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Tagebuch des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg: Einleitung zum Jahrgang 1623

I. Im Jahr 1623 endete die erste Phase des Dreißigjährigen Krieges. Am 23. Februar übertrug Kaiser Ferdinand II. dem Bayernherzog Maximilian I. nicht nur die bereits durch bayerische Truppen besetzte Oberpfalz, sondern auch die bisher pfälzische Kurwürde, deren umstrittene Neuverleihung sich bis 1648 als eines der entscheidenden Friedenshindernisse erwies. Im März fiel mit Frankenthal zudem die letzte Festung der Unterpfalz in die Hände der ligistisch-spanischen Sieger. Der protestantische Feldherr Herzog Christian d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel versuchte zwar noch einmal das Blatt zugunsten des geflohenen pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. zu wenden, unterlag in der Schlacht bei Stadtlohn vom 6. August jedoch endgültig dem Heer der Katholischen Liga. Anhalt war dagegen lediglich im Frühjahr von kurzzeitigen Einquartierungen betroffen.

II. Christian II. hielt sich bis zum 18. Januar in Regensburg auf, wo er noch den gerade beginnenden Fürstentag verfolgte. Anschließend besuchte er seine Eltern und vier Geschwister drei Wochen in ihrem Flensburger Exil (4.25. 2.). Dort wurden ab dem 13. Februar mit dem Vater weitere Reisen geplant. Zuerst unternahm der junge Fürst hierauf mit seinem vierzehnjährigen Bruder Ernst eine kürzere „Grand Tour“ nach Dänemark (26. 2.13. 3.). Die Zeit danach verbrachte er bis zum 2. April erneut bei seinen Familienangehörigen. Einen Tag später brach Christian II. ohne seinen plötzlich erkrankten Bruder zu einer zweiten längeren Kavaliersreise nach Italien mit mehrtägigen Zwischenaufenthalten im Fürstentum Anhalt (9.20. 4.), in Dresden (23.25. 4.), am kaiserlichen Hof in Prag (27. 4.3. 5.), in Nürnberg (9.14. 5.) und in München (23.25. 5) auf. Seit dem 9. Juni bewohnte er mit seinen Begleitern ein angemietetes Haus in Padua, das Ende August ebenso Ernst bezog, der ihm nach seiner Genesung gefolgt war. Von hier aus absolvierte der Anhaltiner wiederholt Ausflüge zu oberitalienischen Sehenswürdigkeiten, die er vor allem im benachbarten Venedig (4.5. 7. und 27. 8.3. 9.), in Palmanova (7.8. 7.), in Verona (12.13. 9.) und am Gardasee (14.16. 9.) besichtigte. Für die Periode vom 10. November bis zum Jahreswechsel sind nur auszugsweise Abschriften der autographen Tagebücher überliefert, laut denen der Fürst seine Tour nach Rom (1.–5. 12.) und in die Toskana (9.–20. 12.) fortsetzte und am zweiten Weihnachtsfeiertag wieder in Padua eintraf.1

III. Die Flensburger Ratschläge Christians I. an seinen ältesten Sohn und Thronerben gewähren bemerkenswerte Einblicke in die persönlichen Überzeugungen eines Mannes, dessen gesamtes politisches Lebenswerk mit der militärischen Niederlage vom Herbst 1620 auf einen Schlag gescheitert war.2 Aus einer gewiss nicht unvoreingenommenen Perspektive attestierte Christian II. seinem Vater, „durch dero vnglück“ zur Überraschung aller weder an Mut, Verstand noch Kraft die geringste Verminderung erlitten zu haben und nicht einmal verärgert, ja stattdessen immer heiter und gelassen zu sein. Dieser erteilte ihm in der Tat und an erster Stelle die väterliche Lehre, „sich vber nichts [zu] entsezen oder [zu] verwundern“, sondern mit Hilfe von geübter Frömmigkeit und Tugend stets in einem ruhigen und ausgeglichenen Gemütszustand zu verharren. Aus diesem Grund solle man auch der „ambition“ nicht allzu stark verfallen, „dann vber 50 oder 100 Jahr wiße man nichts mehr waß vnser einer sey“. Es handele sich dabei nur um „lauter eytelkeit“. Vielmehr müsse „man seiner vocation gemeß leben, nicht nach dem winde schnappen, vndt mittlerweil waß man helt, verlieren“. Allein „nach einem ehrlichen namen zu streben wehre wol vergönnet“, solange das obige vorrangige Lebensziel davon allezeit unberührt bleibe.3 Doch obgleich „eine wichtige schweere sache“ wie die Erhaltung bzw. Steigerung der dynastischen Reputation des Hauses Anhalt niemals oder nur äußerst selten in allen gewünschten Punkten gelingen könne, habe der junge Fürst die unvermeidbaren Schwierigkeiten nicht zu dramatisieren und mit der nötigen Entschlossenheit zu minimieren.4 Das Heilige Römische Reich hingegen schien Christian I. bisweilen dem Untergang geweiht, denn „die königreiche in der Christenheit wehren ein 100 Jahr hero mancherley fataliteten vnterworfen gewesen“ und nach den vier biblischen Reichen „stünde keine fünfte Monarchy, zu erwarten“.5

