SElenisse entschloß sich auff diese Worte/ nam Papier/ vnd schrieb
mit zitternder Hand vnd bösen Buchstaben nachfolgenden Inhalts:
An Meleandern den gütigen König/ vnd Argenis die gütige Princes-
sin: Wann etwas nach dem Tode vbrig were/ so hette ich mir das-
selbe zur Straffe gewündschet. An jetzo nemet mein Blut/ welches
mit seinem Laster noch nicht so sehr befle-
[630]cket ist/ daß es den
Göttern nicht könne geopffert werden. Richtet auch auß der Schär-
ffe meines Todes den ich mir anthue/ mehr meine Rewe/ als das Ver-
brechen. Ihr selber/ die ich erzürnet habe/ werdet meinen daß jene
grösser sey als dieses. Dann ich bekenne/ daß ich entweder auß Drin-
gung deß Verhängnisses/ oder Krafft einer Zauberey das grosse Ge-
heimniß von der List vnd Stärcke deß Poliarchus verrahten habe.
Wann ich aber/ liebste Princessin/ wieder ewren guten Nahmen
etwas darzu gesetzt/ oder darzu hab setzen können/ so wündschte
ich daß die höllischen Götter gegen mir müssen so grawsam seyn/
als ich vntrew gegen euch gewesen bin. Glaubet mir sterbenden/
vnd erlasset meinem euch sonst von Redligkeit genugsam bekand-
ten Leben/ oder wann es zu viel ist/ diesem Degen der euch an mich
rechet/ diese einige Schuld. Hernach gab sie nach Versiegelung/ das
Schreiben einem Diener; Gehe hin/ sagte sie/ vnd befiehl in meinem
Nahmen dem Thürwärter für deß Königes geheimbden Zimmer/
daß er diesen Brieff den Herren alsbaldt vbergeben solte. Der König
hat befohlen/ daß ich 〈jhn〉 jhm vnverzüglich solte zuschicken.

Als der Bote hinweg kommen/ ward sie noch wütender jhr durch
den Todt abzuhelffen/ eilete vnd hielte zugleich jnnen/ fieng bald ein
rasendes Wehklagen an/ bald beschüldigte sie mit gedämpfften
a b

[Seite 381]


Seufftzen jhre Beständigkeit. Es hörete ohngefehr in einem Gema-
che darein man auß der
[631] Schlaffkammer gehen kundte ein
Dienerin alle Worte. Diese hatte Selenisse nicht gesehen/ vnd sie
vermochte auch/ auß Scham daß sie zu jhrer Frawen Geheimniß
kommen were/ weder zu reden/ noch hinweg zugehen. Dann sie bil-
dete jhr nicht ein/ daß die Worte voll von Verzweiffelung zu solchem
vnsinnigen Außgange gerahten würden/ vnd wartete/ biß sie nach
Abweichung der Frawen sich auch heimlich hienauß stelen könte.
Selenisse aber/ die darfür hielte es bestünde das gantze Lob deß
fürgesetzten Todes in einer Geschwindigkeit/ vnd daß man bald et-
liche schicken würde/ die sie mit Gewalt zurück hielten/ eröffnete
eine kleine Truhen in der ein kurtzes Schwerdt lag/ welches jhr
Mann vor diesem dem Sohne als er noch jung gewesen gegeben/
vnd sie darumb auffgehaben hatte/ damit sie es auff seinen Hoch-
zeittag nebenst seinem Kinderspiele der Juno Lucinen heiligen
köndte. Es begab sich gleich durch einen Fall/ daß es wenige Tage
zuvor den Rost zubenehmen geschärffet worden. Es war auch nichts
im Frawenzimmer so bequem/ jhr die Brust zuöffnen. So bald sie
diesen Degen ergrieffen/ erinnerte sie sich zugleich deß Mannes den
sie verlohren hatte/ vnd deß Sohnes welchen sie vnwissendt verlies-
se. In häuffiger Betrachtung nun so vieler vnd wichtiger Sachen/
küssete sie das mördtliche Eysen/ redete es an/ vnd hielte den etwas
säumenden Todt eine Zeit lang
[632] auff; biß die Dienerin/ welche
sich besorgte/ dieses Trawerspiel möchte Ernst seyn/ herauß
sprang jhr das Schwert außzuwinden/ vnd sie die Leute so auff deß
Königes Befehl herzulieffen kommen hörete. Alsdann wardt die
Alte durch Bemühung derer die jhr wehren wolten angereitzet/
vnd weil die Hände noch frey waren/ stieß sie jhr die Spitze so tieff
in den Leib daß jhr wegen entgehung der Kräfften die Handt baldt
anfieng zuhangen/ vnd sie mit der Brust auff die Erde fiel/ das Hefft
auch kaum biß auß der Wunden gieng. Die Magd vmbfassete
schreiendt die Sterbende/ vnd erschreckte die Leute/ so ohn dieß ver-
wirret waren/ mit kläglichem heulen. Dann Archombrotus/ Euri-
medes/ vnnd nach jhnen andere waren mit aufflauffung der Thür
hinein gegangen/ auff Befehl sonderlich deß Königs/ als er das
trawrige Schreiben empfangen/ damit sie zu der Armseligen eileten/
vnd sie zwingen möchten sich nicht hinzurichten. Eurimedes hieß
die Magd beseite tretten/ vmbfassete sie/ derer Augen allbereit
ver- c
[Seite 382]

