NAchdem sie in den Palast angelangt waren/ kamen etliche auß
Befehl deß Poliarchus/ die dem Aneroest die armselige Tracht ab-
nehmen/ vnd an deren statt königliche Kleyder anlegen solten. Er
aber hielt seinen Habit wunder/ vnd stieß den Purpur mit der Handt
von sich. Wie sich nun Poliarchus darüber wunderte/ vnd jhn sehr
ermahnete/ er wolte die Zeichen seiner Trawrigkeit ablegen; gab er
a

[Seite 577]


zur Antwort: die Götter hetten es vmb jhn nicht verschuldet/ daß er
sich auß jhrer Gemeinschafft begeben solte. Er liesse jhm genügen/
daß der jenige sein Königreich beherrschete/ welchen er von Grundt
seines Hertzens zum Erben zu haben gewündschet hette. Im vbri-
gen were er sich in die Vngewißheit der Geschäffte widerumb zu
verwickeln nicht gesonnen. Man solte jhm sein edeles Armuth
nicht nehmen/ oder darfür halten/ er köndte den seinigen nichts
nutzen/ da er doch durch sein heimliches Vernehmen mit den
Göttern sie jhnen zu Freunden machte. Diese beharrliche vnd ernste
halsstarrigkeit deß Alten in behauptung deß niedrigen Lebens gab
alsbaldt Anlaß zu mancherley reden; in dem etliche
[974] seine Be-
ständigkeit lobten; andere sich verwunderten/ was doch solche
Härtigkeit der Sitten zu dem Dienst der Götter helffen köndte.
Dann es auch Poliarchus an Beweisungen nicht mangeln ließ/ da-
durch er deß Aneroests rawe Anschläge widerlegen/ vnd jhn von
seiner Meinung zu gewöhnlichen Königlichen Sorgen zubringen
gedachte. Aneroest hörete allen (dann es riehten jhm vnterschied-
liche einerley) mit gantz gedultigem Stillschweigen zu; so daß viel
in denen Gedancken stunden/ sein Gemüt würde hierdurch gerüh-
ret/ vnd begehrte also vberredet zu werden. Wie er nun lang also
beharrete/ entweder damit er alles was ihm eingehalten würde auff
ein mal zu nichte machte/ oder auff daß er durch solche Verweilung
sich zu Beschützung destobesser bereitete/ vnd verdienete von allen
gehört zuwerden/ hub er endlich das Haupt sittsam empor/ vnd
fieng in solcher Meinung an zureden.

Die Ordnung welche die Sonne in jhrem vnwandelbaren Wege
fort für fort zuhalten pflegt/ der Lauff deß Mondes vnd der andern
Sternen/ wie auch die Eigenschafft der gantzen Natur/ lehret die
Menschen genugsamb/ so nur entweder durch hoffärtige Einbil-
dung der Weißheit/ oder eine ärgere als bestialische Nachlässigkeit
nicht verblendet sind/ daß ein höchstes Gemüthe sey/ welches alle
Ding erschaffen habe. Vermeinet jhr aber nun/ daß diese heilige
Göttliche Krafft/ von welcher so viel herrliche Dinge herrühren/
daß Gott/ sage ich/ der als ein
[975] Vrsprung aller Tugenden den
Menschen Recht vnd Billigkeit durch die Vernunfft so in jhren Ge-
mütern ist/ fürgeschrieben hat/ sich an denen Lastern erlustige/
mit welchen wir vnsere Natur offtmals verderben? Es kan niemandt
anders als ein höchstgerechter Erfinder seyn/ der dieses Gesetze
das wir sehen der Natur gegeben hat. Nun kan er gerecht nicht seyn/

[Seite 578]


