ERistenes geriethe entweder durch sein nachforschen/ oder durch
das Glück/ welches dem Meleander noch nicht günstig war/ in die
Mutmassung/ daß eine Absendung an den Poliarchus fortgehen
würde. Man hat dafür gehalten/ als sey der Anfang solchen Arg-
wohns von seinem Weib herkommen/ welche stets mit der Argenis
vnd Selenissen vmbzugehen hat pflegen/ vnd offtmals wegen deß
Arsidas von weitem allerley Reden sol auffge-
[226]worffen haben;
wie sie dann ein verschlagenes Weib/ vnd auff Art jhres Mannes ab-
gerichtet gewesen ist. Nach dem auch der König bey solchem Man-
gel der Kammer das Armbandt zu kauffen befohlen hat/ ist er in
seiner Meinung also gestärcket worden/ daß er dem Lycogenes
baldt zugeschrieben/ er befohre sich/ man würde durch solches Ge-
schencke den Poliarchus wieder zum Freunde machen wöllen. Er
aber/ der vmb ein Schelmstücke vnbekümmert war/ nebenst dem
daß jhn Oloodemus/ der sich damals bey jhm befandt/ auch ver-
mahnete/ antwortete jhm Schrifftlich in solcher Meinung; Es sey
nichts rathsamer/ als daß selbiges Armbandt/ weil es Eristenes in
Verwahrung hielte/ vergifftet wurde. Wann es Poliarchus
emp- a b c

[Seite 143]

fienge/
würde er es ohn Zweiffel vmbmachen/ vnd durch seine
Hitze die Gifft in die edelsten Gliedmassen ziehen. Gebe es aber der
König der Argenis/ so müste man auff die Zeit achtung haben.
Dann die Gifft schade nicht alsbald von der berührung/ derowegen
könten sie hernach vnter einer Beschönung vor der anfallenden
Seuche so darinnen steckte warnen/ vnd das Lob einer grossen Trew
darvon bringen/ wann sie alle Schuldt auff den Kauffman legten.
Eristenes hatte solche Gifft bey sich/ welche von Ephyreern zube-
reitet worden jhre Feinde entweder mit vergifftung der Becher
oder Pfeile hinzurichten; wie sie dann mit dergleichen Sachen son-
derlich können vmbgehen. Diese als sie in Sicilien sich niederge-
lassen/
[227] vnd Siracuse darinnen gebawet haben/ ist zugleiche
die schändliche Kunst von jhnen vnter die Sicilier gestrewet wor-
den. Meleander were jhr selber nicht entgangen/ wann nicht die
grosse Auffacht der seinigen gethan hette/ welche Speisen vnd Klei-
der mit fürsichtiger Sorge verwahreten. Diese Gifft war von solchen
Kräfften/ daß sie nicht allein dieselben tödete welche sie in dem
Mundt bekamen/ sondern auch auß steter Berührung in die Haut
drang/ wann sie von Erhitzung eröffnet wardt. Eristenes nahm zu
solcher Vergifftung niemanden zu hulffe; sondern tauchte das in-
wendige deß Armbandes/ welches wegen der gewirckten Seide weich
war/ weil es auff den Arm kommen mußte/ in die zerlassene Gifft/
vnd als er vermeinete/ es hette genugsam an sich gezogen/ trug er
es in einer Schachtel zum Könige; der von solcher Vbelthat nicht
wuste/ vnd nach Abtrettung aller außgenommen der Argenis/ den
Timonides heimlich für sich forderte/ mit vermahnen/ daß er der
Trew/ welcher wegen man jhn lobete/ wolte nachkommen. Hernach
offenbarte er jhm zu was er solte gebraucht werden/ gab jhm den
Brieff an den Arsidas/ welchen er mit eigener Handt also geschrie-
ben: Arsidas/ ich habe den Timonides wie jhr sehet zu euch abge-
sendet. Demselben wollet jhr also Glauben beymessen/ als wann ich
selber mit euch redete. Was er sagen vnd handeln wirdt/ wil ich für
genehm halten. Wisset aber so viel/ daß
[228] je ehe jhr mit ewerm
Freunde werdet ankommen/ je mehr werdet jhr willkommen seyn.
Gott befohlen. Argenis nam mit fleiß auß ihrem langen Rock eine
Schachtel/ vnd/ dieses Armbandt/ sagte sie/ Timonides/ nemmet
mit euch zum Poliarchus/ vnd vbergebt es jhm von meinetwegen/
wie dann auch diß Schreiben/ das andere aber dem Arsidas. Also
gab sie jhm den Brieff/ nicht aber den jenigen welchen sie dem
Me
[Seite 144]

leander
gezeiget hatte/ weil derselbe viel zu schlecht war in Anse-
hung jhrer Freundschafft mit dem Poliarchus. Sie hatte jhn vnter
dem siegeln leichtlich verwechselt/ vnd einen andern der jhrer
Liebe gemäß war an die stelle genommen. Weil aber deß Timonides
Abreisen in Italien nicht konte verborgen bleiben/ damit gleichwol
durch Verbergung der Argwohn nicht vermehret würde/ sprengte
er auff deß Königs Angeben bey den seinigen auß/ er hette Vrlaub
vom Hofe bekommen/ sich in Italien vnd Africa vmbzuschawen.
Er war jung/ vnd es begab sich zu gutem Glücke/ daß er längst zu-
vor von seiner Begier vber Meer zu reisen hin vnd wider bey seinen
Freunden gesagt hatte.

