IN dessen ruheten nicht allein die Befehlichshaber vnd Soldaten/
sondern auch der meiste Theil der Schiffleute. Es war nur der einige
Stewerman deß Hauptschiffes/ welchem die Lufft vnd die Art deß
Gebirges das an der Seiten Liguriens herlieget verdächtig war; weil
er erfahren hatte/ daß es vmb die Oerter wo es sich erniedriget vnd
wiederumb erhöhet/ durch die Enge der zertheileten Spitzen ge-
schwinde Sturmwinde auff die See zustossen pfleget. Derhalben ver-
mahnete er die Boßgesellen zuwachen/ vnd in dem er auff alle
Winde Achtung gab/ war er gewiß keines guten gewärtig. Vmb Mit-
ternacht erhube sich von den Bergen ein Windt/ der zwar erstlich
zwischen den Mastsei-
[754]lern nur ein wenig mit rauschen spielete/ a

[Seite 454]


baldt aber das stille Meer empor hub/ vnd den Himmel mit Wol-
cken bedeckete. Die Schiffknechte lieffen embsig auff vnd nieder/
fiengen vnter einander an zuschreyen/ vnd das Getümmel zwischen
welches die Wellen schlugen erfüllete allen die Ohren. Gobrias ward
auffgeweckt/ vnd erkandte auß deß Stewermanns Gesichte/ daß die
Gefahr nicht muste geringe seyn. Ein jeder warnete seinen Mitge-
sellen/ ein jeglicher wolte befehlen; so daß der Tumult derer die im
Schiffwesen keine Nachricht hatten nicht mit minderer Gefahr
wuchs als das Vngewitter selber. Die schwartzen Wellen/ so wegen
Aufftreibung deß Sandes mitvnter gelbicht waren/ kundte man für
Finsterkeit der Nacht nicht erblicken; außgenommen wann sie mit
grossem krachen an einander stiessen/ vnd das Wasser/ als ob es
durch die Schläge entzündet were/ wie Flammen in die Höhe
trugen vnd wiederumb verschluckten. In solcher Tunckelheit sahe
man allein den Schaum der Flut gläntzen/ der offtmals mit hefftiger
Gewalt/ so auff nichts gutes zeigete/ vber die Seitenbreter sprang/
vnd mitten im Schiff leuchtete. Man durffte den Anckern nicht
trawen; dann sie liessen den Schiffen nicht Platz/ daß sie den trei-
benden Winden nachgeben kundten. Vber dieses sahe man auch/

[755] wann die Schiffe nicht angehalten würden/ so möchten sie
selbst an einander lauffen/ vnd eines das andere zerschmettern.
Letzlich verkehrte das Vngewitter den gantzen Anschlag der
Schiffleute. Dann der Lauff kundte weder geändert/ noch die
Schiffe zurück gehalten werden. Sie lieffen wohin der Windt wolte/
vnd liessen ein kleines Segel an der Seiten auffgespannet/ damit die
Schiffe/ so von vngleichem Winde geführet worden/ durch Hülffe
gleicher Wage nicht stürtzeten.

Nach vberstandener Nacht war der Tag nichts frölicher/ sondern
trawrig vom Regen/ vnd stellete den bevorstehenden Todt mehr für
Augen. Die folgende Nacht gieng der Windt eben so vngestümm.
Auff den andern Morgen legete sich zwar das Gewitter/ sie kundten
aber nicht erkennen an welcher Gelegenheit deß Landes/ vnd wo sie
auff der See weren; als sie auch die Schiffe zehleten/ mangelte
jhnen mehr als das halbe Theil/ so entweder anders wohin verworf-
fen/ oder vntergegangen war. Wie sie aber wegen Versicherung
b c

[Seite 455]


jhrer fast gewissen Wolfahrt auff andere Sachen gedencken kund-
ten/ fiengen sie an von deß Poliarchus Gefahr zureden. Dann wann
oder wo solten sie jhn antreffen/ der vielleicht in ein feindtliches
oder vnbekandtes Vfer verschlagen worden? Wo weren sie auch

[756] selber? in welchen Hafen solten sie einlauffen/ nachdem die
Schiff zerbrochen weren/ vnd sie weder Holtz noch Pech/ noch einen
sicheren Strandt wißten sie wiederumb anzurichten? Arsidas son-
derlich verfluchte sein Vnglück hefftig/ als er sahe daß jhn die gute
Hoffnung betrogen/ vnd nicht wuste/ ob er zu Wasser oder Lande
seine Herumbschweiffung wiederumb anfangen solte. Er muste
ferner nicht auff Gallien/ noch auff den Rhodanus gedencken; son-
dern/ jrrendt vnd vnwissendt in welches Landt er zum ersten solte/
alle Winckel durchkriechen/ in die Poliarchus etwan durch das
Gewitter kommen können. Daß er doch nicht das Pheacische
Schiff hette/ so ohn zuthun deß Stewermannes den bestimmten
Weg von sich selbst jnnen hielte? Argenis zehlete alle Tage/ zu
welcher wann er ledig wiederumb gelangete/ was würde er weniger
seyn als ein Mörder? Dann ob zwar Gobrias jhm gesagt hatte/ daß
deß Poliarchus Reise auff Sicilien zustünde; so war er doch in Furch-
ten/ er möchte wegen Müdigkeit von dem Vngewitter in dem Hafen
stille liegen/ oder langsamer schieffen; würde also die Zeit fürüber
fliessen/ jnner welcher Argenis seiner solte gewärtig seyn.