wann er so viel Laster vngestrafft liesse hingehen. Derhalben so
baldt die Liebe deß guten/ vnd das Verlangen der Götter geneigten
Willen zu vberkommen/ nebenst der Forchte deß Himmelischen
Zorns vnser Gemüte gerühret hat; so baldt sollen wir nichts mit
grösserer Embsigkeit suchen als die Entweichung von den gefähr-
lichen Lastern/ welche so vielen Leuten den Vntergang verursacht
haben. Dieselbigen Gefährligkeiten sindt theils in vns selbst/ theils
kommen sie vns von andern her. Vnd zu beyder heylsamer Ver-
meidung/ haben wir diese Art der einsamen vnd ernsthafften From-
migkeit erfunden. Dann erstlich werden die vnziemlichen Begier-
den/ mit denen wir vns selbst Schaden thun/ durch diese weise zu
leben dermassen mit Gewalt entwaffnet; als wie wann man wilden
Thieren/ so gezähmet worden/ auch die Klawen vnd Zähne weg-
gebrochen hette: daß sie also hernach/ wann sie schon jhre wilde
Natur wider an sich nehmen/ dennoch nichts haben mit dem sie
schaden können. Dann die Begier zur Wollust verleuret bey vns
durch den hergegengesetzten Gebrauch deß har-
[976]ten Lebens
seine Halsstarrigkeit; vnd ob gleich diese Flamme zuweilen als wie
auß der Asche wider auffschlagen möchte/ so wirdt sie doch in
einem dürfftigen vnd gleichsamb Bäwrischen Hause/ darinnen kein
vbriger Vorrath zur Vppigkeit gefunden wirdt/ nichts richten. Es
pflegt auch dieses einfältige Armut die Vnersättigkeit zu verachten.
Ein vnansehenliches Leben/ das sich selber gering schätzet/ wirdt
Roth vber den Reitzungen zur Hoffart. Also daß diese vnd andere
Vbel/ als der Zorn/ der Neydt/ die Forchte/ die Verwegenheit in
dieser heiligen vnd scharffen Entweichung/ gleichsamb als ein
Fewer das nichts weiter zu verzehren hat/ verleschen müssen. Son-
derlich wann das Gemüte nach außschlagung deß Jochs der Laster
in sich selbst gewichen ist; vnd die forchtsamen Begierden/ so zum
gehorchen angewehnet sindt/ ehe sie etwas wöllen oder nicht wöl-
len/ sich bey der Vernunfft Rahts erholen. Also werden wir/ die wir
vnsere ärgste Feinde sindt/ durch abschneidung oder besserung der
Vngestümmigkeit vnserer vnbändigen Natur/ zu der heilsamen vnd
nutzbaren Tugendt letztlich angewehnet.


Die andern Vbel belangendt/ so vns von anderer Leute Seuche
herrühren/ dieselbigen sindt sehr grimmig vnd vbel zu vermeiden.
Dann ich halte darfür/ daß mehr wegen gegebenen Exempels/ als we-
gen eigener Reitzung sündigen. Dann wir begehren Freunden mit
gleichheit der Sitten zu gefallen;
[977] vnd man kan mit bösen Leu

[Seite 579]

tenvbel lange Zeit vmbgehen/ daß man die Laster nicht erstlich soll
für leydlich halten/ hernach auch darmit angesteckt werden. Eines
Menschen Ehrgeitz entzündet deß andern Hoffart; vnd von fremb-
der Begier lernen wir nach Reichthumb stehen. Hat man euch ein-
mal betrogen/ wiewol ich vielleicht niemanden zuvor vnrecht
gethan/ so werdet jhr ewer Gemüth doch auff Betrug legen/ damit
jhr euch rechen könnet; vnd auß dem Hasse der Feinde euch wi-
derumb zum Hasse angewehnen. Vber dieses/ weil jhrer viel die
Künheit zu sündigen für eine Hurtigkeit halten; vnd die jenigen
welche den Göttern folgen für forchtsame vnd solche Leute die zu
nichts köndten gebraucht werden/ schelten; so sind jhrer viel die zu
vermeidung solchen Namens sich auff das Böse legen; mehr dar-
umb/ damit sie denen gefallen mögen die nach Tugendt nicht fra-
gen/ als daß sie die Laster lieb haben. Alle diese Gelegenheiten nimbt
die Reinligkeit vnsers Ordens jhren Leuten auß den Augen: darinnen
wir/ mit einem Wort zusagen/ böser Menschen Gesellschafft meiden/
vnd ohn einigen Argwohn der Furchte die Götter förchten dörffen.

