Meleander/ als er diese Sorgen dem Eurymedes vbergeben hatte/
bekümmerte sich vmb andere Sachen. Bevorauß stundt er
[655] der
Argenis halben in Zweiffel. Diese/ ob sie zwar vnschüldig were/ vnd
nichts vbriges an sich hette als jhre zu grosse Vollkommenheit/
doch were sie an diesen Empörungen Vrsache gewesen. Lycogenes/
derwegen jhrer Heyraht sich aller Rebellion vnterfangen/ were
nicht so bald/ vnd zwar mit blutigem Siege erleget worden; dessen
wüten dann Radirobanes nachgefolget hette; wie man dann nicht
a

[Seite 396]


wissen köndte/ was für ein Außgang dessenthalben erfolgen
möchte. Er bildete jhm beynebenst ein/ es würden auch ins künfftig
sich noch andere durch eine so schöne Tochter vnd Hoffnung der
Krone Siciliens entzünden lassen/ wann er nicht der vbrigen Begier
zudämpfen einem allein solche Glückseligkeit zuliesse. Der Sele-
nissen Tod/ vnd die Theocrine/ welche vnbekanter weise so lange
verborgen gelegen/ machten jhm nicht geringen Kummer. Endlich
war er gantz vnd gar entschlossen/ die Tochter zuverheyrahten;
weil zu Abstellung solcher Empörungen dieses das einige Mittel
were. Vnd also fieng er nicht allein an auff einem Eydam/ sondern
auch auff Kindes Kinder zugedencken/ vnd ward durch diese Er-
getzung zu dem angenemen Fürhaben mehr vnd mehr gereitzet.
Welchen solte er aber zu solchem Glück erkiesen? Es war in be-
nachbarten Landen keiner königlichen Stammes/ der Alters halben
heyrahten kundte. Aber/ sagte er/ muß man dann zu solcher Ehe
Kron vnd Scepter suchen? Gleichsam als Königreiche vnd nit
Menschen vermählet würden/
[656] oder als ich meiner Tochter ein
anders Königreich/ vnd nicht einen Mann suchte? Vielmehr haben
vnsere Vorfahren sehr weißlich ein Gesetz geordnet/ daß der oder
die jenige/ so in Sicilien herrscheten/ durch Heyrath kein Scepter
an sich bringen solten das reicher vnd mächtiger als das Sicilische
were; damit daß diß Landt von seinen Königen nicht verlassen/
vnd von dem Stärckern zu seiner Provintz gemacht würde. Sicilien
ist an sich selbst gar genug seine Könige zuerhalten; vnd es wirdt
meiner Tochter bestes seyn/ sie also zuvermählen/ daß der Mann jhr
seine Glückseligkeit zudancken habe. Die Thracier pflegen jhre Wei-
ber zukauffen. Wann der Argenis Mann von Adel/ Natur vnd Tu-
gendt gut ist/ so ist es gar genug; dann an Reichthumb wirdt es jhr
nicht mangeln.


Zu dieser Entschliessung machte jhn noch geneigter das Ver-
langen seinen schon vor vieler Zeit fürgenommenen Anschlag hin-
außzuführen; daß er nemlich den Archombrotus/ welchem er von
Hertzen günstig war/ durch Heyrath seinen Erben zuseyn schawen
möchte. Er hielte dafür/ Argenis würde es nicht außschlagen: im
Fall sie auch sich weygerte/ so wolte er sein Vaterrecht mit Zwang
gebrauchen. Es war nichts mehr vbrig/ als seine Ankunfft zuerfah-
ren. Dann er gedachte seine Tochter einem von geringem Stande
b c

[Seite 397]


nicht zu geben/ er were auch so Tugenthafftig als er jmmer wolte.
Nach erwegung aller Vmbstände gieng er in der Argenis Zimmer/

