ALs sie hineyn kommen/ vermochte sie jhr Seufftzen vnd weynen
wegen deß Poliarchus Vnglücks nicht zulassen. Dann wie sie nicht
zweyfelte an seiner Vnschuld/ also zweyfelte sie
[33] gleichwol auch
nicht an deß Königes Zorne: weil der Diener/ welcher sehr verschla-
gen war/ sich nicht würde vnterstanden haben etwas zu berichten/
von dem er nicht gewissen Grundt eyngezogen. Ihre Person belan-
gendt/ so vbergab sie dem Poliarchus jhr Hauß/ Haab vnd Gut/ vnd
stünde jhm zu seiner Rettung frey darmit zu thun vnd zu lassen.
Aber/ sagt sie/ was würde dieses Hauß/ oder ewere Gesellschafft/
Herr Archombrotus/ wider den König dienstlich seyn? Wir werden
bald außgerüstete Soldaten hier haben/ vnd steht das Hauß offen/
so wird es verrahten; machen wir es zu/ so wird man es vns gar
auff den Halß werffen. Dann daß bey so vielem Gesinde als wir ha-
ben gar keine Vntrew vorlauffen solle/ vnd daß niemand von den
Knechten/ wann jhr allhier gedencket verborgen zu bleiben/ vn-
sere Heimligkeit verrahten werde/ ist nicht zu hoffen. Wisset jhr
aber/ was mir in der gehlingen Furchte ist eyngefallen? Die so diß

[Seite 30]


Hauß gebawet haben/ haben vnter der Erden einen heimlichen
Gang graben lassen/ welchen jetziger Zeit kein Mensch weiß als ich.
Er ist in drey Wege abgetheilet/ vnd hat auch drey Außgänge/
durch welche man in vnterschiedene örter deß Feldes kommen kan.
Daselbsten könnet jhr gantz sicher verbleiben/ vnd aller Gefahr
entgehen. Stellet euch nur/ als jhr wegen deß bösen Geschreyes er-
schrocken weret/ vnd von mir wegk schiedet/ damit wir beyde vns
nichts befürchten dörffen; so wird der verhaste Tumult euch als den

[34] schuldigen/ vnd mich als die auffnehmerin nicht vberfallen
können. Wann jhr auß meinem Hause kommet/ wird euch die Reye
der Bäume von meinem Thore gegen dem Flusse Himera zu biß da-
hin führen/ wo nicht weit von dem Vfer deß Wassers ein heimlicher
Eyngang in obgemeldete Höle ist. Ich wil hinder meiner Leute Vor-
wissen durch die verborgenen Schlüpfflöcher deß Hauses biß eben
zu der Gegendt deß Flusses mit einer Fackel kommen/ vnd euch in
die Höle leyten: da wir euch dann/ mit Beystandt der Götter/ so
lange auffhalten wollen/ biß die Vnsinnigkeit dessen Gewitters für-
über ist. Es ist nicht von nöthen gewesen/ daß ich diese Heimlichkeit
für dem Archombrotus hette bergen wollen; weil seine tapffere Na-
tur es wol vnoffenbaret wird lassen. Aber es wil nur seyn/ daß der
Diener welchen jhr bey euch habet nichts hiervon erfahre; weil er
deß Fürchtens möchte müde/ vnd der Vergeltung begierig werden/
vnd also seine Trew gegen euch verändern. Poliarchus wuste nicht/
wie er der Timocleen gnugsam dancken solte/ vnd ließ jhm den
Rhatschlag auff diese Nacht gefallen. Dann er wolte in der Höle
nicht länger verborgen ligen/ als biß er verstünde was für Wahn-
sinnigkeit Sicilien wider jhn anhetzte. Den Diener aber hette er je-
derzeit so trew befunden/ daß er jhm seine jnnerlichste Geheimnüs-
se nicht möchte vnvertrawet lassen. So were er auch bey jetzigem
Vnwesen seiner für allen Dingen benöttiget. Vom Archombrotus
dürffe er
[35] nicht bitten solches sein Fürhaben heimlich zu hal-
ten/ vnd er were eines grössern Vnglückes als das jhn jetzt betreffe
würdig/ wann er an seiner Auffrichtigkeit zweiffeln wolte. Mit die-
sen Reden giengen sie auß der Kammer; darauff der behertzte Poli-
archus seine gantze Außrüstung/ ols ob er in die Schlacht solte/ an-
legte/ vnd sich auff der Timocleen Thür zu machte. Worüber dann
alle im gantzen Hause bestürtzt worden/ vnd je einer den andern
heimlich fragte/ was die plötzliche Veränderung bedeutete: welchen
er mit kurtzen Worten sagte/ daß die auffgerichteten Fewer jhm
[Seite 31]


