Transkription

Meyer, Franz Heinrich: Der in Erwegung göttlicher Wollthaten sich recht verhaltende Israeliter, welcher ... bey ansehnlicher und volckreicher Beerdigung des ... Johannis Niekamp, ..., nachdem er den 2ten Junii dieses lauffenden 1716ten Jahrs sanfft und selig abgeschieden ... .
[Inhaltsverzeichnis]
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Der In Erwegung Göttlicher Wollthaten sich recht verhaltende Israeliter / Welcher Auß dem 1. B. Mos. XXXII. 10. Bey ansehnlicher und Volckreicher Beerdigung Des weiland Hochwürdigen / in GOtt andächtigen und Hochgelahrten Herrn / HERRN JOHANNIS Niekamp / Gewesenen fürtrefflichen THEOLOGI, und beyder Städte Hildesheim in das eilffte Jahr treu-eiffrigen und Hochverdienten SUPERINTENDENTEN, Als Derselbe / Nachdem Er den 2ten Junii dieses lauffenden 1716ten Jahrs sanfft und selig abgeschieden / darauff den 7ten / als am Fest Trinit: in hiesiger Haupt-Kirche S. Andreae auff dem Chor zur Erden bestattet worden / Betrachtet und vorgestellet Von M. FRANCISCO HENRICO Meyer / Past. daselbst und Rev. Minist. Sub-Seniore.
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Hildesheim / gedruckt bey Michael Geißmarn.
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|| [ID00004]

Der Hoch-Edlen / Hoch-Ehr und Tugendbelobten Frauen / FRAUEN Annen Ilsabe Schmidts / Des Weiland Hochwürdigen / in GOtt andächtigen und Hochgelahrten Herrn / HERRN JOHANNIS Niekamps / Gewesenen treu-eiffrigen Lehrers / und beyder Städte Hildesheim hochverdienten SUPERINTENDENTEN und INSPECTORIS, Hinterlassenen hochbetrübten Frau Mittwen /
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Wie auch Denen Hoch-Edlen / Hoch-Ehr- und Tugendbegabten Frauen Töchtern / Fr. Marien Latharinen Niekamp / (TIT.) Herrn AUGUSTI Scissers / Hoch-Fürstl. Braunschweig-Lüneburgischen GENERAL - SUPERINTENDENTIS Zu Gandersheim / Ehe-Liebsten /
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Fr. Annen Elisabeth Niekamp / (TIT.) Herrn JOHANN CHRISTIAN Grebens / Wollmeritirten PASTORIS der Evangelischen zu Lambspringe und dazu-gehörenden Gemeinen / Ehe-Liebsten /
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Fr. Annen Sophien Helenen Niekamp / (TIT.) Herrn JUSTI THEODORI Gieselers / Treu-fleissigen PASTORIS der Christl. Wolffenbüttelschen Gemeine zur Heil. Dreyfaltigkeit / Ehe-Liebsten /
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Fr. Elisabeth Christinen Niekamp / (TIT.) Herrn JOHANN LUDEWIG Maurers / Treu-fleissigen PASTORIS der Christ-Evangegelischen Gemeine zu St. Pauli hieselbst / Ehe-Liebsten /
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Nicht weniger Denen in der Blühte schönster Hoffnung stehenden nachgebliebenen Lieben Söhnen Und Jungfer Tochter / ANTHON LUCAS Niekamp / FRIEDERICH WILHELM Niekamp / Igfr. Henrietten Amalien Eleonoren Niekamp / JOHANN LUCAS Niekamp / Seinen allerseits respectivè hochgeehrten Freundinnen und Gönnern /
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Ubergibt diese / Dero wohlseeligen Ehe-Herrn und Vater gehaltene und zum Druck verlangte / Leich-Predigt dienstschuldigst / nebst dem auffrichtigen hertzlichen Anwunsche / daß der GOtt und Vater alles Trostes / der da tröstet in Trübsahl / Sie allesam̅t reichlich trösten / und ihre hochbetrübte Hertzen durch das Erkäntniß seines heiligen und besten Göttlichen Willens / beruhigen und stillen / und alles das bey ihnen würcken und schaffen wolle / was zu ihrer warhafftigen Auffrichtung in GOTT / und heiliger Gelassenheit / auch in diesem Creutze GOTT zu preisen / nöhtig / nütz- und ersprießlich seyn mag /

Deroselben Treuer Vorbitter zu GOtt
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M. FRANCISCUS HENRICUS Meyer.
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I. N. J.
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DIe Gnade unsers HErrn und Heylandes JEsu Christi / die Liebe GOttes des Vaters / und die Gemeinschafft des Heiligen Geistes sey mit uns allen; und dieser Dreyeinige GOtt tröste sonderlich unter uns / die Er betrübet / Er heile / die Er geschlagen / Er verbinde / die Er verwundet! O! GOTT Vater schencke Ihnen und uns allen den Trost deines Geistes / um JEsu Christi willen. Amen!

Vor-Eingang.
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ANdächtige und Geliebte / zum Theil schmertzlichbetrübte und Leyd-tragende Hertzen: Von Johanne, dem Täuffer und Vorläuffer des Messiae lesen wir / daß Er für einen heiligen und frommen Mann geachtet und geschätzet worden sey. Denn so schreibet der Evangelist Marcus: (Marc. VI. 20.) Herodes aber furchte Johannem, denn er wuste / daß er ein frommer und heiliger Mann war / und verwahret Ihn / und gehorchet Ihm in vielen Sachen / und höret Ihn gerne. Nicht von dem Herode, dem Vierfürsten / dem wollüstigen Welt-Kinde / Blutschänder und ungerechten Tyrannen und Mörder / voritzo zu reden; bey welchem woll Furcht / aber keine wahre Gottesfurcht zu einer seligen Aenderung und Besserung / sondern
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nur eine blosse Menschen-Furcht / die den Sünden-Lauff woll in etwas hemmet / und die böse Wirckung zurücksetzet; aber den Willen zum Bösen nicht auffhebet / als der vielmehr bald wieder durchbricht / und den Lauff fortsetzet. (D. Martin. Chemnit. Harm. Evang. cap. 31. p. m. 266. b. De tali timore hominum elegans est Chrysost: Sententia: Timor Dei corrigit: Timor hominum differt malam operationem, voluntatem aut non auffert, sed retinet, donec offeratur opportunitas.) Ja war nicht eine schöne Furcht und Hochachtung Johannis bey dem Herode, da er Ihn doch bald / um der lieben Warheit willen / und weil er ihm seine eiternde Gewissens-Beule etwas hart angetastet / ins Gefängniß geleget und verwahret / und letztlich tödten lassen? (Matth. XIV. 3. 10.) Sondern allein auff den treuen und standhafften Diener GOttes / Johannem, zu sehen / so lautets recht schön von Ihm / daß Er ein frommer und heiliger Mann gewesen. Ja das wuste nicht nur der Gottlose Herodes, als der davon in seinem Hertzen zur Gnüge überzeuget gewesen / sondern es war auch bey dem Jüdischen Volck überall offenbahr / so daß man sich deßwegen häuffig zu ihm gehalten und von Ihm unterweisen lassen; Und wie hoch gedachte man Ihn nicht / wegen seiner besondern heiligen Aufführung / Lehr- und Lebens-Art / zu erheben? Er solte der Messias, oder Elias, oder doch ein grosser Prophet seyn. (Joh. I. 19. seq.) Was war Er aber? Ein frommer und heiliger Mann / und also ein GOtt-Engeln und Menschen beliebter und theurer Mann. Wie der Baum / so die Frucht: Wie die Eltern so die Kinder / wenn nicht allgemeinlich doch gemeiniglich. Johannis Eltern / der Vater Zacharias / und seine Mutter die Elisabeth / waren beyde fromm / , und giengen in allen Geboten und Satzungen des HErrn untadelich. (Luc. I. 6.) Und in solcher Fustapffen trat denn auch der Sohn / der war fromm / , gerecht und heilig / nicht daß er gantz vollkommen gerecht und heilig für GOtt gewesen / denn für GOtt ist kein Lebendiger gerecht (Ps. CXLIII. 2.) und niemand so heilig / daß er ohne alle Mängel und Gebrechen seyn solte; Da ja auch unter seinen Knechten oder Heiligen keiner ohne Tadel / und in seinen Boten GOtt Thorheit gefunden. (Hiob. IV. 18.) Sondern Er beflisse sich mit allem ungeheucheltem Ernste und Eifer der wahren Gerechtigkeit und Heiligkeit / die für GOTT gefäl
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lig. (Luc. I. 75.) Erwandelte für GOtt und war from̅. (Gen. XVII. 1.) Er war wie Noah, ein from̅ Mann / und ohne Wandel / und führet ein göttlich Leben. (Gen. VI. 9.) Heilig und from̅ war Er in der Lehre / und auch im Leben. In beyden war Er ein brennend und scheinend Licht / wie der HErr JEsus selbst von Ihm zeuget. (Joh. V. 35.) Ob ein brennendes und scheinendes Licht über seinem Häupte / bey seiner Gebuhrt / gesehen worden / wie Kessaeus, ein Muhammedanischer Scribente / anführet / (D. Thomas Ittigs Spiegel der wahren Frömmigkeit. pag. 50.) davon schreibet der Evangelist Lucas nichts / daher nicht unbillig daran gezweifelt wird. Und gnug daß Er geleuchtet und geschienen / richtig und eiffrig lehrend / und auch heilig und unsträfflich wandelnd. Er lehrete ohne Furcht / getrost ruffend / und seine Stimme erhebend wie eine Posaune / (Es. LVIII. 1.) und achtete auch der schweresten Verfolgung nicht.
Ohn Menschen Scheu nur GOtt getreu / war sein rechtes Symbolum, dabey Er denn so demühtig und gering in seinen Augen für seinem GOtt und Heylande / daß er sich auch nicht wehrt achtete / seines Königes und Herrn Schuh-Riemen auffzulösen. (Joh. I. 27.) Aber wir wenden uns / Geliebte / von diesem JOHANNE zu einem andern / nemlich zu unserm in GOtt nun selig entschlaffenen / und für unsern Augen jetzt niedergesetzten JOHANNEM, den weiland Hochwürdigen / in GOtt andächtigen und Hochgelahrten Herrn JOHANNEM Niekamp / gewesenen Treu-eiffrigen Lehrer / und beyder Städte Hildesheim jederzeit wachsamen und unverdrossenen SUPERINTENDENTEN; einen auch theuren und wehrten Gottes-Mann. Und von dem solten wir woll viel melden / dabey wir in allen die Warheit sagen würden: allein die Demuht seines Hertzens / und sein Mißfallen an dem äusserlichen Ruhm / so wir in seinem Leben an Ihm verspühret / hemmet meine Zunge / daß ich nicht thun darff / was ich sonst woll solte. Jedennoch muß ich das sagen / was ihr alle wisset / und was nicht nur an diesem / sondern mehrern Orten bekant; nemlich / daß Er ein frommer und heiliger / und dabey grund gelahrter und geschickter JOHANNES gewesen / der in Lehr und Leben / in Kirchen und Schulen / fürtrefflich geleuchtet / und manchen / manchen hellen Schein von sich gegeben.
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Und das ist es denn / daß uns dauren / und unsere Hertzen durchschneiden soll / daß wir einen solchen Mann / der nicht nur unterweiset war den Weg des HErrn / sondern die Ihm anvertraueten darinn auch treulich unterwiese; der da redete mit brünstigem Geiste / und lehrete mit Fleiß von dem HErrn / und der da mächtig war in der Schrifft / wie Apollo, (Act. XVIII. 24. 25.) der da hielte ob dem Worte / das gewiß ist / und mächtig war zu ermahnen / durch die heilsame Lehre / und zu straffen die Widersprecher / dazu Paulus Titum ermahnete / (Tit. I. 9.) der da geflissen war GOtt zu erzeigen einen unsträfflichen Arbeiter / der da recht theilete das Wort der Warheit / wie Timotheus sich also zu verhalten erinnert wurde / (2. Tim. II. 15.) daß wir / sage ich / einen solchen Wächter und Hirten / einensolchen Vater und Beter / einen solchen Lehrer und Führer verlohren / und so verlohren / daß wir sein Angesicht hinfort nicht mehr sehen werden. Ja! solte Euch solches nicht betrüben / alle die ihr Ihn recht gekannt / und seine Frömmigkeit und Heiligkeit / als folgsame Schäfflein dieses eures Hirtens / woll observiret? Solte Euch solches nicht betrüben / Ihr lieben Obern? Ich bin versichert / Ihr werdet betrübt sagen: Wir haben einen frommen heiligen JOHANNEM, und einen mit dem Mose sich woll stallenden Aaronem verlohren. Solte Euch solches nicht betrüben / Ihr nunmehr gleichsam verwäisete Glieder des Evangelischen Ministerii? Ich darff nicht zweifeln Ihr werdet mit bekennen; Wir haben einen frommen / heiligen / gelahrten und Fried-liebenden JOHANNEM verlohren / einen so theuren Eliam. Solte Euch solches nicht betrüben / Ihr wehrten Schul-Lehrer und Praeceptores? Ich glaube gewiß / Ihr werdets bekümmert gestehen; Wir haben einen frommen / heiligen / fleissigen und exemplarischen JOHANNEM verlohren. Solte Euch solches nicht betrüben / Ihr Christ-Evangelischen Stadt-Gemeinden? Ich traue es Euch zu / Ihr werdet traurig ausruffen: Wir haben einen frommen / heiligen / nicht die Ohren nur kitzelenden / sondern die Hertzen nachdrücklich rührenden gewaltigen Lehrer und JOHANNEM verlohren. Der Hoch-hertz-und schmertzlich-bekümmerten Frau Wittwen / Frauen und Jungfer Töchter / respectivè Herren Schwieger- und sonsten nachgebliebenen / sich woll-anlassenden Söhne hätte ich zuerst gedencken sollen; aber Derselben sonderliches Leyden ist ohne dem
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offenbahr / und zeugen ihre thränende Augen und Hertzen gnugsam / daß Sie einen redlichen / frommen und heiligen Mann / Vater und Schwieger-Vater verlohren. Und was soll ich / für mich / noch sagen? Mein GOtt / der da alles weiß / der weiß es / ich schwiege lieber / denn daß ich redete / und redete doch gerne / wenn ich nicht für grosser Hertzens-Bekümmerniß schweigen müste. Mein Vater / ach mein Vater! du frommer / heiliger und theurer JOHANNES! Mein Vater / mein Vater! so bist du nun auch mir entzogen und meinen Augen entrissen? das thut mir warlich weh! Du liebtest mich / und Ich ehrece Dich. Doch auff / und hinauff ihr betrübte Augen und Hertzen / ihr seyd / welche ihr seyd! Unser frommer und heiliger JOHANNES ist nicht gar verlohren. Als ich Ihm in seiner schmertzlichen langwierigen Kranckheit / in welcher / wie sonst allezeit / GOttes Wort sein bester Trost und süsseste Ergetzung war / den Kern-Spruch Christi fürhielte: (Joh. III. 16.) Also hat GOtt die Welt geliebet / daß Er seinen eingebohrnen Sohn gab / auffdaß alle / die an Ihn gläuben / nicht verlohren werden / sondern das ewige Leben haben; sprach Er zu mir: Das ist meine cordiale und eintzige Hertzens-Stärckung mit dem sehligen Luthero, denn auch ich / weil ich gläube an JEsum Christum / werde nicht verlohren werden / sondern das ewige Leben haben. Und also wollen wir uns trösten und nicht zweifeln / unser Lehrer lebe / ob Er gleich gestorben / (Joh. XI. 25. 26.) Er sey hingefahren in Friede / (Luc. II. 29.) der Tod sey Ihm ein Schlaff worden. Indessen wollen wir dieses unsers grossen Lehrers / der uns das Wort GOttes gesagt / stets gedencken / dessen Ende anschauen und seinen Glauben nachfolgen / (Hebr. XIII. 7.) und sonderlich am gegenwärtigen seinem letzten Ehren- und Gedächtniß-Tage dem nachsinnen / was Er uns in seinem / längst selbst erwehlten / Leich-Texte / zu unserer Nachfolge / hinterlassen hat. Daß nun aber der HErr unser GOtt uns dazu seine Gnade und den kräfftigen Beystand seines Heiligen Geistes verleihe / so wollen wir Ihn darum demühtig und kindlich anruffen / in einem stillen / doch gläubigen und andächtigen Vater Unser.
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Der / von unserm wohlseligen Herrn SUPERINTENDENTEN, selbst-erwehlter Leich-Text ist genommen aus dem 1. Buch Mose XXXII. und lauter vers. 10. wie folget:
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ICh bin zu gering aller Barmhertzigkeit / und aller Treue / die Du an deinem Knecht gethan hast.

Eingang.
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ANdächtige und geliebte / zum Theil schmertzlichbetrübte und leydtragende Hertzen; Wie es dem Johanni ein feiner Ruhm war / daß Er ein frommer und heiliger Mann gewesen; So gereichet es dem Nathanael nicht weniger zu grossen Ehren / wenn der HErr JEsus / der Mund der Warheit / von Ihm gezeuget und ausgesprochen: Siehe ein rechter Israeliter / in welchem kein falsch ist. (Joh. I. 47.) Und schicket sich auch dieses Lob nicht weniger gar woll auff unsern gehabten und gewesenen / leyder! gehabten und gewesenen Bischoff und SUPERINTENDENTEN: Siehe ein rechter Israeliter / in welchem kein falsch war. Wer dieser Nathanael, der Persohn nach / eigentlich gewesen / davon haben wir keine vollkommene / noch zulängliche Nachricht / darauff wir uns verlassen könten / sintemahl ihn der eine für diesen / der andere aber für einen andern / und der dritte noch für einen andern angesehen und gehalten / von welchen allen aber der Jesuit, Adam Conzen, nicht übel geurtheilet: conjecturis niti, es seyn blosse Muhtmassungen ohne Grund und Gewißheit. (vid. D. Seligmanns gepriesene Seligkeit der Kinder GOttes. p. m. 257. 258.) Was sonsten seinen Namen belanget / so ist derselbe ein Hebräischer Name / und bedeutet eben das / was bey dem Griechen Theodorus, und bey dem Heil. Augustino à Deo datus, eine Gottes-Gabe. (Doct. Martini Chemnitii Harm: Evang. c. 25. p. 212.)
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Und mögte Er auch woll eine edle GOttes-Gabe heissen / als welchen der treue GOtt / nach seiner unerforschlichen Barmhertzigkeit / nebst vielen andern / dem HErrn JEsu gegeben / zu dessen seligmachenden Erkäntniß zu gelangen / und dadurch gerecht und selig zu werden; derer Ihm gegebenen der HErr JEsus in seinem heissen Gebet und kräfftigen Vorbitte zum öfftern für seinem himmlischen Vater gedacht / und selbige Ihm treulich anbefohlen. (Joh. XVII. 6. 9. 11. 12. 24.) Denselben hatte der schon bekehrte und zum Erkäntniß und Glauben gebrachte Philippus suchend gefunden / und ihm die bona nova, das höchst-erwünschte Gut / die Offenbahrung und Erscheinung des längst verlangten Messiae, kund gethan und verkündiget: Wir haben den funden / von welchem Moses im Gesetz / und die Propheten geschrieben haben / JEsum / Josephs Sohn von Nazareth. (Joh. I. 45.) Ob ihm nun woll der Nathanael aus Schwachheit solches nicht einbilden konte / sprechend: Was kan von Nazareth gutes kommen? so gieng Er doch / auff des Philippi anfodern / willig und gerne mit / begierig die Warheit recht zu fassen / und derselben gewiß zu seyn. Und als der grosse Erlöser und Liebhaber des Lebens nun diesen zu sich kommen sahe / sprach Er zu denen / die bey Ihm waren / von ihm: Siehe ein rechter Israeliter / in welchem kein falsch ist. Es war aber dieses (1.) ein feiner und schöner Ruhm: A malis laudari, nulla laus, à bonis laudari, optirna laus, Von Bösen gelobet werden / ist nicht allemahl ein richtiges und gutes Lob / aber von Guten und Frommen gelobet werden / ist ein feiner glaubwürdiger Ruhm. Nun war der HErr JEsus gut und from / und kein böses an Ihm / (Deut. XXXII. 4.) und daher war sein Zeugniß von dem Nathanael desto fester und bündiger. Es war (2.) ein merckwürdiger Ruhm / welches das Wörtlein siehe anzeiget: Siehe ein rechter Israeliter / h. e. mercket auff und betrachtets recht / Ihr / die ihr bey mir seyd / sehet / Der / Der ist ein rechter Israeliter. Es war (3.) ein gewisser und untrieglicher Ruhm / als welchen Ihm der allkündige JEsus beygeleget / der da Hertzen und Nieren prüfet. (Jerem. XVII. 10.) Ja was kan dem fehlen / der alles weiß? Was kan dem verborgen seyn / dem alles bloß und entdecket für seinen Augen? (Hebr. IV. 13.) der da weiß was in dem Menschen ist / (Joh. II. 25.) und alle
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Dinge? (Joh. XXI. 17.) Es war denn (4.) auch ein herrlicher Ruhm / welcher darinn bestand / daß Er ein rechter Israeliter / darin kein falsch war. Warum ihn der HErr JEsus einen Israeliten genennet / solches ist ohne Zweifel bekant: nemlich weil er einer von den Nachkommen Israels / des gläubigen und frommen Ertz-Vaters; derselbe hieß sonst mit seinem / von Menschen ihm gegebenen / Namen Jacob. (Gen. XXI. 26.) Nachdem er aber mit GOtt und Menschen gekämpffet und obgelegen / solte er nicht mehr Jacob, sondern Israel heissen / (Gen. XXXII. 28.) und die nun daher kommen und entsprossen / wurden Israeliten genennet. Allein da waren leyder! nicht alle Israeliten / die von Israel entstammet; (Rom. IX. 6.) dem Fleische zwar nach / aber nicht nach dem Sinn und Geiste Israels / das ist / seinem Glauben und Wercken nach. Ja die meisten wolten woll / wie Abrahams / also auch Israels Kinder und Nachkommen heissen / und thaten doch weder Abrahams / noch Israels Wercke. (Joh. VIII. 39.) Aber nicht von solchen Bastarten und Abtrünnigen / sondern rechten und echten Kindern Israels war Nathanael, dannenhero er von Christo nachdrücklich genennet worden , ein rechter / ein wahrer / ein rechtschaffener Israeliter / welcher den GOtt Israels recht kante / denselben auffrichtig fürchtete / und in seinen Geboten unsträfflich einher gieng. Er war einer von denen / die auff den Trost Israels mit Verlangen warteten. (Luc. II. 25.) Sebastianus Barradius hat dafür gehalten / es habe der Nathanael gleich dazumahl / als ihn der HErr JEsus unter dem Feigen-Baum erblicket / im Glauben brünstig und eiffrig zu GOtt gebetet / nicht weniger in der Schrifft andächtig gelesen / und darin den Messiam gesucht: welches der gelehrte Lightfoot gleichergestalt für wahrscheinlich gehalten. (vid: D. Seligmann. d. l. p. 260.) Wir Gel. stellens dahin; doch müssen wir freylich glauben / daß er in heiligen und guten Gedancken und Uberlegungen begriffen gewesen / denn sonsten / so er daselbst sich übel verhalten / würde ihm dieses herrliche Lob nicht gegeben seyn. So aber muste es heissen: Siehe ein rechter Israeliter / und ja ein solcher rechter und wahrer Israeliter / in welchem kein falsch war: welches nicht also zu verstehen / als wenn der Nathanael gar ohne Sünde / ohne Tadel und Fehler gewesen / nein! denn das kan man von niemand sagen / als nur von einem / nemlich dem HErrn Christo / GOttes und Marien Sohne / unserm Heylande / in dessen Munde allein niemahlen ein Betrug erfunden wor
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den / (1. Petr. II. 22.) den keiner einiger Sünde zeihen können / (Joh. VIII. 46.) der von keiner Sünde wuste: (2. Cor. V. 21.) hingegen aber sind alle Menschen falsch / und allzumal Sünder. (Rom. III. 4. 23.) Wenn demnach der HErr JEsus von dem Nathanael sagt / daß er ohne falsch gewesen / so will Er damit von ihm zeugen / daß Er bey selbigem ein in der Warheit und Auffrichtigkeit beflissenes und ergebenes Hertz gefunden / welches in der Warheit von GOtt / von seinem Nächsten / und auch von sich selbst geurtheilet / welches sehnlich den Messiam gesuchet und verlanget / welches bußfertig / demüthig / gläubig / und in der Auffrichtlgkeit des Geistes einen heiligen Tugend-Wandel für GOtt geführet. Es war bey ihm alles in guter Ordnung / so daß Glaube / Liebe und Hoffnung unzertrennliche Schwestern waren / und blieb er in allen gelassentlich seinem GOtt ergeben. Man schreibet / daß in Paphlagonien Rebhüner gefunden werden / welche 2. Hertzen haben sollen; Das ist ein Bild der falschen und betrieglichen Welt: die heuchelt und schmeichelt von aussen / neidet und feindet aber von innen. Bey wahren Israeliten ist ein Hertz / , ein warhafftiges Hertz / (Hebr. X. 22.) das dem argen feind / und nicht gleich denen übertünchten und geschmückten Todten-Gräbern / die voller Todten-Gebeine und alles Unflats. (Matth. XXIII. 27.) Und ein solches Hertze hatte der Nathanael, nach dem Zeugniß JEsu / der das Hertze ansiehet. (1. Sam. XV. 7.) Er war ein rechter Israeliter / in welchem kein falsch war. Der selige Doct. Martinus Chemnitius schreibet / (Doct. Chemnitii Harm. Evang. in h. l.) es habe der HErr JEsus allhier zurück gesehen auff die historiam Jacobi, oder Israels / und mit selbigem Ertz-Vater den frommen Nathanael verglichen. Denn es zeuget der Heilige Geist von dem Jacob: (Gen. XXV. 27.) Jacob war ein fromm Mann und blieb in den Hütten / vir integer, ein auffrichtiger und aller Redlichkeit und Gottseligkeit nachjagender Mann / bleibend in den Hütten. Welches einige also erkläret: Er habe ein eingezogenes frommes und stilles Leben geführet; Andere aber / zum Exempel Chaldaeus, Er habe sich gerne und mit Lust in den Hütten / wo man GOttes Wort rein und lauter geprediget / eingefunden / und sonderlich die Schulen Eberi und Abrahae, welche annoch im Leben gewesen sind / fleissig besuchet / (D. Abraham Calov. Comment. in Gen. in h. l. scribit: Chaldaeus aliter, erat minister, h. e. auditor doctrinae frequens, visitavit scholas Eberi & Abrahae, qui adhuc in vivis erant.)