[657] vnd/ damit er sein Begehren desto leichter bey jhr erhalte/
fieng er als ein Vatter vnd ein König also an wider sie zu sagen:
Ich weiß/ meine Tochter/ daß Sicilien nicht weniger vber das Säum-
niß vnserer Erklärung/ als wir vber seine Empörungen/ klaget.
Dann die Regiersucht vnd die Hoffnung deiner Heyrath hat den
Lycogenes vnd Radirobanes auff die Wahnsinnigkeit welche wir
empfunden haben/ geleitet. Welchem allen wir begegnet weren/
wann wir euch bey Zeiten vermählet hetten. Was halten wir vns
auff/ den Quell solchen Vbels zuverstopffen? Mich belangendt/ so
hab ich mir fürgesetzt/ ewer bestes/ vnd meines Alters Ruhe zu
befördern. Ich mache mir auch keinen Zweifel/ es werde mit
ewerm Willen geschehen/ was ich auß Vätterlicher Macht zuthun
befugt bin. Saget mir/ Argenis/ bedüncket es euch nicht gut zuseyn/
daß euch ewer Vatter einen Bräutigam erwehle? Das allgemeine
vnd Privatrecht gibt mir solche Gewalt; es wolte sich auch ewerer
Sittsamkeit zu widerstreben nicht gebühren. Die Princessin/ so in
ängsten stundt/ gab zur Antwort/ sie wolte sich besinnen. Wöllet
jhr euch besinnen/ sagte der König/ ob jhr thun sollet was ewers
Ampts ist? Man hat lang genug Auffschub genommen. Ich frage
euch noch einmal/ meine Tochter/ wöllet jhr mir gehorchen? Arge-
nis/ als sie sahe/ daß jhr der Vatter mit solchem Ernst zusetzte/
sagte mit forchtsamen vnd doch ertichtetem Munde/ Ja. Meleander
lobte jhren Gehorsam/ küssete sie/ vnd/
[658] jhr wisset/ sagte er/
wie sehr ich euch liebe. Ich begehre länger nicht zu leben/ als damit
ich euch wol versorgen möge. Ihr thut recht/ daß jhr ewerm Vatter
vnd seinen grawen Haaren glaubet.

Den andern Tag/ als er ohngefehr im Garten spatzieren gieng/ er-
forderte er den Archombrotus/ vnd/ mein junger Mensch/ sagte er/
wann ich euch feindt oder vnbekand were/ vnd nach ewerer An-
kunfft fragte/ so möchtet jhr dieses als eine fürwitzige Frage für
verdächtig halten. Weil aber ich ewerer Freundt lange Zeit Gedult
getragen in Zweifel zu stehen wer jhr weret/ vnd ewer Geschlecht an
jetzo zu erfahren begierig bin/ warumb wöllet jhr nicht glauben/
daß solches so sehr euch als mir zu gut geschehe? Es sind wichtige/
vnd wie ich verhoffe/ euch angenehme Sachen/ die ich mit euch ab-
handeln wolte/ wann ich mich nicht zuvor von ewerer Herkunfft
erkündigen müßte. Wie viel ich euch/ ob wol einem Außländer
ge

[Seite 398]

trawethabe/ verstehet jhr selber. Die Heimligkeiten deß Reichs
sindt euch offenbahr gewesen. Es hat mich weder das Alter/ noch
ewer außländisches Herkommen abgeschreckt/ euch alles das
Meinige zu entdecken: Vnd zu diesem hat mich auch ewre Trew in
Warheit verbunden. Dann/ anderer Ding zugeschweigen/ ich kan
nicht vergessen/ wie jhr mein Leben mit darsetzung deß ewern auß
dem Wasser errettet/ vnd den Lycogenes hingerichtet habt. Nach
solchen Gutthaten beyderseits was verhindert euch
[659] mir ewern
Stamm zu melden? wie ich dann/ dessen Jupiter Zeuge sey/
ewerer Ehren vnd Nutzens wegen hiernach frage. Diese deß Mele-
anders Bitte machte deß jungen Menschens Gemüth sehr bestürtzt.
Auß was Vrsachen begehrte er jetzundt so embsig das jenige zu-
wissen/ welches er jhm ohn sein vbel vermercken so lange Zeit
hinderhalten? oder was müßte das für eine Wolthat seyn/ die er
jhm nit eben so wol erzeigen köndte/ wann er jhn schon nicht ken-
nete? Der Argenis Heyrath/ weil sie jhm fort für fort im Kopff
steckte/ kam jhm alsobaldt mit fürstellung der eussersten Glück-
seligkeit in die Gedancken. Hergegen/ in Meinung/ solche zweifels
ohn vergebene vnd vnbilliche Hoffnung auß den Sinnen zu schla-
gen/ fieng er mehr mit sittsamen Worten als ruhigem Gemüthe an:
Bißher/ Herr/ habt jhr ewere Gunst gedoppelt/ vnd euch von dem
jenigen zu ehren zugelassen/ dessen Geschlecht euch vnbekandt
gewesen; Ich weiß auch jetzt nicht/ was es euch Nutzen könne brin-
gen/ im Fall ich sündige; das ist so viel zusagen/ im Fall ich meiner
Mutter Befehl vbertrette/ welche mir meinen Standt zuverschweigen
gebotten hat. Nichts desto weniger/ damit jhr mich nicht möget für
halsstarrig ansehen/ wil ich euch ohne deß Landes vnd der Eltern
Namen alles eröffenen. Ich bin königlicher Ankunfft/ vnd besitze
das Meinige in Frieden. Auch habe ich mich nicht mit Gewalt/ oder
wieder meinen Willen hierher begeben/ sondern auß gut befindung

[660] meiner Mutter/ welche mir außdrücklich mitgegeben hat/ ewere
Sitten vnd Tugenden anzuschawen.

