Arsidas merckte daß Poliarchus jrrete; darumb erklärete er jhm
alles eigentlich/ daß Meleander vnd Argenis weit anders gesonnen
weren/ als zwar Radirobanes verhoffte/ vnd das Volck außspreng-
te. Also wardt Poliarchus allgemach von seiner jrrigen Meinung
gebracht/ vnd begehrte nach geschöpffter Hoffnung von jhme we-
gen deß Zustands in Sicilien Bericht einzunehmen. Im vbrigen
wolte Arsidas/ daß sich Poliarchus ohn alles Bedencken bey dem
König vngeschewet einstellen solte. Er führte jhm zu Gemüthe/
wie die Feinde nunmehr gedämpffet/ wie Timonides zu jhme ab-
gesandt worden were/ wie er solche Gunst bey dem Meleander/
solche Liebe bey der Argenis/ vnd so geneigte Gemüther bey seinen

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alten Freunden hette. Was hette er sich vnter so scharffen Wa-
chen zu beförchten? oder warumb wolte er als ein ritterlicher
Mensch sich
[508] mehr auff Verbergung/ als auff offentliche Tu-
gendt verlassen? Aber Gelanor war im Wege/ vnd erinnerte den
Herren seiner in Africa gethanen Zusage/ daß er mit niemanden
reden wolte/ biß er erstlich den Arsidas/ hernach die Argenis ge-
sehen hette. Poliarchus bekandte auch selber/ daß er ohn Verlet-
zung seiner Hoheit sich offentlich nicht entdecken köndte. Er muste
vorhin in sein Vatterland schiffen/ vnd sich also außstaffieren/ wie
er für dem Meleander erscheinen wolte. Es were die einige Argenis/
mit welcher er durch Hülffe deß Arsidas zureden wündschte. Zum
wenigsten/ sagte Arsidas/ werdet jhr den Nicopompus nicht für ver-
dächtig halten. Dann wie kan ich seine Auffrichtigkeit genugsam
loben? Alle seine Gedancken gehen dahin wie er euch ehren möge/
vnd vernimbt es mit Frewden wann er euch loben höret? Bey die-
sem habe ich an jtzo mein Losament/ vnd jhr könnet sicherer nicht
verborgen bleiben/ als in seinem Hause. Poliarchus hatte hierüber
kein Bedencken/ wie dann auch Gelanor nicht darwieder war. Als
sie derwegen ein wenig geruhet hatten/ machten sie sich bey Nachte
auff den Weg/ vnd kamen mit der Morgenröthe nach Epeircte in deß
Nicopompus Behausung/ welcher vber jhrer Ankunfft sein Weinen
für Frewden nicht lassen kundte. Als es aber besser in den Tag war/
gieng Arsidas zu der Argenis; weil sie aber nebenst dem Vatter
vnd Cleobolus mit Geschäfften beladen war/ kundte er sie in Geheim
ehe
[509] nicht anreden/ biß sie dem Radirobanes zu entfliehen in
den Waldt gieng.

Als sie auß deß Arsidas Bericht erfuhr/ daß Poliarchus kommen
were/ legte sie allen Kummer von sich/ vnd frewete sich/ vngeach-
tet jhrer beyder Gefahr/ mehr/ als solche vngewisse vnd kurtze
Glückseligkeit verdiente. Wie sehr sie aber verlangete/ muste sie
doch deß Abendts erwarten/ biß Poliarchus ohn Hinderung nach
Hoffe kundte gebracht werden. Ich wil/ sagte Argenis/ in meinem
Spatziergange seyn/ durch den man in den Garten kömpt. Es wird
niemandt euch vnd dem Poliarchus auffmachen/ als Selenisse. Ge-
het mein Arsidas/ vnd kommet in Zeiten. Also gieng sie in vollen
Frewden zur Selenissen/ vnd wolte sie mit Offenbahrung deß
Ge- a

[Seite 309]