starretwaren/ vnd/ Was ist das/ sagte er/ für eine Vbelthat/ meine
Fraw? Warumb wöllet jhr euch vnd die ewrigen vmbringen? Sie
sagte nichts/ ohn daß sie mit neigung deß Hauptes die Augen noch
etwas verwandte vnd zugleich Blut vnd Seele herauß gab.


Es war durch das gantze Zimmer ein tieffes Stillschweigen/
bald erhub sich ein Gemurmel/ vnd drauff wardt durch algemeines
Gerüchte eine grosse Menge zu dem schräcklichen Spectackel ge-
locket.
[633] Stracks erdachte man vnterschiedliche vnd gefährliche
Vrsachen jhres Todes. Der Könige als er von der Ermordung hörete
erschrack häfftig: an der Argenis aber kundte man kein Zeichen
weder der Barmhertzigkeit noch deß Hasses spüren; entweder daß
sie meinete/ Selenisse were noch nicht genug gestrafft/ oder daß
sich jhr enzündetes Hertze verwunderte daß es sich durch eine sol-
che Busse auff einmal gäntzlich besänfftigen liesse/ vnd also zwi-
schen beyden regungen deß Gemütes gleichsam vnempfindtlich war.
Nichtsdestoweniger sahe sie/ wie Selenisse jhr auch mit jhrem Tode
geschadet hette. Was würde Sicilien/ was würde Radirobanes sampt
den seinigen sagen? Die Alte hette durch eine so schreckliche Rach
an jhr selber/ mehr als durch die Verrhäterey das Geheimniß von
der Theocrine offenbahret. Vber dieß/ weil ja die Sache darzu ge-
rhaten/ als hatt sie verhofft/ der König würde von der Selenissen
die Verheissung den Poliarchus zu heyrathen vernemmen; welche
Heimligkeit sie zwar an den Vatter nicht bringen dürffte/ aber
dennoch standthafftig zu vertheidigen entschlossen war. Im vbrigen
so ließ der König die menge deß Volckes abschaffen. Hernach
wardt der Cörper ohn alles Gepränge eingesencket/ vnd/ als die Vr-
sache der entleibung offenbahr worden/ weiß ich nicht welcher Po-
et jhr folgende Grabschrifft gemacht hat:

Hier/ Leser/ siehestu ein Grab voll grimmer Schmertzen/
Ein Weib die selbst befandt in jhrem rawen Hertzen
d Daß sie den Todt verdient. Doch wündsche gleichwol du/
So lieb du ruhen wilst/ jhr weder Angst noch Ruh.
Sprich nur: Es müssen dir die Götter nach dem Leben
Das du geführet hast/ O Geist/ Belohnung geben.
Es ist die Seleniss’/ ein Weib von böser That/
Doch die sich ärger selbst an jhr gerochen hat.
e f g h
[Seite 383]

