DEr König schwieg ein wenig stille/ als ob er in tieffe Gedancken
gefallen were; wie wir auß seinem Gesichte kundten abnemmen.
Endlich kehret er sich gegen deß Jupiters Bildniß/ welches nicht
weit von da auff einem Hauß Altare stundt: Höchster Jupiter/ sprach
er/ wann jhm also ist wie ich vermeine/ so bestättige meinen Glau-
ben mit deiner Gottheit. Es ist auß Himmels Gunst geschehen/ daß
ich den Waffen der losen Leute entrunnen bin. O Theocrine/ wann
ich euch noch jetzt mit disem Namen nennen darff/ welchen jhr
bey vns habt angenommen; jhr seydt keine sterbliche Jungfraw/
vnd kein gemeine Göttin. Ihr seyd die heiligste Pallas/ die Fürstehe-
rin der Waffen/ die jenige welche jhr Geburt allein dem Jupiter zu
dancken hat. Ich bete euch an/ O jhr mächtigste vnter den Göttinen;
a b

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lasset ja nicht zu/ daß die Sicilier nicht [543] wissen sollen wie hoch
sie euch verbunden sindt. Dann jhr habt mich/ der ich euch mit
tieffester Andacht ehre/ meinen Feinden entriessen; entweder we-
gen Geheisses ewres Vattern/ oder wegen ewrer eigenen Gütigkeit.
O Glückselig weret jhr/ meine Argenis/ wann jhr ewer Glück hettet
erkennen/ vnd wissen können/ daß Pallas mit euch redete/ bey euch
were/ vnd damit sie jhre Gottheit besser verbergen möchte/ sich
vnter ewrem Frawenzimmer befinden liesse. Wollet jhr wissen
warumb ich diß gläube? Ich erinnere mich erstlich jhres Gesichtes/
vnd erkenne jtzund/ wiewol zu langsamb/ jhr vnsterbliches Ant-
litz auß eben dieser Göttligkeit/ deren wegen ich die Göttin zuvor
nicht erkennen kundte. Welch ein Glantz? welche Stralen der
Augen? Stellet euch nur jhr gantzes Außsehen für: jhr werdet befin-
den/ daß ob sie wol sterblich zuseyn fürgab/ sie dennoch jhre Gott-
heit nicht gäntzlich verborgen hielt. Wer wolte aber an empfange-
ner Wolthat zweiffeln/ nach dem Kampffe welchen niemand als
Pallas hatt verrichten können? Möchten wir so blind seyn in Er-
kennung göttlicher Wercke/ daß wir vermeineten/ es weren so viel
Menschen von einer schlechten Jungfrawen erleget worden: vnd
nicht lieber den Himmlischen Armen dancken/ welche diese
Schlacht verrichtet haben. Jetzund entdeckt sie sich abwesende/
die sich gegenwärtig verborgen hat. Sie ist in den Himmel/ oder
vielmehr auß vnsern Augen
[544] entwiechen; vnd wohnet gleich-
wohl noch vnter vns/ zusehen ob wir gegen sie werden vndanck-
bar seyn.

Wie Meleander also redete/ erhub sich vnter den Vmbstehenden
ein grosses Gemürmel. Ihr wisset daß die Gemüter der Menschen/
bevorauß die Menge/ grosse vnd vngewöhnliche Sachen leichtlich
den Göttern zuschreibet/ vnd daß sie der Aberwitz in einer gehlingen
Hitze einnimbt. Vber diß war es Sicilien auch rühmlich/ daß die
Götter selber für Beschützung der Könige gestritten hetten. Der-
halben fiengen die Soldaten auff deß Königs Wort anzuschreyen/
rufften die Tritonische Minerve an mit alle denen Nahmen/ welche
man jhr nach den Künsten die sie erfunden/ oder nach den Ortern
in denen man sie geehret hat/ zugeben pfleget. Etliche auß Aber-
glauben/ etliche dem Könige zu Gefallen/ vnd die andern für Frew-
den/ welche sie mochten außschütten. Wie vermeinet jhr wol/ daß
Argenis vnd ich vnter der Bewegung der betrogenen Leute heimlich
c

