Arsidas hüpffete wegen vernommenen Siegs für Frewden/ als ob
er in einem Schawspiel vber dem der seinen Feindt erlegt hette/ fro-
lockte/ vnd also baldt: Mich dünckt/ fieng er an/ Gobrias/ ich sehe
ewern Astiorist für meinen Augen/ wie er nach vberwundenem
Widersacher für dem Vatter vnd euch erschienen/ vnd durch seine
Arbeit vnd
[743] Gefahr grösser worden sey; wie jhm die Frewden
vnd der glückliche Fortgang ein Hertze gemacht; wie lange er den
blossen Degen/ der mit deß Feindes Blute genetzet gewesen/ in der
Hand wird gehalten haben. Ich trage Lust mich in so lieblichen
Gedancken auffzuhalten. Wie stelleten sich aber die Soldaten vnd
das Volck als Commindorix vmbgebracht worden? Astiorist (gab
Gobrias zur Antwort) hatte das Volck also wie jhr wündtschen
möchtet. Man hörete nichts als ein Geschrey/ ein Hände klopffen/
vnd allerley Zeichen der Fröligkeit. Hernach schwur der Soldat als-
baldt auff Befehl deß Britomandes dem Fürsten noch einmal. Auff

[Seite 448]


die Nacht wurden Frewdenfewer gemacht/ vmb welches die Bür-
gersleute mit Kräntzen geziehret tantzeten. Man hörete auff den
Gassen nichts anders als Verschmähung deß Tyrannen/ oder Lob
deß Astiorists. Ich wil euch nicht verdrießlich seyn mit vberflüssiger
Erzehlung/ was die Druiden vnd Rittersleute den Fürsten zu Ehren
angestellet haben; wie viel Tage die Dancksagungen gegen die Göt-
ter gewehret; was für Volck in allen Tempeln gewesen; vnd wie
endlich allesampt (welches bey solchen deß Commindorix Anhange
kaum zu hoffen gewesen) entweder von sich selbst oder auß Furchte
gewilliget. Weil es spat in die Nacht ist/ vnd ich euch mit zu vielem
Reden müde gemacht habe/ so wil ich mit kurtzen Worten den Ver-
lauff mit dem Astiorist biß zu dieser Zeit erzehlen/ welcher seine
Gewalt nit
[744] mit Wollüsten oder vngewönlicher Hoffart der
Ehren/ sondern mit freygebigster Frömigkeit zu Anfange hat sehen
lassen. Er forderte den Cerovist vnd die Sicambre/ welche jhn in
seiner Kindtheit erzogen/ nach Hofe: machte den Cerovist/ der deß
Haußhaltens gewohnet war/ zum Verwalter seines Hofes; die Si-
cambre vbergab er der Mutter/ so in kurtzer Zeit den fürnembsten
Matronen gleiche gehalten wardt. Mit jhrem Sohn/ der auch Cero-
vist heisset/ hatte er Knaben weise zuspielen pflegen/ vnd damals
hielte er jhn mit ernewrung der Kundtschafft vnter seinen Hofe-
leuten sehr lieb vnd werth. Noch rühmlicher war das Gedächtniß
vnnd die Danckbarkeit gegen dem Könige Aneroest. Dessen Liebe
gegen sich war er ingedenck; die hundert Talendt/ so er für jhn/
einen Knaben vnnd Gefangenen gebotten/ rühreten sein danckbares
Gemüte; vnnd Timandre frewete sich/ daß jhr Sohn vber dem Vn-
fall selbigen Königes leydt trüge/ weil sie jhres Verdienstes wegen
bey sich befandt/ wie viel mehr wol sie muste geliebet werden. Wir
haben also dem Aneroest ein Ehrengrab auffgerichtet/ vnd den
Tyrannen die sein Königreich jnne hielten Krieg angesaget. Solche
Gutthat deß Astiorists gegen dem der jhn erzogen ist vnserem
Reich nützlich gewesen. Dann nach Vberwindung der Feinde sindt
die Länder vnd Völcker so Aneroest vormals beherschet vns heim-
gefallen. Der Astiorist hat diesen Krieg selbt geführet/ vnd jnner-
halb sechs Monaten seinem Vatter die festesten Schlösser in
[745]
den Alpen sampt aller Macht selbiger Völcker also vnterthan ge- a
[Seite 449]

macht/
daß wir folgends keine trewere Provintz gehabt haben. Als
er die Tyrannen/ so sich mit deß Aneroests Plünderung bereichert
hatten/ theils in der Schlacht/ theils durch straffen hingerichtet hat/
ist er mit herrlichem Siegesgepränge wiederumb zu seinen Eltern
kommen.

