ALs diese eylends zu jhrer Verrichtung gegangen waren/ kehrte
Archombrotus zum Vfer vmb; da er dann nicht weit von deß Ra-
dirobanes Zelte den Eurymedes antraff/ vnd mit ver-
[603]worrenem
Gesiche/ Ich fürchte/ sagte er/ das Glück habe vns einen newen Ly-
cogenes zugeschickt. Beynebenst erzehlte er jhm kürtzlich die an-
zeigungen der Verrätherey/ vber die er gerahten were; man hette
von deß Radirobanes Vorrhate die köstlichsten Sachen weg geführt/
deß Virtiganes Bruder/ wie wol er kranck sey/ were fort/ vnd gienge
kein Sardinier vngewaffnet her. Eurymedes ließ jhn nicht alles auß-
reden/ vnd sagte/ er verstünde es mit Frewden/ daß Archombrotus
eben mit seiner Meinung stimmete. Er hette diesen verdacht schon
längst gehabt/ were auch für den Sardiniern erschrocken/ welche
nicht vmbsonst Rotten weise vmb das Zelt hergiengen. Nachdem
Archombrotus jhm dieses angezeiget hette/ trüge er wegen eines bö-
sen Anschlages keinen Zweiffel. Wo kömpt vns/ sagte er/ dieser Piri-
thous her? oder welcher Theseus hat jhn verwegen gemacht eine
Princessin weg zurauben? Mann muß aber behüttsam gehen/ da-
mit sich Meleander von dieser Gefahr erlösen lasse. Er fürchtet
sich dermassen den Radirobanes zubeleidigen/ daß er sich selber
nicht achtet. Gehet jhr erstlich hin/ Archombrotus; vnd wann jhr
a b

[Seite 365]


jhn wegen grösse der Noth werdet beweget haben/ so wil ich baldt
neben euch stehen/ vnd die Anzeigungen vnnd Gefahr noch ein-
mahl grösser machen. In dessen wil ich die Soldaten/ so jetzige
Nachtwache halten sollen/ nicht weit von hier zu aller Bereitschafft
auffführen. Es traff sich gleich/
[604] als Archombrotus zu den Kö-
nigen kam/ daß Radirobanes mit der Argenis redete/ vnd Melean-
der allein stundt. Zu welchem er vnvermercket anfieng: Gnädigster
König/ ich stelle mich frölicher/ als die Sache/ von der ich euch sa-
gen wil/ erfodert: damit nämlich die Meuchelmörder so vmb euch
herstehen nicht mercken/ daß jhr gewarnet werdet. Im vbrigen
wisset/ daß dieser gantzer Auffzug für euch als ein Opffer angestel-
let ist; weil ich verstehe/ daß Radirobanes euch nebenst der Toch-
ter hinwegführen wil. Hierumb zeucht er die versprochenen
Schawspiele biß in die Nacht auff/ biß er zu Abende den Tumult
vnd Diebstal zuverbringen Gelegenheit haben wird. In dem er fer-
ner die Anzeigungen dieses Anschlages erzehlte/ kam Eurimedes
darzu/ vnd jagte dem Könige solche Furcht ein/ daß er gantz zit-
ternde vnd vngewiß fragte/ was sie in so plötzlicher Noth rahtsam
zuseyn vermeinten. Es war vnleugbar/ daß man entweder stracks/
weil die Hinterlist noch nicht reiff were/ fliehen/ oder sich mit Volcke
vnd gewaffneter Hand daselbst beschützen müste: die Flucht aber
schiene am sichersten zuseyn. Dann man kundte doch so viel Sol-
daten ohn Offenbahrung deß Argwohnes nicht zusammen bringen;
also/ daß man mehr das Vnrecht durch Furchte anzufangen/ als
abzulehnen schiene. Vber diß/ warumb solte man Meleandern vnd
die Argenis in Gefahr setzen? weil man sonderlich von der Verfüh-
rung vnd Anstellung der Vbelthat keinen Nach-
[605]richt eingezo-
gen/ vnd die Sardinier vielleicht den nächtlichen Anschlag so für-
sichtig angestellet hetten/ daß man sie mit einem vnordentlichen
Kampffe nicht könte abhalten. Ich wil/ sagte der König/ gantz
stille vnd gleichsam spatzierens wegen auß dem Zelte gehen: vnd
den Radirobanes vermahnen mir zufolgen/ wie auch die Argenis/
welche jhr/ Eurimedes/ vnterweges warnen könnet/ daß sie/ wann
sie vnter vnseren Leuten seyn wird/ eine plötzliche Kranckheit für-
wenden soll. Also wird sie wegen Abschiedes entschüldiget seyn/
vnd ich wil jhr als betrübet das Geleite geben. Vnter diesen Worten
sahe er den Radirobanes vnd die Argenis an/ vnd/ fieng er an/ wir
c
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lassen den schönen Abend fürüber lauffen. Last vns lieber vnter
den freyen Himmel spatzieren/ der sich jetzt nach Verlierung der
Sonnen abkühlet. Wir haben hernach Zeit genug vns hier zuver-
weilen/ wann die Schawspiele werden angehen. Zugleiche tratt er
auff die Thür deß Zeltes zu/ wie sie jhm dann sämptlich folgeten.
Bey Fortdringung solchen Hauffens fieng Meleander an mit dem
Radirobanes zu reden/ daß er jhn beseite führen/ vnd Eurimedes
der Princessin seinen Befehl destoleichter entdecken köndte. Wie
dann sie auch/ ob jhr schon niemand die Vrsache solchen jhres
Vatters Rhates gesagt hatte/ von gehlinger Einbildung gerühret
ward/ vnd mit furchtsamen Gedancken nicht viel von der Warheit
jrrete.