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darinn Er dann woll studiret / seinen GOtt und sich selbst recht zu erkennen / wie Er denn solches hernechst in praxi und in der Ubung woll erwiesen / als davon Er unter andern in den verlesenen Text-Worten eine gar herrliche Probe abgeleget hat. Nun der guten Art war freylich auch Nathanael, ein GOtt und sein Wort liebender / und darnach sich rechtschaffen achtender Israelit / deswegen der HErr JEsus ihm den Ruhm und das Lob beyleget / daß er ein rechter und wahrer Israeliter / in welchem kein falsch. Gel. Wir irren nicht / sondern zeugen die Warheit / wenn wir einen gleichen Außspruch von unserm gewesenen theuren und treuen Lehrer und SUPERINTENDENTEN, dem wollseligen Herrn JOHANNE Niekamp / thun. Warlich / der war ein von GOtt uns gegebener Mann (und O daß wir Ihn noch hätten!) Er war ein rechter Christlicher Israeliter / ohne falsch. Klug wie die Schlangen / aber ohne falsch wie die Tauben / (Matth. X. 16.) in des Geist kein falsch war. (Psalm: XXXII. 2.) Dessen Ruhm und Zeugniß seines Gewissens war / daß Er in der Einfältigkeit und Göttlicher Lauterkeit / nicht in fleischlicher Weisheit / sondern in der Gnade GOttes gewandelt. (2. Cor. I. 12.) Ein Israeliter wie Israel / in Glauben und in Leben; Ein Israeliter wie Israel / GOtt dienend ohne Heucheley und nicht mit falschen Hertzen. (Sir. I. 32.) Ein Israeliter wie Israel / sich je und allezeit für GOtt bußfertig demühtigend / und dem die Ehre allein / in Erwegung aller empfangenen Gnaden-Schätze / in geistlichen und leiblichen / darlegend; non mihi, ruffend / non mihi, sed Tibi, Domine, sit gloria, nicht mir / nicht mir / sondern Dir / O GOtt! allein sey Ehre / Preiß und Ruhm. Nichts von mir und meiner Würdigkeit / sondern alles von Dir und aus der unerschöpfflichen Qvelle deiner pur lautern Gnade und Barmhertzigkeit: Ich bin zu gering aller Barmhertzigkeit und aller Treue / die Du an deinem Knecht gethan hast. Welche Worte Israels oder Jacobs Er denn längst sein eigen gemacht / und zu seinem Gedächtniß-Texte / der nach seinem seligen Abschiede aus diesem müh- und Jammer-vollem Leben erkläret werden solte / auserwehlet hat. Wir wollen dann / wie wir ja billig sollen / auff die / in tieffer Demuht / danckbahren Hertzen dieser beyden Israeliten mit Fleiß schauen / und zu unserer guten Erbauung und nöhtigen Nachfolge uns daraus kürtzlich und einfältig vorstellen:
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Den In Erwegung Göttlicher Mollthaten sich recht verhaltenden Israeliten / Dabey wir zu betrachten finden / Wie Er In Betrachtung solcher Erstlich Sich derselben gantz unwürdig / Zum andern Seinen GOTT aber solcherwegen ruhmwürdig erkannt und bekannt.
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HErr / unser GOtt / du GOtt Israelis / gib Geist und Krafft zu deinem Worte / und hilff gnädiglich / daß auch anjetzo dadurch zuvoderst die Ehre und der Preiß deines herrlichen Namens / und dann die Erbauung unsers Christenthums / zu unser aller Heil und Seligkeit / befodert werde / um unsers HErrn und Heylandes JEsu Christi willen. Amen.
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Abhandelung.
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GEliebte und Andächtige in dem geliebtesten JEsu. Ein rechtschaffener Israeliter betet / wie allezeit / (Luc. XVIII. 1.) und ohn unterlaß / (1. Thess. V. 17.) also auch und sonderlich / wenn die Tage der Trübsalen einbrechen / und sein Glücks- und Stern-Himmel / so zu reden / wöllkigt und trübe wird. Ja alsdenn hat er des lieben Gebets am allernöhtigsten / so daß Er auch keinen bessern Raht noch Mittel weiß / als beten / dazu ihn dann sein GOtt selbst auffgefodert: Ruffe mich an in der Noht / so will ich dich erretten / so solt du mich preisen. (Psalm. L. 15.) Creutz und Elend sind gleichsam wie die Jagd-Hunde / die uns den Bergen zujagen; wie jene adeliche gottselige Matron dafür gehalten und zu sagen pflegen. Denn wie sonsten das von irrdischen Windspielen oder Jagd Hunden verfolgte Wild zu denen Menschen getrieben wird / und daselbst Schutz und Sicherheit in der Noht suchet; also treibet Angst und Noht die Menschen zu GOTT / denselben anzulauffen / anzuruffen und anzuschreyen; wie Esaias solches bezeuget: HERR / wenn Trübsahl da ist / so suchet man dich / wenn Du sie züchtigest / so ruffen sie ängstiglich. (Es. XXVI. 16.) Es richtet aber ein wahrer betender Israeliter sein Gebet also richtig und woll ein / daß er (1.) die göttlichen Gnaden-Verheissungen voran setzet / und darauff fest bauet und trauet; Ferner und (2.) der vorhin empfangenen vielen und grossen Wollthaten eingedenck ist / und dabey seine Unwürdigkeit / hingegen aber seines GOttes Ruhmwürdigkeit erkennet und bezeuget; Und dann (3.) um Hulffe und Errettung / um Beystand und Trost / um Schutz und Schirm seinen GOTT hertzlich / inbrünstig / beständig und gelassentlich anflehet. Und siehe / also woll und löblich hat sich unser Jacob verhalten. Derselbe war in nicht geringe Angst / sondern in schwere Furcht und Schrecken gerathen / als Er / auff seiner Rüchreise aus Mesopotamien in sein wehrtes Vaterland / von dem Anzuge seines feindlichen Bruders / des Esau / von welchem Er keine Gedancken des Friedes / sondern des Leydes / zu vermuhten / benachrichtiget worden.
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Und da verzagte er nun bald an seiner Macht und allem seinem Vermögen / und fürchtete sich sehr. Denn was solte er mit seinem schwachen und ungeübten Gefolge wider einen vermeintlichen muthigen und dazu erzürneten Held / der 400. tapffere Männer bey sich führete / ausrichten? Es war da auch alles fliehen vergeblich; denn der gefürchtete Feind war ihm zu nahe auff dem Halse. Was zu thun? Eine eintzige Flucht / oder vielmehr Zuflucht / war ihm nur noch übrig / und die war auch die rechte und beste: Nemlich / er wandte sich zu GOTT / der da sein Fels / seine Burg / sein Erretter / sein GOtt und Hort / auff den er trauete / der Schild und Horn seines Heils / und sein Schutz. (Ps. XVIII. 1. 2.) Er hub sein Hertze / Hände und Augen auff zu den Bergen / von welchen Ihm Hülffe kommen kunte / zu dem HErrn / dem gnädigen / barmhertzigen und allmächtigen GOtt / der Himmel und Erden gemachet hat. (Ps. CXXI. 1. 2.) Zu dem betete Er eyffrig / gläubig und zuversichtiglich. Sein Gebet lautet: GOtt meines Vaters Abraham / und GOtt meines Vaters Isaac / HErr / der du mir gesagt hast: Zeuch wieder in dein Land / und zu deiner Freundschafft / Ich will dir wollthun: (So hielt er seinem GOtt im Gebet für sein Wort und versprochenes Wollthun /) Ich bin zu gering aller Barmhertzigkeit / und aller Treue / die du an deinem Knecht gethan hast / denn ich hatte nicht mehr / weder diesen Stab / da ich über den Jordan gieng / und nun bin ich zwey Heer worden. (So gedachte Er an die vorigen Zeiten / und an die Werck und Wollthaten GOttes / die Er ihm aus lauter Gnaden / ohn sein Verdienst / erwiesen: Errette mich von der Hand meines Bruders / von der Hand Esau etc. (So suchte er ferner Barmhertzigkeit / Schutz und Hülffe.) Wenn der selige Lutherus dieses Gebet woll
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behertziget / schreibet Er: (Lutheri Auslegung des 1sten Buchs Mosis in h. l. vid. Tom. IX. Altenb: fol. 1010.) Diß ist ein herrliches Exempel eines fürtrefflichen Gebets / das alle Eigenschafften hat / die zum guten Gebet gehören. Und bald darauff: (l. c. fol. 112.) Es ist ein langes Gebet / so viel das Seufftzen belanget / denn da hat er die gantze Nacht und den gantzen Tag geseufftzet / wiewoll der Worte fast wenig sind. Ja ein Gebet ist es / daß da GOttes Vater-Hertz um und um ergriffen / und solches dergestalt gefasset und gehalten / daß GOtt erhören und dem Supplicanten seine Bitte gewehren müssen. Wir sehen vor dasmahl nicht auff alles / sondern nur allein auff das Mittlere / wie da nemlich Jacob, in Erwegung Göttlicher Wollthaten / so ihme bereits wiederfahren / sich derselben gantz unwürdig erkant und bekant / seinen GOtt aber um solcherwillen höchst ruhmwürdig geschätzet und gepriesen.

Erstlich
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GEtreffend seine / des Jacobs / erkante und bekante Unwürdigkeit / so fand Er solche Theils in Betrachtung sein selbst und seines Zustandes / Theils auch in Betrachtung seines GOttes und dessen überschwenglichen und mannigfaltigen Güte. Sich und seinen Zustand auffrichtig erwegend / befand Er sich nicht mehr denn einen unnützen und unwehrten Knecht GOttes zu seyn / wenn Er seufftzete: Du / O GOtt! hast Barmhertzigkeit und Treue gethan an deinem Knecht. Ja höher und grösser wolte und konte sich Jacob nicht außgeben / als nur einen seinem GOtt und HErrn / seinem Schöpffer und Erhalter verbundenen und verpflichteten Dienst-Knecht. Zwar wenn wir sonsten den Jacob ansehen und betrachten / so war er für menschlichen Augen woll fürnehm / groß und hoch genug. Er war nemlich einer von denen gläubigen Ertz-Vätern und Patriarchen / ein Groß-Sohn des Abrahams / und ein Sohn des Isaacs / ein geehrter und geliebter Mann. So war er auch ohne allen Zweifel ein theurer Sohn und trautes Kind GOttes des himmjischen Vaters / sintemahl er im festen Glauben an den / im Paradies versprochenen / Messiam hing / und auff das Heil GOttes mit Verlangen wartete. (Gen. XLIX. 18.) Nicht weniger hatte Ihm der gnädige und barmhertzige GOtt gleiche
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Verheissung / wie seinem Vater und Groß-Vater / gegeben: Ich bin der HErr / Abrahams deines Vaters GOtt / und Isaacs GOtt / das Land / da du auffligest / will ich dir / und deinem Samen geben. Und dein Same soll werden / wie der Staub auff Erden / und du solt ausgebreitet werden gegen den Abend / Morgen / Mitternacht und Mittag. Und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlecht auff Erden gesegnet werden. (Gen. XXVIII. 13. 14.) Siehe ein solcher Mann war Jacob / hoch erhaben von GOTT selbst / als aus dessen Samen der Messias kommen und gebohren werden solte. Allein je höher / je demüthiger; je grösser / je niedriger. Dazu der gute Ethicus Sirach uns auch treulich ermuntert und ermahnet / schreibend: Je höher du bist / je mehr du dich demüthige / so wird dir der HErr hold seyn. (Sir. III. 19.) Also demüthigte sich auch der grosse Glaubens-Vater Abraham / wenn Er sich für GOtt stellete und mit dem redete / Ich habe mich / sprechend / unterwunden zu reden mit dem HErrn / wiewoll ich Erde und Asche bin. (Gen. XVIII. 27.) Und gewißlich ist der Mensch auch von der Erden genommen / und muß wieder zur Erden kommen; Was erhebet sich dann aber die arme Erde und Asche? Ist er doch ein eitel schändlicher Koth / weil er noch lebet. (Sir. X. 9.) Die gläubigen Ertz-Väter / wie geehrt und hochgeachtet Sie sonsten auch waren / dachten doch an nichts grosses; Sie hielten nichts mehr von sich / als wie sichs gebührte zu halten; (Rom. XII. 3.) sondern sie demüthigten sich unter die gewaltige Hand GOttes. (1. Petr. V. 6.) Und ja auch darinn war Jacob ein Kämpffer und Uberwinder / ein Uberwältiger und Untertreter / daß er sein von Natur stoltzes Fleisch woll zu unterdrucken wuste. Wahr ist es / daß unser verderbtes Fleisch und Blut gar zu gern hoch hinan und groß seyn will: Aber wahre Israeliter zutreten die auffsteigende stoltze Gedancken bald in dem ersten Grase; und die sind die tapffersten / von denen es heist:
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Fortior est, qui se, quam qui fortissima vincit Moenia. Weit tapfferer ist der zu schätzen / der sich selbst / als der die stärcksten Festungen / Schantzen und Bollwercke überwindet und überwältiget.
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So achtete sich denn unser Jacob nur ein Knecht GOttes zu seyn; wie auch sein Groß-Vater Abraham / der für dem HErrn / dem Sohn GOttes / als er ihn in angenommener Gestalt besuchte / nieder zur Erdenfiel / und sprach: HErr habe ich Gnade für deinen Augen funden / so gehe nicht für deinem Knecht über. (Gen. XVIII. 3.) Und sonderlich demüthigte sich also der Mann nach dem Hertzen GOttes David / wie aus seinen vielen Pfalmen bekant. Unter andern ruffet Er: O HErr! ich bin dein Knecht / ich bin dein Knecht / deiner Magd Sohn. (Ps. CXVI. 16.) Welches dann denen Gläubigen gar keine Unehre oder Schande / sondern vielmehr die grösseste Ehre / Herrlichkeit und Freyheit ist. Der Welt / des Satans und der Sünden Knechte seyn / ist Schande und Unehre / darauff der Tod und das Verderben folget; Aber GOtt dienen / und GOttes Knechte und Mägde seyn / ist allerdings rühmlich und löblich / und findet am Ende das ewige Leben. (Rom. VI. 20. seq.) Ja war es nicht dem grossen Fürsten und treuen Regenten des Israelitischen Volcks / dem Mosi, eine grosse Ehre / wenn GOtt selbigen / ihm nach seinem Tode gleichsam parentirend / rühmete / daß er sein Knecht gewesen? Mein Knecht Mose ist gestorben. (Jos. I. 2.) Imo sufficit ad omnem dignitatem, quod tanti Domini appellamur servi, das ist uns genug zu aller Herrlichkeit / wenn wir eines solchen HErrn Knechte und Diener heissen / wie Basilius redet. Hält man doch heutiges Tages diejenigen hoch / die eines grossen Herrn Diener sind. Wer aber ist woll höher / der Herr vieler Knechte / oder der HErr aller Herren? GOtt muß ja herrlicher seyn / als seine Creaturen / die Menschen / so auch GOttes Diener grösser und höher / als blosser Menschen Diener. Allein und dennoch hielt sich unser Jacob nicht hoch in seinen Augen / sondern nur für einen unwehrten Knecht / und das auffrichtig und ohne falsch: Nicht als wenn etwa der Mensch
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der Sünden / und das Kind des Verderbens / der da ist ein Widerwärtiger / und erhebet sich über alles / das GOtt oder GOttes-Dienst heist / also / daß Er sich setzet in den Tempel GOttes / als ein GOtt / und gibt für / Er sey GOtt / (2. Thess. II. 3. 4.) sich heuchlerisch nennen und schreiben wolte: Servum servorum Dei, einen Knecht aller Knechte GOttes; sondern bey Israel war ein rechtschaffenes Wesen / wahre Demuth und Erniedrigung / sich auffrichtig nennend GOttes Knecht. Und zwar einen / in Ansehung der vielfältigen Göttlichen Güte und Wollthaten / gar zu geringen und unwehrten Knecht / der da nichts verdienet / sondern nur / und das nicht aus eigener / sondern GOttes Krafft / gethan / was er zu thun schuldig gewesen. Wie die wahren Knechte GOttes auch keine andere Gedancken von ihren Diensten haben sollen / welches aus den Worten Christi an seine Jünger / und uns alle / sattsam erhellet: Wenn ihr alles gethan habt / was euch befohlen ist / so sprecht: Wir sind unnütze Knechte / wir haben gethan / das wir zu thun schuldig waren. (Luc. XVII. 10.) Ja da fand Israel an und bey sich nichts / auch nicht das geringste / das ihn würdig gemacht hätte für GOtt / zu empfahen seine vielen und grossen Wollthaten: Vielmehr gestand ers offenhertzig / Er sey aller solcher zu gering / klein und unwerth: Ich bin zu gering; eigentlich / ich bin klein vor aller deiner Barmhertzigkeit. Was klein ist / wird gemeiniglich geringe geschätzet / und zwar in Absicht des grössern und höhern. Es schreibet der weise Agur: Vier sind klein auff Erden / (sie sind nicht groß ihren Cörpern nach / und auch nichts geachtet /) als die Ameisen / Caninichen / Heuschrecken und die Spinne / ob sie sonsten woll klüger den̅ die Weisen. (Proverb. XXX. 24. D. Geierus in h. l. scribit: Per Ketanné érez, parva terrae, indicantur, ebraico dicendi more, ea, quae super terrâ sunt ferè minima, quantum scilicet molem attinet corporis ad spectabilem.) Also nun sahe sich Jacob / gegen GOtt und dessen Gütigkeit sich stellend / nicht mit dem Vergrösserungs-Glase fleischlichen Stoltzes / sondern mit dem Verminderungs-Glase der wahren Demuth an / und fand nichts / denn lauter kleines und geringes an sich: und so gar nichts / welches / so zu reden / der geringsten Gütigkeit GOttes / die da doch alle groß und hoch sind / und von unaußsprechlicher Würdigkeit / würdig. Er
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will sagen: Soll es auff Verdienst und Würdigkeit mit mir ankommen / so finde ich kein ander Verdienst bey mir / als das da allein mit Zorn und Ungnade / mit Verwerffung und Verstossung belohnet werden müste; sintemahl ich ein Sünder / der nicht allein mit dem Erb-Grinde angesteckt und befleckt / empfangen in Sunden / und aus sündlichen Samen gezeuget / sondern auch / der da selbst und vielfältig mit Worten und Wercken / mit Gedancken und Gebärden an Dir / O! GOtt / sich versündiget / und Dich beleidiget / in Betrachtung dessen Du / als ein gerechter GOtt / deine Hand von mir abziehen / und in Armuth und Verachtung / in meinem exilio, mich stecken lassen sollen. Und stehe nun dennoch hastu mich beladen mit Heil / gesegnet mit vielem Gute / gekrönet mit Vaters-Liebe; , dazu bin ich zu wenig / zu gering / zu klein. Also hat dann Jacob / in Erwegung der Göttlichen Wollthaten / sich erniedriget / nachdem Er an sich keine Würdigkeit gefunden; Und darauff schreitet Er nun /

Zum andern /
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ZU der Erhöhung seines GOttes / und führet dessen Ruhmwürdigkeit an: Du hast Barmhertzigkeit und Treue an deinem Knecht gethan. Ja das war freylich des Ruhms und Lobes GOttes woll werth / und konte der liebe Jacob nicht anders / denn daß Er das erkennete und preisete. Er hatte sich gleichsam mit seiner Nichtigkeit in die eine Waag-Schale / GOttes Barmhertzigkeiten und Gnaden aber in die andere gelegt: und da befand er sich / und seine Wercke viel zu leicht / GOttes Güte aber gantz überwichtig und zu schwer; wie solte er nun dieses verschweigen / und nicht hoch erheben? Ich bin zu gering aller Barmhertzigkeit und Treue / die Du an deinem Knecht gethan hast. Das Gottselige Hertze Jacobs / schreibet ein geistreicher Lehrer über diesen Text / war in dem Lobe seines GOttes begriffen / und gleich einem siedenden Topffe / welcher bey dem Feuer der Güte GOttes mit Dancken und Loben überging. (M. Schimmer. lib. Just, p.m. 229.) Deßgleichen nennet der selige Lutherus diese Worte ein schönes Danck-Opffer / da Er GOttes Gna
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de und Treue mit herrlichen Worten außgesprochen und groß gemachet. (Tom. IX. Altenb. fol. 1013.) Und so ist es; sich erniedrigend erhöhete er GOttes Gütigkeit / und verkündigte dessen Ruhm. Wessen? GOTTES: Du hast Barmhertzigkeit und Treue an deinem Knechte gethan. Daß er aber den wahren GOTT damit gemeinet / solches erhellet aus dem vorhergehenden Versicul / da Er / zu GOtt betend / denselben genennet / den GOtt seines Vaters Abrahams / und seines Vaters Isaac / JEHOVAH / den HERRN / den wahren / lebendigen / einigen und ewigen HERRN / ausser den kein ander GOtt und HErr in aller Welt zu finden; Wie Er selbst / der grosse GOTT von sich zeuget: So spricht der HErr / der König Israel / und sein Erlöser / der HErr Zebaoth: Ich bin der Erste und der Letzte und ausser Mir ist kein GOtt. (Es. XLIV. 6.) An diesen GOtt glaubte Jacob; Und / wer solte es nicht sagen / an den wahren GOtt und JEHOVAH, der da einig ist im Wesen / und dreyfaltig in Persohnen / ein wahrer Vater / ein wahrer Sohn / ein wahrer Heiliger Geist. Denn allerdings hat Er auch von dem Sohne GOttes / dem im Paradieß verheissenen zukünfftigen Messia, sehr gute Erkäntniß gehabt / als mit welchem er gerungen / von welchem er auch nach dem Ringen gesegnet worden / (Gen. XXXII. Virum hunc, Jacobi colluctatore̅, non Angelum alique̅ malum, uti Judaei, teste Lyrano, commenti sunt, nec spectrum aliquod, ut Josephus somniavit, neque Angelum bonum creatum, id quod multi putarunt, & adhuc non pauci statuunt, sed Angelum increatu̅, Filium Dei fuisse, prolixe beat. Dnus. D. Calov. in h.l. probavit.) der ihn / als der unerschaffene Engel / von allem Ubel erlöset / (Gen. XLIIX. 16.) und / auff den er so sehnlich und ängstiglich gewartet / HERR / seufftzend / ich warte auff dein Heil! (Gen. XLIX. 18. Hoc suspirium Jacobi Patriarchae, non tantum Patres antiqui de Messia exposuerunt, sed ipsi quoque Ebraei veteres agnoverunt, Patriarcham hîc Messiae redemtionem anhelasse. Ita nimirum Paraphrasis Onkelos, similiter Paraphrasis Jonathanis: Dixit Pater noster, non exspecto redemtionem Gideonis, Filii Joas, quae est salus temporalis, neq; exspecto redemtionem Simsonis, quae est salus transitoria, sed exspecto redemtionem Messiae, Filii David, qui venturus est, ut adducatsibi filios Israel, cujus redemtionem exspectat anima mea. Et paraphrasis Hierosolymitana: anima mea speravit in redemtionem, quae futura est populo tuo filiis Israel per VERBUM TUUM; Per quod, Verbum, Messias designari solet. D. Calov. in Gen.) Ja diß war des gläubigen Jacobs und der
