NAchdem alles zum fortschiffen bereitet war/ nam Archombrotus
von der Argenis Abscheidt/ vnnd entschüldigte sich seines verrei-
sens wegen. Es kränckte auch dieses die armselige Princessin nicht
wenig/ daß er nicht verstehen wolte wie wenig sie jhn achtete; vnd
daß sie wegen der Einblidung so man von jhrer Liebe gegen jhm
führete/ jhren Feindt zu solchen Gütern vnd Zuneigung der Sicilier
gebracht hette. Derhalben gab sie vnwillig zur Antwort/ sie liesse
es jhr gefallen/ daß er zu seiner Mutter gedächte. Dann es were nie-
manden jrgend besser als in dem seinigen. Die außdrücklich herben
Worte biessen den Archombrotus; welche durch jhre Geberden vnd
saweres Gesichte noch scheinbarer worden. Aber die Zeit vnd der
Ort mochten kein Klagen noch Einwenden leiden. Vielmehr/ als er
nicht merckete/ daß man seiner Wiederkunfft nicht begehrte/ gab er
zur Antwort; man hielte das Vatterland in dem die liebste gebohren
worden viel höher/ vnd were jhm auch mehr verpflich-
[872]tet als
seinem eigenen. Vnter diesen Worten kam Meleander. Als Argenis
jhn sahe/ ließ sie etwas von jhrer harten Rede nach/ vnd machte
dem Archombrotus wider jhren Willen ein Hertze; der auff voll-
brachte Opfferung am Vfer sich mit dem gantzen Heer auff die
See machte. Nachdem er sich mit den Herren in seiner Gallere ge-
nugsamb beredt hatte/ gieng er in sein Zimmer/ als ob er ruhen wol-
te/ vnd machte sein Gemüth den anklopffenden Sorgen auff. Dann
der Argenis Rede war jhm wider einkommen. Wannher aber
mußte die Princessin auff solche Härtigkeit gerahten seyn? Ob die
lächerliche Warnung/ er solte zu Hause ruhen/ jhm zum Auffruck
geschehen were/ daß er gantz hinweg reisete/ oder ob sie schlecht
a b c

[Seite 520]


wegk seiner Heyrath nicht begehrte? Ferner betrachtete er/ was
jhm zuvor von der Argenis freundliches oder vngütiges begegnet/
vnd kundte die beschwerliche vngewißheit der Hoffnung vnd Forcht
kaum regieren. Weil jhm ferner die Zeichendeuter am Vfer ange-
zeigt hetten/ das Verhängniß verliehe jhm eine glückliche Schiff-
fahrt; Ach! sagte er/ ist es so weit zuverstehen/ daß mir die Götter
die Zurückkunfft verbieten/ weil sie meinen Abschiedt zwar mit
gutem/ aber gleichsam bestimmeten Winde fördern? Vber diesen
vngleichen schmertzlichen Meinungen kränckte jhn deß Poliarchus
Gedächtniß sonderlich. Dann/ ohn den alten Argwohn der jhn schon
gegen jhm verbittert gemacht/ hatte er auch auß fliegender Rede
vernommen/ was durch
[873] Selenissen were entdeckt worden.
Wiewol er nun voll von trübseligen Gedancken war/ vnd seinem
Kummer mit vielem Nachsinnen gar zu sehr verhieng/ so machte
jhm doch Meleander noch Hoffnung/ der jhm sehr wol wolte/ vnd
die Heyrath selbst angetragen hatte. Was findete aber Argenis an
jhm zu tadeln? oder vielmehr/ wer mußte jhr doch sonst besser ge-
fallen? Niemandt als Poliarchus. Wann mir das Verhängniß/ sagte
er/ jhn doch einmal vnter Augen brächte; wie viel lieber wil ich jhn
als den Radirobanes selber mit dieser Hand vnd diesem Degen zu-
gleich von seiner Liebe vnd Leben bringen? Er verdienet auch durch
meinen Haß zusterben/ angesehen daß er mir/ vnd der Princessin
selber so viel Kummer macht. Wann er sie nicht bezaubert hette/
würde ja ich sie beugen/ der ich so fürnehmen Geschlechts vnd ein
Herr eines solchen Königreiches bin; der ich durch so viel Anzeigun-
gen meine Liebe/ ja meine ritterliche Stärcke (wie ich stillschwei-
gendt gegen mir sagen darff) zu erkennen gegeben habe. Wo sol
ich jhn aber herfür suchen/ der seines schlechten Wesens halben
vnbekandt vnd sicher ist? wo sol ich jhn verfolgen? wann er sich
deren Hoffnung/ die er jhm vngebürlich eingebildet hat/ nicht zu-
geringe hielte/ er würde so lange nicht aussen seyn/ oder allenthal-
ben verborgen liegen/ vnd sich Meleandern nicht zu erkennen ge-
ben. Wie vnglückselig bin ich! wann er mir gleich auffstiesse/ vnd
ich meinen Zorn vber jhn außzugiessen Fug hette: so möchte ich
wol
[874] eben durch die fürgenommene Rache der Princessin all-
bereit zweiffelhafftiges Gemüth noch ärger von mir abwenden.
d e
[Seite 521]


Nein; ich bin versichert/ daß mir nichts am Weg stehet als sein Le-
ben. Ob mir sein Todt auch werde verhinderlich seyn/ wil ich den
Göttern heimstellen. Zum wenigsten wird sie von einem Todten
nichts zuhoffen haben/ vnd erfahren/ daß der jenige der stärckste
gewesen sey der vberwunden hat.