[606] Archombrotus vermahnete indessen alle deß Königes
Leute die er antraff/ sie wolten von jhres Herren Seiten nicht wei-
chen. Es waren auch allbereit die Rotten der Soldaten/ so er vnd
Eurymedes erfordert/ hin vnd wider im Felde/ als Argenis/ wie jhr
eingegeben worden/ das Häupt/ so jhr nieder sanck/ in die Handt
nam/ vnd sich gegen der Selenissen wandte/ vnd mit gelinder
Stimme sagte: Mutter/ mir ist sehr vbel: blieb also baldt darauff
stehen. Radirobanes/ so vber dem vnvorsehenen Fall erschrack/
schrie embsiglich zu hülffe nach Wasser/ Wein vnd Balsam. Strack
vmbringte sie/ welche darnieder fiel/ ein vbermässiges zugeläuffe
von Leuten. Vnd Meleander/ der ein wenig vorhin gieng/ kehrete
mit ertichtetem Schrecken zurücke. Argenis aber: Wer heist die
Senfftenträger kommen? sprach sie. Als man sie auch wegen der
Kranckheit fragte/ gab sie nichts gewisses zur Antwort/ als daß jhr
nebenst einer Ohnmacht die Augen tunckel wurden/ vnd das Haupt
mit jhr vmbgienge. Radirobanes aber ruffte/ es were der Senffte
nicht vonnöthen/ sie köndte geschwinder auff einem Stule wider in
das Zelt getragen werden. Meleander hergegen wandte ein/ die Statt
were beydes der Artzney vnd der Ruhe wegen bequemer; vermahne-
te also etliche nach der Senffte zulauffen/ vnd bedanckte sich zu-
gleich gegen dem Radirobanes/ daß er auß zu grosser Höffligkeit/
eines andern halben jhm Vngemach thun wolte. Er/ der nicht allein
der Argenis/ sondern auch seiner V-
[607]belthat Fortgangs halben d e

[Seite 367]


bekümmert war/ sagte/ er köndte es nicht gestatten/ daß die kran-
cke Princessin gantzer tausendt Schritte (dann so weit war es nach
Epeircte) solte gerüttelt werden; sie wurde auch in diesem ernsten
Anfall der Vnpäßligkeit/ welche vielleicht nicht wehren köndte/ viel
besser in dem Zelte ruhen.