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alten Israelitischen Kirchen ihr Glaube / darauß sie ihnen ein sanfftes Haupt-Küssen / im Tode selig einzuschlaffen / gemacht haben. (D. Jac. Weller. Fascicul. Viventium, p.m. 808.) Denn wir glauben durch die Gnade unsers HErrn JEsu Christi selig zu werden / gleicher Weise auch Sie / die Väter / selig worden sind. (Act. XV. 11.) Und wer wolte auch zweifeln / daß der woll-unterwiesene und gelehrte Ertz-Vater die wunderbare Regierung und Führung GOttes des Heiligen Geistes gnugsam erkant und gepriesen; So daß Er auch seinen GOTT darum mit David täglich angeflehet: HErr lehre mich thun nach deinem Wollgefallen / denn Du bist mein GOtt / dein guter Geist führe mich auff ebener Bahn. (Ps. CXLIII. 11.) Diesen drey-einigen GOtt hält nun unser Jacob für die eintzige Brunn-Qvell aller guten Gaben / ohn dem nichts ist / was ist / von dem wir alles haben. Er wuste / daß Er der Vater des Lichts / von welchem alle gute und alle vollkommene Gaben von oben herab kommen / (Jac. I. 17.) und von dem ihm auch alles überflüssig und reichlich zukommen; nachdem Er ihn je und allezeit gesegnet und gekrönet mit grosser Treue und überschwenglicher Barmhertzigkeit. Und das ist es / was der selige Vater nun preiset / und warum er seinen GOtt höchst-ruhmwürdig schätzet; Er habe nemlich Barmhertzigkeit und Treue an ihm gethan. In der heiligen Sprache finden wir zwo Wörter / welche recht lieblich und schön lauten / aber nicht woll und völlig außzusprechen oder auszudrücken sind / und die auch gar vielfältig in der Schrifft zusammen-gesetzet gelesen werden / so daß sie als zwey Schwestern anzusehen / derer jede der andern gleichsam die Hand biete / indem die Güte von der Warheit und Treue / und Warheit und Treue von der Güte und Barmhertzigkeit zeuget. Sonderlich hat sich der König David derselben in seinen Psalmen woll bedienet / und daran seine süsse Lust
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und Freude gehabt und bezeuget. Die Wege des HErrn / schreibet Er / sind eitel Güte und Warheit. (Ps. XXV. 10.) Ich verhehle deine Güte und Treue nicht; Laß deine Güte und Treue mich allezeit behüten. (Ps. XL. 11. 12.) GOTT sendet seine Güte und Treue. (Ps. LVII. 4.) Du HErr bist von grosser Güte und Treue / (Ps. LXXXVI. 15.) und so mehr. Das erste Wort / welches / verteutschet / Barmhertzigkeit heist / und sonsten durch Gnade und Güte übersetzet ist / bedeutet sowoll affectum Dei, oder die gnädige Zuneigung GOttes / da GOtt ein geneigtes Väterliches Hertz gegen uns hat / und uns woll will / wenn David etwa betet: Wende dich HErr / und errette meine Seele / hilff mir um deiner Güte willen; (Ps. VI. 5.) als auch effectum, die daher fliessende Gnaden-Wercke / Güte und Wollthaten / und zwar wie sie aus pur lauter Gnade und Güte uns erzeiget werden u. gleichsam zuströmen. Wie also die bedrengte und gedruckte Israelitische Kirche ihre Erhaltung noch als eine lautere Gnade ansahe und rühmete: Die Güte des HErrn ist / daß wir nicht gar auß sind / seine Barmhertzigkeit hat noch kein Ende / sondern sie ist alle Morgen neu / und seine Treue ist groß. (Thren. III. 22. 23.) Und gewiß ist da kein Verdienst an unser Seite / aber lauter Güte und Barmhertzigkeit an GOttes Seite. Auff welche Art denn auch Rabbi Moses ben Maimon in seinem More Nebochim part. 3. Cap 53. das Wort also woll angesehen und erkläret hat / nemlich von einem solchen Woll-wollen und einer solchen Zuneigung / so man zu demjenigen trägt / und dem auch in der That erweiset / dem man nichts schuldig ist. (D. Joh. Bened. Carpz. Conc. Funebr. Part. IV. p.m. 349.) Wie es / zum Exempel / eine pur lautere Gnade war / als der König Ahasverus, der sonsten armen und verlassenen Waysen / der Esther, die Königliche Krone auffs Haupt setzte. (Esth. II. 17.) Daß demnach der GOtt preisende Jacob allhie auff keine andere Gnade seines GOttes gesehen / als die er um GOtt gar nicht / und keinesweges / verschuldet noch verdienet / welches dann mit seinem vorigen Bekäntniß und seiner Demüthigung schön überein
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stimmet. O der verdienens auch die jungen Störche um ihre Alten / wenn diese ihnen ungemeine Liebe und Treue erweisen? Um welcher willen sie zum Sinn-Bilde der zarten elterlichen Liebe gestellet sind / auch in der ebräifchen Sprache einen solchen Namen führen / der von chesed, benignitas, beneficentia, Gutthätigkeit und Barmhertzigkeit / und chasid, benignus, beneficus, Gutthätig und Barmhertzig herkömmt / als chasidah ein Storch. (Vid. Clar. Buxtorfii Lexicon, ubi vocabulum ita explicat: significat id boni, quod gratuitò fit. Et postea: Ciconia vocatur eo quod exercet beneficentiam erga socios suos, alimentum cum illis communicando.) Das andere Haupt-Wort heist / nach der Ubersetzung des seligen Lutheri, Treue / oder eigentlich Warheit / nach welcher GOtt treulich hält / was Er gnädiglich verheissen und versprochen / und also den herrlichen Namen mit Recht führet: , DEUS VERITATIS, ein GOtt der Warheit / ein treuer GOtt. (Ps. XXXI. 6.) Ja da ist sein gantzes Wesen eitel Warheit und Treue / und dannenhero der rechte / der wahre GOtt / wie Er bey dem Propheten Jeremia also / im Gegensatz der falschen und von Menschen Händen / aus Gold und andern Stücken gemachten Götzen / nach drücklich genennet wird: Aber der HERR ist ein rechter GOtt / ein einiger lebendiger GOtt / ein ewiger GOtt. (Jer. X. 10.) Was ist auch an GOtt / in GOtt und bey GOtt / das nicht Warheit sey? Er ist die Warheit selber / wie sich Christus die Warheit und das Leben genennet. (Joh. XIV. 6.) Treu ist GOtt in seinem Hertzen; Und glauben wir schon nicht / so bleibet Er doch treu / Er kan sich selbst nicht läugnen. (2. Tim. II. 13.) Treu und warhafftig ist Er in allen seinen Worten und Verheissungen / also daß man sich auff seine Zusage sicher- und festiglich verlassen kan. Des HErrn Wort ist warhafftig / und was Er zusaget / hält Er gewiß. (Ps. XXXIII. 4.) Dannenhero wir auch halten sollen an der Bekäntniß der Hoffnung / und nicht wancken / denn Er ist treu / der sie ver
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heissen hat. (Hebr. X. 23.) Treu ist Er in seinen Wercken. Der HErr ist treu / der wird uns stärcken und bewahren für dem Argen. (2. Thess. III. 3.) GOtt ist getreu / der uns nicht lässet versuch’en über unser Vermögen / sondern machet / daß die Versuchung so ein Ende gewinne / daß wir es können ertragen. (1. Cor. X. 13.) Gleich wie nun Moses GOtt dem HErrn das Lob und die Ehre gab / daß Er treu / schreibend: Treu ist GOtt und kein böses an Ihm / gerecht und fromm ist Er; (Deut. XXXII. 4.) Und Paulus in einem heiligen Eyfer voller Verwunderung ausbrach: O ein treuer GOtt! (2. Cor. I. 18.) Also hatte Jacob keine andere Gedancken von demselben / die Treue / sowoll an seinen Vätern und Vor-Eltern / also auch an Ihm / so vielfältig / erwiesen / reifflich überlegend. O GOtt! wolte er sagen / wie ist deine Treue doch so groß / und hastu deinem Knechte treulich gehalten / was Du ihm auß lauter Güte versprochen: Siehe ich bin mit dir / und will dich behüten / wo du hinzeuchst / und will dich wieder herbringen in diß Land; denn Ich will dich nicht lassen / biß daß Ich thue alles / was Ich dir geredt habe. (Gen. XXIIX. 15.) Nun das hastu / treuer GOtt / gethan / und wirst ferner thun / was von deinen Verheissungen noch übrig / daß durch deine starcke und allmächtige Hand alles erfüllet werde: Und wie solte ich dann deine Güte und Treue nicht erkennen noch rühmen? Sind das aber / M. L. nicht fürtreff liche Stücke / die Jacob also hoch erhoben? GOttes Barmhertzigkeit und Treue. Wir mögen solche woll ansehen als zwo feste und starcke Grund-Seulen / die weit schöner / als die von dem Könige Salomone auffgerichtete Seulen an der Halle des Tempels / Jachin, die zur rechten Hand / und Boas, die zur lincken Hand gesetzet war. (1. Reg. VII. 21.) Wer sich auff diese / die Barmhertzigkeit und Treue GOttes / stehnet und lehnet / und sich darauff verläst / der wird nimmermehr zuschanden. Nehmen wir den auch die göttliche Allmacht dazu / so haben wir eine dreyfache Schnur / die nicht leicht entzwey
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reisset. (Cohel. IV. 12.) Wie der selige Theologus, Doct. Henrich Müller / eine solche dreyfache Schnur auß den Worten Salomonis schön geflochten / und recht süsse und anmuthige Gedancken darüber geführet / wenn Er geschrieben: GOtt ist gütig / das erfreuet mich: GOtt ist warhafftig / das erhält mich: GOtt ist allmächtig / das stärcket mich: Die Güte legt mir das Creutz auff / die Warheit hilffts tragen / die Allmacht überwinden: Die Güte will helffen / die Warheit wird helffen / die Allmacht kan helffen. Die Güte ist das Hertz / die Warheit der Mund / die Allmacht die Hand. Ich habe Gottes Hertz / Mund und Hand / was will ich mehr? Sein Hertze bricht Ihm für Erbarmen / sein Mund trieffet von Honigseim / seine Rechte kan alles ändern. (Part. 1. der Erquick-Stunden. it. Im Evangelischen Hertz-Spiegel.) Ja wahr ist es / und woll dem / der sich dessen von Hertzen trösten kan. Denn weil Er ein barmhertziger GOTT / so will Er uns ja woll / und nicht anders / weil Er nichts denn Güte ist; welches dan̅ sein rechter Name / wie der selige Lutherus davon nachdencklich schreibet: Wir Teutschen nennen GOtt mit dem Namen von Alters her / feiner und artiger / denn keine andere Sprache / nach dem Wörtlein gut / als Der ein ewiger Quell-Brunn ist / der sich mit eitel Güte übergeußt / und von dem alles / was gut ist / und heisset / ausfleußt. (Beat. Lutherus in seinem grössern Catechismo, Tom. 2. Altenb. fol. 477.) Weil Er aber Treu ist / so thut Er uns auch woll / denn seine Warheit hält Er treulich im Himmel: (Ps. LXXXIX. 3.) Er hält Glauben ewiglich. (Ps. CXLVI. 6.) Laß nun dazu seine Allmacht kommen / was kan uns denn fehlen? Er kan ja überschwenglich thun über alles / das wir bitten und verstehen. (Eph. III. 20.) Und ist bey Ihm kein Ding unmüglich. (Luc. I. 37.) Es gedencket aber unser Jacob der göttlichen / Ihm erwiesenen / Barmhertzigkeit und Treue nicht schlecht hin / sondern / nachdem Er sie recht und / so zu reden / mit beyden Augen ein- und angesehen / so fand Er gar viele Barmhertzigkeiten und Treue / und die da lauter und eitel Seine / GOttes / Barmhertzigkeiten und
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Treue / wenn Er im Grunde recht emphatisch und nachdrücklich redet: Ich bin zu gering aller dieser deiner Barmhertzigkeiten und aller dieser deiner Treue. OGOtt! will Er sagen / wie so viel Güte und Barmhertzigkeit hastu an mir gethan? und wie so mannigfältige Treue hastu mir erzeiget? Ja da wandte Er seine Augen bald auff sich selbst und gedachte: Wie wunderbar hastu mich doch / mein GOtt / bereitet und gemacht / und aus meiner Mutter Leibe gezogen? wie so gnädiglich hastu mich doch versorget von meiner Mutter Brüsten an? wie väterlich gegängelt in der Kindheit / geleitet in der Jugend / und mich biß daher so mächtig beschirmet und beschützet / erhalten und gesegnet? Von sich warff er seine Augen auff die Seinigen / seine Weiber und Kinder / Knechte und Mägde / und denn auch auff das Seinige / auff den grossen Reichthum / den er nun hatte / da er zwey Heer worden; nicht weniger auff seinen dürren Stab / den er allein / für seinen Bruder fliehend / mit in Mesopotamien genommen / und nun gleichsam so herrlich gegrünet / geblühet und überflüssige Früchte bracht. Mein GOtt / muste er da bekennen / welche Barmhertzigkeit! welche Treue! Ich war arm / da ich hingieng / nun kehre ich reich und begütert zurück: Ich war einsam und verlassen / nun aber habe ich eine stattliche Begleitung: Ich war bekümmert und traurig / und nun bin ich völlig getröstet. Woher aber das? Von Dir / von Dir / OGOTT! Du hast es gethan / und nach der Demüthigung mich groß gemacht.

Es ist HErr alles dein Geschenck und Gab / Leib / Seel / und alles was ich hab In diesem armen Leben.
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Gebrauch.
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NUn sehet / Gel. also hat der Ertz-Vater Jacob / oder Israel / in Erwegung der empfangenen Göttlichen Wollthaten / löblich und rühmlich sich verhalten / wenn Er deren nicht allein bey aller Gelegenheit / in Glück und Unglück / in guten und bösen Tagen / gar woll sich erinnert / sondern auch dabey an einem Theile seine Unwürdigkeit / am andern Theile aber GOttes Ruhmwürdigkeit erkannt und bekannt. Wobey wir dann zu unserer Erbauung noch kürtzlich anmercken die rechte Art wahrer und rechtschaffener Christlicher Israeliten / als welche alle also / wie Israel / geartet sind / und auch seyn sollen und müssen / wo sie anders / nicht nur dem blossen Namen / sondern auch der nöthigen Folge nach / und in der That und Warheit / Christliche Israeliter heissen wollen. Der Name und der Mund / oder der äusserliche Ruhm machets hie nicht aus; sondern das Werck und der Grund / oder die gleichförmige Aufführung und Erweisung. Quam multi vocantur Medici, qui curare non norunt? quam multi vocantur vigiles, qui totâ nocte dormiunt? sic multi vocantur Christiani, & in rebus tamen non inveniuntur, schreibet der Heil. Augustinus: Wie viele gibts derer / die den schönen Titul eines Artztes ihnen zueignen / und wissen doch keiner Cur recht vorzustehen? Und wie viele sind / die Wächter seyn wollen / und schlaffen doch die gantze Nacht hindurch? Also sind nicht weniger einige / ja sehr viele / die mit dem schönen Christen-Titul prangen / und werden doch in den Wercken des rechtschaffenen und lebendigen Christenthums nicht als Christen erfunden. Daß man demnach billig einen Unterscheid zu machen hat unter wahren und falschen Israeliten. Nicht diese / sondern jene / sehen auff das Exempel Israels / und folgen dem nach / als des gläubigen Israels geistliche Glaubens-Kinder; dazu sie denn von GOtt / nach seiner unerforschlichen Barmhertzigkeit / und aus lauter Gnaden / auch erwehlet sind / nachdem Er seinen undanckbaren Kindern / dem untreuen / tollen und thörichten Jüdischen Volcke / so zu reden / den Scheide-Brieff gegeben; So daß die / die da weiland nicht ein Volck waren / nun Gottes Volck sind / und die weiland nicht in Gnaden waren / nun in Gnaden sind / und Kinder des
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lebendigen GOttes genennet werden. (Hos. I. 10. II. 23. Rom. IX. 25. 26.) Die sollen nun seyn das auserwehlte Geschlecht / das Königliche Priesterthum / das heilige Volck / das Volck des Eigenthums / daß sie verkündigen sollen die Tugend des / der sie beruffen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbahren Lichte. (1. Petr. II. 9.) Welche da nun Israels Geist und Art haben / oder recht Israelitisch gefinnet sind / die verhalten sich gleich also / und lassen / nach der guten Unterweisung Pauli, in allen Dingen ihre Bitte im Gebet und Flehen / mit Dancksagung für GOtt kund werden. (Phil. IV. 6.) Sie verbinden Gebet und Dancksagung miteinander / danckend für das schon empfangene / betend um das zukünfftige. Ja da stehet die Dancksagung billig voran: Opor. tet enim prius Benesactorem, Deum, laudare, deinde ei offerre precationes & supplicationes, schreibet Theodoretus über den jetzt angezogenen locum Pauli; Es gebühret sich zufoderst / den grossen Wollthäter / unsern GOtt / hoch zu rühmen und Ihm zu dancken; und dann soll man Ihn um etwas mehr bitten und anruffen. Wie uns darinnen auch der HErr JEsus vorgegangen; Denn bey dem Grabe Lazari hub Er seine Augen empor / und sprach: Vater ich dancke dir / daß Du mich erhöret hast / und ich weiß / daß Du mich allezeit erhörest / sondern um des Volcks willen sage ichs / daß sie gläuben / Du habest mich gesandt. (Joh. XI. 41. 42.) Daß demnach bey unserm Beten / in allen Aengsten und Nöthen / die Erinnerung des schon empfangenen Guten nöthig / dadurch wir denn zum ferneren Vertrauen gestärcket werden. Und wer solte sich der Barmhertzigkeiten GOttes / und seiner Treu / nicht erinnern können? Ist doch niemand davon bloß / sondern ein jeder / wie armselig und gering er auch seyn mag / reichlich genug und überflüssig damit überschüttet. Oder was hat der Mensch gutes im Zeitlichen / Leiblichen und Geistlichen / das ihm nicht aus der Barmhertzigkeits-Quelle seines GOttes zugeflossen? Leib und Leben / Gesundheit und
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Friede / Nahrung u. Kleider (und wäre es nur eitel Brodt u. Wasser und ein grobes Tuch) Bewahrung in Creutz / Errettung aus Noth / ein fröliger Muth und gutes Gewissen; Glaube / Liebe / Hoffnung / Gedult / und was sonsten mehr / sind ja alle Gaben von GOtt / und Güter des Höchsten / die seine wollthätige und milde Hand uns dargereicht und gegeben. Ja da ist warlich nichts / das gut an und bey dir / mein Mensch / das nicht von GOtt dir zukommen. Hat denn aber der Mensch nichts / welches er nicht von GOtt empfangen / wie solte er sich denn rühmen / als hätte ers nicht empfangen? (1. Cor. IV. 7.) Oder wer hat dem grossen GOtt etwas zuvor gegeben / das ihm wieder vergolten werde? (Rom. XI. 35.) Solte auch woll ein Kind gnter Art von seinen Eltern sagen / Sie geben mir nichts? Oder ein Wandersmann / der sich des Sonnen-Lichtes bedienet / sagen / dasselbe Licht theile ihm keine Erleuchtung mit? Und ein Bettler / der täglich seine Allmosen von gewissen Wollthätern hebet / man schencke ihm nichts? Strömet denn nun aber alles / alles Gute / aus dem Meer der Göttlichen Gnaden / Barmhertzigkeit und Treue / auff uns zu / so soll auch alles wieder dahin zurücke fliessen / so daß wir uns dessen jederzeit danckbarlich erinnern / und den Geber alles Guten deßfals von Hertzen rühmen und preisen; wie solches nicht allein Jacob gethan / sondern auch David / welcher mit dem Jacob ein gleiches demüthiges und Ruhm-volles Bekäntniß vor seinen GOtt gebracht: Wer bin ich / HERR / HERR / rieff Er / und was ist mein Hauß / daß Du mich biß hieher gebracht hast? dazu hast Du das zu wenig geachtet / HErr / HErr / sondern haft dem Hause deines Knechts noch von fernem zukünfftigen geredet. (2. Sam. VII. 18. 19.) Andere demüthige und danckbare Heiligen für dasmahl zu übergehen. Allein und ob dieses nun woll eine nöthige Pflicht Christlicher Israeliter / so finden wir doch zwo Arten derer / die da gerne gute und rechtschaffene Israeliter nach dem Geiste seyn wollen / und sich dessen zum Theil auch hoch rühmen / welche aber die ihnen zufallende viele unzehliche Wollthaten GOttes dennoch nicht recht einsehen / noch in Erniedrigung ihrer selbst danckbarlich erkennen. An der einen Seite stehen die Unwissende / Schläffrige / Nachlässige und Undanckbare / die nicht wissen / was ihnen geschicht / und wie sie durch GOttes Treue und Barmhertzigkeit / von einer Zeit zu der andern unterhalten werden; oder da sie es gleich wissen / doch
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dem HErrn ihrem GOtt nicht die Ehre des schuldigen Lobes opffern. Welche dann gleich sind dem tummen Vieh / dem unvernünfftigen Mast-Vieh / so da die Eicheln von der Erden zu sich nehmen und fressen / aber nicht in die Höhe auff den Baum / davon sie abgefallen / sehen. Ja noch tummer sind solche wie das Vieh; Denn ein Ochse kennet seinen Herrn / und ein Esel die Krippe seines Herrn / aber Israel kennets nicht / und mein Volck vernim̅ts nicht / spricht der HErr. (Es. I. 3.) Oder aber sie bilden sich ein / ihre sonderbare Geschicklichkeit / Verstand / Klugheit und Stärcke habe ihnen alles zuwege gebracht / und sprechen: Wir habens durch unser Hände Krafft ausgerichtet / und durch unsere Weisheit / denn wir sind klug. (Es. X. 13.) Unsere Kräffte und unser Hände Stärcke haben uns diß Vermögen ausgerichtet; und gedencken nicht an den HErrn ihren GOtt / der es doch alleine ist / der uns Kräffte gibt / mächtige Thaten und gutes zu thun. (Deut. IIX. 17.) Aber danckestu also dem HErrn / demen GOtt / du toll uud thöricht Volck? Ist Er nicht dein Vater und dein HErr? Ists nicht Er allem / der dich gemacht und bereitet hat? (Deut. XXXII. 6.) Daß also bey denen meisten keine Erkäntniß noch Demüthigung / noch die schuldige Erhebung der Göttlichen vielen Barmhertzigkeiten und Treue. Von denen Heydnischen Römern und Grichen wird gemeldet / daß wenn sie vormahlen herrliche Siege / Befreyung von Pest / oder sonsten dergleichen / erhalten / sie solches alles nicht gering geschätzet / noch ihrer Würdigkeit zugeschrieben / sondern es ihren nichtigen Göttern und deren Güte zugeeignet / und dannenhero denenselben zur Danckbarkeit gewisse Tempel erbauet; Alleine bey uns Christen / wie ein gewisser Theologus, wenn er den jetzt gemeldeten Gebrauch der Heyden anführet / sehr woll erinnert / würde man viel Meilen reisen müssen / wenn man die kleineste Kirche wolte antreffen / die zum Lobe des wollthätigen GOttes erbauet worden wäre; sondern es muß der liebe GOtt mit einem mündlichen Te DEUM laudamus, HErr GOtt dich loben wir / etc. sich begnügen lassen. (D. Stisser. Aretol, Christ. p. 294.) Solten nun
