ES lobten jhrer viel die Erfindung solcher königlichen vnd kost-
baren Wollust: etliche rühmeten deß Radirobanes Reichthumb/
andere seine Leutseligkeit. Er aber/ der wegen Begiehr seines fürge-
nommenen Lasters nicht ruhen kundte/ gieng nach vbel zuge-
brachter Nacht mit dem Tage an das Vfer/ vnd besahe das Schiff
welches zum Scheine auff das Meer solte geführet werden/ damit
der König vnnd Argenis sich dahin begeben möchten. Hernach
wandte er sich gegen dem Theile deß Strandes/ wo das Königliche
Mahl auff seinen Befehl zugerichtet wardt. Sie haben grosse Zelte
mit eingegrabenen pflöcken vnd Stricken eingepflantzet/ vnd von

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Stroh geflochtene Tecken vber den Sandt gebreitet. Der Ort war
vber diß von allerley Feldtlust außgeziehret/ als mit Zweigen vnd
Eppichblettern/ darauß Kräntze vnd der Argenis Namen/ wie auch
allerley Abbildungen der Menschen vnd Thiere gemacht waren/
die auff beyden Seiten/ vmb den Ort
[596] da man Tafel halten solte/
hergieng. Diesen Morgen hatte Meleander/ nach opfferung den
Göttern/ die Abgesandten der Stätte zu sich beruffen/ mit erzehlung
wie hohe Gnad er jhnen erwiesen; darnebenst die Befehle welche
Cleobulus auffgesetzet/ offentlich anschlagen vnd in die Stätte vmb-
her senden lassen/ auch verheissen/ zuvorderst darob zuseyn/ wie
ingleichem der Gerichtshändel wegen/ denen man so eylends nicht
rahten können/ eine bessere verfassung möchte gethan werden. Als
auff solche geschwinde Entschliessung das Volck beydes seiner
Wolfahrt/ vnd auch deß Festes wegen frölich worden/ hat es den
Meleander vnd die Argenis zu deß Radirobanes Zelten mit grossem
Frolocken begleitet. Er/ nachdem er die Argenis/ als seinen vnfehl-
baren Raub/ ersehen/ vnd sich vber etwas anders dann man ver-
meinete/ erfrewet/ hat er sie mit solcher Freundligkeit vnd zube-
reitung deß Panckets tractiret/ als man erdencken mögen. Es waren
noch vier Stunden biß zur Nacht/ wie sie nach abgenommenen
Speisen zu besichtigung deß Schiffs auffstunden. Man hörte an dem
Vfer Trompeten vnd Paucken hin vnd wider/ vnd an den Spitzen
der dreyen Mastbäume hiengen Lagen von vnterschiedenen Farben/
welche nach dem Winde vmbher flatterten. Das Getäfel war voll
von Schiffern vnd Kriegsleuten/ gleichsamb als man einen Triumph
oder Schlacht begienge. Es war weder am Strande noch auff den
kleinen Schiffen raum genug für das
[597] Volck; welches dann ein
grosses Geschrey anfieng/ so offte man jhnen wegen fortgange deß
Werckes ein Zeichen gab.


Es geschahe mit Fleisse/ daß das Schiff langsam auß dem Hafen
gelassen wardt. Radirobanes hielte auch Meleandern anderwerts
auff/ wegen vertröstung der Fewer/ die nicht weit vom Vfer auß
a b c d

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dreyen Schiffen/ wie auch dem gantzen Wasser vmbher erscheinen
solten. Diese newe Erfindung/ welche noch von wenigen ersehen
worden/ machte allen die es höreten eine Begiehr hierzu. Derhalben
führte er in solcher Hoffnung Meleandern sampt der Argenis wieder
in sein Zelt/ erzehlte jhnen weitläufftig/ was sie schawen solten/vnd
wie die Gestalten der Fische in der See auß den Maülern würden
Fewer speyen/ welches nicht verleschen kundte/ ob sie wol die
Köpffe in die Flut stiessen. Damit aber die Schiffe von diesen Fi-
schen nicht beleidiget würden/ als solten sie beschützet werden von
fewrigen Bildern/ derer Spiesse niemals heisser brenneten als vnter
dem Wasser. In wehrender Erzehlung trug er bißweilen Sorge der
herzu nahenden Thatt halben/ verließ den Meleander/ vnd vermah-
nete den Virtiganes sampt den vbrigen so darumb wusten/ sie wol-
ten weder mit zu grossem Säumnisse noch zu schnellem eilen seine
Hoffnung verderben. Es waren Hundert Lampen in dem Zelte/ auß
welchem die Könige zuschawen solten/ auffgehencket. Diese solte
man nach gegebenem Zeichen außleschen (dann sie hiengen an