heimnisses
jhrer Glückseligkeit theilhafftig machen: aber sie er-
kandte auß dem Lobe deß Radirobanes/ daß sie were vntrew wor-
den. Wie sie derhalben jhr wiederumb mit List begegnet war/ vnd
Hoffnung gemacht hatte/ als were sie dem Radirobanes geneigter
worden; legte sie sich an das Fenster welches in den Garten gieng.
Alsdann kamen jhr zwey schwere Sachen ein; deß Poliarchus An-
kunfft/ vnd der Selenissen Falschheit. Weil derhalben jhr Gemüte
zwischen Zorne vnd Frewden stundt/ kundte sie sich nichts gewis-
ses entschliessen. Die Sache wolte aber Verzug nicht leiden/ damit
Selenisse deß Poliarchus nicht jnnen würde/ wann er zu bestim-
ter Zeit käme. Sie wuste der
[510] Alten auff diese Nacht nichts zu-
schaffen zu geben; vnd befand nichts für rahtsamer/ als daß sie
dem Arsidas durch einen Diener entbieten ließ/ sie köndte die Bilder/
welche jhr auff den Abend hetten sollen gebracht werden/ zu diesem
mal nicht schawen. Er solte morgen sehr frü nach Hofe kommen/
aber doch ohne den Künstler. Arsidas verstandt leichtlich/ daß
etwas darzwischen käme/ welches die Princessin an jhrem Gesprä-
che mit dem Poliarchus verhinderte; weil sie aber solches nicht
offentlich sagen dörffen/ als hette sie dieses wegen der Bilder vnd
deß Mahlers erfunden.

Fieng er also mit Zuziehung deß Nicopompus/ den Poliarchus an
zutrösten/ welchem solch Säumniß als der Todt war. Sie brachten
allerley lustige vnd seltzame Reden herfür/ vnd stilleten seinen
Schmertzen mit Erzehlung baldt seiner/ bald der Argenis Tugen-
den/ oder was für lächerliche vnd verdrüßliche Sachen dem Radi-
robanes auffgestossen weren. In dem sie jhm aber solche gute Ge-
sellschafft leisteten/ wurden sie durch etliche Freunde verhindert.
Dann Dunalbius hatte jhm denselbigen Abendt das Nachtessen in
deß Nicopompus Hause bereiten lassen. Mit jhm kamen Antenor/
der von seinem Tempel in die Stadt angelanget war/ vnd Hiero-
leander. Als sie zur Thür hienein tratten/ vnd Nicopompus sich be-
klagte/ daß er den Poliarchus verlassen muste/ wie dann auch
Arsidas bey einem solchen grossen Gaste nicht
[511] verbleiben
köndte/ (dann Dunalbius begehrte auch jhn bey sich zuhaben)
hieß Poliarchus sich beyde zu Frieden geben. Sie solten hin gehen/
vnd wol abessen/ damit Dunalbius nicht merckete/ daß sie durch
etwas Geheimes von jhrer Fröligkeit abgehalten würden. Er liesse
b

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sich durch den Nicopompus auff eine seiten der Taffelstuben führen/
da er der Gäste Gespräche vernemmen kundte. Vnter dem Essen lief-
fen allerley/ aber doch nur gemeine Reden für/ welche nichts zu-
bedeuten hatten/ wann sie gleich von jhren Auffwärtern auffge-
fangen würden. Als sie aber nach Abnemung der Speisen allein
waren/ fieng Nicompompus mit Fleisse an deß Poliarchus zuerweh-
nen; daß er/ der in der Nähe stackte/ gar wol hören kundte/ in was
für Ehren er bey männiglich were; weil sie sämptlich/ vnwissend
daß er zur Stelle war/ von jhm sagten was jhnen vmbs Hertze war.
Sonderlich vnterließ Dunalbius nicht den stattlichen jungen Men-
schen zuloben/ vnd wuste seine gantze Tugendt zu erzehlen. Ante-
nor vnd Hieroleander ingleichen rühmten einer vmb den andern
baldt seine Stärcke/ bald seine Höffligkeit; wie ferner in dem frö-
lichen jungen Gemüte so eine grosse Lebhafftigkeit deß Geistes vnd
scharffer Verstandt/ ja alles das zufinden were/ was man an dem
Alter zuloben pfleget. Arsidas aber/ weil er wuste daß Poliarchus
wieder den Radirobanes eyferte/ so brachte er die Rede auff den
Bürgerlichen Kriege wieder den Lycogenes/ zu welchem Poliar-
chus
[512] dem Könige mit seinem kämpffen so ein guten Anfang
gemacht hatte. Hernach aber kam er gemach vnd gemach auff die
Sardinier/ vnd den Radirobanes; fieng darneben an vertrewlich
vber seinen Außschreitungen zu lachen. Dann dieser König hielte
sich gewaltig hoffärtig gegen den Seinigen/ vnd war jhm viel ent-
fahren/ darauß man die Eytelkeit seines Gemüts vnd angenom-
mene Tugenden wol erkennen kundte.


Fußnotenapparat

a Wachen] Aus Wache verändert;
praesidia und support der Vor-
lagen verraten, daß die im vor-

hergehenden Satz erwähnten
schützenden Umstände und Per-
sonen gemeint sind.
b wol abessen = den Teller leeren
(nec perfunctorie coenarent)
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