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aber die Christen / die sich doch des Lichts der Offenbahrung rühmen / hierinnen von denen verfinsterten blinden Heyden nicht beschämet seyn? Auff der andern Seite finden wir die Werck-Heiligen / die ihnen einbilden / wie alles / was ihnen gutes von GOtt wiederfahren / nach ihrem Verdienst und Würdigkeit geschehen; sie wären solcher Güter und Gaben woll werth / und sey GOtt ihr Schuldener / der ihnen solche zu geben verpflichtet: folglich hätten sie nicht groß Ursach / sich für Demselben zu demüthigen und Ihm zu dancken. Und diese Unart hat man nicht bloß zu erkennen an denen alten / sondern auch neuen Pharisäern / als die gleichergestalt das non sum dignus, Domine, HErr / ich bin zu gering / woll dahinden lassen / und hingegen sich auffblähend / das dignus sum, HErr ich bins werth und würdig / und habe ich mit meiner Heiligkeit / strengen Fasten / Casteyen und dergleichen / mehr und überflüssiges / ja den Himmel und die Seligkeit / verdienet / anstimmen. Wobey zu bedauren / daß der Hoffarts-Geist auch die zuweilen eingenommen / und noch einnim̅t und besitzet / die doch aus GOttes klaren und deutlichen Worte eines gantz andern unterrichtet und überzeuget sind; wenn sie ihre Frömmigkeit und Heiligkeit stets forne an die Spitze stellen / und sich mit stoltzen Einbildungen kitzeln. Aber ach! was will und soll doch alle unsere Frömmigkeit und Heiligkeit / daß die GOtt treiben solte uns mit Wollthaten zu versehen! Ist es denn von uns / so wir gerecht und heilig wandeln / oder ist es von GOtt? GOtt ists ja / der in uns wircket beyde das Wollen und Vollbringen / nach seinem Wollgefallen. (Phil. II. 13.) Ist denn unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit auch also beschaffen / daß sie vollkommen gut / oder ist sie nicht viel mehr sehr mangelhafft und sehr beschmutzt? Wir sind ja allesam̅t wie die Unreinen / und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid. (Es. XLIV. 6.) Wer war heiliger als Jacob? und doch fand er an sich keine Würdigkeit / sondern hielt sich zu klein und zu gering. Wer war heiliger als David? und doch wuste Er von keiner selbst-Erhebung / sondern Er demüthigte sich und schrieb: Was ist der Mensch / daß du sein gedenckest / und des Menschen Kind / daß du dich sein annim̅st. (Ps. VIII. 5.) Uber welche Worte ein alter
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geistreicher Lehrer unserer Kirchen also nachdencklich und nachdrücklich geschrieben: Diß Sprüchlein hält uns für aller Menschen Nichtigkeit / Unvermögen / Jammer und Elend / Tod / Hölle und Verdammniß / daß GOtt uns nicht um der Würdigkeit und Verdienstes willen geholffen / und seinen lieben Sohn geschencket / sondern aus lauter Gnaden und Barmhertzigkeit; Und hiemit will uns GOtt all unsern Ruhm unserer Würdigkeit / Vermögens und Verdienstes niederlegen / auff daß Er allein die Ehre / Ruhm und Preiß unser Seligkeit behalte. Diß ist das Ziel der gantzen heiligen Schrifft / daß wir von unsern Kräfften und Vermögen / Würdigkeit und Verdienst abgeführet werden zur Erkäntniß unsers Elendes und Nichtigkeit / und denn ferner gebracht werden zur Erkäntniß der Gnaden GOttes. Und bald darauff: Der Mensch kan die Gnade Gottes nicht erkenne̅ / noch recht zu Hertzen nehmen / wen̅ er nicht zuvor seine Nichtigkeit erkennet / und in ihm selbst gar zunichte gemacht wird. (Joh. Arndii Auslegung des Pfalters Davids.) Abermahl gestehet David / sich zum höchsten darüber verwundernd / seine Unwürdigkeit und GOttes unbegreiffliche Gütigkeit / wenn Er anderswo auch schreibet: HERR / was ist der Mensch / daß du dich sein annim̅st? und des Menschen Kind / daß Du ihn so achtest? (Ps. CXLIV. 3.) Ist sehr emphatisch gefraget / HErr / was ist der Mensch? Darauff er sofort vers 4. antwortet: Ist doch der Mensch gleich wie nichts. (Extenuandi vim habet haec quaestio vel maximè, ita ut invicem opponantur infinita Dei, adeò benignè nobiscum agentis, majestas, & nostra extrema ac impurissima vilitas, quam citra stuporem nemo cordatorum satis conferre potest. D. Gejer. Commentar. in h.l.) So da nun die Heiligen selbst sich der Göttlichen Gnaden in allen Stücken zu geringe geschätzet / denen wir doch nicht gleichen; warum solten wir denn auff unser Verdienst und Würdigkeit für GOtt trotzen? Selbst ein Päbstlicher Scribente bekennet: Bona opera
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suapte natura non esse talia, ut eis remuneratio debeatur à Deo, d.i. Daß die guten Wercke an und vor sich selbst / und ihrer Natur nach / nicht so beschaffen wären / daß GOtt eine Belohnung vor dieselben schuldig wäre. (Estius sup. cap. 6. ad Hebraeos.) Der selige Lutherus heist die Werck-Gedancken ein scheußliches monstrum und Greuel / so man weit von dem Gebet wegthun und ausfegen soll / sonsten werde das Gebet verdrehet / und beyderley Opffer / nemlich der Tödtung und der Danckbarkeit / mit solchem Stauck und Unflat gar zu schanden gemachet. (Tom. IX. Altenb. p. 1013.) Freylich / ein wenig Unflats verdirbt den gantzen / sonst lieblichen und kräfftigen / Balsam; ein wenig Sauerteig durchsäuert den gantzen Teig: Also macht auch die geringste Einbildung von unserer Verdienstlichen Würdigkeit all unser Gebet / wie woll und schön es sonst / unserer Meynung nach / eingerichtet / dennoch zunichte. Der Hoffärtigen und Werck-Stoltzen Gebet hat GOtt nie gefallen / aber Ihm hat allezeit gefallen der Elenden und Demüthigen Gebet. (Judith IX. 13.) Und was bringt doch die Selb-Erhöhung denen Stoltzen für Vortheil / hingegen die Selbst-Erniedrigung den Demüthigen für Schaden? Werden nicht diese vielmehr erhöhet und erhöret / jene aber erniedriget und verworffen? (Matth. XXIII. 12.) Demnach so folge / liebes Christen-Hertze / ja keinen unter den jetzt-bemerckten / und trit weder zur Rechten noch zur Lincken; Geselle dich nicht zu den Schläffern / viel weniger zu den stoltzen Werck-Heiligen; Sondern siehe woll zu / daß du / zwischen diesen gefährlichen Klippen sorgfältig hindurch-schiffend / dich als einen wahren rechtschaffenen Israeliten erweisest / erkäntlich / demüthig und danckbar zu seyn. Ach ja erkenne es / und gedencke daran / was dein GOtt an dir / in Leiblichen und Geistlichen gethan: Wie Er dich von dem Anfang deines Lebens an / da du noch in der Tieffe verschlossen warest / biß auff diese Stunde / mit so vielen Gütigkeiten angesehen und gekrönet. Gedencke an seine ewige Barmhertzigkeit und Liebe; Da der GOtt / der da reich von Barmhertzigkeit / durch seine grosse Liebe / damit Er dich geliebet hat / dich / da du todt warest in Sünden / sam̅t Christo lebendig gemacht. (Eph. II. 4.) Wie Er dich gesegnet hat mit aller
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ley geistlichen Segen / in himmlischen Gütern / durch Christum / und dich erwehlet durch denselbigen / ehe der Welt Grund geleget war / und hat dich verordnet zur Kindschafft gegen Ihm selbst durch JEsum Christ / nach dem Wollgefallen seines Willens. (Eph. I. 3. 4. 5.) Gedencke / wie dich dein GOtt je und je geliebet / und dich zu sich gezogen / aus lauter Güte. (Jerem. XXXI. 3.) Gedencke an deine Gebuhrt / und noch mehr an deine Wiedergebuhrt / wie dich GOtt / der Vater unsers HErrn JEsu Christi / nach seiner grossen Barmhertzigkeit wiedergebohren hat / zu einer lebendigen Hoffnung / durch die Aufferstehung JEsu Christi von den Todten / zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelcklichen Erbe / das behalten wird im Himmel / denen die aus Gottes Macht bewahret werden zur Seligkeit. (1. Petr. I. 3. 4.) Gedencke an die theure Erlösung / so durch JEsum Christum geschehen ist. (Rom. III. 24.) Gedencke an die gantz Gnaden-reiche Heiligung / durch die Schenckung seines Geistes / welcher ist das Pfand unsers Erbes / (Eph. I. 14.) welches GOtt in unsere Hertzen gegeben hat. (2. Cor. I. 22.) Gedencke auch an deine wunderbare Erhaltung und mächtige Beschützung; wie GOtt nicht allein Fleisch und Haut dir angezogen / und mit Beinen und Adern dich zusammen-gefüget / sondern auch / wie Er Leben und Wollthat an dir gethan / und sein Auffsehen deinen Odem bewahret. (Hiob. X. 11. 12.) Hieran / und was sonsten mehr damit verknüpffet seyn mag / gedencke / und vergiß des allen nicht / so du anders recht gesehen und beachtet / geschmecket und empfunden / wie gütig und freundlich / wie barmhertzig und treu der HErr über dir / und in dich / gewesen / daß du auff Ihn trauen können. (Ps. XXXIV. 9.) Dabey aber erkenne dann auch / wie dir dein GOTT das alles aus lauter Gnaden geschencket / da du es warlich nicht würdig warest / und achte dich deshalben viel zu gering aller solcher seiner Barm
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hertzigkeiten / und aller seiner Treue. Es wird dir ja noch unentfallen seyn / wie dich unser / nun schlaffender / Lehrer und SUPERINTENDENS, vormahlen / bey gleicher Betrachtung / eben auch hiezu ermuntert: Liebe Seele / sprach Er / laß doch GOtt allezeit in deinen Augen alles / dich selbst aber nichtes seyn. Halt immer gegen einander Gottes Gnaden-Krafft und deine Schwachheit / Gottes Barmhertzigkeit und dein Elend / Gottes Hoheit und deine Niedrigkeit / Gottes Güte und deine Unwürdigkeit: (In der An. 1710. über die Worte Davids 2. Sam. VII. 18. Wer bin Ich / HErr / HErr / etc. gehaltenen Leich-Pred. p. 26.) Und also lerne doch das non sum dignus, dem lieben Jacob fein nachsprechen: denn das ist die rechte Sprache Canaans / (Es. XIX. 18.) nemlich der Gläubigen und GOtt / wie auch sich selbst / recht erkennenden Christen. Welche Worte auch ein in GOtt ruhender Lehrer zu dem Bilde des heiligen Apostels Petri geschrieben / welcher / nachdem er einen reichen Fischzug gethan hatte / auff seinen Knien liegt / und mit auffgehabenen Händen dem HErrn Christo / für den bescherten Segen dancket:
NON SUM DIGNUS. GOtt hats beschert / Ich bins nicht werth. (M. Klemms im HErrn ergetztes Auge und Ohr. p. 662.) Zu welcher Erkäntniß und Demüthigung / nebst der schuldigen Dancksagung / uns nicht weniger der Sel. Herr Lutherus treulich erwecket und angewiesen / wenn er uns / in der Erklärung des ersten Articuls unsers Christlichen Glaubens / also zu beten und zu bekennen gelehret hat: Das alles / was GOtt an uns gethan / und noch thut / geschicht aus lauter väterlicher Göttlicher Güte und Barmhertzigkeit / ohne all unser Verdienst und Würdigkeit; des alles wir Ihm aber zu dancken / und zu loben / und dafür zu dienen und gehorsam zu seyn / schuldig sind / das ist gewißlich wahr. So mercket nun diese Pflichten woll / Gel. daß ihr eurem GOtt und seiner Gnaden-Quelle / alles allein mit danckbaren Hertzen und
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Munde / Euch aber nichts / ohne nur eure Unwürdigkeit / zuschreibet / nach welcher ihr überall nichts Gutes von GOtt zu erlangen hättet / wenn nicht der barmhertzige treue GOtt euch dennoch die Brünnlein seiner Liebe reichlich rinnen und zuströmen liesse. Da soll es dann heissen: Von Gottes Gnaden sind wir / das wir sind; (1. Cor. XV. 10.) und so auch / von GOtt haben wir / das wir haben: Von seiner Hand ist alles kommen / und alles ist seyn. (1. Chron. XXX. 14. 16.) Dabeynebenst lassets denn auch an der danckbarlichen Erhöhung und Erhebung des barmhertzigen und treuen GOttes nicht fehlen / welches gewiß der Wille Gottes in Christo JEsu an uns ist / (1. Thess. V. 18.) und die Forderung unsers geistlichen Priesterthums / Krafft welches wir verkündigen sollen die Tugend des / der uns nicht allein beruffen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Lichte / (1. Petr. II. 9.) sondern auch in allen vielfältig gekrönet mit Gnade und Barmhertzigkeit. (Ps. CIII. 4.) Dancket doch alle allezeit GOtt / der grosse Dinge thut hie und an allen Enden / der uns von Mutter Leibe an lebendig erhalten hat / und noch erhält / und thut uns alles guts. (Sir. L. 24.) Stimmet mit der demüthigen und danckbaren GOttes-Mutter / der Maria / ein Magnificat nach dem andern an: Meine Seele erhebt den HErrn / und mein Geist freuet sich GOttes meines Heylandes. Denn Er hat seine elende Magd angesehen / und hat grosse Dinge an mir gethan / der da mächtig ist / und des Name heilig ist. Und seine Barmhertzigkeit währet immer für und für bey denen / die Ihn fürchten. (Luc. I. 47. 48. 49. 50.) Ist doch die Danckbarkeit und die Erhebung der Göttlichen Wollthaten nicht von denen geringsten Edelgesteinen / so in unsern Brust-Schildlein funckeln sollen. Sie ist dem angezündeten Weyrauch gleich / darüber die Gelehrten schreiben:
Coelo sua munera reddit. Es steiget wieder auff empor / Von da es kommen ist zuvor.
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Es soll aber die schuldige Erhöhung der Göttlichen Barmhertzigkeiten und Treue nicht geschehen mit blossen Worten / sondern auch in Wercken / in der That und Warheit; wie da auch der demüthige und danckbare Jacob / seinem Groß-Vater Abraham / und seinem Vater Isaac nachfolgend / für GOtt gewandelt und from̅ gelebet. Non enim verbo tantum vel linguâ, sed opere & veritate exhibeamus nos gratos, quandoquidem gratiarum actionem magis, quam dictionem, à nobis exigit dator gratiarum Deus, schreibet gar recht der fromme Bernhardus, (Bernh. Serm. contra pessimum vitium ingratitudinis.) Wir müssen nicht bloß mit der Zungen und mit Worten danckbar seyn / sondern vielmehr in der That und Warheit / weil GOtt nicht sowoll Dancksagung / als Danckthuung von uns erfordert. Und dann auch soll solche Erhebung geschehen beständig und allezeit. Weil nemlich die Güte des HErrn alle Morgen neu / und seine Treue groß / so soll auch die Erhöhung solcher Güte und Treue bey uns täglich und immerdar neu und groß seyn. Und wie das heilige Feuer im alten Testament ohn Unterlaß auff dem Brand-Opffer-Altar brennen muste / und nicht verlöschen durffte: (Levit. VI. 12. 13.) also soll auch das Hertz eines Christen ein solcher Altar seyn / darauff das Feuer der schuldigen Dancksagung stets brenne. Wie da dann Philo das Göttliche Gebot vom heiligen Feuer / das ewig brennen solte / auff die Danckbarkeit gegen GOtt gedeutet hat. (D. Stiss. Aretol. Christ. p. 287.) Ja auch in der letzten Stunde / und bey der Ab- und Hinfarth aus dieser Welt / da wir das mühselige Mesopotamien mit dem seligen und ruhigen Canaan verwechseln / müssen und sollen wir daran gedencken / und GOtt für seine Barmhertzigkeiten und Treue dancken; als wie jene 60. jährige Gottselige Matron gethan / und ihr Leben also woll beschlossen. Von selbiger schreibet der Sel. M. Scriver, daß Sie auff ihrem letzten Lager / von sich selbst und aus eigener Bewegung / angefangen und zu ihrem Beicht-Vater gesprochen: Ach! mein Herr Beicht-Vater / wie viel Liebe und Barmhertzigkeit hat doch mein GOtt an mir / mein Lebelang / gethan! Er hat / was Er mir in dem Tauff-Bunde gnädiglich ver
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heissen / treulich gehalten; Er hat mich hertzlich geliebet / reichlich versorget / und mich in keiner Noht verlassen. Ich bin in der blutigen Eroberung dieser Stadt (Magdeburg) um meinen Mann / und mein Hauß und Güter kommen / und habe nichts / als mein Leben / zur Beute davon gebracht. Er aber hat hernach sich meiner wiederum treulich und väterlich angenommen / und mirs nie an nothdürfftigen Unterhalt mangeln lassen. Zwar hat Er mir niemahls keinen Uberfluß gegeben / so hat Er mich auch in mancherley Trübsal lassen gerathen: Allein ich weiß / daß dieses auch ein Theil seiner Liebe und Güte ist. Darauff erhub sie ihre Hände / schlug sie mit Freuden zusammen und sagte:
HErr Christ / dir Lob ich sage Für deine Wollthat all / Die Du mir all mein Tage Erzeigt hast überall / etc. (M. Scriv. Seelen-Schatz / Part. V. Conc. V. §. 114.) Gel. lasset uns im Leben und Sterben deßgleichen thun / daß wir uns erniedrigen für GOtt / unsern GOtt aber in seinen Wollthaten erhöhen / wie Christlichen Israeliten zustehet. Alsdann werden wir dem HErrn wollgefallen / und von Ihm mit mehreren Gnaden / nach seiner ewigen Treue / gekrönet werden. Denn gar grosse Lust hatte ja der HErr an den Opffern der Tödtung / wie der selige Lutherus redet / oder Demüthigung / und der Danckbarkeit / welche die gläubige Ertz-Väter Ihm gebracht. Sintemahl Er sich ihnen darauff immer weiter und weiter geoffenbahret / und Sie mit neuen Begnadigungen angesehen. Als Noah nach der Sünd-Fluth aus dem Kasten gieng / und aus demüthigem danckbaren Hertzen / wegen seiner und der Seinigen Erhaltung / dem HErrn einen Altar bauete / und Brand-Opffer opfferte / da roch der HErr den lieblichen Geruch / und ließ Ihm solches in Gnaden wollgefallen. (Gen. IIX. 20. 21.) Als Abraham sich für dem Sohn GOttes
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demüthigte / da wurde ihm der Isaac verheissen und geschencket. (Gen. XIIX. 3. 10.) So auch als unser Jacob seinen wollthätigen GOtt demüthig preisete / da segnete Er ihn / und wandte das Hertze Esau / daß der freundlich mit ihm reden muste. Nun so wird dann der HErr auch uns hold seyn / und über uns seine Barmhertzigkeiten und Treue / nach dem Wollgefallen seines Willens / vermehren; Er wird bey uns seyn in Nöthen und Aengsten / uns herausreissen aus allen Gefährlichkeiten / und in allen uns zeigen sein Heil. (Ps. XCI. 15. 16.) Und dann letztlich wird Er uns erlösen von allem Ubel / und aushelffen zu seinem him̅lischen Reich. (2. Tim. IV. 18.) Da wir mit Engeln und Außerwehlten für seiner Majestätischen Herrlichkeit und herrlichen Majestät uns demüthigen / und Ihn loben und erheben werden / ohne auffhören / immerdar. Dieses / Gel. wuste und glaubete nun auch unser wollseliger Herr Superintendens, JOHANNES Niekamp / darum so war Er stets embsig / in seinem gantzen Leben / und in allen Stücken / sich zu erweisen einen rechtschaffenen Israeliten / und sonderlich auch was die von dem Israel erlernete Erniedrigung sein selbst / und die Erhöhung des wollthätigen GOttes betrifft. Gewiß war Er ein Mann / der aus sich nichts / aus seinem GOtt aber alles gemacht; Ein Mann der bey allen denen von GOtt ihm verliehenen grossen Gaben und mancherley Gnaden-Schätzen dennoch niedrig und gering in seinen Augen war / und noch immer geringer zu werden suchte. (2. Sam. VI. 22.) Ja der HERR / sein GOtt / hatte warlich sehr viel und grosses an diesem seinem Knecht gethan / welches dann seine Seele auch woll erkannt. (Ps. CXXXIX. 14.) Nicht zu gedencken / wie Er von Christlichen frommen Eltern in dem Schoosse der Evangelischen Kirchen geboyren / und sorgfältig in wahrem Glauben erzogen / als welches Er mit dem heiligen Augustino allerdings für eine hohe und grosse Wollthat geachtet; (August. lib. de diligendo Deo. c. XI.) Noch zu reden von der wunderbaren Göttlichen Leitung und Führung / die Er jederzeit zu Hause und in der Frembde woll verspüret / darüber sich hertzlich gefreuet / und derselben / zum Ruhm und Preiß seines GOttes zum öfftern Erwehnung gethan: Sondern nur zu sagen / wie der treue und barmhertzige GOtt mit vielen herrlichen Gaben Ihn reichlich ausgerüstet / mit Weisheit und Verstand / mit ungemeiner Erudition, fürtrefflichem judicio, gründ
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lichen Wissenschafften in Philosophicis und Theologicis, und andern zu einem rechten Theologo gehörigen Stücken. Und wie Ihn sein GOtt also tüchtig gemacht / so hat Er ihn auch beruffen / und auff den Leuchter in seiner Kirchen gestellet / so daß Er an verschiedenen Orten / dahin Er auff seines GOttes Winck gehen müssen / ein brennend und scheinend Licht / Hohen und Niedrigen / seyn müssen. Welch einen freudigen Muth hatte GOtt nicht in Ihm geleget / recht deutlich und nachdrücklich die Einfältigen zu unterweisen und zu lehren / und auch ohne Furcht und Scheu die Sünder zu straffen / ob Er woll darüber von der Welt offtermahl viel leyden müssen / welches Er aber nichts geachtet / sondern beständig in der That erwiesen / wie Er seinem GOtt mehr / als denen Menschen / zu gehorchen schuldig. (Act. V. 29.) Seine grosse Erfahrung in Kirchen- und Gewissens-Sachen // seine Arbeit / Wachsamkeit und Unverdrossenheit in Kirchen und Schulen / seinen brennenden Eifer / das lautere und rechtschaffene Wesen in Christo allenthalben zu befodern / und seinen ungeheuchelten exem plarischen Fürgang und Wandel / und was noch sonsten mehr / darff ich nicht weitläufftig berühren / denn Ihr seyd / Gel. dessen lebendige Zeugen. Aber ich muß hie stille stehen / und mit wenigen nur noch in der Warheit bezeugen / wie das alles unsern seligen Hrn. Niekamp doch nie / nie auffgeblähet / noch stoltz gemacht / sondern Er sich je und allezeit herunter gehalten zu dem Niedrigen: (Rom. XII. 16.) sich gar nicht werth achtend aller Barmhertzigkeiten und Treue / die sein GOtt an Ihm / seinem Knecht / gethan; und wie Er dabey nicht vergessen des schuldigen Lobes und Preises seines GOttes / allezeit danckend für alles / GOtt und dem Vater in dem Namen unsers HErrn JEsu Christi. (Eph. V. 20.) Ja könte sein Bet-Kämmerlein reden / so würde es gewiß von seiner Demuth und Danckbarkeit / die Er bey allem seinen Beten darinn kniend erkennen lassen / viel predigen und Zeugen. Wir / Gel. wollen dieses sein Christ-löbliches Verhalten bey uns nicht ersterben lassen / sondern seinem guten Exempel folgen / fleissig beten / betende an die Göttliche Barmhertzigkeiten gedencken / und in Erkäntniß unserer Unwürdigkeit solche herrlich preisen: womit wir dann das beste Andencken an unsern treuen Lehrer beweisen / und in der That die schöne Frucht seiner uns gehaltenen geistreichen und erbaulichen Predigten / und seines unsträfflichen Wandels / bezeugen werden.
