DArauff fieng Nicopompus an/ entweder auß einer Hitze der Ju-
gent/ oder auß vngedult täglich so viel vbels bey Hofe zu sehen/ vnd
beklagte sich nicht allein vber das Glück/ sondern auch vber den Ly-
cogenes vnd den König selber. Wie lange/ sagte er/ werden wir vns
der Vnbedachtsamkeit an statt der Vernunfft gebrauchen? wöllen
wir dann vnsere Rhatschläge nicht nach dem richten/ was für einen
Außgang jetzundt wir/ vnd vorweilen vnsere Voreltern gehabt ha-
ben? Wie viel besser were es gewesen (bey vertrewlichen
[289]
Freunden rede ich weitleifftiger) daß der König seine Vorfahren an-
geschawet/ vnd auß jhrem Anschlage oder Irrthumb sich für seinem
Vnheil hette hüten lernen; als daß er erst Artzney suchen soll/ nun
jhm die Wunde schon geschlagen ist? Was können doch diese Re-
bellen/ welche sich wieder jhn auffgelehnet haben jhrer Empörung
für einen Schein vnd Nahmen erdencken/ der nicht lengest zuvor
bey dergleichen Auffruhr vnredlich gemachet vnd verdammet ist
worden? Sagen sie/ daß sie dem gemeinen Wesen/ dessen Vnter-
gang für der Thür sey/ helffen oder den Königen wollen zeigen/ wie
man die Götter ehren solle? Gewiß die Götter/ die sie so offtmals
verachtet haben/ loben solche heilose Waffen nicht; vnd das Vat-
terlandt/ welches von so vielen Niderlagen verwüstet ist/ kan jhren
Trost vnd Hülffe nicht leiden. Sie mögen jhr Beginnen schmücken
vnd beschönen wie sie wollen/ so haben doch andere Auffwiegeler
dasselbe schon vor langer Zeit beflecket. Ich weiß nicht mit was für
hitzigem Eingeben die Götter mir mein Gemüte treiben daß ich die
vnruhigen Köpffe schenden/ die Verbrecher straffen/ vnd zur Rache
greiffen muß. Damit jhr aber nicht vermeinet/ daß ich mich etwas
grössers vnterstünde als ich getrawete hinauß zuführen/ so haben
mir eben dieselbigen Götter die Waffen der Wissentschafft gegeben/
welcher Streiche/ wann sie mit Bedachte vnd Billigkeit geschehen/
keine Kräfften aufffangen/ vnd keine Zeit vertilgen kan. Ich will
endtlich solcher meiner
[290] Bewegung jhren Lauff lassen/ vnd
mit freyer Hand auffsetzen was ich gedencke: ich wil schreiben
worinnen der König geirret habe; Vnd wil in diesem vnserem
Schiff

[Seite 179]

bruche
der vns für Augen stehet zeigen auff den heilsamen Ancker/
welchen vns die Historien verwichener Zeiten an die Handt geben.
Alsdann wil ich solchen Auffrührern jhre Larue wegreissen/ daß
der gemeine Mann sehe wer sie sindt; daß er erfahre was sie hoffen
oder fürchten: daß er lerne wie man sie wieder zum Gehorsam brin-
gen/ oder da sie auff jhrer Halßstarrigkeit bleiben/ mit jhnen ver-
fahren solle. Ich wil dem Volcke auch die Thorheit seines wütens
vnd tobens nicht bergen; gewiß nicht/ mein Antenorius/ vnd solte
ich es gleich wider ewre Meinung thun.


Wo jhr mich höret/ sagte der Priester darauff/ (vnd verwandte
halblachende das Haupt mit Verwunderung) so haltet mit ewrem
Eyfer innen. Zu was Ende/ oder wem zu gefallen wollet jhr dieses
schreiben? Gedencket jhr den König hierdurch zu warnen? zum
wenigsten sol es heimlich geschehen. Welch ein schönes Muster
aber zurahten ist dieses/ wann jhr offentlich von euch schreibet/
was jhr vermeinet worinnen er gefehlet habe: vnd jhn noch ärger
verhast machet/ im fall jhr was mehrers als das gemeine Volck/ an
seinem Leben habt auffgemerckt? Köndte auch Lycogenes etwas
vorwegeners thun? Ja in diesem ist es noch schlimmer/ daß/ weil
jhr einer von denen seidt die jhm wol wöllen/ man euch de-
[291]sto-
mehr glauben wird/ vnd daß jhr jhm werdet schädlicher seyn als
die Feinde. Ihr gedenckt aber der Auffrührer Laster zu offenbahren;
jhr wöllet mit darstellung der Geschichte verwichener Zeiten in
jre Rahtschläge dringen/ vnd muthmassen wie es künfftig werde
hergehen? Gleichsam als sie auff ewre Wahrzeichen was geben/
vnd sich nach ewerer Philosophy was richten würden/ da sie doch
nach den Göttern selbst nicht fragen/ vnd durch jhre Hoffnung
Waffen- vnd Lasterrasendt gemacht sind. Mein Nicopompus/ ladet
euch nicht so grosse Arbeit auff den Hals. Man hat nun ein lange
Zeit her solcher Art der Weißheit nicht geachtet. Sie wissen gar wol
daß sie jrren; sie begeren sich aber nicht zubessern/ ob man sie
schon warnet. Gesetzt auch/ daß jhr solche Lehren fürschreibt/ deren
Vorsichtigkeit ein solchen Nachdruck hette/ daß sie derselben wüten
anhalten könne die sie lesen würden/ alsdann etliche Kranckheiten
sind die man mit Flöten vnd Pfeiffen heilen kan; wie viel wird jhrer
seyn die es lesen werden? Die allein werden es thun/ die von ste-
them Neyde getrieben euch nur damals für beredt werden halten/
wann jhr Fürsten vnd Herren mit empfindlichen vnd vngebürli-
chen Worten werdet angegriffen haben. Oder auch gemeine Leute