Auff solche Rede fiel jhm der König für newer Frewde vmb den
Hals/ vnd/ Wie ist euch bißhero/ sagte er/ vnser Sicilien/ wie ist
euch vnser Hoff fürkommen? oder/ damit ich das Gemüte/ wie
ewers ist/ destomehr rege/ was hat euch an meinem Alter/ vnd an
meiner Tochter Sitten gefallen? Als er/ schon mit besserer Hoff-
nung/ zur Antwort gab/ daß er dieses sämptlich hoch ehrete. Aber
(sagte der König) ich begehre euch wolfeiler als mit demselbigen

[Seite 399]


nicht zu kauffen. Ich sage nicht/ daß jhr den Lycogenes getödet/
vnd mich beym Leben erhalten habt. Es ist noch etwas grössers
gewesen/ mit dem jhr mir das Hertz genommen habt. Ewere tu-
gendhafftige Sitten/ die glimpffliche Bescheidenheit/ vnd sonderlich
die grosse Freundschafft/ damit jhr mir beygethan gewesen. Ich
wil euch in Ewigkeit nicht von mir lassen. Wann jhr/ wie jhr an-
deutet/ vnd ich mir einbilde/ königlichen Geblüts seydt/ so ver-
sprech ich euch gutwillig die Argenis/ nach welcher so viel bißher
gestanden sindt. Ihr möget herrühren auß so einem grossen Hause
jhr wöllet/ dennoch werdt jhr euch jhrer nicht schämen dörffen.
Es mangelt nur an diesem noch/ daß jhr nur ewern Zustandt ver-
träwlicher erklärt/ vnd mir verheisset/ mich auff mein hohes Alter
nicht zu verlassen. Archombrotus zitterte für grosser Frewden/ vnd
als er sahe/ daß man jhm das jenige/ so er mit darstellung seines
Bluts gesucht
[661] hatte/ selber antrüge/ wuste er nicht ob er den
Göttern oder dem Könige dancken solte. Er fiel Meleandern zun
Füssen/ vnd hielte jhn wieder seinen Willen: vnd als er nicht auff-
hörete Danck zusagen/ frewete sich Meleander nebenst jhm/ küs-
sete vnd vmbfieng jhn. Alle die zugegen waren verwunderten sich
vber dem grossen vernehmen derer zweyen Personen/ die einander
mit so vngewöhnlicher Höffligkeit begegneten. Der König aber
befahl dem Archombrotus/ er wolte die Sache denselbigen Tag
nicht lassen außkommen; gieng also zu den anderen Anwesenden/
vnd verbrachte eine kleine Zeit mit Fröligkeit vnd vielfaltigen Ge-
sprächen. Hernach als er wieder nach Hoffe kommen/ vnd Archom-
brotus nahe bey jhm war; wie lange/ sagte er/ wöllet jhr euch für
vns verbergen/ vnd vnsere Frewde säumen? wegen eben dieser
Sache/ Herr/ gab er zur Antwort/ wolte ich euch anreden. Ich bitte
auff zwey Monat vmb Vrlaub jnner welcher Zeit ich meiner Mutter
von meinem Glück Bericht thun/ vnd nebenst gebürlicher Außstaf-
fierung mit Meldung meines Geschlechtes zurück gelangen kan.
d e f g
[Seite 400]


Meleandern kam auch nur der Nahmen deß Vrlaubes beschwerlich
für; vnd/ ich wil nicht zulassen/ hub er an/ daß jhr von vns reiset/
Archombrotus; es sey dann daß jhr vnser Bündtniß verachtet/ oder
vns darumb geringe haltet/ weil wir euch zu erst vnsere Liebe ange-
deutet haben. Wann jhr Sinn zu vns
[662] traget/ so schreibet nach
Hause: dann euch selber mag ich jetzund der See vnd Gefahr nicht
vberlassen. Archombrotus ward durch solche Freundtlichkeit deß
Alten erinnert was er zuthun hette/ küssete dem Könige die Hand/
vnd erbote sich/ ohn seinen Gefallen nichts fürzunehmen.