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Was die hinterbliebene sehr betrübte vornehme Leydtragende / die Fr. Wittwe / lieben Kinder / und Herren Schwieger-Söhne / auch andere / durch des wollseligen Herrn SUPERINTENDENTENS Abscheiden / in grosse Traurigkeit gesetzte Anverwandte und Freunde betrifft / so kan und wird ihnen allen dieser wahre Nach-Ruhm / daß ihr seliger Ehe-Herr / Vater / Schwieger-Vater und Freund ein rechtschaffener und auffrichtiger Israeliter gewesen / der ohne falsch für seinem GOtt sich stets gedemüthiget / GOttes Namen aber je und allezeit erhöhet / zum schönen und kräfftigen Trost gereichen; Zumahlen sie also versichert und gewiß hoffen können / wie Er nun von GOtt erhöhet / und in seinem heiligen Himmel mit ewigen Gnaden / der Seelen nach / bereits gekrönet / tragend die unverwelckliche Krone der Ehren / (1. Petr. V. 4.) der Gerechtigkeit / (2. Tim. IV. 8.) des Lebens / (Apoc. II. 10.) und Er / als ein treuer Knecht / nun über viel gesetzet / und eingegangen zu seines HErren Freude. (Matt. XXV. 21. 23.) Dahin dann auch sein sehnliches Verlangen gieng / in gewisser Zuversicht / sein bestes / schönstes Erbtheil sey im Himmel. Dannenhero Er in seiner Kranckheit mit dem heiligen Vater Ambrosio sich vernehmen ließ: Bonum Dominum habui, bonum Dominum habeo, mori non timeo, Ich habe in meinem gantzen Leben einen guten HErrn an meinem GOtt gehabt / habe auch noch jetzo einen guten HErrn an Ihm / und werde Ihn also ewig haben / darum so fürchte ich mich gar nicht zu sterben. Und wohin ging sein Bitten an seine hertzlich-geliebte Ehegenossin und Kinder anders / wenn Er gesprochen: Haltet mich nicht auff! Haltet mich nicht auff! als daß Er Lust hatte / seinen HErrn im Himmel als ein treuer Knecht gerne zu dienen. O! wie hell gläntzete sein Glaube an seinen einigen Heyland / und sein festes Vertrauen auff dessen allein gerecht und seligmachendes / theures blutiges Verdienst! Nicht meine Gerechtigkeit / sondern meines JEsu Gerechtigkeit / und keine andere; Nicht mein Verdienst und Würdigkeit / sondern allein GOttes überschwengliche Treue und Barmhertzigkeit ist der eintzige
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Grund meiner Hoffnung / rieff Er / und dabey will ich verbleiben: Und also vollendete Er seinen Lauff mit Freuden. (Act. XX. 24.) Wenn die Hinterlassene einen solchen Mann / Vater und Freund verlohren hätten / der anderst gelehret / und anderst gelebet / der andern geprediget und selbsten verwerfflich gewesen / der andere zur Demuth und Danckbarkeit angeführet / und selbst ein stoltzes und undanckbares Hertze gehabt / und GOtt aus den Augen gesetzet / der mit seinem Leben niedergerissen / was Er mit seiner Lehre erbauet; so mögten Sie betrübt und traurig seyn: Aber nun haben Sie sich damit auffzurichten / daß Er sich / wie einen reinen Theologum und Lehrer / ob dem lautern und unverfälschte̅ Worte das gewiß ist / und denen / damit übereinstimmenden / symbolischen Büchern fest haltend / als auch einen rechtschaffenen Christen und Fürbild der Heerde / (1. Petr. V. 3.) ich will sagen / einen in dem Hause seines GOttes treuen Knecht / (Hebr. III. 2.) jederzeit erwiesen / also daß sein Name unter uns in Hildesheim nicht vergehen / sondern grünen und blühen wird unverwelcklich. VIVIT POST FUNERA VIRTUS! muß es auch von unserm wollseligen Hrn. SUPERINTENDENTEN JOHANNE NIEKAMPIO heissen / wie etwa der / nun auch ruhende / selige Herr Senior M. Sylv. Tappe, von dem weiland fürtrefflichen Theologo, D. Johanne Hilperto, nachdem Derselbige in die 24. Jahr auch Kirchen und Schulen allhie treufleissigst fürgestanden / und Anno 1680. sanfft und selig verschieden / in der demselben gehaltenen schönen Leich-Predigt / gesprochen / und geschrieben: VIVIT POST FUNERA VIR TUS, trotz allen Mißgönnern / so wird doch die Tugend grünen auch nach dem Tode. Ja woll / unsers werthesten NIEKAMPII Gedächtniß soll und wird stets bey uns bleiben / und wir werden seiner nicht vergessen; wie Er dessen nach seinen vielen meriten woll werth und würdig gewesen. Und sonderlich wird sein geehrter Name nicht verwelcken in denen nachgebliebenen und sich recht woll anlassenden Sprossen und Zweigen / als bey welchen die Knospen und Blüte sich bereits nach Wunsch herfür thun. Er lebet / ob Er woll gestorben: Er bleibet / ob Er woll dahin gegangen / und sein Ruhm wird fortgepflantzet werden auff Kindes Kind. Wir aber loben den HErrn in allen seinen Wercken / auch bey diesem traurigen Hintrit / und trösten uns / daß Er wie Daniel hingangen und nun ruhe / biß Er auffstehe in seinem Theil am Ende der Tage. (Dan. XII. 58.) Amen.
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PERSONALIA.
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GEtreffend nun des Sel. Hrn. SUPERINTENDENTIS von Ihm selbst entworffenen Lebens-Lauff; So ist Derselbe Anno 1654. am S. Johannis Abend auff diese mühsahme Welt gebohren. Sein seliger Herr Vaterist gewesen Herr LUCAS Niekamp / Bürger und Kauff-Händler in der Stadt Fürstenau / Stiffts Oßnabrück / die Mutter aber die auch selige Frau Maria von Bockern. Von welchen seinen Christlichen Eltern Er sofort zur Heil Tauffe befodert / und nach seinem mütterlichen Groß-Vater mit dem Nahmen JOHANN benennet / auch so bald Er dazu tüchtig worden / zur Schule und Kirche fleisig gehalten; folglich da seine selige Eltern vermercket / daß Er Lust und von GOtt einige Geschicklichkeit zum studiren gehabt / nacher Oßnabrück in die lateinische Schule geschicket: von dannen aber ist Er Anno 1673. auff die Preussische Universität Königsberg gezogen / woselbst Er sich zwey Jahr studirens-halber auffgehalten / und Anno 1676. in Churland bey einem Fürnehmen von Adel condition genommen / dabey Er Gelegenheit gehabt die Curische Sprache zu lernen / in selbiger sowoll als in Teutscher offt und viel geprediget / daß fast jederman vermuhtet Er würde dem HErrn / in selbiger Curischen Kirche zu dienen / als Prediger beruffen werden / wie Er sich denn auch selbst dazu angeschicket: da Er aber Anno 1679. in sein Vaterland gereiset / um von seinen lieben Eltern / Geschwistern und Verwandten Abschied zu nehmen / und sodann in Churland wiederum zurück zu kehren / da hat es GOtt gefallen zu seinem Kirchen-Dienst in patria Ihn zu behalten / indem Ihm die erledigte Schloß-Prediger-Stelle zu Iburg sam̅t einer damit combinirten Adjunctur auff dem angelegenen Dorffe Hilter / angetragen / und nach vorgängiger Examination und Ordination An. 1679. Dominica 3. p. Trinitatis, zu Iburg / und folgenden Montags darauff zu Hilter introduciret worden ist / worauff Er an dem Ort / von wannen sein seliger Herr Vater gebürtig war / an S Johannis, als an seinem Namen- und Geburts-Tage / seine Antrits-Predigt gethan / und in sein von GOtt und seiner Kirche Ihm an
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gewiesenes Predig-Ampt getreten. Anno 1682. den 10ten Novembris hat Er sich mit Einwilligung beyderseits respectivè Eltern und Anverwandten mit deritzo hochbetrübten Frau Wittwen / damahligen Jungfer Anna Flsabe Schmidts / seligen Hrn. Herman Schmidts / gewesenen Kauff- und Handelsmanns in der Stadt Fürstenau / nachgelassener Eheleiblichen Tochter / in den heiligen Ehestand begeben / Zeitwährender Ehe miteinander gezeuget 13. Kinder / als 6. Söhne und 7. Töchter / von welchen 3. Söhne und 2. Töchter allbereit in dem HErrn verstorben / die übrigen aber / so lange es GOtt gefällt / noch am Leben sind / welcher Frau Wittwe und Kinder der Vater der Barmhertzigkeit und GOtt alles Trostes sich ferner in Gnaden wolle annehmen. Nachdem nun der selige Mann der Iburgischen und Hilterschen Gemeine über fünff Jahr vorgestanden / ist Er von Sr. Hoch-Fürstl. Durchl. Herrn ERNST AUGUST hochseligen Andenckens / als Bischoffen zu Oßnabrück / von besagter Oeroselbiger Fürstl. Schloß-Capelle zu Iburg / auff Recommendation der Hoch-Adelichen Burg-Häuser und säm̅tlichen Vorsteher der Evangelischen Gemeine / auch Stiffts Oßnabrück / zu Melle / dahin gnädigst transferiret und befordert / woselbst Er / wie eine weit grössere und Volck-reichere Gemeine / also auch mehrere Gelegenheit bekommen mehr zu arbeiten in des HErrn Weinberge. Er ist daselbst am 20sten Sonntage Trinitatis besagten 1684sten Jahrs introduciret / und denen dreyen / nemlich Adelicher / Bürgerlicher und Kirchspiel-Gemeinen vorgestellet worden. An. 1692. ist Er von vor-hochgedachter Sr. Chur-Fürstl. Durchl. als Bischoffen zu Oßnabrück / zum Consistorial Raht gnädigst beruffen / und auff Dero gnädigen Befehl den 23. April selbigen Jahrs in das Oßnabrückische Land-Consistorium introduciret / welche dreyfache Befoderung nach Iburg / Melle / und ins Consistorium, und andere hohe Chur-Fürstl. Gnade der selige Mann ohn Unterlaß mit unterthänigsten Danck erkannt / gerühmet und sam̅t denen Seinigen dem hohen Königl. und Chur-Fürstl. Hause / als von welchem Er nechst GOtt all sein Ampts-Glücke und Ehre hatte / alles erwünschte Hochergehen in Geist- und Leiblichen angewünschet und von GOtt erbeten / wie Ihm dann auch nichts liebers würde gewesen seyn / als in eines so gnädigen Landes-Herrn
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Kirchen- und Consistorial-Diensten biß an sein Ende zu beharren / wann es nicht dem Allerhöchsten anders gefallen / als nach dessen ungezweifelter Schickung / ohne alle des seligen Mannes Vorwissen / Gesuch und Verlangen Er Anno 1693. den 8. Octobris, styli novi, war der Sonnabend vor dem 20. Trinitatis, (anwelchen Er vor 9. Jahren zu Melle introduciret war) schrifftliche Vocation von denen Durchl. Durchl. Fürsten und Herren / Herren RUDOLPHO AUGUSTO und ANTHON ULRICH, Gebrüdere / Hertzogen zu Braunschweig und Lüneburg / zu Dero Hoff-Prediger / Consistorial-Raht und respectivè Beicht-Vater / bekommen / welche Vocation, wie Er sie nicht allein selbst eingesehen / sondern auch von andern gelehrten und gewissenhafften Theologis Beyfall gefunden / also beschaffen war / daß Er dieselbe für rechtmässig und Göttlich halten und dafür achten müssen / daß Er derselbigen sich mit gutem Gewissen nicht widersetzen dürffte / derowegen dieselbe im Nahmen des HErrn angenommen / den 2ten Decembris im Oßnabrückischen Consistorio valediciret und von seinen Herren Collegen Abschied genommen / den 6ten Decembris neuen styls darauff / war der 2te Advents-Sonntag / zu Melle seine Abschieds-Predigt gehalten / und demnechst den 26sten ejusdem, styli novi, gleichfals am andern Sonntag des Advents / nach dem alten Calender / zu Wolffenbüttel in der Schloß Kirche seine Antrits-Predigt gethan / nachdem Er vorigen Freytag in dasiges Fürstl. Consistorium introduciret war. Als Er nun über 12. Jahr daselbst gestanden / und in seinem schweren Ampte Glauben und gut Gewissen zu bewahren / dem HErrn / nach dem Vermögen / das Er selbst Ihm dargereichet / getreu gewesen / ist Er Anno 1706. anhero nacher Hildesheim / zu beyder Städte Kirchen Superintendenten und Schulen Ephoro vociret / welche Vocation Er auch aus bewegenden GOtt und seiner Kirchen wollbekandten Ursachen annehmen müssen / selbige auch in dem Nahmen des Allerhöchsten sofort darauff angetreten / und zu dem Ende den 11ten Januarii besagten 1706ten Jahrs / Montag post Epiphanias, seine Reise nacher Hildesheim angetreten / von E. Hoch-Edlen Raht / Kirchen-Vorstehern und säm̅tlichen Löbl. Bürgerschafft mit allen Liebes- und Ehren-Bezeigungen empfangen und angenommen / folgenden Donnerstag auff dem hohen Chor in der Haupt-Kirche St. Andreae denen säm̅tlichen Kirchen- und Schul-Dienern vorgestellet / und also zu seinem Ampte introduciret ist. Den folgenden
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2ten post Epiphanias hat Er seine Antrits-Predigt gehalten. Die gantze 10. Jahre / die Er allhier GOtt und seiner Kirchen gedienet / ist Er von Hohen und Niedrigen geliebet und geehret worden / so daß er in Zufriedenheit und Ruhe die Zeit seines Hierseyns zugebracht / dafür Er auch der gesam̅ten Stadt und Bürgerschafft GOttes reichen Seegen vielfältig angewünschet. Was aber die vorhin Ihm begegnete Widerwertigkeiten anbelanget / hat Er nicht gewolt / daß von selbigen umständlich Erwehnung jetzund allhier geschehen solte / als welche er in stiller Gelassenheit dem lieben GOtt anheim gestellet / wie Er denn auch nicht verlanget / daß von seinem Christenthum und Ampts-Verrichtungen mehr denn nur dieses gesaget werden solte / daß er die grosse Gnade des lieben himmlischen Vaters mit kindlichem Danck preisete / und denselben durch IEsum Christum bäte / daß / wo Er dißfals / nemlich in dem rechten Gebrauch seiner Göttlichen Gnaden-Wollthaten / oder sonst in übrigen seinem gantzen Leben gefehlet oder gemangelt hätte / Er ihm aus lauter Barmhertzigkeit um JEsu Christi willen verzeihen und vergeben wolle. Anlangend aber endlich seine Kranckheit / als den Schluß seines Lebens / so hat Derselbe bereits für 7. Jahren / wie auch für etwa halbjähriger Frist / einen schweren morbum scorbuticum ausstehen müssen / wovon er jedoch beydemahl unter fleissigen Gebrauch diensamer Mittel durch Göttlichen Seegen glücklich befreyet worden. Es hat sich aber eben derselbige Affect in verwichenen Fasten / zu Anfang des Monats Martii, von neuen gemeldet / wobey Er einige Schmertzen an den Beinen empfunden / daher Ihm das gehen und stehen sehr beschwerlich worden / also daß er auch die Passions-Predigt am Donnerstage vor dem Sonntage Laetare sitzend verrichten müssen / welche denn auch seine letzte Predigt gewesen / die er gethan hat. Ob er nun wohl den Montag nach Laetare in der Schule allhier zu St. Andreae das Examen, wiewohl nicht ohne grosse unverhoffte Beschwerde / verrichtet / und gemeinet / Er wolle nechst GOtt die übrige Passions. Predigten auch noch halten / und damit seine Zuhörererbauen / so haben dennoch die Schmertzen an denen Beinen nicht allein zugenommen / sondern Er ist auch recht matt und kranck worden / daß Er sich ins Bette legen müssen. Man hat zwar alsofort nicht ermangelt einen berühm̅ten Artzt zu gebrauchen / der auch die allerkräfftigste und diensamste Artzeneyen verordnet / mit welchen man auch immer continuiret; Allein es hat sich doch auch hier gefunden was der Poët saget:
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Non est in Medico semper relevetur ut aeger, Interdum doctá plus valet arte malum. Indem die Kranckheit / in welcher Er von seiner Ehe-Liebsten und Kindern / sowoll bey Tag als bey Nacht / fleissigst gepfleget und gewartet worden / von Tage zu Tage zugenommen / und wegen der unterschiedenen symptomatum, welche sich dabey eingefunden / immer gefährlicher worden / biß endlich die Kräffte / insonderheit da der appetit zum Essen und Trincken sich gäntzlich verlohren / täglich mehr und mehr abgenommen / und also Er selbst / wie andere / woll gemercket / daß sein Lebens-Ziel vorhanden / dazu Er sich dann in Christlicher GOtt-gelassenheit bereitet; Wiewohl der selige Mann ohndem mit der Bereitung zum Tode nicht biß hieher gewartet / sondern Er hat gleich Anfangs der Kranckheit seine Seele dem HErrn des Lebens und des Todes zum seligen Abschied aus dieser Welt befohlen / und forthin von nichts liebers reden und hören mögen als vom Tode und seligen Sterben. Damit Er aber im Glauben / in der Hoffnung und in der Gedult gestärcket und erhalten werden mögte / so hat er sich bey anhaltender Schwach- und Kranckheit der rechten Speise und Trancks / welche da ist Christi Leib und Blut / im Hochwürdigen Abendmahl bedienet / und sich dadurch mit seinem JEsu destofester vereiniget. Ja Er hat von seinem GOtt nichts mehr begehret / als auffgelöset zu werden und bey Christo zu seyn / wie Ersolches zum öfftern gegen die lieben Seinigen / wie auch gegen seinem Hrn. Beicht-Vater / der Ihn etlichemahl besuchet / sowohl mit Worten als Gebärden bezeuget hat / dessen Er denn in Gnaden ist gewäret / und das öffentliche Gebet / so für Ihm in denen Evangelischen Kirchen zu GOtt abgeschicket / in so weit um Christi willen erhöret worden. Denn da Er einige Tage fast immer geschlaffen / und ohne sonderliche Empfindlichkeit gelegen / ist Er endlich in der Nacht auff den 3ten Pfingst-Feyer-Tag / war der 2te Junii, zwischen 11. und 12. Uhr / unter dem Gebet und Seufftzen seiner umftehenden lieben Angehörigen / sanfft und selig / ohne alle Todes-Züge und Gebärden / in GOtt entschlaffen / nachdem Er auff dieser Jammer-vollen und mühsamen Welt gelebet 62. Jahr weniger 3. Wochen / und zu 13. Kindern Vater und zu 11. Kindern Groß-Vater worden.
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POSTPERSONALIA.
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ES melden die Historien / daß als der vortreffliche Griechische Lehrer Chrysostomus seinen beredsamen güldenen Mund geschlossen und gestorben / der Käyser Theodosius seinen verblichenen Leichnam in einem silbernen Sarck gen Constantinopel bringen / und in der Haupt-Kirchen daselbst auff die Cantzel / von welcher Er vormahls zu predigen pflegen / stellen lassen; worauff denn nicht allein eine unzehlige Menge Volcks zur Kirchen kommen / sondern auch auff solchen Anblick alle hefftig und sehr geweinet / und bekennet / daß ihre Hertzen niemahls mehr / als dazumahlen / von ihrem Prediger wären gerühret worden. (Engelgrav. part. 1. Luc. Evang. p. 274. è Baronio & Radero.) Gel. Wir sehen den erblaßten und verblichenen Cörper unsers gewesenen geistreichen / theuren und werthen Lehrers und SUPERINTENDENTENS, JOHANNIS NIEKAMPII, nicht auff / sondern vor der Cantzel / von welcher Er uns so viele / herrliche und erbauliche Predigten / den Wachsthum unsers Glaubens / und die Erbauung in unserm Christenthum zu befördern / gehalten / in seinem Sarcke vor uns gestellet / welcher nun jetzt in seiner Mutter Schooß eingesencket werden soll. Und solten dann bey solchem Anblick unsere Hertzen und Augen nicht rechtschaffen übergehen? Solten wir nicht dadurch sehr empfindlich gerühret seufftzen und klagen? Ach Vater! ach Vater! Wagen Israel und seine Reuter!(2. Reg. II. 12.) Ja ich glaube es / und bins gäntzlich versichert / daß der selige Mann mit seinem demüthigen / eiffrigen und brünstigen Gebet / deß sein Hertze voll war / und dessen sein Mund täglich übergieng / viele Noth und Gefahr von uns und unser lieben Vater-Stadt abgewendet; Denn das Gebet des Gerechten vermag viel wenn es ernstlich ist. (Jacob. V. 15.) Nun aber ist sein Hertze ohne Leben / sein Mund / geschlossen / und seine Hände / die Er in die Höhe gen Himmel zu richten pflegen / sind nun gesuncken und liegen erstarret. Und wer weiß was dieser Riß noch nach sich ziehe? sintemahl viele Scribenten nicht vergeblich angemercket / daß auf das unverhoffte Absterben grosser Lehrer und Regenten / und wenn solche Kirchen- und Regiments-Seulen umgerissen worden / nicht viel
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gutes erfolget. Ambrosii Ende sahe der Hertzog Stilico, des Käysers Honorii Eydam / also an / daß er daraus den Untergang Italiens prognosticirte / so da auch darauff erfolget. GOTT bewahre uns in Gnaden / und lencke unsere Hertzen zur wahren Busse: Er erwecke uns auch / daß wir woll behalten das Wort / das unser Sel. Herr Superintendens im Namen des HErrn uns deutlich geprediget hat / daß wir darnach thun. Im übrigen dancken wir dem grossen GOtt für alle seine Barmhertzigkeiten und Treue / die Er an diesem seinen Knecht / in seinem gantzen Leben biß zum Beschluß desselbigen / gethan hat / für die herrlichen Ampts- und Gnaden-Gaben / für seinen exemplarischen Wandel / beständige Gedult / und für das sanffte und selige Ende / so Er demselbigen verliehen. Und wie wir das gäntzliche Vetrauen zu GOtt haben / Er werde die Seele seines / biß in den Tod treu gewesenen Knechts zu sich in sein him̅lisches Freuden-Reich auffgenommen haben / und nun mit Freuden und Wonne ergetzen; so wolle Er den verblichenen Leichnam in seinem Ruhe-Kämmerlein auch bewahren / und biß zu herrlichen Wieder-Vereinigung mit der Seelen sicher ruhen und schlaffen lassen. Derselbige treue GOTT / der GOtt alles Trostes / tröste doch die Hinterbliebene / und durch diesen herben Riß und schweren Fall höchstbekümmerte Frau Wittwe / Frauen und Jungfer Töchter / die lieben Söhne und respectivè Herren Schwieger-Söhne / und welche sonsten dadurch in grosse Traurigkeit gesetzet sind. Er gebe ihnen den Geist des Erkäntnisses / auch in diesem seinen heiligen und besten Willen woll zu erkennen / und schencke Ihnen viel Freude für das Leyd / das Sie also erlitten haben. Er gedencke denn auch unserer in Gnaden / und ersetze zu seiner Zeit die nun erledigte Superintendentur mit einem gleich gearteten / gelahrten / Friede und Einigkeit liebenden und Gottseligen Subjecto, dadurch Kirchen und Schulen und unserm Evangelischen Ministerio woll gerathen sey. Uns alle aber lasse der HErr stets und allezeit bedencken / daß wir sterblich sind / und sterben müssen / und mache uns also klug; damit wir uns zu einer seligen Hinfart / in steter Wachsamkeit / recht gläubend und Christlich lebend / bereit halten mögen. Um welche Barmhertzigkeit und Güte wir Ihn demüthig und gläubig anruffen wollen in einem stillen und ändächtigen V. U.
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Die Selige Leitung und Auffnehmung der Gläubigen Gottes / Bey Beerdigung Des weyland Hochwürdigen / in GOtt andächtigen und Hochgelahrten Herrn / HERRN JOHANNIS Niekampen / Vornehmen THEOLOGI und Hochverdienten SUPERINTENDENTIS, Auch Der Schulen INSPECTORIS Beyder Städte Hildesheim / War am Sonntage Trinitatis An. 1716. in der Haupt-Kirchen St. Andreae, Vor der PROCESSION An die Hochansehnliche Leich-Begleiter In einer Dancksagungs-Rede angemercket
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Von M. JOH. CHRISTOPH. LOSIO, Gymn. Andr. DIRECTORE.
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Hildesheim / gedruckt bey Michael Geißmarn.
