Archombrotus/ nachdem er alles betrachtet/ vnd ein so schwere
Tugendt ohne Mühe/ aber nicht ohne gutes Genügen mit Frewden
angesehen hatte/ bate er einen von jnen/ einen Alten ansehenlichen
Mann/ jhme die gantze Ordnung vnd Gesetze solchen Lebens zu er-
zehlen. Er aber: Was wir/ Gnädigster König/ sagte er/ für Vortheil
haben/ auß abschaffung deren Dinge welche die Menschen für das
vornembste halten/ wil ich anjetzo nicht sagen. Dann jhr scheinet
mehr zu fragen/ was wir in dieser entweichung machen/ als warumb
wir darein kommen sindt. So pflegt vber diß der Nutz solchen rawen
Lebens mit Menschlichen Worten nicht an den Tag gegeben zu wer-
den. Allein die Götter loben diese newe Glückseligkeit/ so anderer
Leute Augen vnd Sinnen nicht fassen/ denen die sie lieben mit
heimlichem Gespräche ein. Doch wil ich sa-
[951]gen/ daß der Zweck

[Seite 565]


vnsers Wesens sey/ das jenige zu verdienen/ was die Götter jhren
Freunden zulassen. Zu diesem Fürhaben halten wir das bequemeste
zu seyn/ wider die Laster vnd vnmässigen Begierden mit stetigem
Kampffe zu streitten. Derhalben/ so mit grosser Mühe andere sich
bewerben zu regieren/ so sehr fliehen wir die Hoffart/ vnd schicken
vnsere Gemüter gehorchen zulernen. Wir lassen einem von vnserer
Gemeine das jährliche Regiment vber vns/ nicht durch erkauffte
oder vnruhige Einwilligung. Der jenige/ welchen solche Verwaltung
von der allgemeinen Ruhe hinweg nimbt/ hat ein schweres Ampt/
vnd krieget das StewerRuder dessen kleinen Schiffleins mit dieser
einigen Hoffnung/ daß er nach Jahresfrist wider in die Ordnung
tretten werde. Wir erzeigen jhm aber so genawen Gehorsamb/ daß
jhr sagen würdet/ er hette in vnsere Hertzen gesehen/ vnd vns das
jenige anbefohlen/ welches wir von vns selber zu thun willig waren.
Doch halten wir fürnämlich diesen Gebrauch (wie wir dann Men-
schen sindt) wann entweder er gar zu scharff im Gebieten ist/ oder
wir andern träge vnd auffrührisch werden/ vnd jhm gebürliche
Ehr nicht anthun; daß dieses vnsers Vnvernehmen nicht außkom-
me. Die Gerühligkeit welche wir begehren wird vmbsonst seyn/
wann wir frembde Schiedsleute vnd Richter zu vnsern Verträgen
suchen. Nach dieser Regel deß Gehorsambs folget die Auffrichtig-
keit
[952] der Liebe gegen die Gesellschafft vnd Mitbrüder. Wir ent-
schuldigen vnd ertragen es/ im Fall die Beschaffenheit deß Gemüths
vnd vnterschiedene Art der Gedancken nicht allzeit miteinander
stimmet. Wir zörnen wider vns selber/ wann etwas ist das wir an
vnserm Mitbruder nicht loben oder ertragen können. Die Kleydung/
wie jhr sehet/ ist geringe; der Tisch mässig/ vnd die Zeit vnserer
Ruhe mit wachen vermenget. Also gebieten wir dem gezähmeten
Leibe; vnd (welches sonst der Leute grössester Kummer ist) wir
förchten die Vnbeständigkeit der gefährlichen Würden/ oder die
flüchtigen vnd wandelbahren Wollüsten/ deren Süssigkeit vns vn-
bekandt ist/ nicht. Wir sindt mit wenigem zufrieden/ vnd machen
vns durch gesuchte Arbeit müde/ weil das Vbel deß Müssiggangs
vns bekandt ist/ durch den die Kräfften so den Menschen nicht vmb-
sonst gegeben sindt zerrinnen/ vnd ein Verlangen zu den Lastern in
vns entzündet wirdt. Also verbringen wir die Zeit/ so vns nach dem
Dienste der Götter vbrig ist/ ein jeglicher mit seinen bestimmeten
Geschäfften. Welche mit sonderlichem Liechte deß Verstands be-
gabet sindt/ werden bestimmet zu Betrachtung der Himmelischen
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Sachen/ die sie hernach vns für Augen stellen/ vnd gleichsam den
Menschen zu Nutze von oben herunter bringen. Die vbrigen thun
das jenige worzu sie von
[953] Natur geneiget sindt; daß wir also
vns vnd andern nach Vermögen dienen. Solches habe ich euch er-
zehlet nicht vns zu loben/ sondern zu entschuldigen; Damit die vn-
gewöhnliche Art vnsers Lebens euch nicht ärgere. Dann ich weiß/
daß etliche dem gemeinen Nutzen zum besten alle Newigkeiten ein-
helliger Meinung verdammen; vnd daß es so lange Zeit nicht ist/ seyt
wir die abnehmende Andacht gegen den Göttern mit dieser rawen
Art deß Lebens zu erhalten vns bemühet haben.

