WIe die Verwegenheit solchen Mittels die Hianisbe sehr trawrig ge-
macht hatte; also/ nachdem sie sahe/ daß er frisch vnd gesundt war/
frewete sie sich vber alle massen; biß jhr auch diese Lust durch ein
anders Kümmerniß verderbet wardt. Dann sie kundte deß Poliar-
chus Abschiedt nicht ertragen/ sonderlich weil man jhm seine
Kranckheit/ von welcher er kaum entronnen/ im Gesicht noch sehr
ansahe. Dann als er sich in etlichen Tagen ein wenig erholet hatte/
wolte er mit aller Gewalt Abschiedt nemmen. Endlich gab jhm die
Königin (wie sie jhn dann als eine Mutter liebete) mit weinen vnd
gutem wündschen das Geleite/ vnd
[501] bate nicht mehr/ als daß er
sich dessen Landes vnd Vfers gebrauchen wolte/ wann er etwann
durch eine andere Gelegenheit in diese Gegendt zurück käme.

a
[Seite 304]

Als er aber auff das Schiff/ welches Gelanor gedinget hatte/ ge-
sessen/ vnd auff das volle Meer kommen war/ ließ er nicht nach die
Ruderer zuvermahnen vnd zutreiben/ vnd satzte jhnen eine Zeit/
in welcher wann sie jhm Sicilien weisen würden/ er den Lohn zwey-
fach geben wolte. Die Hoffnung deß Gewinstes machte sie fleißig;
so daß Poliarchus verlohr/ vnd die Insel durch jhre Anzeigung er-
kennen kundt. Damals machte jhn die Betrachtung vieler Sachen
sehr bestürtzt; Was dieses Landt für Vbels/ vnd für Frewden hette/
von dannen hette er zugewarten entweder sein Glück oder Vnter-
gang. Mit was für Gefahr sey er darauß entgangen? Wie wann sich
nun eben ein solches Vngewitter erhube? Stracks/ wann jhm Arge-
nis in den Sinn fiel/ fieng er 〈an〉 alle Gefahr vnd schröckliche Vor-
bildungen deß Vnheils mit frölicher Kühnheit zuverachten. Es war
ein geringer Portt/ an dem nichts als Fischerkathen zustehen
pflegten/ drey Meilen von Epeircte entlegen. Daselbst ließ er ab-
stossen/ vnd stieg an das Vfer/ in Meinung sich in einer kleinen Her-
brige zu verbergen/ als ob er wegen Vngestümigkeit der See vbel
auff were/ vnd von dannen den Arsidas seine Ankunfft wissen zu-
lassen. Als er aber den Wirth bey dem er eingekehret war vnter an-
dern
[502] fragte/ wo der König were: Er ist/ gab dieser zur Ant-
wort/ seit der Zeit daß Lycogenes vberwunden worden/ von Epeircte
nicht kommen. Daselbst verbleibet er nach dem Siege als in dem an-
sehlichsten Orte/ vnd höret daselbst die abgeordneten von den
Städten/ welche hauffenweise dahin schicken vmb Verzeihung zu
bitten.

Ist dann Lycogenes vberwunden? fragte Poliarchus hergegen. Ja
freylich; sagte der Wirth. Er hat seinen wolverdieneten Todt emp-
fangen/ vnd der Kopff hat auff der höhe deß Schlosses ein Zeitlang
zum Spectackel gestecket. Man giebet aber jetzund für/ daß der
König nach Syracuse werde/ damit er den Sardinischen König die
fürnemsten Orter vnd Herrligkeiten Siciliens sehen lasse. Als Poli-
archus fragte/ wie der Sardinische König in Sicilien kommen were;
Wisset jhr dann nicht/ fieng dieser an/ daß der Sardinische König
b c d

[Seite 305]


dem Meleander mit vielem Volcke zu Hülffe kommen sey/ vnd
durch seine Macht Sicilien in Ruhe gebracht habe? Poliarchus
schwieg stille/ vnd bildete jhm ein/ es würde durch Veränderung
deß Sicilischen Zustandes seine Sache nicht zum besten stehen. Er
käme erst nach verwundener Gefahr an; andere vnd zwar Außlän-
der hetten Meleandern geholffen/ vnd/ daß Argenis erhalten were
worden/ hetten sie Sardinien zu dancken.