[598] wenigen Seilern) hernach die Argenis nebenst dem Könige er-
greiffen vnd zu Schiffe tragen. Den Sardinischen Obristen vnd Sol-
daten/ wiewol die wenigsten vmb den Anschlag wusten/ ward all-
gemach befohlen hienan zutretten/ vnd zu vollbringen was sie Virti-
ganes heissen würde; welcher/ wiewol vngern/ nebenst zweyen hier-
zu angestiffteten Befehlichshabern die vertrawte That ins Werck
zurichten embsig war.


Es ist fast nicht glaublich/ daß Sicilien einer so für Augen schwe-
benden Gefahr hat mögen entriessen werden. Aber die Göttligkeit
pfleget offtermals so zu würcken/ daß sie vnsinnige Anschläge in
dem Augenblicke jhrer Vollziehung straffet/ damit die bösen nie-
mals ohn Furcht/ vnd die gedrückte Tugend niemals soll ohn Hoff-
nung seyn. Als die anderen zuschaweten wie die Gallere auff das
Meer gieng/ spatzierete Archombrotus/ der das Spectackel ver-
achtete/ nicht weit darvon ohngefehr an dem Strande herumb. Er
war in der Sardinischen Sprache nicht vnerfahren/ wiewol er es
noch zur Zeit heimlich gehalten. Als nun ein Soldate auß deß Radi-
robanes Leibtrabanten/ der erst vom Virtiganes kam/ einen seiner
Rottgesellen vngewaffnet an dem Vfer gehen sahe: Dürfft dann jhr
heute alleine/ fieng er an/ ohn Spieß vnd Degen auffziehen? Als
e

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dieser darauff zur Antwort gab/ es were jhm der Waffen halben
nichts anbefohlen/
[599] haben sie sich beyde vnter andern ver-
menget/ daß Archombrotus von jhren Reden nichts weiter verneh-
men können. Gleichwol wunderte er sich/ was die Sardinier im
Frieden vnd bey wehrenden Bancketen dürfften bewehret seyn/
gieng auff vnd ab gleichsam Lust halben/ besichtigte sie alle/ vnd
sahe daß keiner vngewaffnet war. Diese trugen vber den Degen
noch einen Spieß/ andere Bogen/ vnd viel Italienische Schäffeline.
Ihrer wenige aber/ vnd zwar diese als ob sie auß der königlichen
Guardie weren/ hatten Helm vnd Schild/ damit die List durch zu
grosse Bereitung nicht etwan offenbahr würde. Dem Archombrotus/
der ohn diß den Sardiniern abgünstig war/ kam dieses verdächtig
vnd schrecklich für: Es geschahe auch nicht ohn göttliches Ver-
hengniß/ daß er sich hefftiger besorgte/ als er zwar sonst auß sol-
cher geringen Anzeigung hette thun mögen. Dann ein anderer vn-
achtsamer würde zu diesen Waffen gesaget haben/ daß Krieges-
gebrauch es nicht anders mit sich brächte. Er aber/ entweder weil
er die Argenis liebete/ oder wünschete daß Radirobanes etwas ver-
brechen möchte; Wehe mir/ sagte er: Wil der Liebhaber/ den man
so offt verworffen hat/ mit Gewalt verfahren? Vermeinen sie auch
Meleandern hinweg zu führen/ vnd sind mit der Argenis allein nit
zufrieden? Dann warumb hat man sie mit solchen Vmbschweif-
fen zum Vfer gebracht? Warumb bittet man/ sie möchten diese
Nacht hier verbleiben? Vber solchen plötzlichen schrecken hielt er
dafür/
[600] daß er diese Verbindung an niemand besser mercken
köndte/ als an deß Virtiganes Bruder. Er war an gefährlicher
Kranckheit etliche Tag darnider gelegen. Vnd es war nicht glaub-
lich/ im Fall die Sardinier etwas zuthun gesonnen weren/ daß sie
jhn in der Statt verlassen/ vnd in Gefahr deß Gefängnüsses setzen
würden. Derhalben stieg er gantz schwitzende hinauff gen Epeircte/
vnd als er an das Theil deß Pallasts kam worein die Frembden lo-
siert waren/ stieß jhm zu gutem Glück deß Radirobanes Diener
auff/ welcher das königliche Zimmer in Verwahrung hatte. Sein
Name war Libochanes. Als dieser hinweg gehen wolte/ vnd das Ge-
mach einschloß/ entschloß sich Archombrotus also baldt/ vnd redte
jhn an: Er wolte in selbigem Zimmer etwas beschawen/ wann der
Diener Zeit darzu hette. Dieser/ der beydes den Archombrotus ehre-
te/ vnd auch von dem Anschlag seines Herrn nichts wußte/ trug kein
Bedencken auffzumachen. Archombrotus erinnerte sich/ daß er/
[Seite 363]