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TIT. S. Meine allerseits Hochzuehrende und Großgeneigte Herren Anwesende.
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WIr befinden uns dißmahl bey der hochschmertzlichen Leiche des weyland Hochwürdigen / in GOtt Andächtigen und Hochgelahrten Herrn JOHANNIS Niekampen / eines vornehmen THEOLOGI, und wie vorhin anderweit / also auch um unser Evangelisches Hildesheim in das eilffte Jahr hochverdienten Lehrers und SUPERINTENDENTIS. Wann ich denn nun zu dessen Ehren-Gedächtnisse etwas zu reden mich allhie verpflichtet finde / so bekenne sofort / daß ich dessen Ruhm bey allen rechtschaffenen Hertzen so geständlich und sonderbar erachte / daß wie ausführlich und weitläufftig ich auch von demselben zu reden anheben würde / gar leicht eine allgemeine und auffrichtige Beystimmung finden muß. Es erkannte der liebe selige Mann bey seinem ersten Aufftritt auff die Cantzel vor zehen Jahren / daß sein Beruff von GOtt sey / eben wie Paulus, da er einen Mann bey der Nacht im Gesicht gesehen / der da sprach: Komm hernieder in Macedonien / und hilff uns. (Apostel Geschicht XVI. 9.) Er ergriff die Apostolische Erinnerung: Allenthalben stelle dich selbst zum Fürbilde guter Wercke / mit unverfälschter Lehre / mit Ehrbarkeit / mit heilsamen und untadelichen Wort. (Tit. II. 2.) Und da wir die Erfüllung durch GOttes Gnade gesehen / so können wir mit allem Rechte rühmen / daß Er unserm Evangelischen Hildesheim / nach Art der treuen und theuren Seelen-Hirten geholffen / und ein unsträfflicher Lehrer in Lehre und Leben gewesen sey. Würde ich also von Ihm sagen / was
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die Schrifft von dem Prediger der Gerechtigkeit Noa (1. B. Mos. VI. 9.) gesagt: Er war ein frommer Mann / ohne Wandel / und führte ein Göttlich Leben in seinen Zeiten / das ist / Er lebete erbar / auffrichtig und Gottfürchtig / so könte ja solches niemand in Zweifel ziehen. Dieser Platz selbst würde mir den Beweißthum in den Mund legen / in welchem Er gewohnet gewesen / die zorte Jugend zu versam̅len / und zu der öffentlichen Catechismus-Lehre zu bereiten. Da Er ohne Zweifel sich öffters erinnert / daß Er an eben diesem Orte von einer solchen Todten-Bahre / wie anitzo geschiehet / predigen würde / daß wir allesam̅t zu einer seligen Bereitschafft durch diesen Anblick mögten erbauet werden. Unser Gymnasium hielt Er für seinen angenehmsten Lust-Garten und ergetzte sich an dem Wohlgedeyen der dasigen Pflantzen mehr als an allen Blumen des Feldes. Er halff selber das Unkraut mit ausreuten und mit Lehre und Unterrichtung gute Früchte zu befordern. Die beschwerliche Stiege hinauff nennete Er seine scalam Jacobaeam oder Jacobs-Leiter / und tröstete Sich / und Uns / mit erbaulicher Begegnung / davon ich alleine gar weitläufftige Vorstellung thun könte. Die Cantzel und GOttes-Hauß waren sein bestes Vergnügen / so lange Er Vermögsam war dieselbe zu betreten. Seine Gaben und Aufführung haben wir mit grösserm Rechte bewundert / als Athen ehemahls den Demetrium Phalaraeum, dem sie drey hundert und sechtzig Ehren-Seulen auffgerichtet. Und was war das für ein Mann? Cicero schreibet von ihm (Lib. 1. de Off. c. 1.) daß Er gewesen Disputator subtilis, Orator parum vehemens, dulcis tamen, ut Theophrasti discipulum possis agnoscere. Er wäre scharffsinnig in seinen Reden / ohne Hefftigkeit / doch angenehm gewesen / daß man wohl mercken könne / daß er von dem vortrefflichen Theophrasto sey unterrichtet wotden. Also werden wir mit grösserm Rechte von unserm seligen Hrn. Superintendente sagen / daß Er ein gründlicher Theologus gewesen / und obgleich nicht ein hefftiger Sturm-Prediger / doch ein süsser und angenehmer Lehrer / aus dessen gesam̅ten Predigten alle wahre Liebhaber des Göttlichen Worts urtheilen können / daß Er ein rechtschaffener Jünger des demühtigen und sanfftmühtigen JEsu gewesen.
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Und was würde mir nicht für eine Weitläufftigkeit vorhanden seyn / wenn ich dessen erbauliche und offt höchstmerckliche Predigten in einen kurtzen Begriff fassen solte? Davon alleine die letzten gnug seyn würden / Ihn als einen Glaubens- und Liebes-Prediger nach dem Exempel Johannis vorzustellen / zu geschweigen andere fast viele Merckwürdigkeiten / welche zu dessen Ehre alle verdienten durch besondere Reden angeführet zu werden. Doch weilen der sehlige Herr SUPERINTENDENS selbst ausdrücklich bedungen / nicht sowoll sein Lob weitläufftig bey seiner Beerdigung zu machen / als vielmehr die Barmhertzigkeit GOttes gegen Ihn zu preisen: Zu welchem Ende Er zu seinem Leich-Texte die Worte Jacobs erwehlet: Ich bin zu gering aller Barmhertzigkeit / die der HErr an mir gethan hat: (1. Buch Mos. XXXII. 10.) So habe auch diesesmahl meine Pflicht zu seyn erachtet / mich in dem sonst schuldigen Ruhm zu mässigen / undetwa auff eine anderweite Panegyrin Scholasticam (videatur Programma.) zu verschieben / hingegen dasjenige / was bey seinem Lebens-Gedächtniß zu einer gemeinen Erbauung dienen möchte / mit wenigen zu berühren. Ich lobe den HErrn / der mir gerahten hat / sagt David gar merckwürdig / (Ps. XVI. 7.) und will uns damit anweisen / was für Barmhertzigkeit / die GOtt an uns thut / sonderlich zu preisen sey. Diesemnach weiß ich nichts bessers an dem seligen Herrn SUPERINTENDENTE zu mercken / als die Erfüllung dessen / was Assaph (Ps. LXXIII. 24.) nachdem Er ins Heiligthum gegangen / mit gebracht und von David gesungen / da Er spricht: Du leitest mich mit deinem Raht und nim̅st mich endlich / oder wie es in seiner Sprache lautet / hernach / oder in kurtzen / mit Ehren an. (1. Ps. LXXIII. 24.) Denn wenn wir den Lebens-Lauff des Sel. Herrn SUPERINTENDENTEN betrachten / so finden wir keinesweges / daß Er mit der Welt als auffs Ungewisse gelauffen / (1. Cor. IX. 26.) sondern sich an seinen GOtt gehalten und in seinem Beruff treulich fortgegangen / und also eine stete Göttliche Leitung und selige Auffnehmung gefunden hat. Es ist der selige Mann Anno 1654.
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zu Fürstenau / im Stifft Oßnabrück / von namhafften Eltern gebohren / nnd wie in seinem Vaterlande / also auch zn Oßnabrück zu allenguten / auch in Künsten und Sprachen sorgfältig erzogen. Von da hat Er sich Anno 1673. nach der Universität Königsberg begeben / da Er zween Jahre glücklich studiret / und hernach in Churland bey einem Vornehmen von Adel informiret / auch also sich in der Churländischen Sprache geübet / daß Er in derselben öffentlich geprediget und gewisse Beforderungen vermuhtet. Als Er aber von den Seinigen Abschied zu nehmen in sein Vaterland gekehret / leitete Ihn der Raht GOttes also / daß Er im Jahr 1679. zu Iburg als Schloß-Prediger und Adjunctus zu Hilter beruffen und bestellet wurde. Nach fünff Jahren gieng sein Beruff nacher Melle / woselbst Er neun Jahr gestanden / und zugleich in dem Oßnabrückischen Land-Consistorio eine ansehnliche Stelle bekleidet. Im Jahr 1683. wolte Ihn GOte auch in diese Lande führen / da Er zum Ober-Hoff-Prediger / Consistorial-Raht und Beicht-Vater Ihrer Hoch-Fürstl. Durchl. zu Wolffenbüttel beruffen wurde. Welchem Ampte Er zwölff Jahrlang vorgestanden / biß Er im Jahr 1706. auch zu der hiesigen SUPERINTENDENTUR beruffen und dem Willen des Höchsten gefolget ist / da Er solches Ampt / nach dem Raht GOttes / mit grosser Erbauung rühmlichst geführet und sein Leben durch eine selige Aufflösung im zwey und sechtzigsten Jahr seines Alters beschlossen hat. Niemand wird seyn / der nicht gestehet / daß der selige Herr SUPERINTENDENS bey so wichtigen Aemptern die Leitung GOttes nach seinem Raht allerdings bedurfft / und auch herrlich genossen hat. Ich erinnere mich unter vielen Zeugnissen von hohen Persohnen / nicht ohne Bewegung / gehöret zu haben / daß Er bey seinem ersten Aufftritt zu Wolffenbüttel mit diesen Worten angcfangen: Ich stehe hier / GOtt helffe mir. Und was war dieses anders / als ein Seufftzer um GOttes Geleitung und Beystand? HErr leite mich nach deinem Raht und nim̅ mich endlich mit Ehren an. Welches denn ohne Zweifel die beste Entschliessung und Verfassung / sowohl eines rechtschaffenen Christen insgemein / als sonderlich eines GOtt-ergebenen Lehrers seyn und bleiben muß. O wie köstlich ist es / wenn eine Seele von Jugend auff sich fasset und saget:
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Das ist meine Freude / daß ich mich zu GOtt halte / und meine Zuversicht setze auff den HErrn / HErrn. (Ps. LXXIII. 28.) Ja allertheureste Seele: Befiehl dem HErrn deine Wege / und hoffe auff Ihn / Er wirds wohl machen. (Ps. XXVII. 10.) Die Wege des HErrn sind eitel Güte und Warheit. (Ps. XXV. 10.) Drum seufftze ohn Unterlaß: HERR lehre mich thun nach deinem Wollgefallen / denn Du bist mein GOtt / dein guter Geist führe mich auff ebener Bahn. (Ps. CXLIII. 11.) Laß deine Güte und Treue mich allezeit begleiten. (Ps. XL. 12.) Die Wege davon die Schrifft redet / sind mancherley / welche theils GOtte / theils dem Menschen zugeschrieben werden / Christus nennet sich selbst einen Weg / da Er spricht: (Joh. XIV. 6.) Ich bin der Weg / die Wahrheit und das Leben / niemand kömmt zum Vater denn durch mich. Die Wercke der Göttlichen Regierung und Vorsehung sind gleichfals Wege / welche eitel Treue und Warheit sind / denen die seine Zeugniß halten / ob sie gleich offtmahls unerforschlich sind nach der heutigen Fest-Lection. (Rom. XI. 33.) GOttes Wege sind auch seine Rechte und Gebote / darum David bittet: (Ps. XXV. 4. 5.) HERR zeige mir deine Wege und lehre mich deine Stege / leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich. Der Menschen Wege sind nicht nur / da der Mensch seinen Geschäfften nachwandelt / sondern theils sein Beruff und Stand / darinn GOtt einen jeden setzet / theils sein gantzes Leben / Thun und Lassen / in guten und bösen Vornehmen / auch Zustande des Glücks und Unglücks / theils der allgemeine Weg alles Fleisches. O seliger Zustand eines Menschen! wenn es allenthalben heißt: Du leitest mich nach deinem Raht / und nim̅st mich endlich mit Ehren an. Sind wir in Christo / so sind wir auff einem seligen Wege / und so wunderlich uns GOtt auch führet / so leitet Er uns doch selig / und wir werden nicht umkommen auff dem Wege. Lassen wir unsere Füsse gleich für sich gehen / nach dem Worte und Raht
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GOttes / so gehen wir gewiß. Wancken wir weder zur Rechten noch zur Lincken / und wenden unsern Fuß vom Bösen / (Sprüche. XIV. 17. Ps. LXXIII. 18.) so werden wir nicht versincken in Unglück / noch auffs schlipffrige gesetzt und zu Boden gestürtzet werden. Der HErr / der uns leitet / wird uns zu Ehren / ja zu seiner ewigen Herrlichkeit annehmen. Kein Zweifel ist / daß wir an dem Sel. Herrn SUPERINTENDENTE deßfals ein merckliches Exempel haben. Er wandelte in seinem JEsu und nach dem Befehl seines GOttes / und muste offte erkennen / daß dessen Regierung an Ihm wunderbar gewesen. In seinem Beruff und gantzen Leben / ja im Todeselbst / hat Ihn der HErr geleitet. Wo Er von einem menschlichen Fehler übereilet wurde / da leitete Ihn die Hand des HErrn zu rechte. Wie eine Mutter ihr Kind gängelt / wie ein Hirte seine Schafe führet / wie ein Feld-Herr seine Krieges-Leute oder ein Lehr-Meister seine Schüler führet: so war der HErr mit ihm auffeine viel höhere und herrlichere Weise durch seine gnädige Auffsicht und Göttliche Regierung. Der HErr hat Ihn sofort / da Er zu Fürstenau gebohren wurde / angenommen und Ihn geweidet auff der grünen Auen der Göttlichen Warheit / und geführet zu dem frischen Wasser. Er hat ihn in seinen Schul-Jahren selbst gelehret / Er hat ihn mehr als zum Königs-Berge geleitet / da Er Ihn zu seinem heiligen Berge geführet / Er hat Ihn in seinem Lehr-Ampte mit vielem Segen geschmücket / und erhalten lassen einen Sieg nach dem andern. (Ps. LXXXIV.) Was Abraham begegnet / welcher aus einem Lande in das andere geführet wurde / was Jacob / den seine Eltern nach Mesopotamien schickten / da ihn GOtt versorget und auch seiner Engel Geleite gewehret / was Joseph / der für sich schlecht hinging und in allerley Gefahr gerieth / aber herrlich heraus geleitet wurde / was so viel andern Zeugen der wunderbaren Regierung GOttes / das müssen wir auch billig von unserm Sel. Hrn. Superint. Niekamp sagen / der HERR hat Ihn geleitet nach seinem Raht. Würde Er sich selbst geleitet haben oder Fleisch und Blut sich haben führen lassen / würde Er dem Beyspiel der auff dem breiten Wege wandelnden Menschen gefolget seyn / würde Er sich zur Rechten
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oder zur Lincken anders gewendet haben / als der Raht und das Wort des HErrn erfodert / so würde Er den Segen nicht gefunden haben / dessen Er sich in seinem Leben und Tode hat erfreuen können / und der auch denen Seinigen bleiben wird. So aber hat Er sich von GOtt nach seinem Rahte leiten lassen / und ist in seinen Wegen gesichert blieben. Denn dessen Wege dem HErrn wollgefallen / mit dem machet Er auch seine Feinde zufrieden. O! möchten doch alle / die der Frommen Beyspiel gesehen und gehöret / sich dadurch ermuntern in ihren Beruffs- und Lebens-Wegen also von der Hand des HErrn leiten zu lassen / wie sowoll würden sie sich und die Ihrigen versorgen. Es bleibet zwar rechtschaffenen Christen das Creutz und Widerwärtigkeit nicht aus / wie also auch unser seliger Herr SUPERINTENDENS sein liebes Creutz gleichfals empfunden / allein der HErr hat Ihn doch mit Ehren angenommen / das ist / herrlich gerettet / aus grosser Trübsahl befreyet und in einen seligen Zustand gesetzet / daß Er wohl sagenmag: Du HErr bist der Schild für mich / der mich zu Ehren setzet und mein Haupt auffrichtet. (Ps. III. 4.) Es ist dieses wie sonst offtmahls in seinem Leben bey mancherley Widerwärtigkeit / also absonderlich in seinem letzten schweren Lager und endlichen seligen Tode erfüllet / da Ihn GOTT durch seinen Geist ausgerüstet / in Glauben und Gedult gestärcket / und endlich sanfft und selig einschlaffen lassen. Der Tod ist zwar eine Aufflösung des natürlichen Bandes zwischen Leib und Seele / auff dessen Festigkeit sonst die sichere Welt trotzet; aber die Gläubigen suchen ein Band / das nicht zureisset / nemlich mit GOTT vereiniget zu seyn / dessen sie sich auch im Tode selbst zu erfreuen haben. Ihre Trennung vom Irdischen / ist eine Erhebung zum Himmlischen / ihre Wegführung von der Erden / ist eine Auffnehmung zur Ehre des Himmels. Es wardie Stunde des Abschieds unsers Seligverstorbenen zu Mitternacht / nach geendigten Heiligen Pfingst-Fest. Es hindert aber keine Finsterniß den Vater des Lichts die Seinigen zu finden und auffzunehmen. Auch in der Nacht ist der HErr JEsus geneigt den Nicodemum zu sprechen: Nicht weniger aber die Ihm vertraute Seelen in der Nacht auffzunehmen / und Sie in die selige
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ewige Ruhe zu versetzen. Gleichwie nun der seligverstorbene Herr seinen Beruff zu uns ansahe / wie das Gesichte Pauli in der Nacht / da es hieß: Komm herab und hilff uns: Also mögen wir uns bey seiner Abfoderung aus dieser Welt versichern / daß Er die Stimme seines Erlösers gehöret / da es geheissen: Komm herauff zum Himmel / und laß Dir helffen / daß deine Seele genese ewiglich. Nun wir zweifeln keinesweges / es sey dieses an dem seligen Hrn. SUP: erfüllet / und der HErr habe seine Seele angenommen zu ewigen Ehren / gegen welche alle Ehre und Herrlichkeit dieser Welt für nichts zu achten. Der HERR wolle denn auch die Seinigen leiten mit seinem Raht / und Sie selbst auch zu Ehren annehmen / und Weisheit und Segen verleihen Kind und Kindes Kindern. Nicht weniger die Hochbetrübte Frau Wittwe / Frauen Töchtere / und geehrteste Herren Schwieger-Söhne kräfftiglich trösten und auffrichten / und des väterlichen Segens und Gebeths beständig geniessen lassen. Im übrigen nehmen wir Gelegenheit aus dem von dem seligen Herrn in denen Wochen-Predigten erklärten Briefe an die Hebräer uns zu ermuntern / daß wir gedencken an diesen theuren Lehrer / der uns das Wort GOttes gesagt / daß wir sein Ende anschauen / wie sichs gebühret / und seinen Glauben nicht weniger beständig / als itzo seiner Leiche mit aller Liebe nachfolgen.(Cap. XIII. 8.) Welches wir uns destomehr versichern können / je Volck-reicher und ansehnlicher sich diese hochgeehrteste Versam̅lung in diesem Trauer-Hause anfinden wollen. GOtt vergelte einem jeden meiner hochzuehrenden Herren solche Gunst und Ehren-Bezeugung / und lasse es in den Augen der gantzen Stadt hochgeachtet seyn / daß der HErr durch ihre Christliche Zuneigung und Ehrenleistung auch den Leichnam des hochsehligen Herr SUPERINTENDENTEN anitzo läßt zu Ehren annehmen / und auffs ansehnlichste zu seiner Ruhe-Stäte hinbegleiten.
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Es gereicht dieses insonderheit der geehrtesten Niekampischen FAMILIE zu sonderbaren Trost / welche denn dafür durch meinen wenigen Mund allen Ehren-gebührigen schuldigen Danck abstattet / und nichts mehr wünschet / als Gelegenheit in angenehmen Zustande solches zu vergelten: Voritzo aber sich und das Angedencken des theuren Mannes zu aller Gunst empfielet / und allen Seegen und selbst-erwünschendes Wollergehen / sowohl dieser gantzen liebwehrtesten Stadt / als einem jeden insonderheit erwünschet und mit ihrem Gebeht von GOtt zu erbitten beständig verpflichtet. Indessen
Geh hin du theurer Mann / wohin dich GOtt geleitet / Da Er auff ewig Dir hat Ehr und Trost bereitet. Geh hin / der HErre nim̅t auch deinen Leichnam an / Und deiner Treue Ruhm folgt Dir von jederman.
(AE. 1. 14.) INSIGNEM pietate virum, cui maxima rerum(AE. 9. 279.) (9. 290.) Verborumque fides & mens sibi conscia recti,(1. 608.) (6. 429.) Abstulit atra dies & funere mersit acerbo. (10. 462.) Stat sua cuique dies, breve & irreparabile tempus(G. 3. 284.) (463.) Omnibus est vitae, sed famam extendere factis(AE. 6. 806.) (464.) Hoc virtutis opus: fato prudentia major.(G. 1. 416.) (AE. 12. 19.) O praestans animi, nulli virtute secundus.(AE. 11. 441.) (8. 500.) Flos veterum virtusque virûm, TE gloria tollet.(10. 144.) (Ec. 5. 34.) Tu decus omne tuis, TE non praestantior alter(6. 164.) (Ec. 5. 78.) Semper honos nomenque tuum laudesque manebunt. (AE. 11. 159.) Felix morte tua (cuncti se scire fatentur)(11. 344.) (Ec. 6. 11.) Te nemus omne canet, Te nostrae dona Minervae.(2. 189.) (AE. 8. 76.) Semper honore meo, semper celebrabere donis(8. 76.) (Ec. 5. 77.) Dumque thymo pascentur apes, dum fronde capellae(Ec. 10. 30.) (AE. 4. 336.) Dum memor ipse mei, dum spiritus hos reget artus.
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THRENODIAE QVIBUS VIRI SUMME REVERENDI, DOMINI JOHANNIS NIEKAMPII, SUPERINTENDENTIS HILD. MERITISSIMI, PIOS MANES PROSEQVVNTVR MEMBRA MAXIME REVERENDI MINISTERII, COLLEGII GYMN. ANDREANI, FILII ET AUDITORES QVIDAM MOESTISSIMI.
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HILDESIAE, Typis GEISMARIANIS, An. MD CC XVI.
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ICh bin / O HErr / dein Knecht / und aller deiner Gnaden / Die Du an mir gethan / zu unwerth und zu klein! Drum rühm ich deine Güt’ / womit Du mich beladen / Und spreche: Dir / OHErr! sey Preiß und Ehr allein. So wolte des wollseligen Hrn. Superint: längst von Ihm selbst erwehlten Leichen-Text kürtzlich Reimweise hinzusetzen M. Franciscus Henricus Meyer / Past. ad Div. Andr. & Reverendi Minist. Subsenior.
MAs soll ich / Seeligster / zu seinem Ruhme schreiben / Und zum Gedächtniß auch der Nach-Welt einverleiben? Drey Stücke weiß ich woll von ungemeinen Wehrt / Dabey man allezeit getreue Lehrer ehrt: (Bergman in Tremenda mortis hora, Part. II. erzehlet von Valerio Herbergern / daß er gewolt / man solte ihm nach seinem Tode nichts mehr nachrühmen / als (1.) daß Er seinen JEsum hertzlich geliebet; (2.) seinen Zuhörern denselben fleissig vorgetragen; und (3.) auff sein Verdienst seelig gestorben sey.) Die Liebe JEsu; und der Vortrag reiner Lehre; Ein Tod / der drauff erfolgt zu ihres Meisters Ehre; Da man sich nicht geschämt / daß man gelebet hab’ Doch aber auch sich nicht gefürchtet für das Grab. Die Welt vergist / was sonst noch billig ist zu loben / Doch bleibt es ohnedem bey GOtt woll auffgehoben; Er hat in allen uns ein Beyspiel dargethan / Und ist von uns gerückt ins Himmels Feld hinan. Wir wollen Ihm darinn mit allem Fleiß nachgehen / Biß wir uns dermahleinst im Himmel wieder sehen. GOtt gebe nur / daß auch des HErrn JEsu Ehr Mehr ausgebreitet werd’ durch Leben / Tod und Lehr. Dieses wolte zum beständigen Angedencken des Sehl. Herrn Superint: hinzusetzen M. JOH. HENR. Rittmeyer / Pastor ad St. Lamberti.
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DA wir im nechsten Jahr das Jubel-Jahr noch hoffen / Nach überstandener unzehliger Gefahr / So ist dein Jubel-Fest schon früher eingetroffen / Diß Jahr / du treuer Knecht! ist Dir ein Jubel-Jahr! Mit diesen wenigen Zeilen wolte sein hertzliches Mitleyden gegen die vornehme Trauer Familie bezengen. SYLVESTER Tappen / Past. ad D. Andr.