Als er den Wirt stehen lassen; Gelanor/ fieng er an/ machet daß
ich erfahre auff welchem Theile
[503] der Erden ich sey; ich meine/
ob auch meine Wolfahrt bey solcher Verenderung noch standhafftig
verbleibe. Er hatte noch die Haare/ mit welchen er vor diesem auff
der Timocleen Angeben sein Gesichte verborgen hatte. Von solchen
gab er die einen dem Gelanor sampt einem Bawrenkleide/ mit Be-
fehl bey Abende in Epeircte zugehen/ vnd den Arsidas zuverstendi-
gen/ daß er gantz müde von allerhandt Vngelegenheiten an dem
Meere erwarttete zuerfahren/ ob er sich gutes oder böses zu getrö-
sten hette. In dem Gelanor also gieng/ stiessen jhm etliche auß den
benachbarten Städten auff/ welche gleichfals nach Epeircte wolten.
Wiewol er stattlich verkleidet war/ jedoch hette er sich von jhrer
Gesellschafft hinweg gemacht/ damit niemand deß Betruges jnnen
würde; aber er kundte von der engen Strassen nicht außweichen/
vnd sie begrüsten jhn zum ersten. Derhalben machte jhm die Noht
ein Hertze/ vnd fieng an als ein Außländer dem Siciliens Zustandt
vnbekandt were/ was es mit dem vorgelauffenen Kriege vnd Siege
für eine Beschaffenheit hette. Sie erzehlten alles mit einem sonder-
lichen Scheine; wie wir dann vnser Glück bey den frembden allzeit
grösser als es ist/ zu machen pflegen. Sonderlich lobten sie zwene;
den Radirobanes vnd Archombrotus. Dann Archombrotus hette mit
deß Lycogenes Haupte alle Seuche Siciliens zugleiche weggehawen;
Radirobanes
[504] aber würde zu belohnung seiner Hülff vnd Stär-
cke die Argenis bekommen. Dann das Geschrey gieng also/ vnd
diese Leute sagten dem Gelanor getrewlich alles was sie wußten. Er/
wann er Fug hette sich von jhnen weg zuwenden/ so erseufftzete er
mit hefftigem Schmertzen/ vnd zweiffelte/ ob er dieses seinem Herrn
solte offenbahren. Er besorgte sich/ daß er vber dieser Zeitung
nicht sterben möchte; widerumb hoffte er auch/ weil das Vbel noch
nicht im Werck were/ wann er es nur zeitlich erführe/ so kondte er
jhm vielleicht mit seinem Verstandt vnd Geschickligkeit zuvor kom-
men. Für allen dingen aber muste er zum Arsidas. Er hatte Epeircte

[Seite 306]