Damit ich aber auff das komme was mich betrifft/ wie offt leitet
die Boßheit vnd Zustandt der Geschäffte Könige vnd Fürsten mit
darstellung der Nutzbarkeit zu Sünden? sonderlich wann das so
billich ist scheinet wider ihr Ansehen/ oder die Sicherheit deß Regi-
ments zu seyn? Alsdann helt man es
[978] für gut stattlich/ daß
Könige etwas fürzugeben/ zu betriegen/ vnd anders dencken als
reden können; gleichsamb ob die Götter wolten/ daß die Beherr-
schung der Menschen/ welche sie jhnen vbergeben haben/ ohne
Vorschub vnd Beystandt der Laster nicht solte fortgetrieben wer-
den. Baldt gelüstet sie vnter jhren benachbarten Völckern die es
nicht verdienen/ Zwietracht anzurichten; damit sie/ in dem andere
bemühet vnd verwirret sindt/ destobesser Ruh mögen haben. Baldt
versuchen sie bey anderer Könige jhrer Freunde vornehmen ge-
heymen Rähten jhre Geheimnisse mit Geschencken herauß zu-
locken. Straffen sie auch nicht zuweilen die Vnschuldigen sich bes-
ser zuversichern/ als ob sie schon gesündiget hetten/ weil sie sündi-
gen köndten? Pflegen sie die vnterdrückungen deß Volcks hindan
zulassen/ wann jhnen von denen Leuten die sie gebrauchen können
b c

[Seite 580]


darzu gerahten wirdt? Wer alle diese Sachen am besten angeben
kan/ der wirdt dermassen hoch gehalten/ daß ich weiß/ es verwun-
dern sich jhrer viel von denen so hier anwesendt sindt/ daß ich hier-
auff als auff vnbilliche vnd den Göttern verhaßte Sachen gescholten
habe. Dessentwegen ist mir der Könige Zustandt schwer fürkom-
men/ nicht zwar die Zeit vber weil ich regierete/ vnd eben hierin-
nen vnd in dergleichen sündigte; sondern nachdem ich die Wolcken
deren Nutzbarkeit vnd Gewonheit von mir weggethan habe/ vnd
nunmehr gewahr worden bin/ mit was für Tunckelheit ich vmb-
ringt gewesen sey. Verzeihet
[979] mir/ Königin/ vnd jhr mein
Sohn: Ich verwerffe ewern Zustandt gantz vnd gar nicht. Es gebüh-
ret großmütigen vnd ewers gleichen Leuten/ die außreissende Be-
gierd deß gar zu grossen Glückes mit dem Zügel der Tugendt anzu-
halten. Mich aber belangendt/ ich erkenne meine Schwachheit/ vnd
besorge/ ich möchte vnter dieser Last erliegen. Der Purpur ist nicht
allein zu solcher Gefahr außgesetzet. Die Laster machen sich an alle
Stände vnd Alter; wider welche wir in vnserm Orden ein kräfftiges
Mittel haben/ daß wir alle die Dinge verachten/ welcher wegen an-
dere sündigen.


Poliarchus/ der solche vngewönliche vnd scharffe Weißheit noch
nicht billichte/ fiel jhm in die Rede/ vnd: Mein Vatter/ sagte er/
wann wir sämptlich ewern Worten folgen/ so würde kein Bürger
in den Stätten seyn/ kein Bawer auff den Eckern/ kein Schiffer auff
der See/ kein Kauffmann der die Bequemigkeiten frembder Lande
mit Verwechselung der Wahren hin vnd wider bringe. Man wirdt
alle die Künste liegen lassen/ welche ewer ernstes Vrtheil den Men-
schen nit vonnöthen zuseyn schätzen wirdt. Es wirdt kein Ort mehr
bewohnet seyn als ewere Wüsten: vnd/ weil ihr den Ehestandt ver-
werffet/ so wirdt das Menschliche Geschlecht vber Hundert Jar
nicht mehr bestehen. Hyanisbe stundt dem Poliarchus bey/ vnd viel
gaben eben diese jhre Meinung mit den Augen vnd Geberden zu ver-
stehen/ gleichsam ob er an statt aller redete. Aneroest aber/
[980]
der erstlich in sich selber gieng/ machte baldt darauff ein frölicher
Gesichte; daß man wol spüren kundte/ daß deß Poliarchus Ein-
wendungen jhn wenig bewegt hetten. Wann einer/ sagte er/ von
denen die vns zu hören eine Lust ankompt die Süssigkeit vnsers
ernsthafften Lebens zuversuchen/ der lasse sich/ mein Sohn/ ewere
Vrsachen nicht abschrecken/ vnd glaube nicht/ wann er
vnverhey- d

