LYcogenes war hefftig ergrimmet/ daß Dunalbius seine Hoffnung
zunichte gemacht; damit aber die andern Gäste dessen nicht jnnen

[155] würden/ so verkehrte er den Ernst dieser wichtigen Sache in
Schertzreden/ mit denen er trefflich wol vmbzugehen wußte; darzu
jhm dann Eurimedes halff/ welchem nit gefiel daß man in seiner
Behausung eine dermassen gefährliche Weltweißheit herfür brachte.
Ihre Rede war sonderlich vom Peranhyleus vnd Dereficus/ welcher
verwegenheit gegen dem Aquilius der Dunalbius kurtz zuvor ge-
tadelt hatte. Vnd zwar solchen Auffruhr entlegener Völcker hatten
etliche Lust zuerzehlen/ oder zuhören. Arsidas aber war in dessen/
als sich das Gastgebott zimlich lang verzogen/ vnvermerckt zu der
Argenis entwichen/ vnd hatt jhr kürtzlich erzehlt/ wie sehr sich Ly-
cogenes wider die Könige aufflehnete. Sie aber beklagte mit wenig
Worten die Vnglückseligkeit jhrer Zeit/ vnd vberlieferte jhm ein
Schreiben an den Poliarchus/ darinnen sie jhm anzeigte/ wessen er
a

[Seite 102]


sich zu verhalten: vnd nachdem sie jm das Schiff/ den Weg/ das Ge-
heimnüß/ vnd was zur sicherheit deß fliehenden von nöthen were/
fleissig anbefolen/ Mein Arsidas / sagt sie/ die Götter werden es euch
belohnen/ der jhr einen solchen Menschen von seinen Feinden er-
rettet; hernach auch ewer Gewissen selber/ das sich solcher Tu-
gendt getrösten kan; Vnd Poliarchus/ dessen Glück dermal eins
wider wirdt kommen. Ja wann dieses alles nicht were/ so seyd ver-
sichert/ daß jhr die Frucht ewerer guten Zuneigung von mir haben
sollet. Arsidas gieng vber den Worten der Argenis frölich von jhr/
redete mit dem
[156] Archombrotus was er vermeinete/ vnd kam ge-
gen Abend auff der Timocleen Gut/ bey welcher die Bawren/ nach-
dem sie jhren Irrthumb erkandt/ sich wegen deß Aufflauffs den sie
vorigen Tag erreget/ entschuldigten. Sie/ mehr erwegende bey sich
selbst/ daß sie den Gesetzen zuwider gethan/ als daß diesen Leuten
das Glück jhn zu finden gemangelt/ erwiese jhnen alles guts/ vnd
brachte jhre Gemüter an sich/ im Fall sie jhrer ins künfftig be-
dürffen möchte. Arsidas redte sie auch sehr freundlich an/ vnd
stiege zu anfangs der Nacht/ nachdem sie hinweg kommen/ zu dem
Poliarchus hinunter/ welcher vom Verzug vnd Kümmernuß vn-
willig/ als er jhn kommen sahe anfieng: Was habt jhr für Lust mich
lebendig zu begraben? Erlöset mich auß diesem Finsternüß/ Arsi-
das: solte ich gleich meinen Feinden in die Hände fallen/ so kan ich
mich gewiß allhie nicht länger halten. Er aber/ als welcher wußte
was für ein fröliches Schreiben er jhm brächte/ antwortete jhm
nichts auff sein klagen/ sondern zeigte jhm nur der Argenis Brieff/
vnd hieß jhn das Siegel vnd die Hand ansehen. Stracks war Poliar-
chus voller Frewden; wie gehet es jhr/ sagt er/ Arsidas? wie ge-
denckt sie meiner? den Namen satzte er aber nicht darzu/ dann
auch Timoclee bey jhrem Gespräch war; sondern rieß den Faden
weg/ vnd wandte sich etwas hinumb/ damit man seine bewegung
vnd veränderung deß Gesichts vber dem lesen nicht erkennen möch-
te.
[157] Nachdem er das Schreiben durchsehen/ zohe er den Arsidas
auff die seiten/ vnd fragte jhn vmb rath/ ob er auch dem vnbekand-
ten Kleyd vnd Haaren gnugsam trawen/ vnd sich also für die Arge-
nis machen möchte? oder ob es besser sey den sichersten Weg ge-
hen/ vnd zu dem Schiff nach Messana zuverreisen. Arsidas hielte
dafür/ er solte sich bald auff die See begeben; aber Poliarchus wolte
schwerlich einwilligen/ wegen grosser Begier die Argenis zu sehen/
vnd redte mit Scham für seine Liebe. Welches als es Arsidas
ge
[Seite 103]