IV. Eine große Bedeutung für die Ausprägung eines wahrhaft fürstlichen Habitus maß der Vater dem Bereisen fremder Länder bei, für dessen Gestaltung er „das honestum vndt vtile“ und nicht das Angenehme als leitende Kriterien bezeichnete, „sonsten flöge eine Gans vber [den] Rhein, vndt käme, eine gans wieder heim“.6 Als in diesem Sinne ehrenhaft und nützlich galten insbesondere die adligen Exerzitien (z. B. Fechten, Reiten, Fremdsprachen und Tanzen), Recht, Geschichte, Architektur, Mathematik, Staatslehre, Kunst und Festungsbau.7 Die Ziele einer solchen Kavalierstour wurden mit den Eltern detailliert besprochen und im Fall des Diaristen und seines Bruders Ernst sogar in einem „protocoll“ fixiert.8 Dass die viele Bereiche und Disziplinen abdeckenden Interessen Christians II. über das bloße Abarbeiten der obligatorischen Stationen des elterlichen Reiseprogrammes weit hinausgingen, zeigen etwa seine aufmerksamen und ausführlichen Beschreibungen der Königsgräber im Dom zu Roskilde (2. 3.), des königlichen Zeughauses und des großen Hafens in Kopenhagen (3. 3.), der dänischen Schlösser Rosenborg (4. 3.) und Frederiksborg (7.8. 3.), der kurfürstlichen Kunstkammern in Dresden (24. 4.) und München (24. 5.)9, der Festungsanlagen von Palmanova (8. 7.), des Sterbehauses von Francesco Petrarca in Aqua Petrarca (21. 7.), der Villa la Rotonda des Renaissancearchitekten Andrea Palladio bei Vicenza (24. 7.), der Wahl und Amtseinführung des Dogen Francesco Contarini, der Basilica di San Marco, des Dogenpalastes, einer griechisch-orthodoxen Kirche und des türkischen Handelshauses in Venedig (29.31. 8. und 3. 9.) sowie der gemischten Staatsverfassung der gleichnamigen Republik (3. 9.). Aber auch weniger adelstypische Sujets wie Klima, Vegetation, Gewerke oder Elemente der Volkskultur weckten immer wieder seine Wissbegierde. Um bei seinen Tagebucheinträgen keine denkwürdige Einzelheit zu vergessen, notierte er seine Beobachtungen bereits unterwegs oft auf einer Schreibtafel.10 Dass der Anhaltiner nach 1613/14 Italien noch einmal im Rahmen einer über einjährigen und sehr kostspieligen „Grand Tour“ besuchte, hatte vermutlich zwei Gründe: Zum einen sollte dort Fürst Ernst von den früheren Erfahrungen seines älteren Bruders profitieren. Zum anderen entsprach es sicherlich ebenso dem väterlichen Willen, wenn dieser bei der Gelegenheit seine eigene, zwischen 1619 und 1622 durch den böhmischen Krieg und die kaiserliche Gefangenschaft unterbrochene standesgemäße Ausbildung ergänzte und vertiefte.


Anmerkungen
1Abschrift der Tagebucheinträge vom 25. November 1621 bis 4. September 1624 von unbekannter Hand [LASA Dessau-Roßlau, Z 18 Abt. Bernburg, A 9b Nr. 14a], die wiederum auf einer nicht selten gekürzten und ebenfalls bereits auszugsweisen, durch den fürstlichen Sekretär Sigismund Ladisla um 1650 in Konzeptform angefertigten Kopie der Diarien von 1621 bis 1627 [LASA Dessau-Roßlau, Z 18 Abt. Bernburg, A 9b Nr. 14 Bd. XXIV] basiert, ediert durch Gottlieb Krause (Hg.): Tagebuch Christians des Jüngeren, Fürst zu Anhalt: niedergeschrieben in seiner Haft zu Wien, im Geleite Kaiser Ferdinands des Zweiten zur Vermählungsfeier nach Inspruck, auf dem Reichstage zu Regensburg, und während seiner Reisen und Rasten in Deutschland, Dänemark und Italien, Leipzig 1858, S. 176-200.
2Siehe dazu den Einführungstext „Anhalt im Dreißigjährigen Krieg“ zu dieser Edition.
3Tagebucheintrag vom 14. Februar.
4Tagebucheintrag vom 22. Februar.
5Tagebucheintrag vom 19. März.
6Tagebucheintrag vom 14. Februar.
7Vgl. Hilmar Tilgner: Art. Kavalierstour, in: Enzyklopädie der Neuzeit 6 (2007), Sp. 523-526 (mit weiteren Literaturhinweisen).
8Tagebucheintrag vom 17. März.
9 Die Aufzeichnungen Christians II. bilden die letzte Beschreibung der Münchner Kunstkammer vor ihrer Plünderung durch die Schweden im Jahr 1632; vgl. Lorenz Seelig: Die Münchner Kunstkammer, in: Willibald Sauerländer (Hg.), Die Münchner Kunstkammer. Bd. 3: Aufsätze und Anhänge, München 2008, S. 11.
10Tagebucheintrag vom 3. September.
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