[Seite 581]

rahtetbliebe/ daß die Welt darumb würde ledig stehen. Er komme
zu vns; es wirdt dem Erdboden an Leuten nicht mangeln die sich
vermehren werden. Man wirdt die Künste dennoch treiben; man
wirdt nicht allein Volck genug haben die Stätte vnd Felder zu be-
stellen; sondern auch noch genugsamb vbrig bleiben/ daß nach
mancherley Art deß Weltlichen Elends durch die Pest/ oder Erd-
beben/ oder den Krieg verderben könne. Seydt/ sage ich/ vnbesorgt/
es werde dem gantzen Menschlichen Geschlechte in den Sinn kom-
men sich in vnserer Philosophie Gemeinschafft zubegeben. Dann
die Götter halten diese Gnad viel höher/ als daß sie dieselbe so vielen
Leuten mittheilen solten. Es kan aber ohn jhren Antrieb niemandt
auff solche Gedancken gerahten/ auch niemand ohn jhren Bey-
standt darinnen verbleiben. Dann die Gemüther/ wann sie 〈sich〉 der
Menschlichen Süssigkeit würden beraubet sehen (welche wir gantz
vnd gar verwerffen/) so würden sie sich von vns als einer verdrüß-
lichen Marter trennen/ wann es ohne die heimliche sättigung der
Göttlichen Wollust were. Wie aber ein
[981] Obrister keinen besol-
det/ der nicht ordentlicher weise zum Krieg geworben ist: also
pflegen die Götter nur den jenigen welche sie zu diesem Stande be-
ruffen haben/ den Geschmack dieser beharrlichen Lieblichkeit so
einen Menschen beständig macht zu reichen. Wann nun einer nicht
so sehr seiner Besserung halben/ als dem Glück zu Hohn (weil ent-
weder seiner Hoffnung oder Ehrgeitze kein Genügen geschehen)
mit vnruhigen Gedancken an vnserm Hafen abstossen wil/ damit
er darinnen seine Verbitterung wider das Verhängniß freymütig
außschütten könne; wann er diese Verwirrungen deß Gemütes mit
gewisser Hülffe der Götter nicht hinweg leget/ so vermeine ich nicht
daß er bey diesem beständig seyn/ sondern vnsern Sitten mehr scha-
den/ als den seinigen nutzen werde. Ferrner/ die jenigen so auß
einem geringen Antrieb (wie gemeiniglich bey jungen Leuten ist)
auß einer vnbedachten vnd zärtlichen Meinung/ die sie jnen von der
Belohnung der Tugendt eingebildet haben/ sich vnserer Arbeit an-
hängig machen/ bringen zum ersten zwar/ wie ein Stein der auß
der Schleuder fährt/ eine hitzige Begierde: wann aber das
Werck- e f g h
[Seite 582]

zeugwelches sie fort treibet/ auffhört/ so verwundern sie sich vber
jhrer Nachlässigkeit. Ohne die Regung der Frömmigkeit vnd Furch-
te der Götter wirdt auch die Vernunfft/ die Hertzhafftigkeit vnd Ge-
dult erfordert: darmit dann wenig Leute begabet sindt. Vnser Orden
bestehet nicht in dem Kleyde das wir tragen/ nicht in dem Na-
[982]
men oder in der Wohnung; auch nicht in der Arbeit deß Leibs. Der
Geitz vnd Ehrgeitz/ vnd die so zu den Ertzgruben vnd Galleren ver-
urtheilet sindt/ müssen viel schwerere Sachen ertragen. Es ist nur
die einige Zuneigung deß einfältigen vnd frölichen Gemüths gegen
die Götter/ welche alle Ding/ die sonsten vergeblich vnd jrrdisch we-
ren/ heilig macht. Dann Reichthumb verwerffen/ von hohen Ehren
weichen/ die Sinne von den vnruhigen Gedancken Menschlicher
Sorgen wenden/ ist alsdann eine grosse Tugendt/ wann es geschie-
het jhme die Götter zu versöhnen. Wann aber 〈einer〉 seinen Würden
vnd Gütern darumb absaget/ damit er dessentwegen gerühmbt
were/ oder etwas höhers erlange; wann einer die Geschäffte stehen
lässet/ damit er dem Müssiggang könne nachhängen; oder sich deß
Armuts rühmet/ in welche〈s〉 er sich mit Fleisse zuvorhin ergeben
hat/ weil er ohne diß darein gerahten were; derselbe vermeine ich/
gedencke Götter vnd Menschen mit seinem vnnützen Betrug her-
umbzuführen.