als er Meleandern zwey mal zum Radirobanes begleitet/ nicht weit
vom Hauptküssen seines Betthes auff der Tafel eine sehr schöne
Truhen von Ebenholtze vnd Helffenbein/ mit außgeetztem Silber
vmb die Bänder vnd den Randt/ gesehen hette. Er hatte gehört/ daß
die köstlichsten Steine/ vnd geheimen Brieffe darinnen behalten
würden. Darumb betrachtete er ohne annehmung einiger Sache
den leeren Tisch/ vnd sahe sich im gantzen Gemach vergeblich
nach der
[601] Truhen vmb. Damit aber der Knecht dieses nicht
merckte/ wußte er jhn leichtlich zubetriegen. Es hiengen zwey
Tafeln an den Tapezereyen/ so dem Archombrotus sehr lieb waren.
Auff der einen setzte ein Adler/ als ob er vom Gestirne herunter
käme/ deß Radirobanes Vattern die Kron auff. An der andern war
Apollo gemahlet/ der sich roch an dem Marsyas welcher schon gantz
verblutet war. Diese Gemählde sahe er mit solchem Fleisse an/ als
ob er deßhalben were hinein gegangen. Dann man hatte sie daselbst
gelassen/ wie dann auch sonst nichts von Vorrath oder Zier ohn die
Truhen auß dem Zimmer genommen war.

Als derhalben die Muthmassung vnd Argwohn beym Archom-
brotus wuchs/ verließ er den Libochanes/ vnd als er zum Virtiganes
gieng/ war niemand der jhm auffmachte; so daß er wegen deß ledi-
gen Zimmers wol spüren kundte/ sein krancker Bruder müßte hin-
weg seyn. Vnd diesen zwar hatten sie mit dem frühesten Morgen in
einer Sänffte zu den Schiffen getragen/ als ob er auff Raht der ärtzte
durch die Bewegung deß Meers ein Mittel suchen wolte. Archom-
brotus stundt in Forchten/ es möchte jhm/ in dem er alles so ge-
naw außforschete/ die Nacht vnd Hinderlist zuvor kommen. Der-
halben forderte er zween Hauptleute von denen so das Schloß be-
wahreten/ zu sich/ (dann wie hette man die andern Soldaten so
baldt mögen zusammen bringen/ was für Fleiß auch were ange-
wendet worden?) vnd als
[602] Meleander jhn abgefertiget hette/
Gehet/ sagte er/ zu ewern Knechten/ vnd führet sie alsobaldt/ doch
ohne Tumult/ zum Vfer. Wann jhr sie Rottweise werdet fortge-
schickt haben/ so sollen sie alle bey deß Radirobanes Zelte zusam-
men kommen. Es ist genug daß sie mit Degen vnd Spiesse bewehret
sindt/ darmit man nicht Anlaß zu reden habe/ wann sie völliger
f g

[Seite 364]


außgerüstet weren. Ich wil der erste am Hafen seyn/ vnd euch heim-
lich andeuten was der König befehlen wirdt. Gehet hin/ vnd seydt
fleissig dem König zu dienen.


Fußnotenapparat

a den Göttern/] Hier klingt das
lat.
posteaquam Diis fecit nach.
b Lagen = »quergehende Farben-
streifen einer Flagge« Grimm.
In diesem Sinne nur durch obige
Stelle belegt.
(ex versicolore car-
baso taeniae; banderolles de
soye) Also bunte Wimpel aus
Battist. Man könnte an Laken
= Segel denken; allerdings
schreibt Opitz
Lacken.
c Getäfel = Deck (tabulatum;
tillac)
d Strande] Aus Dkf Rande (arena)
e Seiler] Nebenform für Pl. Seile
f ohne ... Sache = als ob er nichts
Bestimmtes vorhabe (tanquam
aliud agens; sans faire semblant
de rien)
g Marsyas, der sich mit Apollo im
Flötenspiel gemessen und ver-
loren hatte, wurde von dem
Gotte geschunden.
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