[Seite 180]


von der Schulen/ die zu Emptern nicht gelangen/ vnd nur auß den
Büchern wissen/ wie dem allgemeinen Wesen sol fürgestanden
werden. Wöllet jhr diesen zu gefallen schreiben? Ist es euch genug
wann sie euch loben? Ich geschweige der Gefahr/
[292] wegen der
Freyheit deren jhr euch anmasset. Auch diese so erkennen wer-
den/ daß jhr jhnen die Warheit einhaltet/ die werden euch den-
noch hassen/ als einen durch welchen sie in Spott gerahten.

Auff diese Lehren deß Antenorius sagte Nicopompus: Ihr
köndt mich billich forchtsam machen/ heiliger Priester/ wann ich
jemanden gedächte zu schmähen/ oder wann ich auß auffgeblasener
Einbildung von einem jedwedern zu vrtheilen mit solcher Leicht-
sinnigkeit/ wie vnter dem gemeinen Pöfel gebräuchlich ist/ herauß
stossen wolte. Gleichsam als ich nicht noch für Augen hette die
Leichtfertigkeit deß Poetens/ der seinen Fürsten mit Ehrenrührigen
Worten angegriffen hatte; darumb er dann zu Belohnung seines
Verdiensts den Galgen/ vnd den Namen welchen er jhm durch sein
lästern zu machen gedachte/ durch sein letztes Vrtheil erlangete.
Von andern mag ich nicht sagen/ welche geringer sündigen/ oder
Weißheit herfür bringen/ die nichts kluges hinder sich hat/ denen
es Straffe genug ist/ daß man jhre Sachen zu lesen nicht würdig
achtet. Ich habe weit ein anders für mir/ mein Antenorius. Wisset
jhr nicht was man für Griffe hat den Kindern die Artzney einzu-
bringen? So bald sie den Apotecker mit dem Trancke sehen/ so fra-
gen sie nicht so sehr nach der Gesundheit/ als daß sie dieselbe so
schwer soll ankommen. Aber die welche mit solchem jungen Al-
ter wissen vmbzugehen/ miltern entweder die Stärcke deß bitteren
Geschmacks mit süssen Säfften; oder bringen sie
[293] durch ver-
heissung der Geschencke dahin/ daß sie sich lassen gesund machen/
vnd betriegen jnen mit schönheit der Becher die Augen/ daß sie
weder sehen noch wissen können/ was man jhnen zu trincken
gebe. Ich wil eben dergleichen thun. Ich begehre dieselben welche
das gemeine Wesen vnruhig machen/ mit hartem anklagen für Ge-
richt nicht zu fordern; weil ich auch so vielen Feinden nit köndte
a

[Seite 181]


die Wage halten. Sondern ich wil sie/ ehe sie es jnnen werden/ mit
solchen Vmbschweiffen dermassen herumbführen/ daß sie sich
mit Lust vnter frembden Namen sollen verklagen sehen. Antenorius
vnd Hieroleander wurden durch solche Wort auffgefrischt/ vnd
sagten/ sie weren begierig zu hören/ was er solcher artlichen Erfin-
dung für ein Gestalt wolt geben. Ich/ sagt er/ wil ein weitläufftige
Fabel in gestalt einer Historien herauß butzen. In derselben wil ich
wunderliche Geschichte erzehlen/ vnd allerley Schlachten/ Heu-
rathen/ Blutvergiessen vnd Frewde mit seltzamer Verlauffung
durcheinander mengen. Die angeborne Eytelkeit der Menschen
wird jhnen ein Lust zum lesen machen/ vnd sie werden desto fleis-
siger vber meinen Sachen seyn/ wann es kein Ansehen wird haben
als ich sie zu lehren/ oder jhnen etwas zuverweisen begehrte. Ich
wil jhre Gemüter mit beschawung vieler sachen/ gleichsamb als
mit einer gemahlten Landschafft/ sättigen. Also werde ich durch
vorbildung der Gefahr Barmhertzigkeit/ Forcht vnd Schrecken bey
jhnen erregen: wann sie hernach im Zweifel stehen/ wil ich sie
widerumb
[294] auffheben/ vnd mit dem hellen Wetter meines Ge-
mütes das Vngewitter vnd verwirrung deß jhrigen vertreiben.
Welche ich wil/ wil ich der Gewalt die vber vns ist nehmen/ vnd ge-
ben. Ich kenne vnsere Gemüter. Weil sie darfür halten werden/ daß
ich nur Mähre sagte/ so wirdt mich ein jeder hören/ vnd sich an mir
ergetzen als an einem Spectakel in der Comedien oder auff den
Fechtplatze. Wann ich sie nun also zur Lust deß Trancks werde an-
gebracht haben/ alsdann wil ich die heilsamen Kräuter darunter
mischen. Ich wil Tugend vnd Laster fürstellen/ nebenst der Vergel-
tung die beyden gehörig ist. In dem sie das lesen/ vnd gleichsam an-
dern Personen vngünstig oder geneigt seyn werden/ so werden sie in
sich selber gehen/ vnd wir auß einem gegenüber gesetzten Spiegel
die Gestalt vnd Verdienst jhres Gerüchts erkennen. Vielleicht wer-
den sie sich schämen die Person auff dem Schawplatz dises Lebens
länger zuhaben/ welche man jhnen/ wie sie selbst befinden werden/
in dieser Comedie nicht zu vnrecht gegeben hat. Auff daß auch nie-
mand sich möge zubeklagen haben/ man hette jhn angestochen/ als
sol keiner außdrücklich eingefüret werden. Damit ich dasselbe
ver- b c
[Seite 182]