In solcher Glückseligkeit regierete er vnter dem Ansehen deß
Vattern nach deß Commindorix Tode drey Jahr. Britomandes befahl
alles was er heissen würde genehm zuhaben. Er gab der Obrigkeit/
er gab den Kriegesbefehlshabern Anordnung; von jhm worden die
Herren befördert/ oder/ wann sie es verdieneten/ abgestossen. Dar-
auff beruhete Timandre/ vnd schätzte sich im Friede vnd Kriege
Glückselig. Sie hatte drey Kinder gehabt. Der elteste Sohn war von
dem Commindorix durch Zuthun der Saügammen vmbgebracht
worden. Astiorist der andere hat gemacht/ daß sein Hauß vnver-
ruckt geblieben ist. Zum dritten kam eine Tochter/ sechs Jahr jün-
ger als Astiorist. Diese eine schöne vnd verständige Princessin/ er-
halten vns die Götter. Sie heisset Cyrthea. Timandre erlüstigte sich
mit diesen jhren zweyen Kindern/ vnnd bey allen war das erlittene
Elendt in Vergessen kommen; als jhm Astiorist/ auß sonderlichem
Eingeben/ wie ich vermeine/ einen newen Anschlag fürnam. Auß
Begier Länder vnnd Leute so ausserhalb Gallien sind zuschawen
wolte er sich auff das Mehr ohne einige begleitung begeben.
[746]
Er wandte ein/ daß Hercules/ Theseus vnd so viel Helden von dem
ferrnesten Auffgange durch solche Gefahr vnd Art zu leben jhnen
einen grossen Namen gemacht hetten. Vber dieses/ sagte er/
daß von seinen Mißgönnern außgesprenget würde/ als ob er bey die-
ser hohen Gewalt mit der er den Hoff regierete nicht so sehr den
Vatter in seinem Reich bestättiget/ als mit newer Dienstbarkeit vn-
tergetruckt hette. Aber/ wie ich darfür halte/ es waren andere
vnd geheimere Sachen/ die jhn zu dieser Reise verleiteten.

Derhalben/ als er die fürnembsten deß Königreiches beruffen
hatte/ so sich vber seinem newen Anschlag wunderten/ fieng er an/
daß er jhnen seine Eltern vnd das Regiment zu beschützen auff ein
kurtze Zeit vberliesse. Er hette vorlängst den Göttern ein Gelübd
gethan/ einen Tempel von Gallien sehr weit entlegen/ zu besuchen;
welchem er nun wolte nachkommen. Sie solten sich vber diesem
sei- b

[Seite 450]

nemFürhaben nicht bekümmern/ vnd mit jhren Threnen kein böses
Zeichen seines Abschieds geben. Die Götter seines Lands/ vnd die
jenigen zu welcher Ehren er verreisete/ würden jhn frisch vnd ge-
sund zurück bringen. Als wir alle darwider waren/ vnd zu dem bit-
ten auch Seufftzen vnd Threnen kamen/ damit er vns eine Hoffnung
machte/ als änderte er seine Meinung/ vnd wir nicht so hefftig bey
jhm anhielten/ schiene er in vnser Ansuchen einzuwilligen; machte
sich aber noch dieselbige Nacht plötzlich von Hofe.
[747] Zu solcher
verborgenen vnd gefährlichen Reise wolte er keinen Gefehrten bey
sich haben als den Sohn deß Cerovists vnd der Sicambre/ welchen er
fürweilen im Spielen vnd wichtigen Sachen zum Gesellen lange Zeit
gehabt hatte. Wo sie hin gereiset/ wo sie gelebt/ was für Gefahr sie
außgestanden/ was für Tugendt erwiesen ist noch bißher/ wiewol
sie newlich nach Hause kommen/ fast vneröffnet. So trewlich wis-
sen sie jhr herumbschweiffen zuverdecken. Als sie damals verreise-
ten/ was für Schmertzen empfunden wir? Wie war dem Volck vnd
den Herren zumuthe/ da man vernam daß Astiorist hinweg war?
Die Leute giengen als verruckt/ suchten an den Wegen vnd Flüssen/
ob sie jhn finden/ vnd an seinem Abschiedt verhindern köndten.
Allein Timandre war in solcher Verzweiffelung nicht/ vnd ließ nach
etlichen Tagen kundt thun/ wie sie schreiben von jhrem Sohne/ der
wol auff were/ bekommen hette; wie sie dann nicht nur damals/
sondern auch hernach zum offtern fürgab; entweder daß es sich in
Warheit also verhielte/ oder damit sie durch diesen nothwendigen
Trost die trawrigen Gemüther zufrieden stellen köndte.