MUß nicht der Mensch allzeit (ist Hiobs seine Frage) In vollen Streite seyn? Ja ist die Antwort drauff. (Hiob VII. 1.) Dann Angst / Verfolgung / Leyd / Versuchung / Sorg und Klage / Mit allem Rechte heist der Frommen Lebens-Lauff. Das hat der theure Mann / Herr Niekamp / auch erfahren / Ein treuer Lehrer muß in vollem Kampffe stehn; Fleisch / Teufel / Sünde / Welt / zusammen sich offt paaren / Und uns mit voller Macht gar starck entgegen gehn. Nie ohne Kampff ein Wort das Lehrer müssen führen: Ein Nahm der Ihnen recht die Ampts-Verrichtung lehrt: Ein Creutz / und schöne Kron / die ihr Haupt muß beziehren: Ein Zeichen / das man Sie als Christi Diener ehrt. (2. Tim. II. 3.) Wie aber auch der Kampff Sieg / Kron und Frieden bringet: So hat Herr Niekamp diß in seinen Händen schon. Nie soll Erkämpffen mehr; Ein Friedens-Lied Er singet; Siegreich bekrönet Er nun steht vor GOttes Thron. O wohl / wer also hat ein’n guten Kampff gekämpffet! (2. Tim. IV. 7.) O wohl / wer so / wie Er / den Glauben hat bewahrt! O wohl / wer so / wie Er / die Feinde hat gedämpffet! Der hält mit Ihm gewiß siegreich die Himmelfahrt. Dieses wolte der vornehmen Trauer-Familie zum Trost hinzuthun. Rudolph August Stieber / Past. ad D. Martini.
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MAnn Loth aus Sodom geht / so fällt bald Feur vom Himmel / Und machet das Garaus mit Sodom / und umher. Auch wenn Herr Niekamp scheid’t aus diesem Welt-Getümmel / So werd’ ein jeder fromm / und sich zu GOtt bekehr / Wann ihn nicht treffen soll Noht / Unglück / Angst und Leyd / Hingegen aber will mit Niekamp haben Freud. Dieses setzte wohlmeinendlich hinzu Anthon Hilmar Werckmeister / Past. zu St. Mich.
IHr Hertzen / die Ihr traget Leyd / Laßt toben / Glück und Fall und Zeit / Laßt / was nur will / sich an Euch reiben. Könn’t Ihr bey GOtt in Gnaden stehn So mag die Welt zu scheitern gehn / Ihr und Eur Saame wird wohl bleiben. So schrieb JOH. JONAS Dörrien / D. Michaëlis Pastor.
NUnc quoque post multos casus, multosqueue labores Hinc noster Praesul cessit ad astra Poli; At fato est major, stabitqueue decus sine fine. Mortuus ergò haud, qui dicitur esse modò. Memoriae beatiss. Dni. Superintend. scrib. LUC. ULR. Albrecht / Past. ad D. Annae.
Täglich sterben heist recht sterben / Und das ist der Christen Pflicht: Wer so stirbt / dem fehlt es nicht / Er muß GOttes Reich ererben. Denn solch sterben führt zum Leben / Welches GOtt verheist zu geben.
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Tod und Tod sind unterschieden / So wie böß und gutes ist. Lebt und stirbt man als ein Christ / So wird auch der Tod vermieden / Der für ungerechtes Leben Wird zum rechten Lohn gegeben. Davon kanstu / Seelger / zeugen / Denn Du starbst hier in der Zeit / Da Du zu der Ewigkeit Dein Hertz fingest an zu neigen. Und diß macht / daß Dein Erbleichen Dir zum Leben muß gereichen. Du / als vieler Lehrer Lehrer / Hast im Leben stets gezeigt / Wie man dieses Ziel erreicht / Und so lehrtstu Deine Hörer. Ach! daß Deine Art zu lehren Wir noch täglich möchten hören! Nun Du stirbst / und wir bedauren Daß Du uns entrissen bist / Ja / wer sonsten Christlich ist / Wird noch diß dabey betrauren Daß Du nicht durch längers Leben Uns solt Lehr und Nutzen geben. Zu letzten Ehren des seligen Herrn Superintendentis, und zum Trost der hochbetrübeten Hinterbliebeuen setzte dieses M. LUD. ANT. Hansen / Past. zu St. Georg.
DEr Evangelischen ihr zweytes Jubel-Jahr / Und Christum in dem Wort’ hier ferner anzusehen / War / Seeliger / dein Wunsch. Es ist auch nun geschehen / Da Du verblichen bist / und fehlt nicht um ein Haar. Denn wo die Warheit ist / (wie es dann bleibet wahr) Daß hier die Streitenden darnach im Glauben stehen / Was Triumphirende dort in den Himmels-Höhen Vor sich bereits erlangt; So ists auch Sonnen-klar / Daß deinen Heyland Du in jenen Jubel-Auen Nunmehro klärlich kanst auff ewiglich anschauen. Welche geringe Zeilen zu Ehren des wollseeligen Herrn Superintendentis setzen sollen LUDOLPHUS ERNESTUS Beseke / Past. ad St. Lambert.
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MORIBUNDI (Jac. V. 3.) DOMINI EPHORI J. NIEKAMPII ULTIMAE AD DEUM PRECES.
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FUtiles (Eccl. I. 14.) odi DEUS apparatus: Displicent nexae vitiis (Ps. I. 1.) coronae: Mitto sectari, nova quo locorum Gaza (Marc. VIII. 36.) moretur. Caelitum templo nihil (Ps. LXXIII. 25. 26.) allaborem Sedulus curo: Neque me peresum De decet (Act. VII. 59.) cura haec, neque te (Rom. VIII. 15.) parentem Velle favere. CHRISTIANUS Pantzer. R.
MIe war O Hildesheim Dir damahls wohl zu muhte! Mein Hertz belieff mir gantz die Seele schwam im Blute / Als unser EPHORUS Herr Niekamp von uns wich Und seine Augen schloß / wie sehr betrübt’ ich mich Da eine Traur-Music ich solte hier zu Ehren Vorstellen und dadurch den theuren Mann verehren.
Herr Niekamp du bist todt / und lebest doch in Freuden / Dein treues Vater-Hertz verursacht grosses Leyden / Dein Nach-Ruhm stirbet nicht / Du GOtt geweyhter Mann / Ich lieb’ und ehre Dich / so viel als ich nur kan. Die gantze Vater-Stadt / die Grossen mit den Kleinen / Das MINISTERIUM vergessen nicht der Deinen.
Auch unsre Musen-Schaar sam̅t ihren Praeceptoren Die stimmten traurig an mit allen dreyen Choren / Bekannten frey heraus / Du seyst ein GOttes-Knecht / Ein frommer Gülden-Mund / ein Mann der ächt und recht.
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Herr Niekamp ist dahin / Er ist nunmehr gestorben / Der Leichnam liegt im Sarck / die Seele bleibt unverdorben.
Sie ist in GOttes Hand dem Schöpffer hingegeben / Wir dencken offt an dich / du bleibest stets im Leben / Dein wohlerworbner Ruhm und deine Redlichkeit Ist unsrer Vater-Stadt die Zierde jederzeit. Gedencke doch an uns / laß dein Gebät erklingen Im Himmel / da wir GOtt zu Ehren werden singen. Aus schuldigen Gehorsam und ungemeiner Liebe setzte dieses seinem hochgeehrten Herrn EPHORO und dessen hochwehrtesten Angehortgen zum Nachruhm und Ehren in Eile JOH. JUST. Grumbrecht / Cantor.
WEr gerne sterben will / hat siegreich überwunden; Weil hier nichts schrecklichers uns düncket als der Tod. Herr Niekamp hatte sich mit GOtte fest verbueden; So kahm der volle Sieg nach seinem Wunsch von GOtt.
Ein Sieger heist sein Nahm / wenn man ihn soll erklären; Er hat mit allem Recht den Nahmen mit der That. Die Beute hat Er weg auff Christliches Begehren; Weil / wer da ewig lebt / den Tod besieget hat. Zum immerwarenden Andencken des Sel. Herrn Superintendenten und dessen wehrten Nahmen schrieb solches JOH. FRANCISCUS Sprenger / Conrector.
BIS DUO censores (Ephori) mihi jure feere laborum ANNIS TRIGINTA quos ego QVINQVE colo: GÖTZIUS & BROKIUS, RIMERUS, morte beati; Exequias quorum non comitata suit
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Nostra palaestra, locum quia mutavere vocati. At functum NIEKAMP nostra sacella tegunt. VIR VENERANDE DIU, coelum TIBI carius orbe Exstitit, ergo vale! Laus tua fine caret. JOHANNES CHRISTIANUS Sprenger / Collegarum Gymnasii Andreani Senior.
SIccine NIKAMPI Praesul Venerande, triseclis Digne senis seclo, concidis ante diem? Siccine Magne Parens, morbo confectus iniquo, Exigua in tumba, non tumulande, jaces? Magnus eras quondam Vir fato Bennonis Urbi Redditus Eximiis ante Viris viduae. Magnus eras timido Christi Defensor ovili, Nempe lupos rabidos ense abigendo Dei: Magnus & Antistes Musarum, magnus & Ipse Doctor, magnus amor praesidiumque Domus. Perdidit ast Decus hoc miserando Hildesia fato Praepropero Tanti funere moesta Viri. Perdidit audentem Christo gens sacra Patronum, Doctorem gnavum perdidit alma Schola: Perdidit heu! Conjux curae casusque levamen, Sed facilem viridans Stirps & adulta Patrem. Fletibus ergo meis pia gens accede Sionis, Supremo metuens Excubitore cares. Suspirate, Cohors discensque Docensque Scholarum, A ptaque funesto dicite verba die. Funde pias lacrymas Prosapia cuncta Beati, Moesta Parens digne perge dolere Viro. Sed modus in luctu, justo modus esto dolori, Nam coeli in sancta luce beatus agit. Hîc Claros inter Doctores fulget, ut inter Sidereos ignes lucida Luna micat,
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Augustumque Deum Majestatemque verendam Aspicit, aeternis perfruiturque bonis. Non illic morbus, non aerumnosa senectus, Muneris aut moles urget acerba Virum, Otia sed plaususque juvant, animamque JEHOVA Ipsius è vitae fonte perenne rigat. Sic voti compos, coeli novus incola factus NIKAMPI Praesul vive DEUMque vide. In Honorem BEATISSIMI VIRI, EPHORI sui desideratissimi lugens fecit B. Bartels / G, A. Coll.
ESt ita, crede, datum cuicunque absolvere fatum Quam cito lege jubet Divus eique lubet. Sat pro comperto, nects aspera regula certo Troibus ut Siculo, nititur articulo. Fata manent cunctos, humano foedere junctos: O cave mortalis, si tibi mica salis! Natus ab Adamo capitur quoque mortis ab hamo, Te rapit iste Caron, sis licet alter Aron. Cernimus exemplo Clerum qui munia templo Praestitit in vivis candida more nivis. Nomine sincerus NIEKAMP pietateque verus Haec noscenda dabit, dum moribundus abit. Triste valedixit gressus & ad aethera fixit. Sperans sede soli faustior illa poli: Tu DEUS alme tamen rellictis esto levamen, Et largire piis, his & abire viis. Intr IstIs DoLorIs ContestatIoneM ponere VoLVIt HENR. Bötger. G.A. Collega.
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ORba Praesule templa nostra plangunt, Pullo Syrmate musa stat revincta, Non siccis oculis colenda busta NICAMPI recolens, viri beati, Summa quem pietas, probique mores, Sacra & dogmata firmitasque mentis, Vectavêre per orbis alta tecta. Augustos JOANNIS, aureaeque linguae Gressus, Praesulis atque signa pressit, Non molli calamus recurvus aurâ, Nec flatu boreae ruens crepante. Hinc luget pia civium corona, Musarum soboles sacrata luget, Doctoremque Patremque quaeritantes. Ast moeror recidat, modus dolori Figatur! Requie beatus alma Antistes Reverendus, & coruscus Palmis, Elysii superba libat Campi praemia, nescius malorum, Quae mortalibus imminent caducis. Ornabit cathedras viro benigno Numen, qui clypeo tegat Camoenas, Qui dias epulas piis ministret. Patrono & Maecenati summo posuit G. W. Pfingsten. Gymn. ad D. And. Collega.
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Letztes Denck- und Danckmahl / Dem weyland Hochwürdigen / in GOtt andächtigen und Hochgelahrten Herrn / HERRN JOHANN Niekamp / Bewesenen fürtrefflichen THEOLOGO, und beyder Städte Hildesheim Hochverdienten SUPERINTENDENTEN, Wehemühtigst von dessen hinterlassenen Dreyen Söhnen Und Vier Schwieger-Söhnen auffgerichtet.
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Im Jahr 1716.
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INdem dein Todes-Fall mir Hertz und Augen netzet / Mein Vater / und dich nun die Todes-Grufft beschließt / So wird ein Schatten-Riß von dem mir vorgesetzet / Was man von Mose dort auff GOttes Blättern ließt: Ein sehr geplagter Mann / heist er / auff dieser Erden / (Num. XII. 3. 7.) Ein Knecht der treu dem HErrn / (Num. XII. 3. 7.) der hoch hielt Christi Schmach / (Ebr. II. 26.) Drum wolt auch selbst der HERR sein Todten Gräber werden (Deut. XXXIV. 6.) Wenn ihn erst Canaan ergetzt dem Ansehn nach. (l, c. v. 4.) Du theurer GOttes-Knecht / es ist dein letzter Wille / Daß man nichts rühmen soll von deiner Priester-Treu / Von deiner Plag und Schmach / deshalben schweig ich stille / Sonst seh ich gnug an dir des Mosis contrefay; Nur eins: Was ist dein Tod / dein sanfft und seclig Sterben? Wie deutlich deutet diß des Mosis-Abschied an? (l. c. v. 5.) Auch läßstu uns hierob so viel Erschrecken erben / So viel dort Moabs-Feld der Thränenzehlen kan; (l. c. v. 8.) Nur darinn werden wir des Unterscheides innen / Der zwischen deinem Sarg und Mosis Grabe liegt: Dort weiset Gottes Schluß den frommen Knecht vonhinnen / Eh ihn das Hoffnungs-Land mit seiner Lust vergnügt / (l. c. v. 4.) Hier aber / da GOtt dich / mein Niekamp / seitwerts führet / Und dir den neuen Kamp voll Milch und Honig weißt / (Exod. III. 8.) So wird als bald dein Hertz von Sterbens-Lust gerühret / (Phil. I. 23.) Bald gar mit Honigseim in Canaan gespeißt. Du kanst nun ruhiglich in Lust-Gefielden gehen / In denen sich kein Feind noch Räuber-Volck versteckt. Es kan dein muntrer Geist das grüne Nain sehen / (Luc. VII. 11.) Wo keine Noht noch Tod der Freude Leid erweckt. Wohl dann / wir gönnen Dir die unumschränckte Freude / Geniesse nur der Lust in jenem Canaan / Ob schon dein Weib und Kind nun eine dürre Heyde / Ein schwartz-bedeckter Kamp den man kaum kennen kan. (Thren. IV. 8.) GOtt gebe uns dabey nur gnädig zu erkennen / Daß dennoch dieser Streich vom lieben Vater sey / Und uns nichts möge hier von JEsus Liebe trennen / So fügt uns diese dort auch unserm Seel’gen bey.
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Indessen gute Nacht / Hertz-lieber Schwieger-Vater / Hab tausend Danck vor all’s / vor Liebe / Gut und Blut / So Du mir zugewandt / der ewige Berather / Dein Schild und grosser Lohn (Gen. XV. 1.) mach ewig alles gut. Ich aber werde hier / so lang ich lebe / klagen / Daß ich an Dir verlohrn was mir unschätzbar war. So muß auch Kirch und Stadt mit grossem Leyde sagen; Ja / wer dich nur gekant legt diese Grabschrifft dar: Hier liegt des HErren Knecht / ein Mann dem viel gegeben / (Luc. XII. 48.) Den Er im gantzen Hauß getreu und redlich fand / (Ebr. III. 2.) Nun hat Er seinen Lohn in jenem Freuden-Leben. (Matt. XXV. 21.) Ach Leser / such doch auch diß dir gelobte Land. Dieses schrieb in Wehmuth seinem hochwerthesten Hrn. Schwieger-Vater zu letzten Ehren AUGUSTUS Stisser / General-Superint. und Pastor Prim. zu Gandersheim.
NOmina non temere dantur fortasse creatis. Saepius est verum: Nomen & omen habet. Laudat Johannem & celebrat, qui fallere nescit Christus Servator, praetereunte die:(Dom. III. Advent.) Quod Constans, Animosus, Praecellensque Propheta. Omnia conveniunt, nam TVA facta docent: Quod fueris Constans, Animosus Praeco Jehovae, Tum fidei exemplar, tum pietatis amans. Non me permittit moeror nunc scribere plura. Solare Omnipotens pectora nostra Deus. Christe repleto locum vacuum Johanne fideli, Constanti, Insigni, qui bene pascat oves. In honorem summe Reverendi Domini Soceum JOHANNIS NIKAMPII moestus posuit gener JOHANN CHRISTIAN GREVE, Past. raptim Dom. III. Adv.
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WAnn düstre Traurigkeit die frommen Hertzen hüllt / So führt sie GOttes Wort zu hellen Gnaden-Höhen / Und läst sie Licht und Trost und Fried’ und Freude sehen Bey GOtt / der uns in Noht mit holdem Glantze stillt. Gleich wie den Steuer-Mann der Leit-Stern muß beglücken / Wenn Wellen / Winde / Sturm das Schiff zu Grunde rücken. 2. Wenns Creutz absonderlich dort den Eliam jagt / (1. Reg. XIX. 8. ss.) Zeigt GOtt dem theuren Man an Horeb seine Güte. Wann Noth die Lehrer druckt sehn sie wohl gleiche Blüthe; Sie haben Anmuths-Schein nach dicker Unglücks-Nacht / Daß sie vergessen sey; GOtt läßt auch Gnade blitzen / Bevor sein Raht sie heist im Jammer-Nebel sitzen. 3. Ich dencke itzt an das / was man auff Thaborsah / (Historia extat Matth. XVII. 1. sqq. Et creditum vulgo est antiquis etiam Ecclesiae patribus facta̅ fuisse in Thabor, qui & fuit mons excelsus, qualem Evangelistae fuisse referunt.) Da war ein schönes Licht voll von Verklärungs-Strahlen Um JEsum GOttes Sohn / ihn Göttlich abzumahlen / Das alte Testament stellt zweene Zeugen da / Das neue hat dabey drey heilige Propheten / Die wie ein GOttes-Chor in helles Licht eintreten. 4. Der gröste / Christus / muß hier Sonnen-ähnlich seyn; Er hat in seinem Ampt bißher gnug Trauer-Stunden Bey dem verboßten Volck / bey seinem Volck / gefunden / Drum kleidet Ihn nun GOtt in höchstes Licht hinein; Und weil die dickste Nacht des Leydens solt anbrechen Will GOtt im grösten Licht Ihm grösten Trost einsprechen. (vid. Luc. IX. 31.) 5. War Moses nicht mit Ihm ein sehr geplagter Mann? (Num. XII. 3.) Drum muß Ihn auch ein Glantz der Herrlichkeit umscheinen / Die Seele ist verklärt / den lebenden Gebeinen (Non enim videre est, cur non aeque ac Elias in proprio corpore apparuerit.) Fehlt es an Klarheit nicht. Sieh’ auch Eliam an / Bey seiner Auffahrt will erst Noth sam̅t Jordan weichen / (2. Reg. II. 7. 8.) Drum muß für seinem Glantz hie Sternen-Glantz erbleichen. 6. Und sehen wir zuletzt der andern Führung an / So muste Petrus ja am Creutzes-Holtz erkalten / (Euseb. Hist. Eccl. l. 3. c. 1.) Jacobus muß dem Schwerdt des Wüterichs herhalten / ( inter Apostolos Act. XII. 2.) Johannem weiset ins Elend Domitian. (Apoc. I. 9. Eus. l. c. c. 16.) Nun solche Unglücks-Nacht mit Krafft zu überwinden / Läst GOtt auff Thabor erst die Nacht-Laterne finden. 7. GOtt zeigt hie auch das Licht das ewig brennen soll; Sey Lehrer gutes Muths / wenn Sturm und Wetter dräuen / In schwartze Wolcken kan GOtt schon ein Licht einstreuen / Geschichts nicht in der Zeit / geschichts in jenem Wohl / Wenn dich nur Christus kan den treuen Lehrer nennen / Wird dort dein Freuden-Feur mehr als auf Thabor brennen.
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8. Mein Vater! mein Gesicht dein Tod in Trauren hüllt / Doch seh’ ich / daß Du hier gewest auff Thabors Höhen / JOHANNES hiessestu / Du mustest mit hingehen / Wo Christus seinen Knecht mit Heyl-Erleuchtung füllt / Thabor heist rein und schön / du hattest reine Lehren / Und reine Frömmigkeit die Lehren selbst zu ehren. 6. GOtt stellte dich allhier auff seinem Berge hin / (Matth. V. 14. sqq.) Die Kirche GOttes hat dein Licht sehr weit gesehen / Du mustest wie ein Berg auch offt im Sturme stehen / Und stundest wie ein Berg. Dein vor-erleucht’ter Sinn Vorhero so viel Licht auff Thabor hatt’ erblicket / Daß dirs bey jedem Sturm im Glaubens-Kampff geglücket. 10. Der Todes-Berg must auch noch letzt erstiegen seyn / Dein Glaube gieng hinauff / wie Moses (Deut XXXIV. 1. sqq.) durch zu schauen In jenes Freuden-Land / durch gläubiges Vertrauen Geh’stu ins Freuden-Hauß des ew’gen Thabors ein. GOtt laß uns allen hier sein Gnaden-Thabor sehen / GOtt helff uns allen durch zu den verklärten Höhen! So schrieb seinem Wohlsehligen Herrn Schwieger-Vater zu letzten Ehren Justus Theodorus Gießler / Past. Wolffenb.
ALs dorten Samuel mit seinen heil’gen Lehren Die Stämme Israel zum guten führte an / Da gab Ihm jederman / der sich gab ihn zu hören / Das Zeugniß / daß er sey ein rechter Gottes-Man̅.(1. Sam. III. ???. 20.) Und must auch solches nicht / ein jeder / der ergeben Der Treu und Redlichkeit / bezeugen öffentlich? Da der Wohl-seelige / mit seiner Lehr und Leben Zu förderen was gut / ließ angelegen sich? Brach man nicht offt heraus? O woll Uns! daß wir haben Nun wieder ein solch Haupt / daß uns recht lehren kan. Und dieser Ruhm bleibt Ihm / auch da Er schon begraben / Daß Er gewesen sey / ein theurer wehrter Mann.
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Ein Mann bey dem man sah viel sonderbahre Gaben / Ein Hertz voll Gottesfurcht / voll Glaube / Lieb und Treu / Voll Hoffnung / voll Gedult / und / welches auch muß haben Ein Lehrer der da lehrt / voll Muht und ohne Scheu. Ein Hertz voll Wissenschafft in viel und grossen Dingen / Und sonderlich in dem was Gottes Wort Uns lehrt / Voll Weisheit und Verstand / voll Klugheit vor zubringen / Nur was den Menschen nützt und GOtt den HErren ehrt. Ja ja ein solcher Mann war der in seinem Leben / Der nun im Himmel ist / Herr Niekamp meine ich / Der hier an diesem Ort / mit Dienste sich ergeben / Der Kirche und der Schul gantz treu und emsiglich. Drum trauret man itzt auch / es trauren sehr die Seinen / Es traurt ein treuer Freund / es traurt die gantze Stadt; Wenn man daran gedenckt / vom Grossen biß zum Kleinen / Daß man den theuren Mann so früh verlohren hat. Ja ich / der ich das Glück durch GOttes Schickung hatte / Daß Er mich seinen Sohn und ich Ihn Vater hieß / Betraur auch sonderlich / das / da des Todes Schatte Mir diesen Liebes-Schein so bald / sofort entriß. Doch dieses ist mein Trost / der mich anbey erquicket / Daß Er bey GOtt nun ist / und dessen Angesicht In höchster Freud und Wonn anschauet unverrücket / Ohn alle Dunckelheit / in einem seel’gen Licht. Denn da werd ich / mit GOtt / Ihn endlich wieder sehen / Weil ich mit Ihm mich streck / zu dem das künfftig ist / Wenn mich aus dieser Welt mein GOtt wird heissen gehen Zur Freude / die uns hat erworben JEsus Christ. Da werde ich mit Ihm ohn unterlaß GOtt loben / Der uns erschaffen hat / erlös’t und geheiligt / Da werde ich mit Ihm im Himmel hoch dort oben Geniessen Seeligkeit / die nimmer von uns weicht. Nun GOtt / du weist / daß ich nach diesem Himmels-Leben / Da keine Sünd noch Qvaal uns ferner mehr anficht / Von gantzem Hertzen tracht / und hoff’ Du wirst mirs geben / Gib nur / daß stets mein Sinn bleib auff diß Ziel gericht. Zu dezeugung seiner Hochachtung gegen seinem nunmehr seel. Hrn. Schwieger-Vater / wie auch hertzlichen Leydwesens über dessen tödtlichen Hintrit hat dieses auch hinzusetzen wollen JOHANN LUDEWIG Maurer. Pastor ad D. Pauli.
