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Tagebuch des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg: Einleitung zum Jahrgang 1628

I. Zu Beginn des Jahres 1628 waren die Kriegsgegner von Kaiser Ferdinand II. im Norden des Reiches besiegt. Die beiden mecklenburgischen Landesherren, darunter der mit einer Schwester des Diaristen verheiratete reformierte Herzog Johann Albrecht II. von der Güstrower Linie, der mit seiner Familie zeitweise nach Anhalt flüchtete, wurden als frühere Verbündete des Königs Christian IV. von Dänemark geächtet und verloren ihre Territorien, mit welchen trotz heftiger reichsfürstlicher Proteste der kaiserliche Oberbefehlshaber Albrecht von Wallenstein belehnt wurde. Da an dessen Nachschubwegen auch das Fürstentum Anhalt lag, blieb es weiterhin ein militärisch intensiv genutztes Durchzugs- und Quartiergebiet.

II. Christian II. war in dieser Zeit hauptsächlich mit der Erfüllung seiner alltäglichen Aufgaben als „Statthalter“ des Vaters im Harzamt Ballenstedt beschäftigt. Gerade wegen seiner relativen Abgeschiedenheit vom Weltgeschehen rezipierte er aber die militärischen und politischen Ereignisse im Reich und in Europa mit großer Aufmerksamkeit. Dies belegen besonders der von ihm ausführlich und bewegend geschilderte Fall der belagerten Hugenottenfestung La Rochelle1 sowie seine wachsende Sorge um die französischen Glaubensgenossen, die nunmehr auch in den Städten Paris und Lyon zunehmend unter Druck gerieten.2 Ebenso weckten diverse Himmelserscheinungen3, zeitgenössische religiöse „Visionen“4 und beobachtete Phänomene seiner natürlichen Umwelt das Interesse des Fürsten.5 Für ihn selbst ergab sich nur sehr selten die Gelegenheit, das Land einmal zu verlassen, um dann höchstens nach Halberstadt und Magdeburg (21.23. 5.) oder ins benachbarte Quedlinburg (2. 7.) zu reisen. Für etwas Abwechslung sorgten immerhin zwei Jagden mit seinem aus Mecklenburg exilierten Schwager Johann Albrecht II. (3. 10. und 4. 11.) und die Harzgeröder Taufe von dessen Tochter Anna Sophia (16. 10.). Als jeweils auf eigene Art bedrohlich erwiesen sich dagegen eine recht detailliert beschriebene Fehlgeburt seiner Gemahlin Eleonora Sophia (14. 3.) und der gewalttätige Angriff des kaum zu bändigenden betrunkenen Hans Heinrich von Merlau bei einem abendlichen Gastmahl des landsässigen Adligen Christian Julius von Hoym (17. 7.), welcher Eklat anschließend von einer fürstlichen Kommission gründlich untersucht wurde. Aus Bernburg erfuhr der Anhaltiner am 2. August außerdem vom Tod seiner achtzehnjährigen Schwester Amoena Juliana. Und nicht zuletzt beginnt in diesem Tagebuchjahrgang seine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Träumen, die hier wohl auch als eine Reaktion auf seine deprimierenden Grundherren- und Kriegserfahrungen auf Schloss Ballenstedt zu deuten sind. Wie ein zukünftiger spezieller Einführungstext zu diesem Thema noch einmal in einem weiteren historischen Kontext herausarbeiten wird, spiegeln die Trauminhalte vor allem seine Ängste vor dem Tod naher Familienangehöriger und einem massiven Statusverlust, die oft enttäuschte Hoffnung auf eine prestigeträchtige Militärcharge oder vereinzelt sogar eine Emotionalität wider, die er sonst sorgfältig zu kontrollieren wusste.

III. In den Ortschaften des Amtes Ballenstedt hatte der Prinz primär die fürstliche Landwirtschaft zu leiten und die Auswirkungen des Krieges abzumildern. Gemäß der Devise „Il faut tout scavoir, mais pas tout faire“6 notierte er ab Mitte November 1627 in seinem Diarium mit bemerkenswertem Aufwand zahlreiche tabellarische Listen und Rechnungen7 sowie viele jener fachlichen Ratschläge, die ihm von verschiedenen Personen zum Beispiel zu Frondiensten8 und Getreidemaßen9 oder zur Köhlerei10, Pferdehaltung11, Teichwirtschaft12 und Viehzucht13 erteilt worden waren. Dabei misstraute Christian II. anfangs – wahrscheinlich weil er sich die nötigen Detailkenntnisse eines Grundherrn erst schrittweise aneignen musste – vor allem seinem Amtmann Johann Harschleben und beschuldigte ihn wiederholt der Untreue.14 Daneben berichtet sein Tagebuch sehr oft von den enervierenden Schattenseiten des Ballenstedter Hof- und Verwaltungswesens, die von Trunksucht, Unzuverlässigkeit und Renitenz einiger Untergebener, einer Meuterei der Stallburschen wegen zu schmaler Verpflegung15 oder wiederkehrenden Betrugsfällen, Eigenmächtigkeiten und Streitigkeiten unter den Bediensteten bis hin zu bäuerlichen Beschwerden und Gehorsamsverweigerungen reichen. Ob die von ihm geäußerte Absicht, „nicht die vndterthanen zu schinden, sondern ihnen, in ihren nöhten, zu helffen, vndt die äcker zu erhalten“16, in der Realität immer umgesetzt wurde, ist wegen der typischen Subjektivität autobiographischer Selbstzeugnisse freilich kaum angemessen einzuschätzen.

