HEtte es jemandt vermeinen sollen? Dem Poliarchus/ der in sol-
chem Spiel der Fortun seine
[1024] eigene Glückseligkeit nicht glau-
ben wolte/ wardt durch den Archombrotus/ der Mittler in dem
Wesen war/ vnd jhm der Jungfrawen Handt reichte/ die Argenis
zuheyrathen Anlaß gegeben. Argenis wardt selber Schamroth; vnd
die zuvor/ in wehrender Wiederwärtigkeit deß Kriegs oder deß Vat-
ters gegen sie so kühn/ so fast halsstarrig wider den Vatter gewe-
sen/ dem Poliarchus auch folgen wolte wohin er reysete; dieselbe
erinnerte sich anjetzo da die Sache leicht war/ daß sie eine Jung-
fraw were. Poliarchus gab jhr die Handt/ danckte dem Archombro-
tus/ vnd wunderte sich/ wie doch Archombrotus so geschwinde der
Argenis Bruder worden. Hernach/ wie es bey grossen vnd plötz-
lichen Fällen hergehet/ redeten sie sämptlich ohne Ordnung/ vnd
zugleich durcheinander. Die jungen Könige geriethen widerumb in
die vorige Liebe/ welche sich vor diesem bey der Timocleen ange-
fangen. Meleander vnd die Princessin waren gleichsamb wider le-
bendig worden/ vnd der Fürsten Fröligkeit theilte sich auch in die
jenigen auß/ welche sie ansahen. Die Herren bey Hoff stunden baldt
gantz stille/ baldt erfülleten sie den gantzen Saal mit jhrem Ge-
mürmel vnd vermengeten Stimmen. Es waren jhrer nach dem Ge-
schrey mehr hinein gegangen; vnd Meleandern war diese Menge
nicht verdrüßlich. Dann es war daran gelegen/ daß jederman von
solchen Sachen die das gemeine Wesen zugleich betraff/ Wissen-
schafft hette. Derowegen/ in dem jhme die Regung der Frewden

[Seite 605]


[1025] die Stimme stärckte/ fieng er laut an also zu reden: Liebe
Bürger/ sagte er/ vnd jhr meine Freunde/ welche dieser Tag zu hei-
liger Treffung so vielfältigen Bündnisses zusammen gebracht hat;
Wolan/ wündschet ewern Königen Glück/ vnd verbringet das
vbrige vom Tage mit Heiligthumb. Morgen begehre ich/ daß jhr
euch sämptlich bey dem Eingang deß Thors befindet. Daselbst wer-
den alles Volck vnd die Soldaten zusammen kommen/ damit nie-
mand vnberichtet bleibe von den Rahtschlägen der Götter/ die mir
mehr Gnade gethan haben als vielleicht keinem auff Erden. Doch
halte ich für billich/ daß jhr auß kurtzem Bericht solcher Frewden
voran geniesset. Ich habe erfahren/ daß Archombrotus mein Sohn vnd
von mir gezeuget sey. Denselben hat meine Gemahlin hinder mei-
nem Wissen geboren. Meine Tochter aber sol dem Poliarchus ver-
heyrahtet werden. Gehet lustig hin/ vnd wann es euch gefällig ist/
so feyert den glückseligsten Tag mit einer frölichen Nachtwache.
Ich wil vnterdessen mit meinem Eydam vnd Sohne Raht halten/
wie alles fortzustellen sey.

Nachdem die Herren also abgetretten/ führte er den Poliarchus
weiter im Hofe in ein Zimmer/ vnd wolte denselbigen Abendt in
Versamblung seiner liebsten Freunde mit Frewden hinbringen. Es
ist nicht außzusprechen/ was für Lust vnd Genügen ein jeglicher
gehabt habe. Die keusche Argenis war in Besitzung der Frucht jhrer
Beständigkeit/
[1026] vnd hatte mit ertragung vielen Vbels zuwegen
gebracht/ daß keine eines solchen Glücks schiene würdiger zuseyn.
Poliarchus/ der an keine Strittigkeit/ an keine Sorgen mehr gedach-
te/ empfandt es mit grosser Wollust/ wann jhn der Schwehervatter
außlachte/ daß er wegen der Küsse geeiffert/ die Argenis dem Ar-
chombrotus auß Schwesterlicher Lieb gegeben hette. Meleander
schertzte ferrner mit beyden/ vnd hieß den Archombrotus seinen
Eydam/ den Poliarchus aber Theocrinen. Archombrotus fragte die
Argenis/ was jhr als sie jhn erkandt hette frölicher were fürkom-
men/ daß sie jhn zum Bruder haben/ oder daß sie jhn zum Gemahl
nicht haben solte? Vnter solchen Schertzreden kundten sie für
Fröligkeit an kein Geschäffte groß gedencken. Aneroest legte
seinen Ernst selbst zur Seiten/ vnd machte sich lustig. Wiewol er nur
raw bekleidet war/ ehreten jhn doch Meleander vnd Argenis als
einen König. Es wußten von dieser Lust wenig vnter den
geheim- a