Astiorist war nicht viel vber ein Jahr aussen gewesen/ als Brito-
mandes diese Welt gesegnete. Sie klagten sämptlich vber den jungen
Printzen/ der das Königreich verlassen/ vnd keine Nachrichtung
von seinem Verreisen gegeben hette; also daß bey deß Brito-
[748]
mandes Leichbegängnisse die Klagen deß Todten wegen so groß
nicht waren/ als das Geschrey deren/ die dem Abwesenden rufften/
zu erhaltung deß Vatterlandes sich einzustellen. Vnterdessen mußte
man die Angelegenheiten fortstellen/ vnd Timandre sagte für ge-
wiß/ jhr Sohn were noch lebendig vnd gesund/ man solte nur jhr/ so
lange biß er zurück käme/ das Regiment vberlassen. Es strebten
allein die jenigen darwider/ denen daran gelegen war/ daß Astiorist
nicht lebete. Diese sprengten hin vnd wider seinen Todt auß/ vnd
c

[Seite 451]


sagten/ man solte die Königin nicht dulden/ welche sich eines
männlichen Regiments vnterfienge. Also geschahe eine Trennung.
Der grössere Theil fiel der Königin bey. Andere hiengen sich an
deß Commindorix seinen Vettern. Die zwey Theile waren dermassen
hitzig/ daß man zu Wasser vnd Land in Waffen war. Sonderlich
brachte man ein Schiffsheer auff: Dann die Feind versicherten sich
deß Sieges/ wann sie nur Timandren auß Massilien schlagen könd-
ten; sie aber hatte zu Bewahrung deß Hafens vnd der Statt Schiffer
vnd Galleren zusammen gebracht/ als Astiorist gleich zu rechter
Zeit nach Hause kam. Wir wurden plötzlich mit solcher Frewde
vberfallen/ daß wir kaum den Göttern selber/ dem Glück vnd vnsern
eigenen Augen traweten. Wir waren begierig/ denselbigen mehr als
ein mal anzurühren vnd zusehen/ den wir so sehr begehrt hatten.
Es kamen Jung vnd Alt von allen Ständen auß Häusern vnd Stätten
herzu gelauffen. Ein
[749] grosser Sieg nach einem langwirigen
Krieg hette solch Frolocken nicht verursacht. Als baldt worden den
Auffrührern die Waffen auß den Händen geschlagen. Ein jeder
schrie/ Es lebe vnser König. Vnd damit er seine Regierung nicht
mit Blutvergiessen anfienge/ ließ er eine gemeine Vergebung aller
Verbrechen biß auff selbigen Tag offentlich kundt machen; vnd war
sonderlich darüber froh/ daß man so viel Kriegsvolck bereit auff den
Beinen hatte. Er sagte es were nicht ohngefehr/ oder durch ein bö-
ses Verhängniß wider Gallien geschehen; sondern die Fürsichtig-
keit der Götter hette solches Heer zu dem jenigen was er jhm für-
genommen/ zusammen geruffen. Derowegen/ als er nach Lands Ge-
brauch gekrönet war/ setzte er Timandren so lange zur Regentin/
als er den Krieg führen möchte. Dann er hette etliche Feinde in Gre-
cien/ welchen er eylends nachzuhängen gesonnen were. Auff dieses
theilte er die wehrhafftigste Soldaten in Schiffe ein/ vnd in dem er
vom Port abstieß/ befahl er mir/ daß ich mit einem geringen Theil
deß Heers voran segeln/ vnd mich auff der See/ sonderlich zwischen
Ligurien vnd Sardinien erkündigen solte. Nach verrichtung meines
Ampts/ vnd erforschung aller Gelegenheit/ lasse ich die Ruder nun-
mehr langsamb rühren/ in Meinung seiner Ankunfft zuerwarten.
Auß seinem Gesicht vnd Reden werdet jhr erkennen/ daß ich einen
solchen König viel zuwenig gelobt habe. Aber
[750] weil viel Oerter
in Sicilien von Griechen bewohnet werden/ vnd er in den meisten
d
[Seite 452]


Griechischen Städten gewesen ist/ saget mir/ kennet jhr den Astio-
rist nicht etwan von Gesichte oder Nahmen?