mercket/
verkehrt er seine Meinung/ der Schamhafftigkeit deß Ver-
liebten abzuhelffen/ vnd riethe jhm gäntzlich/ er solte es wagen
die Argenis zu sehen. Dann es sey nichts leichter/ als folgenden Tag
in den Tempel gehen/ der einem jeglichen offen stünde. Argenis
würde wie gebräuchlich für dem Altar stehen/ dahin auch die Arm-
seligsten knieten jhr Gebett zuverrichten. Als Poliarchus auff die-
ser Meinung beruhete/ rufften sie Timocleen/ vnd sagten jhr/ daß
Poliarchus auff folgenden Morgen mit dem Tag zu Schiff nach
Italien zu gehen müßte: (dann sie meldeten nichts/ daß er nach
Hoff wolte.) Poliarchus setzte vber diß hinzu: Er wolte solche
grosse erwiesene Trew nimmermehr in Vergessen stellen/ vnd je-
derzeit erkennen/ daß er jhr sein Leben/ vnd was wir Menschen dar-
durch erlangen/ zu dancken habe. Die Fraw weinete inmitten deß
Gebets/ vnd Wundsches den sie für jhn thete/ vnd suchte
[158]
herfür alle Wolmeinung vnd Fürsorge die in jhren Kräfften war/
nicht mehr als gegen einem Gaste/ sondern als gegen jhrem leib-
lichen Sohne. Was jhre Liebe grösser machte war der grosse Dienst
welchen sie jhm erwiesen hatte: vnd sie gerieth in Sorgen/ daß nicht
etwan ein hefftiger Vnglück jhrem Poliarchus auffstiesse: gieng
also wie er ruhen wolte/ mit weinen von jhm.

Als die Nacht zwischen Gebete vnd Furchte mit Kümmerniß hin-
weg gewichen war/ kam sie mit dem Arsidas wider in die Höle/
brachte ein Stücke Brodt in Wein getaucht/ vnd zwang sie auff
Griechische Art zu Früstücken/ wiewol sie so zeitlich noch keine
Lust darzu hatten. Nachmals ließ sie ein wenig für der Morgenröte
den Poliarchus mit dem Gelanor hinauß. Vnd Gelanor zwar ist mit
deß Arsidas Schreiben an seine Fraw nach Messana gereiset. Dann
Arsidas wohnete zu Messana/ weil Meleander jhm selbige Stadt zu
verwalten gegeben. Der jnnhalt dessen Schreibens war/ daß sein
Weib ein zubereitetes Schiff im Hafen halten solte/ darauff er ehi-
sten Tages in Italien absegeln möchte. Er muste nottwendig nach
Rhege; diesem aber der den Brieff brächte wolte sie in dessen alles
gutes thun. Er vermeinete jnnerhalb vieren Tagen zu Messana zu-
seyn. Als dieser hinweg kommen/ folgte der Poliarchus alleine dem
Arsidas nach/ welcher auff einem Pferdt langsam vorher ritte. Er
war zu
[159] Fusse/ schlecht angethan/ vnd stewerte sich an einen
Stab/ dessen er doch nicht bedurffte. Auß Forchte auch/ daß jhn
die weissen Hände nicht verriethen/ hatte er sie mit Schwärtze
gelbicht gemacht.

[Seite 104]

Sie kamen in die Statt als der Pallas Tempel allbereit offen war;
doch hatt die menge deß Volcks die bequemesten Oerter zu sehen
noch nicht eingenommen. Poliarchus satzte sich bey den Altar so
nahe er kundte.


[160: Kupfer Nr. 4]


Fußnotenapparat

a Aber ... hoffen] Sed haec bona
sperari non possunt.
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