; Abteilung 2: Ordenskalender, Heiligenverzeichnis, Nachträge zum Glossar, Hannover 1891–1898, Nachdruck Aalen 1984
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