[Seite 606]

stenFreunden. Doch wurden Aneroest/ Ibburanes vnd Dunalbius
an die königliche Tafel gezogen. Gelanor/ Arsidas/ Gobrias/ der
Mohr Micipsa/ Eurymedes vnd Cleobulus waren zugegen. Nico-
pompus/ welchen der König zwey mal fordern lassen/ kam was
später; dann er hatte sich abgesondert ein HochzeitGedichte zu-
schreiben. Auß dem Frawenzimmer wardt Argenis allein von der
Timocleen begleitet. Diese warteten fast allein den
[1027] Königen
beym Nachtessen auff. Fürnämlich war das Gespräche vom Poliar-
chus/ wie er geliebet/ in was für Gefahr er sich begeben hette/ mit
vergessung seines Standes/ vnd darbietung deß Lebens dem Glück
vnd den Feinden. Wannher solche Hitze entsprungen/ wie er zum
ersten in solche beständige Liebe gerahten were? Er aber erzehlte
jhnen mit grosser Begier/ er hette in Gallien von der Argenis
schönen Gestalt vnd Tugendt viel gehöret; dannenher were jhm
sein junges Hertze von der Liebe gerühret worden/ die sich hernach
durch Verwunderung vber jhre Gaaben/ oder vielmehr durch
Göttlicher Verhängniß weiter vnd weiter gemehret hette. Weil jhm
ferrner bewußt gewesen/ daß jhm die Hoffnung zur Heyrath durch
die Sicilischen Gesetze/ welche die Vermählung mit den Galliern
nicht zuliessen/ abgeschnitten were/ als hette solches seine ange-
reitzete Begierde mehr vnd mehr entzündet. Er were nachmals vn-
ter dem Schein einer Andacht gegen den frembden Göttern/ gleich-
samb ob er jhre Tempel besuchen wolte/ allein mit dem Gelanor
(welcher ob er zwar nicht knechtisch gebohren/ sich dennoch für
einen freygelassenen Diener außgegeben) in Sicilien geschiffet/ ge-
genwärtig zuerfahren/ ob Argenis jhrem Lob zusagte/ vnd deß
Kriegs würdig were/ welchen er wider die Sicilischen Gesetze füh-
ren wolte; wann sie durch seinen Verdienst/ wie er verhoffet hette/
dermal eines jhme Holdt
[1028] werden/ vnd nur diese Satzungen
seinem Begehren im Wege stehen möchten. Als er aber in Sicilien
angelanget/ hette er die Princessin nur nicht zu Gesicht bekom-
men können; weil sie in der Vestung beschlossen gewesen/ vnd
kein Mannsvolck sie hette sehen dörffen. Dannenher were jhm ein
Rahtschlag von glückhaffter Vermessenheit einkommen/ sich in
Weibskleydern für eine Jungfraw außzugeben/ damit er Selenissen
betriegen/ vnd Theocrine genennet werden köndte. Im vbrigen
Erzehlen halff jhm Meleander/ vnd erinnerte sich mit Lachen vnd
Bestürtzung/ wie gantz er einer Jungfrawen ähnlich gewesen; mit
was für einer erbärmlichen Fabel er jhn zur Barmhertzigkeit
be
[Seite 607]

weget/
vnd den Zutritt zur Argenis erlanget; mit was für Stärcke
vnd Tugendt er endlich die Mörder so in das Schloß kommen wa-
ren/ erlegt hette/ vnd auß der Theocrine Pallas worden were.

Hernach kamen sie vom Poliarchus auff den Archombrotus/ vnd
wunderten sich auch vber jhm vieler Sachen wegen. Daß er Fürst
in Sicilien seyn solte; daß er Meleandern so sehr geliebet hette/ vn-
wissendt wen er ehrte! Wie lang Hyanisbe die Sache verborgen ge-
halten; wie sie es gleich zu rechter Zeit entdecket; wie die Götter
also vollführet hetten/ daß es mehr einem Gedichte als der Warheit
gemäß were. Weiter sagte Meleander von seiner Heyrath in Afri-
ca; vnd beklagte/ so viel bey gegenwärtiger Frewde sich gezie-
mete/ seiner Gemahlin
[1029] Todt: vnd in dem er zum offtern vnd
ordentlich alles erzehlete/ theilete er jhm die Rede ab/ welche er
auff folgenden Tag bey der Versamlung halten wolte.