Deutlich mehr Raum nimmt in dem Diarium jedoch die Bewältigung des Kriegsalltags ein. Wenn umherstreifende Soldaten auf eigene Faust Pferde bzw. Schafe erbeuteten, befahl der Anhaltiner seinen Bediensteten, ihnen nachzureiten und die Tiere wieder abzujagen, was natürlich nicht immer gelang.17 In einzelnen Fällen ließ er auch des Diebstahls verdächtigte, beim Raub ertappte oder plündernde Soldaten zur Abschreckung vorübergehend einsperren18 oder unbewachte Soldatenpferde kurzerhand „entführen“, um sie danach gegen die gestohlenen eigenen Tiere einzutauschen.19 Zur Abwehr soldatischer Disziplinlosigkeit und Gewalttaten gegenüber den Untertanen bediente sich Christian II. insbesondere dreier Hilfsmittel: Erstens organisierte er bereits im Vorfeld, dass sich die Städte und Dörfer seines Amtsbezirks bei drohenden Übergriffen zur gegenseitigen Nothilfe durch Sturmläuten alarmierten, was bisweilen schon genügte, um zumindest kleinere Gruppen potentieller Plünderer zu entmutigen.20 Zweitens wurden die wehrfähigen Einwohner überall zur Selbstverteidigung bewaffnet.21 Und drittens sollten Kommissare vor Ort dafür sorgen, dass wenigstens die schlimmsten Exzesse eingedämmt würden.22 Besonders resolut und erfolgreich bekämpfte der Fürst die kriegsbedingten Beeinträchtigungen des für seine ökonomische Existenz unverzichtbaren Kornhandels.23 Hingegen waren einmal begonnene Soldateneinquartierungen durch ihn in der Regel nicht mehr zu stoppen.24 Aus naheliegenden Gründen bemühte er sich stets um ein gutes Verhältnis zu den lokalen Offizieren25, die ihm im Gegenzug immer wieder ihre Hilfe anboten.26

IV. Trotz seiner mühseligen und zeitraubenden Amtsgeschäfte fand der Anhaltiner noch genügend Muße zu rhetorisch-poetischer Erbauung. Mehr als die Lektüre einer scharfen Alamode-Satire (mit ihrer im- und expliziten Hofkritik)27 fällt die überschwängliche Anerkennung des Martin Opitz mit seinem kunstvollen satirischen Lob des Kriegsgottes Martis (1628) auf. Der dem Schlesier von ihm zugesprochene Spitzenplatz in der nobilitas litteraria als „fürst [...] aller deütschen Neẅen Poeten“28 übertrifft noch den der Christian II. nahestehenden „Reimmeister“ in der Fruchtbringenden Gesellschaft, Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen, Tobias Hübner und Dietrich von dem Werder, die er in seiner am 19. August erfolgten Aufzählung als die „besten“ deutschen Poeten mit und nach Opitz lobte. In diesem literarischen Ranking, das sich ganz auf der Höhe seiner Zeit bewegt, erscheinen auch die Spitzenvertreter der neueren Literatur aus Frankreich und Italien: der hugenottische Schöpfungs-Epiker Guillaume de Saluste du Bartas, der Kopf der Dichtergruppe der Pléiade, Pierre de Ronsard, und aktuell François de Malherbe bzw. die toskanischen Klassiker Dante und Petrarca sowie der Renaissance-Dichter Torquato Tasso und Ludovico Ariosto. Durchaus standesgemäß sammelte der Prinz ferner eine beachtliche Anzahl an deutschen, lateinischen, italienischen, französischen und spanischen Sinn- und Wahlsprüchen, die er beispielsweise in vorgelegten Stammbüchern verwenden wollte.29