In dem er diesem also nachdachte/ vnnd wie derer so in Vn-
glück kommen Gebrauch ist/ sich
[757] fast mit dem Gobrias vervn-
einigte/ daß er jhn von seinem Wege zu dem Poliarchus auffgehal-
ten/ meldeten die Schiffleute an/ es liesse sich von ferrnen gleich-
samb etwas gewölcktes oder finsteres sehen/ welches jhrem Be-
düncken nach eine Landtschafft were. Gobrias befahl dahin zu
lenden/ es were was es wolte. Wie sie besten Vermögens fortgeru-
dert hatten/ stiessen jhnen vmb den Mittag etliche mit kleinen
Schiffen auff/ die nach vergangenem Vngewitter in der See herumb
spatziereten/ zu schawen ob sie etwas antreffen möchten das durch
Schiffbruch verlohren were. Von denen erfuhren sie/ daß dieses eine
seitte von Africa were; im vbrigen sehr vnsicher wegen der Sandt-
bäncke/ welche von gefährlichen Oertern disseits vnd jenseit be-
decket würden. Nicht ferrne lege Numidien. Der nechste Port stündt
wüste/ vnd sie waren im Zweiffel/ ob sie auch würden eingenommen
d e

[Seite 456]


werden. Die Nothturfft aber zwang sie zu glauben/ daß alles siche-
rer were als die Windt vnd das Meer. Derowegen waren jhnen eben
die/ so jhnen vormahls Bericht gethan/ Wegweiser zum Lande.
Man ließ etliche mit einem kleinen Schiffe hinderstellig/ welche
jhre Gefehrten/ da sie in der Nähe herumb jrreten/ zusammen lesen
solten; wie sie dann/ auß grosser Gunst der Götter/ alles das was

[758] an deß Gobrias Flotte mangelte/ jnnerhalb einer Nacht wieder
bekommen haben: also daß in diesem Vnglück ein grosser Trost war/
daß sie alle wolauff/ vnd kein Schiff vntergangen were. Vber dieses
leisteten jhnendie Innwohner/ mit Dargebung gedörreter Fische vnd
anderer Speisen/ so viel jhr Armut vermochte/ alle Dienste vnd gu-
ten Willen.

Es hatte auch das Vngewitter deß Poliarchus Flotte nicht ver-
schonet. Wann er Sicilien/ wann er die Rache vnd seine Heyraht
jhm zu Gemüte führete/ kundte er sich nicht vnbillich auff seine
Macht verlassen. Weil er in königlichem Zustande war/ so viel
Güter vnd solche Heereskrafft hatte/ warumb solte jhn Meleander
zum Eydam nicht annehmen? Wann die Sache zu eintzeln oder
allgemeinen Waffen je gelangen muste/ vnd jhn Radirobanes/
Archombrotus vnd andere seine Mißgönner darzu vervrsacheten/
so kundte er sie sicherlich verachten. Letzlich vermeinete er das
Sicilische Gesetze/ welches nicht zugab sich an ein mächtiger Hauß
zuvermählen/ entweder mit dem Schwerdte abzuthun/ oder mit
einer Erklärung zuwiederlegen; daß nämlich nicht solte gesaget
werden/ Sicilien würde der Cronen Galliens angehenckt: sondern es
möchte nach seinen al-
[759]ten Gesetzen leben/ vnd da Argenis
mehr als einen Erben zur Welt bringen würde/ solte die Erbschafft
an das andere fallen.

[760: Kupfer Nr. 15]

f g
[Seite 457]


Fußnotenapparat

a Boßgeselle = Matrose
b keine] Aus Dkf keinen
c so ... stürtzeten.] Nicht eben
wörtlich für
quo naves per dispa-
res fluctus librantibus ventis
starent. Die frz. Übersetzung
lautet:
à fin que le vent soustint
les vaisseaux dedans les vagues.
d langsamer] Aus Dkf lengsamer
e eingenommen = aufgenommen
(satis hospitalis; bien receus)
f hinderstellig lassen (schlesisch)
= zurücklassen (relicti; on en
laissa)
g das andere] scil. Kind (si plures
peperisset Argenis, esset secun-
dae prolis hereditas; pour le se-
cond enfant qu’Argenis auroit.)
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