Meleander/ der von so vielen Sorgen vberhäuffet war/ vnd nicht
wuste/ was er mit dem Radirobanes/ dem Herolde/ vnnd dem Schrei-
ben machen solte/ beruffte seine Räthe/ vnd gab jhnen zuverstehen/
wie seine Sachen so vbel stünden: in dem Radirobanes seine Ho-
heit mit Schmehworten angrieffe/ vnd vber diß wegen auffwendung
zu vorgeliehener Hülffe dreyhunter Talendt nicht glimpfflich/
sondern mit Bedrewung foderte. Es wolte jhm zwar gebüren/ sol-
ches Vnrecht mit der Faust zu rechen/ wann nicht allein Sicilien mit
einheimischer Vnsinnigkeit seine Kräfften erschöpffet hette/ son-
dern auch dem Radirobanes wegen der erwiesenen Wolthaten
〈wenigstens Gelegenheit〉 zu der Berewung gelassen werden solte.
Dann er were für wüten nicht bey sich selbst/ vnnd bestätigte den
gestrigen Argwohn mit vnbesonnenem Zorne. Wiewol er nun dieses
weitläufftig erklärete/ jedennoch hütete er sich sehr/ damit er
nichts herfür brächte/ wie dieser Feindt der Argenis jhren guten
Namen abschneiden wolte: nicht zwar daß jhm vnbewust wann es
würde endlich alles außkommen: sondern weil er theils die an-
wesende Tochter nicht wolte Schamroth
[635] machen/ vnd theils
durch sein Stillschweigen zuverstehen gab/ es solte jhm nachmals
niemandt mit Erwehung einer solchen verhaßten Anklage be-
schwerlich seyn. Nichts destoweniger damit sie wisten in was für
einer Sachen er jhren rhat begehrete/ so sagte er/ wie Selenisse ver-
rhäterischer weise etliche Heimlichkeiten so den König angiengen
dem Radirobanes vertrawen dürffen; welche zwar für sich selbst
nicht böse weren/ er aber durch eine vnehrliche Außlegung vbel
gedeutet hette: wie er dann in jetzigem Schreiben jhn Ehrenrühri-
ger weise angriffe. Deß Radirobanes Fürnehmen belangend were
Selenisse zwar vnschüldig; dennoch were sie in der Meinung ge-
standen/ daß sie jhr verbrechen allein mit dem Todte büssen köndte.
Sie stimmeten einhellig/ er solte den Radirobanes für Siciliens
offentlichen Feindt erklären. Seine Hülffe so er gethan sey nicht
auß gutem Willen herkommen/ sondern er were mit hinterlist in
die Insel eingesessen/ vnnd hette den Lycogenes darumb auß dem
Wege raümen wöllen/ damit er das jenige/ was der vorige zuthun
i

[Seite 384]


gesonnen war/ selber zu Wercke richten möchte. Von dem Herolde
waren sie mancherley Meinung; in dem etliche wolten/ daß er auff-
gehangen/ etliche daß er mit vnterschiedener Straffe zerstümmelt
dem Radirobanes wiederumb solte zugeschickt werden. Doch folgete
man dem Cleobulus/ man müste wegen beleidigung deß Heroldes
nicht Vrsache geben zum widerwillen/ weil es der Feindt wol vmb
was grosses
[636] geben möchte/ daß er vmbgebracht würde. Man
könte diesem hoffärtigen Könige mehr wehthun mit Verachtung/
als mit solcher Rache. Als dieses der König gut geheissen/ ließ Eury-
medes den Herold für sich fodern (dann sie wolten jhn in deß Me-
leanders Gesichte wiederumb nicht kommen lassen) vnd redte jhn
auff Befehl also an: Wann du mit so einem leichtfertigen Schreiben
von einem Könige der seine Sinnen hette kommen werest/ so sol-
test du diesen Tag nicht vberlebet haben. An jetzo halten wir deß
Radirobanes Vnsinnigkeit etwas zu gute; welchem du im Nahmen
deß Königes sagen magst/ man könne einem Rasenden nicht ant-
worten. Es were jhm auch zurathen/ daß er hinfort Königen nicht
ehe schriebe/ biß er zuwüten auffgehöret hette.

Nach dem der Herold abgeschieden/ ward alsbald dem Arsidas
eine starcke Besatzung zugegeben/ die er an den Port auffführen
solte. Timonides trieb die Seeleute zu Schiffe/ damit man dem Radi-
robanes/ wann er es ja bey den Worten nicht verbleiben liesse/ mit
gewehrter Hand begegnen köndte. Nicht allein der Hoff/ sondern
auch die Stadt ward dermassen beweget/ als ob der Krieg von
newem angienge. Vnd Radirobanes fieng sich auch allbereit an zu-
fürchten/ nicht allein daß vielleicht sein Herold wegen deß vnver-
schämten Schreibens mit der Haut bezahlen müssen/ sondern auch/
daß auch wol Sicilien wieder seine Schiffe auff-
[637]geboten würde.
Der Zorn hatte etwas nachgelassen/ vnd kamen jhm deß Krieges
Vngelegenheiten ein/ welche er zuvor auß grossem Zorne nicht er-
wegen. Sein Volck war zu wenig gegen die Kräfften deß gantzen
Siciliens. An dem Vfer lag eine Besatzung; so war er auff dem Meer
mit Proviant nicht versehen. Solte man jhn nun angreiffen/ so were
es wieder seine Ehre wann er etwas außschlüge/ bevorauß weil er
erstlich gefordert hette. Als er in solchen Gedancken auff den Strand
zusahe/ ward er gewar daß ein Nachen auß dem Port abstieß. Es war
eben der/ auff welchem der Herold zurück fuhr. Dieser/ so noch
für Furchten zitterte/ sagte was er vom Eurymedes verstanden/
j