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WAs für ein Trauer-Fall läßt sich von uns erblicken / Betrübte Todes-Nacht / die sich den Augen zeigt. Muß uns ein Freuden-Fest mit Aloe erquicken / Indem sich unser Stam̅ zum Todes-Falle neigt? Was für ein Jammer-Schlag zerschmettert unsre Sinnen? Was für ein Unglücks-Sturm reist unsre Seule ein? Seh ich nicht lauter Schmertz für Freuden-Nectar rinnen? Mein Vater ach ist todt! Ach mögt ich bey Ihm seyn! Unglückliches Geschick / was hat dich doch bewogen / Daß du jetzt unser Hauß so mit Cypressen deckst? Wie wird doch dieser Platz mit schwartzen Flor bezogen: Was ist warum du uns so hartes Leyd erweckst? Will jeder Stern forthin uns als Comet erscheinen / Ach! das sey GOtt geklagt / was kräncket uns für Noht? Mein Hertz zerspringt für Leyd / mein Haupt zergeht für weinen / Ich klage gar bestürtzt / mein Vater ach! ist todt. Was nützet mir nunmehr mein klagen-volles Leben / Da ich für Traurigkeit stets aus mir selber bin / Möcht ich doch meinen Geist dem Tode willig geben / Vor diesen Waisen-Stand. Doch Sinn / wo denckstu hin? Kanstu auch wider GOtt und dessen Raht was machen? Meinstu / daß dessen Hand auch was vergeblich thut? Mein Vater ist nicht todt / Er wird mit uns erwachen / Die Seele bleib’t bey GOtt / ob gleich der Leib hie ruh’t / Diß ist also mein Trost der alles Aechtzen dämpffet / Voraus da seine Stim̅ in meinen Ohren kling’t: Ich habe ritterlich den guten Kampff gekämpffet / Mein Glaubens-Sieg ist auch schon überall bekandt. GOtt hat nun meine Last in süsse Lust gewendet / Ja dieser neue Kampff macht mich mit GOtt bekant. Hinfort ist mir der Krantz der Ehren beygeleget / Heyl und Gerechtigkeit muß jetzt mein Schleyer seyn. Die Crone die mein Haupt aus GOttes Händen träget / Beschämet Ehr und Gut / ja aller Perlen-Schein. Wer will also von euch mir diese Freude rauben? Mißgön̅’t ihr mir den Stand der mehr als englisch ist?
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Mein Heyland speiset mich mit lauter Freuden-Trauben / Davor man in der Welt nur Todes-Aepffel frißt. Gewiß / ich muß gesteh’n / wer dieses recht bedencket / Thut seiner Seelen weh’ wenn er das Sterben scheu’t. Entschlaffener / Er lebt / und da sein Tod uns kräncket / So lebt der Höchste doch / der uns noch Trost anbeut. Drum ruhe Er nur sanfft / will GOtt uns jetzt betrüben / So gehet wieder auff sein froher Gnaden-Schein / Ich weiß / GOtt hat uns schon in seine Hand geschrieben / Er wird schon unser Schutz und unser Vater seyn. Dieses setzte mit schmertzlicher Empfindung über den Abschied seines allerliebsten Hrn. Vaters hinzu Anthon Lucas Niekamp / Gymn. Andr. Hild. Alumnus.
WEnn uns der Himmel dreut mit starcken Ungewittern / So muß ein Löwen-Hertz auch beben und erzittern / Und wenn ein Donner-Keil in harte Eiche schlägt / So wird der gantze Stam̅ von diesem Schlag erregt. Diß findet gleichen Platz bey frühen Todes-Fällen / Wenn sich der Himmel selbst will gegen uns verstellen / Daß Er für süsse Lust nur lauter Leyd anbeut / Und uns für Freud’ und Heyl mit Donner-Schlägen dreut. Wenn ein erblaster Stern am Firmamente schimmert / Und schwartzer Trauer-Flor uns für den Augen glimmert / So kommt ein starcker Fall der uns erstarrend macht / Und Muht und Blut verwirrt und wie der Donner kracht. Diß ist was eben ich itzt beydes so erfahren / Indem mein Vater-Hertz liegt auff der Todten-Bahren / Da Ihn der Lebens-Feind mit seiner Macht besiegt / Und damit unsern Trost und Schutz zur Beute kriegt. Diß ist was mich bestürtzt / was soll ich doch beginnen? Soll schon mein junger Geist auff Trauer-Lieder sinnen? O Jammer! es zerbricht das theure Lebens-Glaß. Was fang’ ich immer an / dein Tod macht mich auch laß. Was ist der Tod? ein Schlag der Geist und Seele schrecket / Ein Unglücks-voller Sturm / der uns mit Jammer decket / Ein steter Kampff und Streit der Geist und Seele brennt / Ein Feind / der das was lebt nur alles seine nennt:
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Ein schrecklichs Jammer-Bild / ein Wesen ohne Wesen / Ein Buch / darinne man kan alle Nahmen lesen / Ein unversöhnter Feind / der stets tyrannisirt / Ein Weiser / welcher uns zum schwersten Sätzen führt / Doch halt / daß ich diß Bild erst recht genau erwege / Und meines Vatern Tod im Glauben überlege. Ein Christe stim̅t mit mir hierin nicht überein / Er spricht / mir kan kein Tod herb und erschrecklich seyn. Was ist also der Tod recht GOtt-ergebnen Seelen? Ein Gang nach Salems Burg hier aus AEgyptens Hölen / Ein Abschied alles Leyds / ein Zug von GOttes Hand / Ein Paß aus dieser Welt ins rechte Vaterland. Hochseelger Her? PAPA, Er kan diß ja bezeugen / Drum soll mein blöder Mund und traurigs Hertze schweigen. Rufft Ihn der Höchste nicht zu sich ins Himmelreich / Und machet Ihn nunmehr den Schaaren Gottes gleich? Er ruhe also sanfft in jenem Zions-Leben / Der Höchste wird uns Trost in unserm Trauren geben. Wie wir Ihn jetzt erblast sehn auff der Bahre stehen / So werden wir Ihn bald verklärt im Himmel sehn. So klagte und tröstete sich bey dem seitgen Abschied seines theuresten Hrn. Vaters Frid. Wilh. Niekamp. Gymn. Andr. Hild. Alumnus.
ISst jemand dem das Hertz für Wehmuht ist beloffen / Bey diesem Trauer-Fall / der unser Hauß verstört; So muß mans mir gestehn / mich hats zu hart getroffen. Was Wunder / daß man mich nun schmertzlich seufftzen hört? Mein Vater / ach mein Schutz / mein Trost und mein Ergetzen! Mein alles / der mein Heyl besorgte Tag und Nacht / Ach soll ich mich nicht mehr zu seinen Füssen setzen / Und haben auff den Trost und Unterrichtung acht / Dadurch Er meinem Geist das beste Gut einflößte / Und seinen Seegen mir legt’ unermüdet bey? Ach ja / diß ist mein Schatz / damit ich mich noch tröste / Sonst gienge mir mein Hertz für Wehmuht schier entzwey.
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Kaum war ich auff die Welt sein Benjamin gebohren / So sorgte man / daß ich im Bund der Gnaden wär. Es gienge niemahls die geringste Zeit verlohren / Man sorgt’ ohn Unterlaß für gute Zucht und Lehr. Er habe dafür Danck / mein allertheurster Vater / Ja GOtt vergelt es Ihm in seinem Himmelreich. Der sey denn auch mein Schutz / mein Führer und Berahter / Und gebe / daß ich hier und dort Ihm werde gleich. So drückte seine kindliche Liebe gegen seinen seel. Hn. Vater auß JOHANN LUCAS Niekamp. Gymn. Andr. Hildes. Alumnus.

Die Lehrer erhalten einen Sieg nach dem andern / l’s: 84, v. 8.
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. Qui campos pandit amoenos, Et sata recludit foederis alma novi, Huic dat laurigeros arridens palma triumphos, Huic campi florent: Huic nova terra patet. . NICAMPIUS ILLE CELEBRIS, Hoc nobis voluit tradere sorte sua. Haud unquam campis dicebat; Cursio campi Illius auspiciis arx pietatis erat. Limosas studio omni declinare lacunas Monstrabat, sola ut pax tuba faxque foret. . Pax vincit & arte revincit, Quicquid in orbe novi lisque manusque serunt. Campi ductor erat: Suggestum, altaria, templum Hoc recinunt, nec non unanimi ore docent. . Quare omnipatentibus arcis Astrigerae campis mentem animumque rigat. Luctá sepositâ Neo-Pagus fulget apertus, MYSTA VERENDE, novo flore & amore tibi. Venisti, vidisti, vicisti atque volasti, Nullaque * campi haerens est nota nota tibi.(vid. Valer. Max. li. 6. c. 9.) . Grator de pectoris imo; Quandoquidem NAKOM sidera celsa colis. Vincite, LUGENTES ANIMI, angorem atque dolores. . Numen amara levet. JOH. CHRIST. Harenberg / Langenholtza-Hild, Gymn. And. Al.
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SONNET. Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glantz. Dan. XII.
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ACh! allzustrenger Schlag! Du ritzest gar zu weit. Wie / dreustu Hildesheim mit schwartzen Todes-Kertzen / Und wilt das Kirchen-Haus mit Trauer-Flor beschwärtzen / DV zlehst Herrn NIeka Mp hIn aVs aLLer NiChtlgkeit. Das Trost-Fest seLbst MaChstV Vns zVr Trost-Losen Zelt. Hoch-wehrt-Betrübteste! Eur Jammer / Euer Schmertzen Zerschmettert aller Muht / und trifft auch unsre Hertzen / Dem Kirch-Stand / Schul und Euch steht dieses Leyd bereit / Denn alle drey sieht man jetzt ohne Haupte gehen / Wir klagen über Schmertz / daß uns zu viel geschehen / Allein was hilffts? da Er sich seinem GOtt geweyht / Lebt Er in Zions-Burg und trägt den Sieges-Krantz / Und gläntzt nach Lehrer-Art schon wie des Himmels-Glantz / Drum ächtzet nicht so sehr / gedenckt / daß jenes Leben Euch Eurem Pfleger wird / und Ihn Euch wieder geben. Dieses wenige solte aus tieff-verpflichtesten Hertzen und schulotgster Bezeugung seines schmertzlichen Beyleyds hinzusetzen RUD. FR. Sölemann / Brunk. Brunsv. Gymn. Andr. Hild. Alumnus.
ELoquar an sileam? memora Tritonia Pallas Cum sol, cum Phoebus deserit ipse polum. Dicite Pierides, dum cives undique lugent, Quid mihi, quid cunctis muneris ergo siet? Heu cecidit mortemque obiit NIEKAMPIUS atque In letho nigros tam cito junxit equos. Occubuit patriae lumen, terramque reliquit, Qui quondam nostrae Phosphorus urbis erat. Vir, quem sacrati nuper decus ordinis ingens Vidimus & rexit templa scholasque pias. Astra petit, Christum, quem vivens semper amavit, Illico visurus gaudia summa capit.
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Fortunate senex, quo nemo beatior alter, Dum tibi victorum nunc diadema datum. Vivis & egregium duxisti à morte triumphum. Vivis, nil Lachesis saeva nocere potest. Non moritur, quam vis moriatur, vivit in ipsa Morte, cui pietas anchora sacra fuit. Interea mores Ecclesia moesta requiret Illius, & nomen tempora sera canent. Optabunt vocem cives modo tempus in omne, Dum coelum stellas, dum vehet amnis aquas. Quod super est, adflicta domus depone querelas Atque VIRI TANTI desine flere necem. Qvi viduas facit atque orbos vel utroque parente Respicit, is (voveo) tristia fata levet, Ipse quiescat humo placide compostus in urna, Crypta stet inscripto carmine pulla brevi: Antetulit rebus coelestia cuncta caducis, Haec quem defunctum scrobs memoranda tegit. P. C. MARS. Hildes. Gymn. Andr. Alumnus.
ACh leyder! was entsteht bey diesen Trauer-Tagen? Was für ein Thränen-See erschrecket das Gesicht? Man höret überall ein ungemeines Klagen / Daß uns entzogen sey der Sonnen klares Licht. Hat lauter Nebel-Thau die liebe Stadt umgeben? Stellt sich ein Unfall denn stets nach dem andern ein? Soll man denn immerhin in Finsternissen leben / Und so entfernet sehn gewünschten Glantz und Schein? Kaum hat man überlebt / daß jüngst der Erden-Rachen Ein auserleßnes Paar riß durch den Tod dahin Aus dieser Zions-Burg; bey so bestalten Sachen Sehr viel’ in Leyd gesetzt / bestürtzet Geist und Sinn: So muß sich leyder nun der Zähren-Fluß vermehren Bey jedermänniglich / da wir von neuen sehn Den schmertzlichen Verlust der süssen Himmels-Lehren / Die wie ein sanffter Wind durch unsern Garten wehn /
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Indem ein theurer Mann das Haupt der GOttes Diener Uns hingerissen wird. O allzuherber Fall! Es wurde unser Feld durch guten Wachsthum grüner; Und nun verlieret sich die Hoffnung überall. Ihr Freunde GOttes kommt beseufftzet und beweinet. Ihr Musen klaget heut das euch entzogne Licht; Ihr wisset / wie Ers auch so woll mit euch gemeinet Und dauret billig / daß euch diese Frucht gebricht. Er selber ist ein Baum der seinen Schmuck verlieret / Wenn Wiesen und das Feld mit Schnee sind angefüllt. Im Sommer aber auch auffs neue steht gezieret Mit schöner Blühte Pracht / die seine Zweig’ umhüllt. Sein Winter auff der Welt hat sich mit Ihm geendet. Sein’ Lebens Müh und Schweiß hat Er gewünscht vollbracht. Des Himmels süsse Lust hat sich zu Ihm gewendet / Die aller Freude voll / drum sagt Er gute Nacht. Wohl dem der in dem Kampf diß Kleynod hat erlanget / Daß Er der Höllen Macht nunmehro sieht gedämpft. So ist der Sieg nicht weit / Er triumphirt und pranget Mit seiner Himmels-Kron / um die Er wohl gekämpft; Drum unterbrechet nun die bittern Thränen-Qvellen / Als Perlen voller Weh / und lasset es geschehn. GOtt selbst / der beste Trost wird sich zur Seite stellen Und dem betrübten Hauß in seiner Krafft beystehn. Indessen bleibt der Ruhm des Seelgen hier auff Erden / Er lebet / da Er gleich gestorben / voller Freud. Bey Frommen wird noch sein gedacht zum öfftern werden / Und sein Gedächtniß blühn auch in der späten Zeit. Doch was bemüh’ ich mich biß an die Stern zu setzen Sein Welt-berühmtes Lob / so auch zu hoch für mich: Die Musen sind bemüht in Marmor es zu ätzen. Was zwingt ein Kiesel-Stein nach Diamanten sich? C. F. Specht / Landwernhaga-Hannoveranus. Gymn. Andr. Hild. Alumnus.
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ACh du Saphirne Burg! Du GOttes Lust-Gemach! Wie bringstu meinen Geist an diesen Unglücks-Tag? So hastu gantz und gar dich wider mich entrüstet / Daß sich ein Zorn-Geschick bey meiner Freud einnistet? O Centner-schweres Leyd! Ich leb / und lebe nicht / Indem ein kalter Grauß durch Marck und Sehnen bricht. Der Thon von meiner Wonn’ hat sich in Noht verkehret: Ein todter Nebel hat mein Leben hie gestöhret: Was Wunder / daß ich denn mit so geringer Zier Die Feder führen muß? Ich bin selbst nicht bey mir. Es werden mir so gar die Sternen zu Cometen: Ich schweif’ herum nach Art der trüben Traur-Planeten; Verwirrte Finsterniß umschliesset meinen Muht / Und durch die blasse Furcht erstarret Hertz und Blut. Der rohe Menschen-Fraß zerscheitert meine Seule Daran mein Leben hieng / in allzustrenger Eile. Der Vater meines Heyls macht mich gantz Vaterloß / Auß dessen Munde sonst ein süsser Honig floß. Denn darf mein blöder Geist hie etwas stille stehen Und auff das weite Feld der vielen Güte sehen / So gönnt die Traurigkeit und schlechter Wörter-Satz Zwar selbe nach Verdienst zu preisen keinen Platz. Jedennoch dringet mich mein Hertze und Gewissen / Und will aus Danckbarkeit von keinem Schweigen wissen / Und also rühr ich denn mit wenig Sylben an / Was meine Zung annoch für Schmertzen lallen kan. So offt der Morgen-Glantz die Ober-Welt bestrahlte / Und meinen Hoffnungs-Klee mit holder Anmuht mahlte / So bald war mir der Weg zu diesem Mann gebahnt / Ich selbsten wurd hiezu durch Wollthat angemahnt. Da wurde denn die Schrifft / der Richtigkeiten Siegel / Der Weißheit güldner Schatz und unbefleckter Spiegel Eröffnet und erklärt das rechte GOttes-Bild / Der Wahrheit Schutzpanier / der Frommen Tartsch und Schild. Die Liebe prägte sich durch Reden in die Geister / Das Feur der Wissenschafft blieb Hertzog / Herr und Meister: Der güld’ne Himmels-Mund beströhmte meinen Witz Mit reiner Lehr / und nahm in meinen Sinnen Sitz. Wie mir mein Vater wurd’ in früher Blüht entrissen / Ließ dieser Gottes-Held mir ohn Verdienste wissen / Daß Er die Zuversicht entblößter Zweige wär’ / Und deckte über mich die Gnaden Flügel her.
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Wann uns das Sonnen-Licht den Tag des Herren zeigte / Sah dieser theure Mann / daß Er den Zweck erreichte / Zumahl die GOttes-Lehr’ in ihrer besten Pracht Gleich einem Diamant mir wurde zugebracht. Betrübte Schüler-Schaar / wie kanstu ohne Thränen Nebst mir den herben Fall des wehrten Manns erwehnen? Bedencke / wie Er dich mit hoher Gunst umfieng / Und kurtz vor seinem Schmertz noch ins Examen gieng. Wie? daß den matten Leib die muntre Seel erregte Und Er der Seelen Heyl mehr als des Leibs erwegte? Zog Er nicht unsern Nutz der eignen Wollfahrt für? Insonderheit war Er mein Leit-Stern und Panier. Wie manch Examen hat Er selbst nicht überstanden? Jedoch gedachte man / sein Schiff lein würde stranden / So wurd’ Er nach der Prob’ erhöhet und vermehrt / Und aus der Sternen-Höh’ mit Gut und Muht geehrt. GOtt prüft die Hirten-Treu / wie Gold in Gluth und Feuer Und zeiget dadurch an / Sie sey ihm lieb und theuer. Er war zu jeder Zeit Ihm selbst ein Prüfe-Stein / Und hielte seinen Gang von allen Flecken rein. Er prüfte jeden Geist / ob er von GOtt entsprossen / Und lag in JEsu Schooß gantz ruhig und verschlossen. Wenn diß die gantze Stadt Ihr zu Gemühte zieht / Und auff ein Augen-Blick die Neben-Sinnen flieht / So muß Sie Leib und Geist in schwartzer Nacht verhüllen / Und kan die scharffe Wund’ auff keine Weise stillen. Altar und Cantzel stehn gleichsam durch Leyd entfärbt / Zumahl auch Kirch und Schul ein kläglich Antheil erbt. Jedoch / Hochwürdges Haupt / Dir ist es woll gelungen / Du hast im Neuen Kampf die rechte Kron errungen: Du bist ein treuer Hirt’ (Joh. X. 4. Welches Evangelium eben auff den dritten Pfingst-Tag fiel / an welchem der Seelig-Verstorbene Todes verblichen.) und gehest vor uns hin: Wir hören deine Stimm / und folgen deinem Sinn. Du ruffst: Gehabt Euch woll / und wischet Eure Thränen / Was wollt Ihr euch nach Mir / Ihr Hoch betrübte / sehnen? Mir ist in Israel ein neues Feld bestimmt / Das Euch in kurtzer Zeit mit Lust gleichfals auffnimmt. Sie / Wehrtgeschätzete / erwarte denn zum Lohne Auff Leyden / Angst und Schmertz / die Ihr bewahrte Krone. JOH. BARWARDUS Koken / Hild. Gymn. Andr. Alumnus.
|| [87]

ICh war der Hoffnung zwar das Glücke hier zu haben / Dich hochgeprießnen Mann zu kennen und zu sehn. Ich wolt’ an deiner Lehr / wie einer Qvell / mich laben / Wie aber seh ich Dich nun in dem Sarge stehn? Du hast mit allem Ruhm in dieser Stadt gelehret / Und dein gehabtes Ampt mit aller Treu verricht’ / Und darum wird dein Nahm von jederman geehret / Der Du geleuchtet hast gleich als das Sonnen-Licht. Gewißlich / wo Gebeht und Seufftzer hätten können Dich retten von dem Tod / Du lebtest noch anitzt / Dir war vor andern ja das Leben wohl zu gönnen / Der Du sehr vielen hast gedienet und genützt. Ich habe nun das Glück zwar also nicht genossen / Dich hochverdienten Mann zu hören und zu sehn. Doch was für Lehren sonst von deiner Treu geflossen / Soll / weil ich leben werd / an meine Seele gehn. Ich will auch bey dem Sarg hin in mein Hertze schreiben Des Glaubens Beyspiel / als den Inhalt treuer Lehr. Es heist ja / lasset doch in dem Gedächtniß bleiben Der Lehrer Zeugniß und versiegelt das Gehör. Ja schaut ihr Ende an / das alle Wercke krönet / Das Ende / das ohn dem man frühe lernen muß. O woll! wer sich darnach in Glaubens-Folge sehnet / Der lebet / leydet / kranckt / und stirbet ohn Verdruß. Indessen wünsch ich / daß solang als Menschen leben / GOtt sein so theures Wort erhalte und bewahr / Damit wir festiglich an solchen gleichsam kleben / Und unter seinem Schutz besiegen die Gefahr. GOtt wolle selbst mit Trost die Traurigen erquicken / Und auff den Trauer-Tag gewähren viele Freud. GOtt laß es seiner Kirch in Gnaden doch gelücken / Und gönne / daß Sie bald verwechßle solches Leyd. G. A. Steinmann. e Salinis Heroum Hannoveranus. Gymn. Andr. Hild. Alumnus.
|| [88]

EPIT APHIUM. SUBSISTE VIATOR ET MISER AM REIPUB. CHRISTIANAE FACIEM PRO PIETATE DOLEBIS. DESTITUTA EST CIVE OPTIMO. QVI HIC CONDITUR JOHANNE NIEKAMPIO EX HONESTISSIMA FURSTENAVIAE GENTE ORIUNDO ANNO MD CL IV. AD MAGNA NEMPE SACRA NATO JBURGI PRIMUM AULAE TUM MELLAE PRAEFUIT SACRIS A SANCTIORIBUS INSUPER REVEREND. OSN. EP. DEIN SERENISS. BR & LUN. DUCUM CONSILIIS ET PRIMIS IN AULA GUELPHERB. CONCIONIBUS TANDEM INCLYTAE QVOQVE HILD. REIP. SACR A MODERATUS TOT TANTISQUVE DEFATIGATUS LABORIBUS SUCCUBUIT LABORUM ALIOQVIN PATIENTISSIMUS IN PERICULIS FORTISSIMUS PRUDENS IN CONSILIIS ORATOR GRAVISSIMUS DOCTISSIMUS VIR INTEGERRIMUS HONORIS DIVINI PROPUGNATOR STRENUUS THEOLOGUS SUMMUS NUNC CONSUMMATISSIMUS ANNO MDCCXVI. TEXTUS FUNEBRIS GENES. XXXII. vers. 10.
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