Der König hatte der Argenis noch nicht angemeldet/ welchem er
sie vermählen wolte. Als derwegen Archombrotus abgetretten war/
foderte er sie für sich/ vnd/ nach Wiederholung der Erinnerungen
so er vorhin wegen Notwendigkeit deß Heyrahtens gethan/ satzte
er dieses hinzu/ daß er nunmehr einen solchen Eydam erkoren
hette/ deßgleichen man an Fürtreffligkeit nicht besser wündschen
könte; vnd zwar von königlichem Geblüte/ wie auch seine Tugen-
den bezeugeten; kürtzlich/ es were Archombrotus/ welchem zu
einem Zeichen künfftiger Verbindung die Götter verliehen hetten/
daß der König auff dem Wagen der mit Wellen vmbringet gewesen/
erhalten/ vnd Lycogenes durch seine Hand gestürtzet worden.

Solches sagte Meleander mit dergleichem Eyfer/ daß die Rede
vielmehr einer Gewalt als einem Rahtschlag ähnlich sahe. Argenis
hette sich fertig gemacht den Vatter mit einem Scheine zubegnü-
gen/ vnd ob sie zwar vnmutig war/ daß sie wider jhren Willen einem
vnbekandten versprochen würde/ jedoch/ als ob sie in deß Vattern
Meinung willigte; Es ist sich nichts/ fieng sie an/ allhier mehr zube-
sor-
[663]gen/ als daß nicht etwan so eine plötzliche Heyrath/ derer
sich niemand von den ewrigen versehen/ zu vbelem Nachklang auß-
schlage/ vnd man etwan sagen möge/ Radirobanes sey darumb zu
vnrecht abgetriben worden/ damit jhr dem Archombrotus zu ge-
fallen seyn köndtet. Man muß etzliche Zeit fürbey gehen lassen/
damit solche Newigkeit gebillichet/ vnd ehe gehöret werde/ daß
Archombrotus mein Liebhaber als mein Bräutigam sey. Melean-
der befand diese Einwendung nicht für böse; in besorgung gleich-
wol/ daß die Princessin nicht etwan zu verhinderung dieser Ehe-
stifftung solch Säumnüß machte/ sagte er mit versuchung auff diese
Meinung zu jhr: Man muß freylich dem Geschrey etwas/ dem Glück
aber nicht zuviel raum vnd weile lassen. Bekennet auff ewere
Trew/ meine Tochter/ wie viel Zeit vermeinet jhr daß von nöthen

[Seite 401]


sey? Sie wolte nichts darzu sagen/ mit Einwendung/ solches stünde
nicht in jhren/ sondern in deß Königs Händen. Als aber der Vatter
noch mehr anhielt/ fieng sie zu letzt mit Mühe/ vnd als ob sie jhr
das Ziel deß Lebens setzte/ an: wie ich sehe daß die Sach beschaffen
ist/ so wirdt es vielleicht an zweyen Monaten genug seyn. Alsdann
zweifelte der König fast nicht mehr/ daß die Tochter solche Zeit
mehr jhrer Person als deß gemeinen Gerüchts wegen begehrte; da-
mit er aber nicht in allem zu hart were: Verheisset jhr/ sagte er/ daß
euch nach verflossener Zeit an der Hochzeit weiter nichts verhinde-
ren soll? Ja/
[664] ich thue es/ gab sie zur Antwort; vnd ich wil
euch/ wann es den Göttern gefällig ist/ weder mit meinen Worten/
noch dem Leben jemals verdrießlich seyn. Solches sagte sie desto-
weitleufftiger zu/ weil sie verhoffte/ Poliarchus würde in dessen an-
kommen/ vnd jhrer beyder Leben in Sicherheit stellen. Solte er
aussenbleiben/ so sahe sie mit entschliessung das Leben zu verlas-
sen auff die Freyheit deß Tods. Der König aber/ so in besserer Hoff-
nung stundt/ hatte jhre Wort also angenommen/ als ob sie die Be-
gierden/ welche zuvor jhr Gemüth gefangen gehalten/ vnter dem
Befehl deß Vattern zähmete. Derhalben ließ er sie auff so freund-
liche Vnterredung von sich/ als einer der gesieget/ vnd sich weiter
nichts zubesorgen hette.


Fußnotenapparat

a die Picke = die Pike, Wurfspieß
(hasta; pique)
b zukauffen.] Aus zukauffen/
c Ankunfft = Abstammung (quo
sanguine ortus sis; de quelle ex-
traction vous estes nay)
d Ich sage nicht] Deutlicher wäre:
Ich übergehe den Tod des Lyco-
genes und meine Rettung. (Om-
itto occisum Lycogenem, meque
servatum. Dagegen: Ie ne parle
point de ce que vous auez mis à
mort Lycogene, ny que vous
m’auez sauué la vie.)
e habt.] Aus habt?
f habt.] Aus habt;
g glimpffliche Bescheidenheit]
lenissima consuetudo; tres-dou-
ce conuersation
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