Aber Eristenes/ der auff alles genawe Achtung gab/ wuste viel
Sachen/ vnd kam jm alles vordächtig für. Derhalben als er jhm
einbildete/ daß dieser auff den Poliarchus zu würde/ erdachte er
eine solche List. Es war vnter seinen Leuten ein junger Mensch/

[229] der newlich vom Lande kommen/ vnd bey Hofe noch nicht
bekandt war. Er hatte aber wol an jhm gespüret/ daß er listig vnd
zu allem was jhm befohlen würde vnverdrossen were. Diesem
schaffte er/ daß er dem Timonides/ wann er verreisete/ auff der
Post solte nachreiten/ vnd fürgeben/ als ob jhn der König schickte/
daß er jhn ja fleissig warnen solte/ damit er in Sicilien keinem Men-
schen etwas von dem Armbande eröffnete. In dem jhr aber redet/
sagte er/ so gebet auff sein Gesichte fleissig Achtung. Wirdt er ewre
Worte annehmen/ oder auß sehen als ob er zweiffelte/ so thut jhr
als jhr das ewerige verrichtet hettet/ vnd kehret alßbaldt vmb.
Wirdt er nicht wissen wor von jhr redet/ welches jhr leichtlich
werdet erkennen/ so fragt jhn/ gleichsam als jhr im Zweiffel stün-
det/ wie er heisse. Wirdt er sagen/ Timonides/ so bittet jhn vmb
Verzeihung; dann jhr sollet einen andern suchen: vnd machet euch/
wo jhr könnet/ also von jhm hinweg/ daß er nicht wisse auff welche
seiten jhr zugeritten. Wirdt er mit der Antwort jnne halten/ weil er
euch nicht kennet/ vnd fragen/ wer jhr seyet/ so saget daß jhr der
Selenissen mit Blutfreundtschafft zugethan/ vnd erst newlich nach
Hofe kommen weret; Ihr könnet euch aber den ersten Namen ge-
ben der euch einfält. Dieser kam seinem Befehl trewlich nach/
feh- d e f

[Seite 145]

lete
weder am Fleisse/ noch am Glücke. Dann als Timonides von
dem Armbande gehöret/ welches er für die geheimeste Sache
[230]
hielte/ warff er auff den Menschen keinen Verdacht: Derhalben hieß
er jhn vmbkehren/ vnd dem Könige vermelden/ er solte gantz vn-
besorget bleiben: dann er liesse jhm diese vertrawte Sachen wol
angelegen seyn.

Als Timonides also herumb geführet/ vnd deß Königs Anschlag
außgeforschet worden/ schrieb Eristenes in eyll dem Lycogenes alles
zu/ damit jhm die Zeit/ entweder den Timonides zu fangen/ oder
sonsten auff etwas zu gedencken/ nicht entgienge. Lycogenes wußte
lang nicht was er thun solte/ weil er den König nicht so verächtlich
hielte/ als zuvor/ in dem er sahe/ daß er nicht mehr so nachlässig/
sondern auff allerley Rahtschläge bedacht were. Letztlich befandt
er für nötig zuseyn/ daß er einen newen Betrug herfür suchte/ damit
er alle Schuldt so von jhm verdienet auff den König bringen möch-
te. Derowegen/ welches kein Mensch gedacht hette/ entschloß er sich
deß Poliarchus Freundschafft zu begehren/ vnd jhm dieses Schrei-
ben zusenden. Lycogenes wündschet dem Poliarchus alle Wolfahrt.
Dieser Tag wirdt euch offenbahren/ wie sehr jhr in Erwehlung
ewerer Freunde vnd Feinde gejrret habet. Wolte Gott jhr hettet
mich nicht als einen Widersacher verfolget/ vnd dem Meleander
mehr vertrawet als billich gewesen. Aber was geschehen ist/ mag
seinen weg haben. Dann es were vnfreundlich/ wann ich mich vber
euch an jetzo/ da jhr vorhin
[231] in Widerwärtigkeit stehet/ be-
klagen wolte: vnd ich bin auch nicht in solchem Zustande/ da ich
vonnöthen habe/ mich hoch zuentschuldigen. Ich wil lieber daß jhr
es auß der That selber/ als auß den Worten erfahret/ auff welchem
vnter vns beyden die Vrsache der alten Verbitterung beruhe. Als
Meleander nach ewerer Vertreibung ewern Haß vnd Rache geförch-
tet/ hat er vnerbare Künste für die Hand genommen/ vnd ist auß
einem Könige ein Giffteingeber worden/ in dem er euch/ gleich-
samb als zu bekennung seiner Busse/ vnd zu Widerruffung deß
Vnrechts/ ein tödliches Armband vbersendet. Hütet euch daß jhr es
nicht traget: dann jhr möchtet eweren Todt an statt deß Bandes
vmb die Hand machen. Ich frage nichts nach/ ob jhr mir schon
nicht glaubet/ biß jhr solches erfahret. Wann jhr einen leibeigenen
Vbelthäter habt/ oder/ welchs barmhertziger gehandelt ist/ ein
g h