Archombrotus legt also bey sich selbst seine vnbesonnene An-
schläge auß/ vnd zuweilen thet es jhm wehe/ daß er sich dermassen
vber den Poliarchus/ der für diesem sein Freundt gewesen/ erzürnen
muste. Der Windt hatte jhm Sicilien noch nicht auß den Augen ge-
nommen/ als Gobrias nicht weit von Syracuse Ancker warff/ vnd
durch Abfertigung eines Herolds sich an dem Lande erkündigen
ließ/ wo der König anzutreffen. Als jhm angesagt worden/ daß er
auff einer Vestung an dem Vfer deß Namens Epeircte zu diesem mal
Hoff hielte/ schiffte er gleichsam Proviant einzuholen mit einer eini-
gen Gallere nach Syracuse. Von dannen schickte er etliche der sei-
nigen/ dem König zuvermelden/ es were ein grosse Flotte der Gal-
lier/ so in Griechenland vnd von dannen in Asien segeln wöllen/
durch Vngestümmigkeit in der See zerstrewet worden. Von dersel-
ben erwartete ein Theil jhrer Mitgesellen in dem Sicilischen Meere/
ob sie vielleicht durch jrrung auch dahin möchten verworffen wer-
den. Er der Obriste thete Ansuchung/ der König wolle jhn für sich
lassen.
[875] Wann er das Glück hette einen solchen grossen Fürsten
zuschawen/ so wolte er dieses Vngewitter/ das jhn hieher verschla-
gen/ noch für einen Gewinn halten. Meleander/ wie er dann sehr
Leutselig war/ wiewol er zweiffelte/ was doch eine so grosse Flotte
in Grecien thun wolte/ dennoch schlug er es nicht ab jhn zuhören.
Derhalben kam Gobrias mit zwantzigen seiner Freunde vnd Diener.
Als er nach Epeircte kam/ wardt jhm Eurimedes entgegen geschickt/
der jhn in sein Hauß zu sich nam/ vnd dem Meleander/ weil er son-
derliche Höffligkeit an jhm spürete/ zum besten anbefahl. Auff den
folgenden Tag wie man jhn nach Hofe brachte/ that er dem zuver-
trawen/ welches Eurimedes jhm gemacht hatte/ in allem ein Genü-
gen; ohn daß Meleander dafür hielt/ als er jhn gefragt zu was Ende
Gallien diese Schiffsmacht abgefertiget/ daß er nicht gerade herauß
vnd vnvordächtig geredt hette. Derwegen/ weil er sich besorgete/
er möchte etwan ein Kundtschaffer seyn/ bestalte er heimlich als ob
es Ehren halben geschehe eine Wache/ die auff alles thun/ ohn
f

[Seite 522]


seine Besorgung daß man sich für jhm fürchtete/ genaw solte Ach-
tung geben.

Gobrias aber war in höheren Gedancken/ durch was mittel vnd
Hülffe er sich heimlich mit der Argenis bereden könte. Letzlich er-
innerte er sich das Purpur/ der nirgend köstlicher als in Gallien die
farbe an sich nimpt/ in seinen Schiffen were/ welchen Poliarchus jhr
machen lassen: schickte er also darnach hin/ als
[876] ob er jhn
der Princessin gleichsamb zur Dancksagung für die erzeigte Wol-
that in diesem Lande verehren wolte. Sie aber war allbereit nicht in
geringern Sorgen/ vnd gedacht bey sich selbst/ ob sie wol glauben
dörffte daß diese Schiffe vom Poliarchus/ der etwan ein grösser
Heer zusammen brächte/ voran geschickt worden. Doch weil sie in
diesem Trost nit genugsamb gegründet war/ ließ sie jhre gewöhn-
liche Trawrigkeit baldt darnach auff wenig gutes gedencken: daß
sie auch jhrer selbst spottete/ wegen der geringen Fröligkeit vber der
Hoffnung welche sie geschöpft hatte. Warumb bliebe aber Arsidas
aussen? Were daß Saümniß an jhm/ oder an dem Glück gelegen?
Die bestimmten Monat zu der Widerkunfft waren verlauffen. Sie
lebte nur noch nicht durch seine Hülffe/ sondern durch deß Archom-
brotus Vnglück/ der krieges wegen in Africa verreisen müssen. Ach/
Poliarchus! der jhr beständig/ weise vnd werth zu lieben seydt mir
zum Schmertzen; warumb habe ich euch gesehen? Warumb habt
jhr mich allein außerkohren/ mich mit so vielfaltigem Tode hinzu-
richten? Von mir zu sagen/ wann ich euch niemals gekandt hette/
so were ich zwar dessentwegen vnglückselig; aber doch würde ich
solches auch nit empfunden haben. Es hette auff der Welt an an-
dern Personen nicht gemangelt/ die jhr mit besserm Glück lieben
können. Ich muß die Straffe ewerer Tugenden vnschuldig tragen/
deren eine jegliche mich zur Verzweifflung treibet/ wann ich von
euch zertren-
[877]net/ oder auch wol verachtet leben sol. Wehe mir!
was weiß ich/ ob jhr euch an jetzo nicht eben so sehr beklaget? wie
wann jhr vberfallen lieget von dem Schmertzen den jhr fühlet/ vnd
in dem jhr mich zu seyn vermeinet? wie wann jhr vber dieses alles
förchtet/ daß ich mich mehr vber euch als vber das Glück erzürne/
vnd die Schuldt euch zumesse/ welche dem Verhängniß zuzuschrei-
ben ist? O glückselige Leute/ deren Heyrath entweder geschwinden
Fortgang hat/ oder die durch einen schnellen Todt der Götter Vn-
barmhertzigkeit vnd jhrem Elendt entgehen!

