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Tagebuch des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg: Einleitung zum Jahrgang 1621

I. Die militärischen und politischen Ereignisse des Jahres 1621 wurden vor allem von den Folgen der vernichtenden Niederlage der böhmischen Konföderierten vor den Toren Prags vom November 1620 geprägt. Spätestens mit dem im Sommer begonnenen Vormarsch kaiserlich-ligistischer und spanischer Truppen auf die Unterpfalz, welchen auch die durch den geächteten „Winterkönig“ und Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz aufgebotenen Heerführer Graf Peter Ernst II. von Mansfeld und Herzog Christian d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel nicht aufzuhalten vermochten, verlagerte sich das Kriegsgeschehen von den Territorien der Wenzelskrone in den Südwesten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Die während des Ständekonflikts in Böhmen neutrale Protestantische Union hatte sich bereits im April formal aufgelöst. Das Engagement Englands, Schwedens und der Vereinigten Niederlande in der weiterhin offenen kurpfälzischen Frage verlieh dem Krieg zunehmend eine „europäische“ Dimension.

II. Die überlieferten Tagebucheinträge des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg setzen erst mit dem 25. November 1621 ein. Als kaiserlicher Kriegsgefangener wurde er an diesem Tag von Wiener Neustadt in die Residenzstadt Wien verlegt, womit auch eine Lockerung der bisherigen Haftbedingungen verbunden war. Die folgenden Bemühungen des jungen Anhaltiners zielten in erster Linie darauf ab, bei Kaiser Ferdinand II. für sich selbst und seinen mit der Reichsacht bestraften Vater Christian I. eine vollständige Begnadigung zu erreichen. Die lange angestrebte und am 12. Dezember endlich gewährte kaiserliche Audienz verlief nach einigen Anlaufschwierigkeiten durchaus vielversprechend. Am Monatsende wurde er sogar dazu eingeladen, den Kaiser zu dessen Hochzeit nach Innsbruck zu begleiten.

III. Christian II. hatte in den Jahren 1619/20 als junger Obrist unter dem Oberbefehl seines Vaters aktiv an den militärischen Operationen der böhmischen Konföderierten teilgenommen.1 In der Schlacht am Weißen Berg vom 8. November 1620 kommandierte er zwei Regimenter, wurde bei einer gewagten Reiterattacke schwer verwundet und durch den kaiserlichen Obristen Guillermo Verdugo gefangen. Dieser übergab ihn Mitte Mai 1621 dem Kaiser, der den anhaltischen Prinzen knapp zwei Wochen darauf nach Wiener Neustadt bringen, dort arretieren und streng überwachen ließ. Von hier aus ersuchte Christian II. das Reichsoberhaupt im August, nach Wien ziehen und ihm aufwarten zu dürfen.2 Im Vorfeld der für den 12. Dezember zugesagten Audienz bei Ferdinand II. traten jedoch erhebliche Meinungsverschiedenheiten auf, da der junge Anhaltiner zunächst „eher sterben“, als den zur Demonstration seiner Unterwerfung kategorisch geforderten und für ihn als Reichsfürsten hochproblematischen Kniefall leisten wollte.3 Nur auf das intensive Drängen befreundeter Ratgeber fügte er sich zuletzt weitgehend in das Unvermeidliche und machte „4 schritt vorm Kaiser eine Reuerenz mit dem lincken schenckel, das Jch vfs knie zu sizen kahm“, obwohl ihm der Reichsvizekanzler Johann Ludwig von Ulm zuvor eingeschärft hatte, „[Jch] müste mitten in der stuben niederfallen, Vnd so lang vf den Knien liege[n,] bis mich der Kayser hies vfstehen“. Das Reichsoberhaupt zeigte sich mit diesem zeremoniellen Kompromiss glücklicherweise ebenso zufrieden wie mit der anschließenden geschickten „Rede“ des Prinzen, die auf jede konfessionelle und politische Rechtfertigung verzichtete. Stattdessen bat er Ferdinand II. um Gnade, Huld und Schutz. Seine Teilnahme an dem „böhmischen Veldzug“ verteidigte Christian II. damit, dass er lediglich seinem „herzlieben herrn Vattern, in deßen Gehorsamb vnd disciplin Jch gewesen“, gefolgt sei und gehofft habe, sich auf dem Schlachtfeld „als ein angehender Junger Soldat“ zu qualifizieren, um in der Zukunft Kaiser und Reich „desto füglicher“ dienen zu können.4 In der Tat gelang ihm auf diese Weise, zu Ferdinand II. in der Folgezeit ein stabiles Vertrauensverhältnis aufzubauen.

IV. Manche Angehörige des Wiener Hofadels überzeugten derlei Treueerklärungen ohne das in den Territorien der Habsburgermonarchie zunehmend obligatorische Bekenntnis zur katholischen Kirche freilich wenig. So teilte die altgläubige böhmische Oberstkanzlerin Polyxena Popel von Lobkowitz Christian II. gleich zu Beginn seines Besuches am Tag nach der kaiserlichen Audienz zwar „mit vielen höflichen worten“, aber deutlich genug mit, wie stark sie ihn „ins garn der Catholischen Religion [zu] fischen“ wünschte, damit „es meiner Seehl möchte wol gehen“. Danach erhob die geborene Frau von Pernstein schwere Vorwürfe gegen den Calvinismus, der für alle in Prag verübten Bilderstürme und Grabschändungen verantwortlich sei. Auch der Vater ihres Gastes könne sich für seine frühe Beteiligung an der Ständerevolte in Böhmen „nicht entschuldigen“ und habe „schlechte Leuthe“, die „theils von Schneidern[,] Bläuern vnd dienern“ abstammten, mit den höchsten Landesämtern betraut. Der Prinz „wiederlegte alles der gebühr nach“ und sah sich gegen Ende des Gespräches selbst mit der provokanten Frage konfrontiert, warum er weder vor dem Kaiser noch vor Gott niederknien wolle. Seine Antwort, dies „fast alle Morgen vor vnserm herrn Gott“ als „eine ehre[,] die Jhm gebühre“, zu tun, dürfte die Skepsis der eifrigen Katholikin mit spanischer Mutter kaum verringert haben.5


Anmerkungen
1Vgl. Johann Christoph von Aretin (Hg.): Tagebuch des Prinzen Christian von Anhalt, über die Kriegsvorfälle des Iahres 1620, in: Beyträge zur Geschichte und Literatur, vorzüglich aus den Schätzen der pfalzbairischen Centralbibliothek zu München 2.6 (1804), S. 65-96, 3.1 (1804), S. 49-112, und 3.2 (1804), S. 49-112.
2Vgl. Christian II. von Anhalt-Bernburg: Eigentlicher Bericht wie es mir in und seithero der Schlacht vor Prag ergangen. 1620, den 8. November, in: Heinrich Lindner (Hg.), Mittheilungen aus der Anhaltischen Geschichte, 1. Heft, Dessau 1830, S. 3-26.
3Tagebucheintrag vom 11. Dezember.
4Tagebucheintrag vom 12. Dezember.
5Tagebucheintrag vom 13. Dezember.
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