Derhalben/ mein Sohn/ locke ich nicht alle zu dieser Philosophie.
Dann ich weiß daß von solcher grossen Menge der Menschen jhrer
gar wenig die verborgene Glückseligkeit vnsers Lebens annemmen
wöllen; vnd sage darzu/ daß auch vnter denen noch viel/ die es mehr
auß eigenem als auß der Götter Rahte thun/ diesen Standt entweder
vergeblich/ oder mit Schaden anfangen werden. Doch möchtet jhr
sagen/ wündschete ich zum wenigsten/ daß alle gute Leu-
[983]te
sich in vnsere Gemeinschafft zu geben/ vnd dem Tumult der zeit-
lichen Geschäfften zu entreissen Sinnes würden. Ich begehr auch
dieses nicht. Dann wer wirdt böse Leute mit rechtmässigen Kriegen
bestreiten? Wer wirdt dem gemeinen Nutzen fürstehen? oder wie
wirdt man die vnbändigen Laster zähmen können/ wann alle tu-
gendhafftige Leute sich also in die Einsamkeit vnd Armut verber-
gen wolten/ daß sie ohnmächtig vnd abwesendt weder mit Kräfften
noch einjagung der Schande den Verbrechen ehrloser Leute stew-
ren köndten? Es ist ein schweres Ampt/ welches die Götter den je-
nigen aufflegen/ die sich durch ihre hohe Ankunfft oder heimliche
Reitzung nicht mit der Flucht/ sondern mit Waffen wider die Laster

[Seite 583]


streitten/ vnd die Begierden nicht vertilgen/ sondern regieren heis-
sen. Daß solche Leute sind/ vnd zu Ehrn gelangen ist einem jeg-
lichen daran gelegen; daß sie gute Haußvätter geben/ daß sie vn-
ter die Bösen in der Welt gemenget seyn/ damit sie jhre Verwe-
genheit wider die Götter/ vnd grimmige Anschläge wider die
Menschen verhindern können. Von andern wil ich nicht sagen;
was ist köstlichers als ein weiser vnd hertzhafftiger König?
Wann er mit seinem Exempel vnd mit Gesetzen die Zeit zu der er
lebet/ bessert/ wann er durch sein Beyspiel die Vnderthanen zu
Forchte der Götter zwinget wie viel ersprießlicher ist solche Tu-
gendt/ als wann er in der Einsamkeit veraltete? Warumb
[984]
dann/ werdet jhr sprechen/ begehre ich nicht von den Göttern dieses
höhere Lob zu erhalten? Dann sie haben mir durch eine heimliche
Empfindung jhren Raht geoffenbahret/ daß ich mein Alter mit
jhrer Friedfärtigkeit erlustigen/ vnd an das Königreich/ welches ohn
jhr gutheissen nicht verloren worden/ mich weiter vnbekümmert
lassen solte. Heute aber bedüncket mich/ daß sie befehlen mir diese
meine Einsamkeit sonderlich an/ nachdem ich verstehe/ mein Sohn/
daß mein Reich vnd königliches Hauß auff euch gefallen sey. Die
Betrachtung eines solchen Erbens/ den mir die Götter haben zuge-
schicket/ macht/ daß ich mein Königreich von jhm wider zu nehmen
nicht begehre/ weil ich es/ wann ichs schon noch hette/ jhm von
Hertzen gern vbergeben wolte.

Ich weiß/ liebster Sohn/ was jhr ferrner sagen werdet: Wann mir
die Geschäffte zuwider weren/ wann ich an den Tempeln/ dem
Opffer vnd anderem Dienste der Götter je so grosses gefallen trüge/
so hettet jhr doch in diesem ewern glücklichen Zustand noch Die-
ner/ die mir auffwarten/ meine Bettstatt machen/ die Tafel decken/
vnd mich zu den Tempeln begleiten köndten. Solches Reichthumb
würde ja ohn alle Gefahr vnd Vngelegenheit seyn; dann/ in dem
ich frey von allen Gedancken dem Dienste der Götter nachhängen
würde/ so würdet jhr ewers theils/ sampt den jenigen denen jhr die
Regierung meines Hauses anbefohlen hettet/ alle Sorge auff euch
nehmen. Aber jhr werdet mich auch al-
[985]so nicht vberreden die
Freyheit deß Armuts hinweg zu legen. Dann im Fall ich schon den
Kummer Reichthumb zu erlangen oder zuerhalten nicht hette; so
kan man doch bey Gütern anderer Vbel schwerlich geübrigt seyn.
Ich sage von der Gewonheit an Zärtligkeit/ wartung deß Leibes/ Ver-
gessung gleichsam vberflüssiger Frommigkeit: Item von andern
Be