Wie sie ohngefehr in diesem klagen war/ vnd Gobrias etliche Tage

[Seite 523]


sich bey Hofe auffgehalten/ sagte jhr Eurimedes an/ daß der fremb-
de Gallier sie mit Purpur/ der in seinem Lande gefärbt worden/ be-
schencken wolte. Die Princessin weigerte sich nicht die Verehrung
anzuschawen/ vnd merckte gleichsamb allbereit/ Gobrias würde
diese Bequemigkeit sich mit jhr zubereden gesucht haben/ vnd mehr
mit sich bringen/ als Eurimedes glaubte. Wie derwegen Gobrias
hinein kommen/ vnd die edele Wahr so die Tyrischen selbst vber-
traff/ außgebreitet hatte/ vermochte Argenis das was gezeiget
wurde kaum zusehen; redte nicht recht bescheiden/ vnd gab auff
der andern Wort keine Achtung. Also hatte jhr das forchtsame Ver-
langen etwas vom Poliarchus zu hören alle Sinne hinweg genom-
men. Es mangelte nicht viel/ daß sie den vnbekandten Menschen
nicht zum ersten fragte. Gobrias aber tratt nahe zu jhr/ vnd als
[878]
er sahe/ daß alle vber Beschawung deß Geschenckes embsig waren;
Damit/ fieng er an/ diese Verehrung/ Gnädigstes Fräwlein/ euch
möge destoangenehmer seyn/ so wisset daß sie der jenige schicke/ zu
dem jhr den Arsidas abgefertiget habet. Vber solchen Worten ver-
lohr Argenis alle jhre Kräfften; daß Gobrias auß dem zitternden
Stillschweigen abnehmen kundte/ sie muste hefftig getroffen seyn.
Derhalben nachdem sie offentlich etwas anders geredet hatte/ sagte
sie heimlich/ als ob sie jhm für das Geschencke danckte/ zum Go-
brias: Mein Freund/ ich bitte/ wollet euch diesen Abend zu Hauß
finden lassen. Ich wil euch erfordern/ wann wir nach verlauffener
Menge deß Volckes können allein seyn. Also nam Gobrias seinen
Abtritt; sie aber lobete gegen dem Frawenzimmer das Geschencke
sehr/ sagte von seinem Werthe/ vnd fieng wieder Timocleen an; Sie
kündte kaum glauben/ daß diese Verehrung von einer schlechten
Freygebigkeit herkäme. Ich bin in den Gedancken/ der Frembde
werde etwas von dem Könige erlangen wöllen/ vnnd vermeine jhm
dessen Geschenckes wegen durch mich einen freyen Zutritt zuma-
chen. Dann er hat auch gebeten/ wann es Gelegenheit gebe/ daß
ich jhn eines rechten Gespräches würdigen wolte. Ich wil jhn heute
noch seiner Bitte gezweigen; damit ich jhm/ wann etwas zuerlangen
g h i j
[Seite 524]


ist/ Verheissung thun könne; oder/ wann die Wichtigkeit zu groß
ist/ jhn mit vergebener Hoffnung nicht auffhalte/
[879] vnd herge-
gen vor seinem Abschiede nach Billigkeit für seinen Purpur wider-
umb beschencke.


Fußnotenapparat

a Beschönung] Aus Be/schönung
(bei Silbentrennung)
b daß er ... gedächte.] rediret;
retournast; also: zurückzukeh-
ren gedächte
c zum Auffruck = zum Vorwurf
(pour luy reprocher)
d fliegend = unvermerkt sich ver-
breitend („fama gliscente“)
e beugen = umstimmen (flectere;
amollir)
f von einem] Aus Dkf voneinem
g Eurimedes] Aus Erratum Arsi-
das nach den Vorlagen korrigiert.
h Tyrischen] Da Purpur im Deut-
schen keinen Pl. bildet, blieb

muricibus unübersetzt (invidio-
sam vel Tyriis muricibus mer-
cem); man ergänze Purpurstoffe.
i bescheiden = in wohlgestellter
Rede (composite)
j gezweigen = gewähren (mhd.
gezwîhen)
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