ICh kundte mich für Frewden nicht halten/ vnd als ich die Nacht
mit vnruhiger Hoffnung vnd Fürbildung aller Glückseligkeit voll-
bracht hatte/ zeigte ich den Soldaten an/ ich wolte zu der Königin/

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vnd jnen erlangen/ daß sie fürgelassen wurden. Ich hatte mich
besser dann sonst mein Gebrauch war angelegt/ vnd einen Krantz
auffgesetzt/ als ob ich den Göttern opffern solte; auch sahe ich we-
gen empfundener Frewden im Gesichte lustiger auß: welches alles
durch die Fröligkeit vber dem erlangten Sieg entschuldiget wardt.
Nachdem ich in solcher Gestalt die Königin begrüsset hatte/ nam
ich mir für sie ein wenig zu schertzen/ vnd jhr die grosse Frewd
nicht zum Anfang bald gantz zugeben.
[720] Derhalben/ Allergnä-
digste Königin/ sagte ich/ wundert euch nicht vber dieser vnge-
wönlichen Fröligkeit. Die Götter haben mich durch heimliche Ge-
walt eines Traumes hierzu getrieben. Ihr werdet mich vielleicht
für Aberglaubisch schelten. Aber das Bildniß so mir im Schlaffe
fürkam war so gewiß/ daß ich es auch vnter die Träwme nicht zeh-
len kan. Vnd damit ich euch nichts verberge/ so wisset/ daß ich mich
ewrentwegen erfrewe: angesehen daß mir Mercurius/ oder wo sonst
ein anderer Heroldt vnter den Göttern ist der durch die Träwme
den Menschen künfftige Sachen zuerkennen gibet/ angezeiget hat/
wie grosses Glück euch auff diesen Tag zustehe. Die Königin
gab zur Antwort; Wie/ Gobrias? welche Berge der Frewden/ oder
vielmehr welche Wahnsinnigkeit ist dieses? Ich sahe/ fieng ich
darauff an/ zu anbrechung deß Tages/ wann die Träwme am reine-
sten sindt/ einen Knaben von sehr freyer Gestalt/ der mich also an-
redete: Gobrias/ gehet zu der Königin/ vnnd meldet jhr an/ daß ich
zu jhr komme. Heute wirdt sie den jenigen sicherlich schawen/
welchen sie so sehr begehret hat. Wer seydt jhr aber? sagte ich:
dann ewer Gesichte gibt es/ daß jhr ein Kindt der Götter seyn mö-
get. Kennet jhr nicht/ hub er etwas entrüstet an/ den Astiorist/ daß
jhr erst fragen müsset wer er sey? Kennet jhr nicht den Sohn ewer
Fürstin Timandre? Auß dem Reden erkandte ich jhn baldt/ vnd als
ich mich vergeblich bemühete jhn zu vmbfangen/ wardt ich durch
die Be-
[721]wegung deß Gemüts erwecket/ vnd verlor den Knaben
mit höchstem Widerwillen auß dem Gesichte. Daß dieses eine heim-
liche Warsagung gewesen sey/ Gnädigste Fraw/ könnet jhr darauß
abnehmen/ daß ich gleichsamb auß Zwang der Götter von dem
Außgang im wenigsten nicht zweifel trage. Heute werdet jhr ewren
Astiorist haben. Auff diese Wort ließ die Königin jhr betrübtes Ant-
litz auff die Brust sincken; richtete sich hernach widerumb auff/ vnd
a b
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erzeigete sich dermassen trawrig/ daß mich solcher meiner Ertich-
tung gerewete. Warumb/ sagte sie/ führet jhr mich in das Gedächt-
niß der Schmertzen? Entweder dieses was jhr mir erzehlet habet
ist eine thörichte Gestalt deß Traumes/ oder im Fall die Götter hier-
durch was gewisses andeuten wöllen/ so werde ich heute sterben/
vnd meinen Sohn vnter den Todten Geistern vmbfassen. Nein/ sagte
ich/ Fraw; wann meine verheissung nicht erfolget/ so jaget mich in
das Elendt/ oder/ welches das grösseste Vbel ist das mir begegnen
kan/ so hasset mich zum hefftigsten. Ich wil in den Tempel gehen/
die Götter zubitten/ das jenige welches sie mir versprochen haben zu
vollbringen.