schon im Gesicht ligen/ als er einen Knaben mit Hasengarn bela-
den kommen sahe/ der eine kuppel Hunde am Windstrick führte.
Baldt kandte er jhn/ daß er von deß Arsidas Leuten were. Wolten die
Götter/ fieng er an/ daß ich auff dieser Jagt den Arsidas möchte an-
treffen. Wann es aber gleich geschihet/ so kompt er doch nicht
allein/ vnd ich darff jhn auch in gegenwart anderer so freymütig
nicht anreden. Darumb machte er sich fertig/ wann es sich also zu-
trüge/ daß er seine Gelegenheit wüßte in Acht zunemmen. Als er
aber sich kaum entschlossen hatte was er thun solte/ kamen andere
Netze vnd Hunde/ vnd nicht weit hinder jhnen Arsidas mit etlichen
Sardinischen Herren. Gelanor beschawete sie alle/ vnd weil er kei-
nen von jhnen erkandte/ auch verhoffte/ sie würden auff jhn nicht
Achtung geben/ machte er sich destofreymüti-
[505]ger zum Arsi-
das: Ich hab gleich euch gesucht/ sagte er. Ich komm von Rhege;
vnd hab euch einen Gruß neben etwas anders zu bringen/ welches
mir ewer Schweher euch zu vberantworten vertrawet hat. Als er
sich herunter neigte jhm heimlich zuzuhören: Ich bin Gelanor/
fieng er an. Aber nehmet euch so lange nicht an/ als ob ich euch be-
kandt were/ biß jhr mich allein habt. Arsidas wardt bestürtzt vber
der vnverhofften Auffstossung/ vnd bate die Sardinier/ sie wolten
gemach voran spatzieren/ er wolte sich nur wegen seiner Freunde
ein wenig erkündigen. Vnter solcher beschönung redte er im ver-
trawen/ aber kürtzlich/ mit dem Gelanor. Der Inhalt war dieses/
daß er/ wann sie am besten jagen würden/ sich im Walde darvon
machen/ vnd zum Poliarchus kommen wolte. Bald drauff eylete
er wider zu den Sardiniern/ welchen er auff Befehl deß Meleanders
eine Lust mit dem Hetzen zubereiten wolte. Gelanor aber/ gleich-
samb als er auff Epeircte gienge/ so baldt jhn Arsidas Gesellschafft
nicht ersehen kundte/ lenckete sich durch bekandte Abwege vmb/
vnd kam wieder in das Wirthshauß.

Als er in die Kammer trat/ fieng Poliarchus begierig an: Gelanor/
was bringet jhr newes? Deß Arsidas Ankunfft/ gab er zur Ant-
wort. Ich habe mit jhm geredt als er auff die Jagt wolte/ vnd/ wie
ich an der Stunde deß Tags erkennen kan/ so vermeine ich/ daß er
baldt werde hier seyn. Mehr sagte er nicht/ vnd wolte lieber/ daß
jhm die böse Zeitung vom Arsidas
[506] erzehlet würde. Aber er e f g

[Seite 307]


sahe trawrig auß/ vnd kundte das Seufftzen auch nicht wol lassen.
Als jhm derwegen Poliarchus offtmals zusetzte/ vnd letztlich dar-
neben dräwete/ erzehlete er was er vnterwegs gehöret hette; daß Ar-
genis dem Radirobanes versprochen were. Diese trawrige Zeittung
brachte dem Poliarchus weder Schmertzen/ noch Zorn/ noch
Schrecken; seine Erregung hierüber war grösser/ als alle die jeni-
gen Anfechtungen/ welche wir mit Namen nennen können. Wie er
nun nicht mehr trawrig war/ als ob jhme das Glück weiter nicht
schaden köndte/ vnd sich zugleich mit seinen Widersachern zu-
stürtzen gedachte/ kam Arsidas zum Hause hinein/ vnd vberredte
den Wirth/ als ob er einem Wildt nachgesetzt/ vnd wegen Vnwis-
senheit der Strassen sich biß dahin verjrret hette. Als sie aber allein
waren/ vnd er sahe daß Poliarchus an Gliedern vnd Augen ver-
starrete; Was sehe ich/ sagte er/ jhr stattlicher Jüngeling? Was
könnet jhr für Schmertzen haben/ weil Argenis noch gesundt ist.
Aber Poliarchus: Ich bin wol auff/ Arsidas/ sagte er; ich bin gar wol
auff: vnd Radirobanes sol mit seiner Braut erfahren/ daß ich noch
lebe.


Fußnotenapparat

a Wesen!] Aus Wesen?
b 〈an〉] Dem Sinne nach eingefügt.
c Fischerkathen] Änderung des
Hrgs. aus
Fischerkahne nach
piscatoriis casis und quelques
cabanes de pescheurs.
d abstossen] Opitz benutzt dies
Wort auch später im Sinne von
landen. (Illic navigio applicato;
Son vaisseau estant abordé
là ...). Vgl. S. 581.
e Windstrick = Hundeleine, Rie-
men (lorum; lesse)
f Rhege = R(h)egium, heute Reg-
gio; Opitz übernimmt die frz.
Form.
g bekandte] Aus bekandt
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