V. Im Tagebuchjahrgang 1628 gewährt Christian II. zum ersten Mal auch interessante Einblicke in seine Ehe, die durch seine Unzufriedenheit mit der Ballenstedter Residenz manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde. So gipfelte ein an sich banaler Streit um die Länge eines Bettlakens und den Kauf anderer Heimtextilien vom 9. Februar in dem Vorwurf von Eleonora Sophia, dass er sie mit einer anderen Frau betrüge und sie deswegen wie eine Bäuerin behandle. Der Fürst zeigte sich darüber extrem verärgert und nannte ihre ständigen Lügen eine Schande, die er ihr als taktvoller Ehemann nur unter vier Augen vorhalten könne. Seine Gemahlin reagierte auf derartige Zurechtweisungen bisweilen genauso heftig, indem sie etwa beteuerte, lieber „jesuitisch und verzweifelt“ sein zu wollen, als eine solche Respektlosigkeit zu ertragen.30 Oft verschweigt der Tagebuchautor aber die Hintergründe und verschleiert seinen Zorn mit kryptischen Formulierungen, die seine Ehefrau nach einem häufigen zeitgenössischen Topos als „mala herba“ (wörtlich: schlechte Pflanze, Unkraut) bezeichnen.31 Dagegen hat der konfessionelle Unterschied des Paares, der sich primär im regelmäßigen Empfang des Abendmahls durch Eleonora Sophia im lutherischen Damenstift Quedlinburg ausdrückte32, zumindest zu jenem Zeitpunkt offenbar keine größeren Ehekonflikte verursacht. Auf der anderen Seite dürfen ein persönlicher (obgleich missglückter) Haarschnitt durch die Gemahlin33 oder ihr Geschenk eines selbst gebundenen Blumenstraußes34 sicherlich als Indizien echter Zuneigung interpretiert werden. Dies gilt ebenso für Eleonora Sophias humorvolle und am 6. August mit eigener Hand eingefügte Tagebuchnotiz, laut der ihr Gatte bei einem Spaziergang „in dreck fallende ein schön par schwartz atlaschen hoßen verderbtt“ habe. Die von ihr darüber hinaus signalisierte Bereitschaft, auf seinen Wunsch sogar zum katholischen Glauben zu konvertieren, wertete Christian II. allerdings nicht als Liebesbeweis, da er glaubte, dies verspreche sie nur, „weil Sie wol weiß, das ich es nimmermehr werde“.35 Auch in den folgenden Jahren wechselte das fürstliche Eheleben fortwährend zwischen angespannten und harmonischen Phasen.


Anmerkungen
1Vgl. Tagebucheinträge vom 8. und 10. Dezember.
2Vgl. Tagebucheintrag vom 28. Oktober.
3Vgl. Tagebucheintrag vom 17. November.
4Vgl. Tagebucheintrag vom 31. Dezember.
5Vgl. Tagebucheinträge vom 16. April, 31. Juli und 14. Oktober.
6Tagebucheintrag vom 24. April.
7Vgl. Tagebucheinträge vom 27. November 1627, 3., 8., 10., 12., 14. und 21. März, 10. August, 12., 19. und 26. September, 3., 7., 10., 24. und 31. Oktober sowie 28. November 1628.
8Vgl. Tagebucheintrag vom 19. Februar.
9Vgl. Tagebucheinträge vom 17. November 1627, sowie 28. Januar, 6. April und 25. August 1628.
10Vgl. Tagebucheintrag vom 28. August.
11Vgl. Tagebucheinträge vom 28. Juli, 10. August und 14. November.
12Vgl. Tagebucheintrag vom 16. Juni.
13Vgl. Tagebucheinträge vom 30. Dezember 1627 sowie 22. Januar, 19. März, 14. Juni, 27. August, 19. September und 3. Oktober 1628.
14Vgl. Tagebucheinträge vom 19., 29. und 30. November, 11. Dezember 1627, 28. Januar sowie 21. und 23. Juni 1628.
15Vgl. Tagebucheintrag vom 19. September.
16Tagebucheintrag vom 26. Februar.
17Vgl. Tagebucheinträge vom 8., 20. und 27. Februar, 27. und 28. April, 9., 14. und 29. Mai, 19. Juni sowie 8. und 10. November.
18Vgl. Tagebucheinträge vom 20. und 22. Februar sowie 18. und 19. November.
19Vgl. Tagebucheinträge vom 8. und 10. November.
20Vgl. Tagebucheinträge vom 23. Januar sowie 5. und 6. März.
21Vgl. Tagebucheintrag vom 6. März.
22Vgl. Tagebucheintrag vom 9. April.
23Vgl. Tagebucheinträge vom 2. Februar, 7., 8., 9., 12. und 17. März, 8. und 29. April sowie 11. Mai.
24Vgl. Tagebucheintrag vom 8. April.
25Vgl. Tagebucheinträge vom 28. August, 26. und 27. Oktober sowie 29. Dezember.
26Vgl. Tagebucheinträge vom 12. Januar, 10. Mai und 2. Oktober.
27Vgl. Tagebucheintrag vom 9. November.
28Tagebucheintrag vom 16. August.
29Vgl. Tagebucheintrag vom 22. April.
30Vgl. den Tagebucheintrag vom 21. Februar mit dem Wortlaut „Ma femme a dit, qu'elle vouloit estre Jesuite, & desesperèe, apres que ie luy avois donnè, une reprimande“.
31Vgl. Tagebucheinträge vom 12. Juni, 18. September und 26. Oktober.
32Vgl. Tagebucheinträge vom 1. März und 23. August.
33Vgl. Tagebucheintrag vom 31. Januar.
34Vgl. Tagebucheintrag vom 23. Dezember.
35Tagebucheintrag vom 2. Juni.
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