meyden
möge/ wil ich viel erfinden/ das sich zu denen welche ich
berühre nicht wird reimen können. Dann weil ich keine History
schreibe/ die sich genaw an die Warheit binden muß/ so werde
ich mich dieser Freyheit sicher gebrauchen dürffen. Also wil ich die
Laster/ nicht die Menschen beleydigen; daß keiner sich zuentrüsten
Vrsach
[295] habe/ als der welcher durch ein vnverschämptes Be-
kändtnüß deren verbrechen die man tadeln wird/ sich schuldig er-
kennet. Vber diß so wil ich allerley eingebildete Namen hierzu ge-
brauchen/ damit nur die Laster vnd Tugenden jhre gewisse Perso-
nen haben: daß sich der so wol jrren wird der alles/ als der jenige
der nichts von solcher Erzehlung für wahr wird halten wöllen.

Diese newe Art zu schreiben gefiel dem Antenorius sehr wol/ rie-
be frölich die Händ zusammen; vnd ich bitte/ sagt er/ laßt diese Ar-
beit herauß kommen. Ihr solt es gäntzlich thun/ wann jhr euch vnd
die jetzige Zeit ansehet. Diß Buch wirdt ein lange Zeit bleiben/ vnd
seinen Autor bey den Nachkommenen in grossen Beruff bringen.
Es hat auch einen grossen Nutzen/ die Griffe böser Gemüter an das
Liecht zu führen/ vnd die Frömmigkeit wider sie außzurüsten. Ni-
copompus antwortete: Ihr verbindet mich euch/ mein Vatter/ daß
jhr euch solchen Anschlag gefallen lasset/ vnd angesehen daß jhr
solches für gut befindet/ so wil ich es ehist ins Werck richten/ weil
die Sach new ist/ vnd das Hertz noch hitzet. Ich wil meiner Regung
freyen Lauff geben/ vnd mich auff Art deß Poetischen Antriebs auß-
lassen. Die Fabel muß verfertiget seyn/ in welcher ich weder ewerer
Person/ Gelanor/ noch deß Poliarchus zu vergessen gedencke. Wie
er außgeredt hatte/ damit er diese Hitze/ welche jhme die Götter
zum schreiben verliehen/ nicht verliesse/ kundte er/ als er in das
Losament kommen/ kaum erwarten biß das Nachtessen verbracht
ward/
[296] begehrte nachmals seine Tafeln/ vnd fieng an die sehr
nutzliche Fabel auffzusetzen. Dem Gelanor gefiel solches nicht vbel.
Dann was solte Nicopompus vom Poliarchus anders schreiben/ als
was jhm zu Ruhm vnd Ehren gelangete/ weil er schon längst sein
Freund/ vnd dem Lycogenes gram gewesen.

d e
[Seite 183]


Fußnotenapparat

a So bald ... ankommen] Der Ur-
text lautet:
Vbi medicum cum
poculo vident, fastidiunt vale-
tudinem quae tanti emenda est.
Opitz hält sich ans Französische:
... si tost qu’ils voyent l’Apo-
thicaire auec la medecine, ils ne
se soucient plus de la santé
qu’on doit acheter si chere-
ment. Also: ... so empfinden sie
Ekel vor einer Gesundheit, die
so teuer erkauft werden soll.
b Welche ... geben.] Quos libebit,
fatis eripiam, fatis dabo. Also:
Nach meinem Belieben entreiß’
ich dem Tode oder töte. (In
Anlehnung an Waltz.)
c Gerüchts = Rufes (reputation)
d Beruff = Ruhm
e Losament = Wohnung (diver-
sorium; hostellerie)
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