Ich bezwang sie durch solche meine Frewdigkeit daß sie hoffen
muste. An statt aber deß Tempels vnd der Götter hatte ich mein
Hauß/ auß dem ich solche Glückseligkeit nehmen kundte. Derhalben
stellete ich die Soldaten sampt jhrem Geschencke in das Thor deß
Pallastes/ damit ich sie durch der Leib-
[722]guardie Capitain mei-
nen guten Freundt/ der aber von diesem allem nichts wußte/ kurtz
hernach für die Königin brächte; zu welcher ich vnter dessen wi-
der gieng/ vnd kein Wort sagte; ob sie vielleicht erstlich zu reden
wolte anfangen. Man sahe daß sie sehr bestürtzt were. Dann zu-
weilen thet sie weitere Schritt als sonsten/ zuweilen setzte sie sich
nider/ vnd geriethe in tieffe Gedancken/ sahe mich auch zum off-
tersten an: als der Leibguardie Capitain/ wie ich jhn gebeten hatte/
hinein kam/ vnd der Königin anzeigte/ es were ein sehr schöner
Knabe vorhanden/ welchen jhr zween Soldaten von jhrer Beuthe
verehreten. Der Timandre Gemüthe wardt verwirret/ vnd kundte
die Andeutung deß Verhängnisses noch nicht fassen/ wiewol sie sich
von sich selbst erklärete. Gedachte sie also auff nichts grössers/ vnd
befahl die Soldaten fürzulassen. So baldt sie aber mit jhrem Ge-
schenck zugegen waren/ mein Freund/ wie wardt jhr? wie verstar-
rete sie/ in dem sich jhre Verwunderung vnd Liebe mehr vnd mehr
häuffete? Die Hoffnung/ so ich jhr gemacht hatte/ ließ jhr kaum
die Gedult zu hören/ wie jhr diese Verehrung vbergeben wurde: son-
dern beschawete mit gefährlicher vnd vnbedachtsamer Vbereilung
deß Knabens Nacken/ vnd als sie das Zeichen seiner Geburt er-
kandte/ hielte sie eine weil den Mantel für das Gesicht/ als ob jhr
die Augen wehe theten/ damit sie die Veränderung jhres Hertzens
bergen möchte. Hernach als sie zu sich sel-
[723]ber kommen/ ent- c d

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decktesie das Gesichte wider. Endlich/ als sie die Soldaten mit Ver-
heissungen vnd Bedanckung fortgelassen/ sagte sie heimlich mit
freundtlichen Worten zu mir: O jhr Zauberer! euch hat wachende
geträumet/ vnd damit jhr meine Frewde auffhieltet/ als habet jhr
der Eitelkeit deß Traumes das jenige zugeschrieben/ was jhr wahr
zuseyn wustet. Wisset jhr/ wie ich mich rechen wil? Die Belohnung/
welche ich euch höchlich schüldig zuseyn erkenne/ soll destolang-
samer erfolgen. Hernach werdet jhr erzehlen/ wie jhr hinter diesen
Knaben kommen seydt. An jetzo nehmet jhr jhn zu euch/ vnd er-
ziehet jhn/ als ob jhr jhn zu vnseren Diensten vnterrichten soltet.
Wir wöllen jhn in der Jugend solche Sachen lehren/ die seinem ho-
hen Stande gemässe sindt. In dessen kan ich seines Anschawens vnd
Gesprechs ohn Argwon geniessen.

Nach diesen heimlichen Worten vbergab sie mir offentlich den
Knaben/ welchen wir Scordanes nenneten. Sie/ damit sie jhrer Frew-
den destofreyer köndte nachhängen/ gieng in einen absonderlichen
Ort. Wir haben die Soldaten der Zusage nach beschencket; zwar
königlich/ aber doch nicht vbermässig/ vnd mit solcher Verehrung/
als die jhrige war. Bey dieser heimlichen Zeit erhub sich nicht eine
schlechte Gewalt eines plötzlichen Vngewitters. Der König Anero-
est ließ vns durch Herolde entbieten/ wann jhm jemand den anmuti-
gen Knaben/ so er seinen Kindern
[724] gleiche gehalten hette/ wie-
derumb einstellen würde/ dem wolte er darfür hundert Talent erle-
gen. Diese vnfügliche Freygebigkeit jagte vns grosse Furcht ein.
Dann würde es auch ohn Neyde oder Argwohn abgehen/ wann die
Königin denjenigen behielte/ welchen sein Herr so thewer erkauffen
wolte? Es hette zum wenigsten einen Schein Barbarischer Graw-
samkeit/ wann man den Alten an dieser Frewde/ vnd den Knaben
an solchem Glück verhinderte. So wißte man auch nicht/ ob Scor-
danes/ wann er die Kräfften zum fliehen bekommen würde/ bleiben
wolte/ oder sich von anderen/ so die hundert Talent zusuchen ver-
meineten/ möchte entführen lassen. In dem wir also in Furchten
sindt/ vnd weder dem Aneroest zu Willen seyn/ noch den Knaben mit
Ehren halten können/ erzeigete sich das Glück dem Aneroest vbel
vnd vns zugleich gütig: dann seine Vnterthanen lehneten sich wie-
der jhn auff. Es wardt geschwinder Krieg/ vnd deß Aneroests zwene
e f g

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Söhne von stattlicher Hoffnung blieben mit blutigem Außgange in
einer Schlacht. Ich bin der Meinung/ daß er auch selber in diesem
Kampffe vmbkommen sey/ wiewol man den Cörper nicht gefunden
hatt. Also zohen diejenigen so jhn abgestossen hatten/ das König-
reich tyrannischer weise an sich. Scordanes were wegen deß Ane-
roests Niederlage für Kummer baldt gestorben; so viel grössere
Empfindung der schuldigen Liebe/ vnd seines Verlustes hatte er/
als sein
[725] Alter zuliesse. Nichts destoweniger wardt er durch die
Zeit vnd (wer kan dieses in solcher Jugend glauben?) vnsere Ein-
würffe endlich von der Trawrigkeit abgewendet.


Fußnotenapparat

a angelegt = angezogen
b jmd. schertzen = jmd. hinters
Licht führen (fallere; tromper)
c mir] Aus Dkf mit
d der] Aus Dkf die
e hette/] Aus Dkf hette;
f vnfüglich = unpassend (impor-
tunus)
g Aneroest] Aus Dkf Aneroäst;
desgl. Z. 34
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