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gelacht haben? Ich hatte selber Lust an der Fabel/ mit Verwun-
derung/ wie der König so leichtlich eine Göttin gemacht hette. Aber
es war auch an dieser Thorheit noch nicht genug. Einer von den
Soldaten hub entweder auß Schmeichlerey oder Vnsinnigkeit an:
Was muß doch das gewesen seyn/ was ich auff der Höhe deß Ca-
stells gesehen habe/ als man vns auß dem Läger erstlich hat auffge-
rufft? Es gläntzte in der Nacht ein sehr klares Fewer/ so daß ich
vermei-
[545]nete das Dach stünde im Brande/ vnd wir würden zum
leschen gefordert. Bald zertheilete sich die Flamme in Stralen/ vnd
breitete sich ordentlich auß biß an den Himmel. Daß ich aber da-
mals mich nicht mehr darüber verwunderte machte die Gefahr/ in
welcher man sagte daß ewere Majestät were: nunmehr kömpt es mir
mit einer empfindung der Ehrerbietung wieder in das Gemüte. Wie
wann Pallas also gegläntzet hette/ als sie sich nach ewerer Erlösung
in den Himmel begeben hatt? Der Soldat hatte kaum außgeredet/
als jhrer viel mit eben solcher Thorheit/ wie dieser gedichtet vnnd
jhm traumen hatte lassen/ thewer bezeugeten/ sie hetten es in
gleichem gesehen. Derhalben wardt die Fabel von vielen gegläubet/
vnd hulffen Hauffen weise mit Muthmaßen/ Ehrerbietung vnd
Stimmung willigen/ man solte Theocrinen vnter die Götter zehlen.
Als sie aber die Argenis für Glückhafft preiseten/ weil die Göttin so
lange bey jhr gewohnet hette/ warff sie jhre Augen gleichsam auß
Schamhafftigkeit zur Erden/ vnd hielt das Lachen zurücke; biß
der König/ nach genugsamer Anbettung der Minerven/ wegen der
grossen Vbelthat mit seinen geheimen Räthen sich zubereden gieng;
ich aber vnd Argenis absonderlich entwiechen vom Poliarchus zu
reden. Argenis sagte/ daß die Bescheidenheit/ welcher er sich so
lange bey jhr gebraucht hette/ nicht auß zurückhaltung auff eine
Zeit seiner Natur/ sondern auß einer rechtschaffenen Tugendt her-
kommen were. Köndte
[546] auch was auffrichtigers seyn/ als sein
Gemüte? in dem er fast mehr Gelindigkeit vnter dem Frawenzim-
mer/ als Stärcke vnter den Männern erwiesen hette. Baldt erzehlete
sie die grosse Wolthat/ welche nach Meleanders eigenem Zeugnisse
werth were/ daß man sie für die Handt der Götter vnd der Pallas
hielte. Sie zeigete auch an (aber mit Scham) wie hoch er liebete/ weil
er mit so gefärlicher List sein Geschlechte verborgen/ vnd sich zur
Lebens Straffe (welcher er bey Ergreiffung nicht würde entgangen
seyn) außgesetzet hette. Ich bekenne es/ Gnädigster König/ ich
d
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habe jhrer Schamhafftigkeit abhelffen wöllen/ vnd das gelobet/
welches ich sahe jhr angenehm zuseyn: dann weil ich euch auch
noch nicht kandte/ so gläubete ich nicht/ daß etwas vollkommeners
seyn köndte als Poliarchus.


Indessen hatte Cleobulus den Stiffter vnd die verfahrung der
Vbelthat auß dem Gefangenen bringen wöllen. Als er nun die Mar-
ter nicht vberstehen können/ hat er vom Lycogenes alles bekandt/
vnd gesagt/ wie er auff der Seiten deß Meeres einen Weg zum
Schlosse gefunden/ vnd ich weiß nicht was für einen Hacken an die
Mawer geworffen hette/ welcher bald hangen blieben; daran ein
Strick gebunden gewesen/ daß er vnwanckende hienauff steigen
können. Allhier vermeinen alle verständige Leute/ daß der König
sehr geirret habe. Dann an statt daß er den Lycogenes plötzlich

[547] sollen vberfallen/ hat er lieber auff sein Gut senden/ vnnd jhn
zu sich erfordern wöllen. Er war in den Gedancken gewesen/ er
möchte zum Kriege schon gefast seyn/ daß man jhn also nicht
leichtlich fangen köndte; oder hatte ja gemeinet/ er würde seiner
grossen Vermessenheit nach/ vngeachtet der Gefahr/ sich einstellen.
Aber er ist vnter dem Schein einer Jagt in Begleitung seiner mäch-
tigsten Freunde/ die er den Tag zuvor den Außgang zuerwarten/
wieder etlicher Wissen von diesen Sachen/ zusammen gebracht
hatte/ auff seinem schönen Schlosse/ welches im Leontinischen Ge-
biete lag/ angelanget. Von da auß machte er dem Könige durch
Schreiben zuwissen/ wie er vnter so viel seiner Feinde zur Rechtfer-
tigung der Sache nicht kommen köndte/ also were es billich/ daß
man jhn vor verhör nicht verurtheilete. Man solte den Mördern nicht
glauben geben/ welche auff seinen Anschlag jhm zum Verderben
weren angestifftet worden. Indessen hatte er sich mit Anhange vnd
Kräfften gestärcket/ so daß der König den Rhat/ welchen er wegen
zu vieler Gütigkeit vorhin gehabt hatte/ jetzundt auß Noth ergreif-
fen mußte: nämlich von dem Laster zu schweigen/ vnnd jhm als
einem vnschuldigen Antwort zu schreiben; wie jhn dann Cleobu-
lus sonderlich warnete/ wann er nicht mit Gewaldt das Vnrecht
straffen wolte/ so solte er sich zum
[548] wenigsten stellen/ nicht e f

[Seite 332]


als er jhm verziehe/ sondern als er der Anklagung keinen Glauben
gebe. Vber diß wurden sie auch rahts/ daß der Gefangene im Ge-
fängnüß getödtet wurde/ gleichsamb als ob er durch einen Fall ge-
storben were. Doch wußte Lycogenes wol was er verdienet/ vnd
Meleander was er verbrochen hette. Darumb hüteten sie sich bey-
derseits in deß andern Gewalt zukommen; vnd hegten solchen Haß
mit jhrem Argwohn/ der fast ärger war als der Krieg so darauff er-
folgte.


Fußnotenapparat

a auff der Post = durch Eilboten
(per cursores)
b Götter!] Aus Götter?
c liesse.] Aus liesse?
d willigen = sich willig zeigen
e verfahrung = Art und Weise
(sceleris authorem atque mo-
dum)
f auff seinen Anschlag] Nicht in
den Vorlagen. Vielleicht nur

fälschlich stehengebliebene, ver-
worfene Übersetzung von
in
suam perniciem. Man müßte
sonst
seinen auf Meleander be-
ziehen.
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