gielten/ vnd er in grosser Gefahr stünde. Derentwegen wolte er
fliehen/ damit sie jhn nicht entweder selber verrathen müsten/ oder
nebenst jhm sich in gleiches Verderben stürtzen. Nam er derentwe-
gen zum Schein als er weit von dannen zu reysen gedächte vom Ar-
chombrotus vnd Timocleen Abschied/ saß zu Pferde/ vnd machte
sich mit seinem Diener auff den Weg welchen die Fraw jhm hatte
angedeutet.

Die augenscheinliche Gefahr/ vnd der Spott flüchtig zu werden
kränckte den jungen Herren heftig. Bin ich nicht wahnsinnig/ sagte
er/ Gelanor (diß war deß Dieners Nahmen) daß ich mein leben zu
eines andern Gewalt habe außgesetzt? Was ists von nöthen/ daß
ich vnbekanter Weise mich vnter dieser Nation herumb blewe/
ohne das Außsehen welcher meiner Hoheit gemässe ist? Was deu-
ten die Fabeln anders an/ welche tichten daß Lycaon seinem
[36]
Gaste dem Jupiter nach der Gurgel greiffe/ als daß Fürsten die vn-
vorsehener Weise hingerichtet werden/ in dem sie sich frembden
vertrawen/ jr Vnglück nicht so sehr bösen Leuten/ als jrer eygenen
Thorheit zuschreiben dörffen? Ich habe mir vnrecht zu thun fug
gelassen. Wolan/ Gelanor/ ich verdiene es was ich jetzt ertrage. Wie
er diß redet/ fällt jhm die Vrsache eyn/ welche jhn in Sicilien auff-
hielte; da er dann sich bedüncken ließ/ er hette ein grosses verbro-
chen/ daß er sich vber entstandene Widerwärtigkeit beklagete/ an-
gesehen die Glückseligkeit einer solchen Hoffnung/ derer wegen er
alldar lebete. Gelanor/ so auß trewhertziger Furchte der Gefahr
seines Herren gantz betrübet war/ meynete in seinem Sinne/ Poli-
archus solte ohn längere Vmbschweiffe sein Geschlechte vnd Standt
entdecken. Dann wann er sagen würde wer er sey/ vnd sich seiner
Hoheit nach halten/ würde Meleander gutwillig sich deß schärpffe-
ren Verfahrens wegen entschüldigen/ vnd die Feinde jhn vmb Ver-
zeyhung bitten. Ihr verstehet es nicht/ sagte Poliarchus. Nach dem
mir das vnrecht schon angethan ist/ so wil höchlich von nöthen
seyn daß ich mich nit melde. Dann es dürffte geschehen/ daß sie
in Betrachtung meiner Würden noch mehr entbrennen möchten/
vnd bedencken/ ich könte nach der Beleydigung nur einmal fort
gelassen werden/ aber allzeit deß Vnrechts gedencken. Gelanor re-
dete nichts darwider/ als dem solche Meynung zu hoch war; ruffte
a

[Seite 32]


[37] aber bey sich selbst alle Sternen so damals schienen jhm vnd
seinem Herren vmb Hülffe vnd Rath an.