[Seite 385]


vnd wuste die Vngestümmigkeit der Antwort/ wie auch den Tumult
bey Hofe/ von dessen Vrsach er nicht wuste/ hoch herauß zustrei-
chen. Dann als bey Entleibung Selenissen ein groß Murmeln vnd
Getümel entstanden/ hatte Cleobolus den Herold verwachen lassen/
damit er diesen Fall nicht erfahren/ vnd die so jhm auffstiessen/
darumb fragen köndte. Radirobanes/ der in so vielerley Sorgen
stundt/ entschloß sich ehe weg zu schiffen/ als er entweder schla-
gen/ oder fliehen muste. Dann worzu würde diese vnzeitige Vnter-
fangung dienen/ als daß er mehr jhm selber dann dem Feinde Scha-
den zufügete? Er hette seinem gähen Grimm allbereit gar zuviel
verhangen. Es were rhatsamer sich zurück in den Port bey Calaris
zubegeben (selbi-
[638]ges war damals die Hauptstadt in Sardinien)
vnd nach Stärckung deß Volckes bald darauff mit vnversehener
Schiffsmacht Sicilien zuvberfallen. Doch befand er auch nicht für
rahtsam so gar eylends weg zuweichen. Dann er wuste/ daß Mele-
ander noch wenig Leute zu Schiffe hette/ vnd Zeit darzu gehörete/
ehe man zu der Flott von Palerme vnd Lilybee mehr Volck erhei-
schen köndte. Derhalben lag er noch den Tag vber stille. Gegen
Abendts/ als der Wind etwas besser ward/ hieß er die Ancker auff-
ziehen/ vnd auff sein Sardinien zusegeln. Damit es aber nicht das
Ansehen hette/ als ob er auß Furchte/ oder verstolen entwiechen/
befahl er das Schiffgeschrey doppelt so groß als sonsten zumachen
im Fall sie die Ancker außhüben/ oder jhrem Gebrauche nach ein
ander Zubereitung deß vbrigen Schiffzeuges anmahneten. Es er-
schalten auch der Soldaten Stimmen an das Vfer/ die entweder jhr
noch abwesendes Vatterland grüsseten/ oder die Seegötter anruffe-
ten. Meleander/ welcher sich einer instehenden Schlacht versahe/
hieß die Schiffer bereitet seyn/ vnd nebenst dem Port das vmblegene
Vfer mit Volcke belegen. Dann er hatte den Schiffen ausser dem
Port zu kämpffen verboten/ damit sie von dem Läger zu Lande/ wel-
ches zimlich mächtig war/ entsetzet/ vnd die Sardinier durch zwey
Heer angegrieffen würden. Gleichwohl vermehrte die einbrechende
Nacht
[639] jhr Schrecken vnd Forchte. Aber die Feinde/ als sie mit
gutem Windt auff die Höhe lieffen/ wurden erstlich nicht mehr ge-
höret/ vnd hernach nicht mehr gesehen. Dann es fiel auch zu
An- k l m
[Seite 386]

fangsder Nacht ein dicker Nebel. Auß besorgung aber/ daß es nicht
möchte ein ertichtete Abscheidung seyn/ vnd sie vnversehens einen
Einfall theten/ hielten nicht allein die Soldaten/ sondern auch viel
auß den Befelchshabern in dem Hafen Wacht.


Fußnotenapparat

a Papier ... Buchstaben] Rapit
... tabellas, in quibus non satis
constantibus litteris haec exa-
rat. Opitzfolgt der modernisieren-
den frz. Vorlage:
... prend du
papier, et d’vne main tremblan-
te et en lettres mal formées elle
escriuit cecy.
b 〈jhn〉 Vom Hrgs. nach den Vor-
lagen eingefügt.
c ein/] Aus Dkf ein;
d am Rand: [634]
e gelocket.] Aus gelocket/
f gefährliche] Aus Dkf gefährlich
g hatt ... verhofft] Plusquamper-
fektum:
speraverat
h Ruh.] Aus irreführender Schrei-
bung
Ruhe. geändert.
i Wolthaten] Hier hat Hrsg. nach
den Vorlagen die Worte
〈wenig-
stens Gelegenheit〉 eingefügt.
(benefactis Radirobanis donari
deberet saltem locus ad poeni-
tentiam; si pour les bien-faicts
de Radirobanes on ne luy don-
noit au moins le temps de se
repentir.)
j würde.] Aus Dkf würde;
k gäh = jäh, plötzlich, ungestüm
l verhängen = die Zügel hängen
lassen, freien Lauf lassen (in-
dulgere)
m Palerme vnd Lilybee] Diese
Formen nach der frz. Vorlage;
lat.
Lilybaeo et Panormo (Abl.)
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