Arsidas/ der seiner Hoffnung nunmehr besser glaubete/ vnd die
Augen niederschlug/ nach dem er alles bey sich erwogen hatte; Ich
kenne/ sagte er/ keinen Astiorist: wann er noch einen andern Nah-
men hat/ so mag ich vielleicht wol von jhm gehöret haben. Ja/ fieng
Gobrias stracks an/ wie ich selbst von jhm verstanden/ als hat er
sich anders geheissen/ darmit er in dem niedrigen Stande/ welchen
er fürgab/ destomehr möchte gesichert seyn. Er sagte/ man nennete
jhn daselbst Poliarchus. Seinen Gefehrten auch/ der Cerovist seinem
Vattern nach heisset/ nannte er/ ist mir recht/ Gelanor. Arsidas ver-
lohr vber diesen Namen alle Kräfften/ vnd Gobrias/ als er jhn so be-
stürtzet vnd für Frewden verkehret sahe/ ward ingleichen vber Er-
wartung solcher Fröligkeit verwirret; biß jener anfieng: Welcher
Gott hat mich in eine so glückhafftige Bestrickung fallen lassen?
Ich were vmb ewer Vfer herumb gejrret/ nach dem der König abge-
fahren ist/ vnd hette mit vergebener Mühe bey denen so vmb die
Sache nicht wissen an statt deß Astiorists nach dem Poliarchus ge-
fraget. Dieser ist der Poliarchus welchen ich suche/ vnd jhm etwas
erzehlen wil/ das jhm zu seinem besten nicht sol
[751] verborgen
bleiben. Wie glückselig seydt jhr wegen eines solchen Königes?
Wie wirdt Gallien von den Göttern so sehr geliebet? Wer wirdt
für dem Schrecken ewres Namens nicht zittern? Wie für glückhafft
werden sich die Könige vnd frembde Völcker schätzen/ die jhr in
ewere Freundschafft vnd Bündtniß nehmen werdet? Vnd was mich
noch mehr vergnüget/ ist dieses/ daß ich euch mit gewaffneter
Handt schiffen sehe; wiewol ich weiß daß es mehr wirdt eine herr-
liche Siegespracht/ als ein Kampff oder Schlacht seyn. Dann ewere
Feinde begehren die Waffen nur zu sehen/ nicht zu versuchen. Aber
ich muß eylendts zum Könige/ der mir die Ehre gibt/ daß ich mich
seinen sonderlichen Freundt rühmen mag. Gobrias/ als er dieses ge-
höret/ ehrete er den Arsidas mehr als zuvor/ vnd fragte frey herauß/
was er brächte vnd von wem er käme. Aber Arsidas/ der nach vn-
achtsamer Vberfallung der plötzlichen Frewde die Rede klüglicher
zurücke hielt/ war sehr vngehalten auff sich selber/ daß/ da Gobrias
weißlich verbergen können/ daß dieses Volck in Sicilien schiffete/ er
so vnbedächtig herauß gestossen hette/ wie jhm das gantze Wesen
e

[Seite 453]


bewust were. Darumb brachte er allezeit was anders in deß Gobrias
Fragen/ vnd begehrte jnständig jhn mit einem geschwinden Schiffe
zum Poliarchus zu befödern. Gobrias gab jhm zur Antwort: Wir
wöllen
[752] vnsere Schiffe nicht allein mit Ablassung der Segel zu-
rück halten/ sondern auch Ancker werffen/ wo es in dieser See seyn
kan. Also werden wir die königliche Flotthe/ welche/ wie mir be-
wußt/ sehr eylet/ ohne allen zweifel diese Nacht allhier haben. Wird
er auff den Morgen vns nicht erreichen/ so wil ich euch eine Gallere
nebenst den stärckesten Ruderknechten vbergeben/ damit jhr fort
kommet. Vnter dessen ruhet hierinnen/ vnd befehlet nicht anders
als vnter ewren eigenen Leuten. Nach diesen Worten ließ er jhn ein-
schlaffen/ vnd legte sich auff das nechste Betth bey jhm. Wiewol die
Frewde den Arsidas kaum entschlaffen ließ/ der sich vnter anderm
wunderte/ warumb Argenis jhm nicht gemeldet hette/ daß Poli-
archus eigentlich Astiorist hiesse. So offt der Princessin ingleichem
einkam/ daß sie vergessen hette den Arsidas dessen zu erinnern/ wie
dann hefftige Begier leichtlich gejrret wirdt/ so offt bildete sie jhr
auß vergebener Forchte ein/ Arsidas würde jhn nicht finden können.


Fußnotenapparat

a Cerovist] Aus Ceriovist nach den
Vorlagen geändert; desgl. Z. 16
und 19.
b Auffgange = Osten (ex ultimo
Oriente; de l’extremité de
l’Orient)
c Angelegenheiten fortstellen =
Regierungsgeschäfte betreiben
(capessenda negotia erant; pren-
dre ... la conduite des affaires)
d nachhängen = nachsetzen (per-
sequendis; chastier)
e jener] Aus Dkf jenes
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