Das lange Gespräche/ vnd die Vngedult der Jugendt leitete den
Archombrotus auff etwas anders. Derhalben/ als ob er auch das
vbrige hören wolte/ befahl er diesem Priester/ er solte folgenden
Tag nach Calaris zu jhm kommen. Er aber wandte sich wider zu
seinen gewöhnlichen Sachen nebenst den Seinigen/ die Achtung
gaben was für Vrtheil er fällen würde/ ob die Stiffter dieser harten
Tugendt zu loben oder zu schelten weren. Als er aber bey der Nacht
Zeit hatte/ auff den gemeinen Zustandt zu gedencken/ bedünckete
es jhn ein sehr nützliches Wesen zuseyn/ daß der Pöfel mit solchen
Exempeln vnterwiesen/ vnd zu dem Gottesdienste gehalten würde.
Wie derwegen auff folgenden Morgen die Priester seinem Befehl
nach zu jhm kamen; begehrte er viere auß jhrer Gemeine/ welche
Africa ihre heilige Ceremo-
[954]nien lehren solten. Alsbaldt wor-
den jhm zwene Alten/ zwene Jünglinge fürgestellet. Damit aber die
Africaner nicht etwan wegen Verachtung oder Hasses gegen die
Sardinier/ so kurtz zuvor jhre Feinde gewesen/ diese Vnterrichtung
außschlagen möchten/ als worden lauter Aussländer hierzu er-
lesen; zwene Ligurier/ vnd zwene Gallier. Dann es hatten sich jhrer
von allerley Nationen in selbiges Hauß zusammen begeben.


Nachdem alles zur Rückreise fertig war/ vnd in die bequemesten
örter Besatzung eingeleget worden/ ließ Archombrotus durch einen
Heroldt offentlich außruffen/ er habe Sardinien seiner Mutter
Hyanisben erworben. Es were also der Götter Wille gewesen/ damit
der Könige Vneinigkeit beyden Nationen weiter nicht zum Schaden
gereichete. Das Verhängniß hette auch Sardinien seinem Stamme/
dem es von seiner vorfahren Rechten wegen gebührete/ wieder ge-
geben. Also nam er die fürnemsten Sardinier Herren/ sonderlich die
jenigen so mit den Königen in Blutverwandtschafft stunden/ zu
sich/ vnd hatte so guten Windt/ daß er auff den dreyssigsten Tag

[Seite 567]


nach dem Abreisen seiner Mutter die Cron aller Inseln dieses newen
Königreiches auffsatzte. Poliarchus frewete sich zugleich/ dessen
mit Sardinien Fortganges
[955] wegen; vnd kränckete sich auch/
daß es durch Anführung deß Archombrotus geschehen were; noch
vnwissendt/ wie sehr dieser Sieg jhm zum besten dienete.

[956: Kupfer Nr. 21]


Fußnotenapparat

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