Timoclee/ in dessen/ nach dem sie Thür vnd Thor fleissig gesper-
ret/ befahl jhren Leuten sämptlich sich zu Rhu zu legen mit Fürge-
ben/ sie möchte diese Nacht von dem Geschrey weiter nichts hören;
auff den Tag könte man gewissern Vnterricht eynziehen. Hernach
gieng sie durch alle Kammern jres Volckes/ als ob sie deß Hauses
halben Beysorge trüge; in Warheit aber geschahe es/ damit nicht
etwan ein fürwitziger käme zu erfahren was sie in geheim thun
wolte. Als sie sahe/ daß männiglich schlaffen war/ vnd sich nichts
mehr zu fürchten were/ gieng sie mit dem Archombrotus in einen
kleinen Keller/ darinnen der künstliche Bawmeister den heimlichen
Eingang zu der Hölen verborgen hatte. Der Ort war mit Ziegeln ge-
pflastert/ deren Ende mit Nägeln zusammen gefüget waren/ zweene
außgenommen so vnverbunden blieben; daß man sie/ wann es von
nöthen thete/ von der Ordnung desto leichter außheben möchte.
Vber diesen standt eine lange Tafel/ damit niemand drauff tretten
könte/ vnd wann man etwan darüber gieng/ weil sie mit den andern
nicht verfasset waren/ jhnen also Gewalt thete/ daß die Heimligkeit
verrathen würde. Timoclee ließ jhrer wenig hineyn gehen; kam
auch selber nicht offt dahin. Zu diesem mal aber hub sie die Ziegeln
wegk/ vnd öffnete den Eingang zu der Höle vnd Staffeln so vnter
das Hauß leyteten:
[38] bald schlug sie auß einem Kieselsteine Fewer/
fieng es mit einem Schwefel/ vnd zündete die Fackel an welche sie
zu diesem Ende mit sich genommen; gieng also mit dem Liechte
voran. Archombrotus folgete mit blossem Degen in der Faust/ zu
seiner vnd der Frawen besserer Sicherung. Es waren bey zwantzig
Staffeln hinunter in die vntergrabene Grufft/ welche nach einer
zimlichen Länge sich bey vnterschiedenen Hügeln endete/ daß
man/ wann gleich ein Feind ein Loch eyngenommen/ dennoch an-
dere Mittel zu entfliehen hatte. Das Erdreich war zu diesem
Wercke sehr bequem: dann es war so feste/ daß/ ob schon an einem
Orte gegraben ward/ das Stücke/ so stehen solte bleiben/ nicht her-
nach fiel: hergegen war es auch den Arbeitern nicht strenge zu
hawen/ weil es weder Steine hatte die den Streich auffhielten/ noch
Sand der allzeit wieche vnd jhren Fleiß zu nichte machte. Dieser
Gang war einer grossen Länge/ vnd durchauß gewölbet: vnd wie-
wol die Aecker vnd das Gebäw deß Hauses vber jhm lagen/ so war
er doch von so vielen Jahren her nichts verfallen. Fornen zu hatten

[Seite 33]


sie ein kleines Stücke mit Kalck beworffen/ daß man etwas darauff
mahlen vnd schreiben könte lassen. Aber die Fäule vnd Feuchtig-
keit der eyngeschlossenen Lufft hatte die Gemälde gar zu schanden
gemacht: gleichwol kundte man noch ein Altar vnd einen Men-
schen der gleichsam Weyrauch darauff legte/ erkiesen. Archombro-
tus hette es fleissiger vbersehen;
[39] Die grosse Sorge aber für den
Poliarchus ließ sich sein Gemühte in solcher Betrachtung nicht auff-
halten.


Fußnotenapparat

a Lycaon] Er setzte Jupiter zur
Probe seiner Göttlichkeit Men-
schenfleisch vor und wurde zur
Strafe in einen Wolf verwandelt.
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