[Seite 584]

wegungendeß Gemüts die dem Reichthumb anhangen; als sich
selber hoch halten/ andere verachten/ keinen Schein deß Vnrechts
vertragen können/ vnd durch Beyfall derselbigen/ welche Beloh-
nung jhrer Schmeicheley suchen/ auff vnbilliche Sachen geleitet
werden. Ferrner vermeine ich nicht/ daß es leichter sey/ im Fall
man schon das Reichthumb angenommen hat/ sich der andern Be-
gierden entäussern können/ als in vngestümmigkeit deß Meeres
einem 〈sehr schnellen Strom der〉 Wellen sich vertrawen/ vnd in den
andern nicht gerahten wöllen. Weil ich derwegen den Rest meines
Lebens zum Dienste der Götter anzuwenden gemeinet bin/ so lasset
mich für der Vberflüssigkeit/ die eine Feindin solcher Entschlies-
sung ist fliehen; damit jhre Empfindung vnd andere Bewegungen
von denen sie begleitet wirdt/ in mein gefangenes vnd schwaches Ge-
müt 〈nicht〉 die vorigen Laster pflantzen/ vnd meine schwere Gedan-
cken/ welche sich vergeblich gegen den Himmel zusteigen bemühen/
widerumb herunter auff die Erde stürtzen. Warumb verwundert
jhr euch/ daß ich nach Armut sehe/ nicht zwar daß ich darinnen
Noth leyden/ aber mit weni-
[986]gem zu frieden seyn könne? da-
mit ich für den Leib nicht sorgen/ sondern jhn verachten lerne?
damit mein freyes Gemüt Fug bekomme sich an den Himmel zuge-
wehnen? Vnd/ auff daß jhr nicht vermeinet als ob 〈ich〉 nach ewerer
Wolfahrt vnd Ehre wenig fragte/ damit ich euch/ mein Sohn/ vnd
ewern Leuten die Götter zu Freunden mache?

Solche ernste Rede hielt er mit einem so anmutigen vnd glimpff-
lichen Gesichte/ daß man wol merckete/ diese Beständigkeit were
nicht ertichtet/ daß er etwan durch Vberredung der Freunde darvon
wolte abtretten. Wie sie nun sämptlich diese vngefärbte Tugendt/
wie zu geschehen pflegt/ mehr vnd mehr ehreten; zum wenigsten/
mein Vatter/ sagte Poliarchus/ schlaget die Bitt mit vns in Sicilien
zureisen nicht ab. Die Götter werden euch ansehen; vnd das Glück
wird vns vber See vnd Land nachfolgen wann jhr bey vns seydt. So
baldt wir zurück in Gallien kommen werden/ seyd versichert/ daß
ich euch auff was für Art jhr wöllet wil leben lassen. Ihr seydt auch
dieses ewerm Lande zu leisten schuldig/ daß jhr es sonderlich mit
i j k

[Seite 585]


ewerm Exempel besser macht. Aneroest/ wiewol er ein wenig stille
hielt/ so kundte er doch dieses jnnständige Anhalten nicht auß-
schlagen. Hernach giengen sie sämptlich zur Tafel. Dann Poliarchus
kundte den Archombrotus schon besser leyden/ vnd aß mit jhm bey
der Hyanisbe. Weil er auch genugsamb wider zu Kräfften kommen/
beschloß er mit Einstimmung
[987] der Königin vber den folgenden
Tag die Reise fürzunehmen.


Fußnotenapparat

a wunder = seltsamerweise. (Sed
ille nunc tenere suam vestem,
nunc manu purpuram repel-
lere; Mais lors il se prit à ser-
rer son habit ...) Opitz’ Einfü-
gung
b vnterdrückungen] Aus Dkf vn-
terdrücken (injurias)
c von denen Leuten ... können]
Schon die frz. Vorlage hatte den
Urtext bello utiles viri in per-
sonnes dont ils se puissent seruir
verändert.
d auff] Aus vff
e sich vermehren] Nach den Vor-
lagen aus
jhn verwehren emen-
diert.
(populis proletarii super-
erunt; assez de peuples pour
multiplier).
f verbleiben] Aus verbleiben? ge-
ändert
g 〈sich〉] Nach der frz. Vorlage (se
voyant) eingefügt
h abstossen] Siehe Anm. S. 304.
i 〈sehr ... der〉] Einfügung
nach den Vorlagen:
... quam
in concitato mari se rapidissi-
mo alicui fluctui permittere;
dans vne mer agitée de tem-
pestes, se vouloir laisser aller à
quelque rapide vague.
j Feindin] Aus Lesefehler Freun-
din (l’opulence ennemie de...)
k jhr] Aus Erratum ich
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