[Seite 146]


Pferd oder Hund daran wagen wöllet/ so bindet jhm diß Geschenck
auff die blosse Haut. Wo er jnnerhalb vier Tagen nicht stirbt/ so
haltet mich nicht für werth zu leben. Wo jhr witzig seyd/ so zwingt
den Timonides/ von dem jhr die schöne Verehrung zu empfangen
habt/ daß er jhm selber den Todt anbinde/ welchen er euch mit Wil-
len vnd Wissen bringet. Ich habe euch solchen Betrug/ wiewol ich
dessen lieber hette wöllen vberhaben seyn/ zu entdecken keinen
vmbgang nehmen können/ damit ein Mann von solcher Natur als
jhr seyd/ so schändlich nicht
[232] vmbkomme/ oder die Schuld
ewers Endes auff mich geleget werde. Dann wer würde von den
Feinden nicht vielmehr außgeben/ daß ich/ vnd nicht Meleander/
euch auß dem Wege geräumet hette? Im vbrigen möget jhr mir
dancken/ wie euch geliebet. Werdet jhr fortfahren mich zu verfol-
gen/ so wil ich mich offentlich an euch rechen: Dann es mir an
Waffen/ Rahtschlägen vnd Kräfften nicht mangelt. Die Götter
billichen selbst meine Sach. Wird euch deß Meleanders Vntrew/ die
euch genugsamb entdecket ist/ was bessers an die Hand geben/ daß
jhr solches Vnrecht zu straffen ewere Macht bey der meinigen zu-
setzen werdet/ so verheisse ich/ daß es euch/ so lang ich lebe an
einem Bruder/ vnd (wegen deß Alters in dem ich bin) an einem
Vatter nicht gebrechen sol.

Solchs verwegne Schreiben gab er einem seiner trewen Diener/
mit Befehl/ seine Reise also abzutheilen/ daß er nicht ehe als acht
Tage nach dem Timonides zum Poliarchus angelangete. Welches
dann nicht schwer zuthun were. Er köndte zu Messine oder zu Rhe-
ge vnter anderer beschönung/ in dem Hafen oder in der Statt von
deß Timonides Ankunfft Nachfrage halten. Die Vrsach solcher
schändlichen List war diese/ daß Poliarchus/ im Fall er diese Acht
Tage vber das Armbandt getragen/ vnter dessen dadurch vmbkom-
men köndte. Wann nun die Schreiben erst nach seinem Tode dahin
gebracht würden/
[233] was für einen bösen Namen solte Melean-
der hierdurch bekommen? Hette aber Poliarchus sich deß Arm-
bandes noch nicht gebraucht/ so würde er dem Lycogenes hoch ver-
bunden seyn/ der jhn für zustehendem Vnglück gewarnet hette; vnd
hergegen wider den Meleander sich hefftig ergrimmen/ auff wel-
chem die Schuldt dieses betrieglichen Trawerspieles fallen mußte.
i

[Seite 147]


Er durffte auch von dem Könige vbel reden: weil die Schreiben dem
Poliarchus vor der Zeit auff welche die Rebellion von den Zusam-
men geschworenen bestimmet war/ kaum zukommen kundten.


Fußnotenapparat

a gehabt/] Virgel eingefügt
b Jubilierer = Juweliere (artifi-
ces; orfebures)
c sich befohren (befahren) = (be-)
fürchten
d schlecht] abgeschwächt für frigi-
dos (codicillos); froides
e schaffte = befahl (imperat;
enjoinet)
f er/] Virgel eingefügt
g vorhin = ohnehin (jam)
h leibeigenen Vbelthäter] damna-
tus servus; esclaue criminel
i Trawerspieles] Aus Dkf Tra-
werspiegels nach den Vorlagen
verbessert
(fallax scena; tragedie)
XML: http://diglib.hab.de/edoc/ed000257/Band_III/Band_III_1/Buch_2/III_1_76_2_VII.xml
XSLT: http://diglib.hab.de/edoc/ed000257/skripte/tei-transcript.xsl