Als sie in solcher gleichsam noch freundtlicher vnd wolmeinen-
der Außredung waren/ bließ Virtiganes dem Radirobanes heimlich
ein/ der Anschlag seines Glückes sey nicht eben an diesen Tag so
hoch gebunden/ daß die verhoffte Gelegenheit nicht köndte wieder-
kommen. Er solte die Argenis fortlassen/ vnd sich selbst mit jhr
nach Epeircte machen/ mit auffschiebung der verheissenen Spec-
tackel/ biß sie gesundt würde/ vnd der Vatter auß gleicher Einfalt
sie zu hinwegraubung an das Vfer auffs newe führete. Er hette es
jhn fast verredet/ wann deß Radirobanes Artzt/ welchen etzliche
herzu geholet/ nicht kommen were. Dieser begrieff der Princessin
den Puls fast wieder jhren Willen/ vnd sahe erstlich mit Verwunde-
rung auff jhre Augen vnnd Athem; hernach sagte er/ daß er kein
Zeichen einiger Kranckheit spüren köndte. Wandte sich also zum
Meleander/ vnnd versicherte jhn/ er möchte gäntzlich vnbesorget
seyn: es were was es wolte das die Argenis angestossen hette/ so
würde es nicht viel zu bedeuten haben. Radirobanes aber fiel in
hefftigern Argwohn/ vnnd merckte endtlich
[608] wol/ daß man
durch fürgebung der Kranckheit die Flucht beschönen wolte. Er
wunderte sich wer hinter seinen Anschlag kommen were/ wer Me-
leandern solchen offenbahret hette; ergrimmete sich hefftig/ vnnd
war mit Gewaldt zuverfahren gesonnen/ schawete vmb sich/ grieff
auch zum Degen/ sahe aber weniger Sardinier als Sicilier vmb sich;
so daß er sich keines Sieges vertrösten kundte/ da gleich die Sache
zun Waffen geriehte. In dessen kam auch deß Meleanders Artzt/
der vom Eurymedes angestifftet worden was er solle fürgeben;
dieser sagte von der Argenis Schwachheit weit anders als deß Radi-
robanes Diener/ daß sie nemlich eine tödtliche Kranckheit ange-
stossen hette: solte man derwegen mit jhr nach Hoffe eylen/ angese-
hen daß jhr weitere Säumung hochschädtlich were. In dem er also
redete/ fieng der vorige Artz an/ sich mit jhm zu zancken/ vnd
wolte jhm seine wissenschafft nicht verachten lassen/ fragte also:
was er für Zeichen der Vnpässligkeit befinde? Was jhr Gesichte/
vnd die Farbe der Lippen anzeigete? Ob etwann ein kalter Schweiß
auff der Stirne stünde? Ob der Puls nicht richtig schlüge? Der
Sici

[Seite 368]

lier
wuste sich nicht weniger auß zuführen; so daß die Vngewiß-
heit der Medicin durch ein schönes Specktakel gezeiget wardt/
wann sie der Tumult vnd die Wichtigkeit der Sache welche fürlieff/
dieser Lust hette abwarten lassen.


In dem nun diese mit Worten streiten/ fuhren [609] die Sänff-
tenträger die Argenis in aller höhe davon. Radirobanes aber/ wel-
cher wol wuste daß sie nicht würde zurück kommen/ vermochte sich
nicht zuhalten; legte Hand an die Sänffte/ vnd bate höchlich/ Arge-
nis möchte bleiben. Die Sardinier vnd Sicilier waren auch zu streite
gerhaten/ vnd Archombrotus trat herzu/ die bedrängte Sänffte
dem Radirobanes mit Gewalt außzureissen/ Meleander tratt in die
mitten. Sicilien solte das Glück dieses Tages erkennen. Wie viel
stattlichen Geblütes hette diese Auffruhr vergiessen sollen? Dieses
Vbel war weit genug Sicilien zuverschlingen/ vnd den auch abwesen-
den Poliarchus hinzurichten. Aber Meleanders fürsichtigkeit rich-
tete das zuhangende Vnglück auff besseren Weg. Er redete mit dem
Sardinischen Könige noch als ein Freundt/ darumb sich der ander
schämete jhn zu beleydigen. Vnd als der Tumult nur so vnd so ge-
stillet war/ setzte sich Meleander gleichsfals in die Sänffte/ vnd be-
gab sich mit Begleitung der Seinen in die Statt.

[610: Kupfer Nr. 13]


Fußnotenapparat

a Eurimedes] Diese Schreibweise
folgt der frz. Vorlage. Die auch
bei Ovid vorkommende Barclay-
sche Form ist
Eurymedes. Ver-
einheitlichung wurde nicht ange-
strebt.
b Pirithous ging nach dem Tode
seiner Gemahlin Hippodamia
zusammen mit seinem Freunde
Theseus in die Unterwelt, um
die Proserpina zu entführen.
Der Plan scheiterte; er wurde
gefesselt und zurückgehalten.
Ovid, Met. 8, 302 ff.
c Soldaten] Aus Dkf Soldaden
d Vrsache gesagt hatte/] Eury-
medes konnte sein Gespräch nicht
beenden, weil er von Virtiganes
unterbrochen wurde. Opitz hat

diese kleine parenthetische Er-
klärung ausgelassen.
e gehling = plötzlich (repentiuis
cogitationibus concussa; subite)
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