Es war spath in die Nacht/ als sie von der Tafel auffgestanden.
Deß Morgends so baldt der Tag anbrach/ kamen alle die sich zu Pa-
lermo befunden nach Hofe mit Zweigen vnd Blumen gekrönet. Der
Eingang war für das Volck zu enge. Ein theil stieg auff die Mawren/
etliche trugen eine Bühne zusammen; andere legten Leitern an/ von
welchen hernach der Last wegen nicht wenig zubrachen. Bey den
HoffThor wardt ein kleiner Schawplatz in Menschens höhe auff-
gerichtet. Auff demselbigen stunden die Throne der Könige: Zwey
vom Orte gleiche/ darauff Poliarchus vnd Meleander sassen; vnd
zwey etwas weiter hinein auff die Seite/ für den Archombrotus vnd
die Argenis. Nachdem sich die Könige für dem Volck sehen liessen/
vnd der Herold das Getümmel gestillet hatte/ hielte Meleander erst-
lich etwas jnnen/ hernach fieng er an also zu reden: Wann ich/
lieben Gäste vnd Bürger/ was böses zu sagen hette/ so müßte ich
durch Griffe ewere Gemüter zu sänfftigen mich bemühen. Anjetzo
aber was ist es vonnöthen/ daß ich die Geschencke der Götter/ wel-
che sie so hoch gezieret haben/ mit scheinbaren Worten außstrei-
che? Ich verkündige euch fröliche Zeitung/ den Königen vnd Völ-
ckern Friede vnd Bündniß/ den Feinden aber vnsers Names Schre-
cken/ Empörung vnd Vntergang. Ich glaub auch
[1030] nicht/ daß b c d e

[Seite 608]


einer von euch Anwesenden sey/ der nicht wisse was ich andeuten
wil. Es hat ohne Zweifel ein Gott/ oder/ wo etwas Göttlichs in jhm
ist/ das Geschrey selber außgesprengt/ daß dieser Tag angesetzt sey
zu meiner Tochter Beylager mit dem Könige Poliarchus/ vnd gleich-
samb dem andern GeburtsTage meines Sohnes. Vnd vnter den Re-
den neigete er mit dem Haupt/ vnd zeigte auff den Archombrotus
der darüber auffstundt. Warumb ich aber so lang von jhm nicht ge-
wußt/ vnd jhn erst jetzt erkandt habe/ befinde ich für gut/ daß jhr
auch Bericht einziehet. Herold/ sagte er/ nemet der Hyanisbe
Schreiben/ vnd leset es ab so laut jhr könnet.

Hierauff nam der Heroldt das Schreiben/ vnd fieng an also zu
lesen: Die Königin Hyanisbe grüsset den König Meleander. Ich
weiß nicht ob ich euch sagen sol/ ewere Tugendt oder Laster sey
Vrsache gewesen/ daß ich euch biß hieher die Frewde/ welcher ich
euch mit ewerer Verwunderung anjetzo theilhafftig machen wil/
verhalten habe. Dann auff einer seitten halte ich es für vnrecht/ daß
jhr die Vermählung mit meiner Schwester Annen verborgen gehal-
ten/ auch nach jhrem Tode nicht gefraget habet/ ob sie euch etwas
hinderlassen. Ewere Tugendt aber hab ich also geehret/ daß ich
euch ewer Kindt nicht zuschicken wöllen/ biß ich gesehen hette/
ob es euch also auffwüchse/ daß es ewerer würdig were. Nunmehr
aber/ weil alles mit seinem Geschlechte
[1031] vbereinstimmet/
habe ich euch entdecken sollen; was bey mir so viel Jahr vber ver-
borgen gewesen ist. Als jhr meine Schwester Annen/ die jhr heim-
lich hattet geheyrathet/ in ewerm Abreisen nach Sicilien bey vns
gelassen habt/ fiel sie nach etlichen Monaten/ jnner denen sie den
wachsenden Leib mit allerhandt Künsten verdecket hat/ in schwere
Kranckheit. Wir vermeineten es were etwas anders/ vnd suchten al-
lerley vergebene Mittel. Weil sie aber spürete/ daß sie schwerlich das
Leben würde davon bringen/ redete sie mich allein also an: Meine
Schwester/ ich bitte euch vmb Verzeihung einer Sachen/ in wel-
cher mein einiges Verbrechen ist/ daß ich sie verschwiegen habe.
Ich bin Meleanders deß Königs in Sicilien Gemahlin. Ich arbeite
jetzundt in der Geburt; vnd/ wo mich anders die Schmertzen nicht
betriegen/ ich werde von dem Kindbetthe schwerlich auffkommen.
Werde ich nach meinem Todte etwas Lebendiges hinderlassen/ so
lasse ich es zu ewerm Gefallen/ ob jhr es erziehen/ oder seinem Vat-
ter zuschicken wöllet. Doch wolte ich lieber/ daß es heimlich er-
halten würde: damit es nicht offenbahr werde/ daß ich eine Mutter

[Seite 609]


worden/ ehe man gewust hette daß ich eine Fraw gewesen. Die Vr-
sachen aber vnsere Heyrath zuverbergen sind vnterschiedlich ge-
wesen. Vnd vnter andern/ weil wir Cyrthus den Numidier förchte-
ten/ der meiner mit Vngestümm begerte/ vnd mich vielleicht mit
Gewalt möchte entführt haben. Wie auch
[1032] darumb/ daß Me-
leander vnser Beylager mit königlicher Pracht begehen wolte: Zu
dessen Zubereitung er dann verreisete. Letztlich hat mich Arm-
selige nichts mehr zurück gehalten/ als die Schamhafftigkeit/ wider
welche ich mich auch jetzt in Reden zu thun besorge. Schawet
hier/ meine Schwester/ vnter dem Pulster die Heyrahtsbedingun-
gen/ so Meleander mit eigener Handt außgefertiget/ vnd ich zu
mehrer Versicherung vnterschrieben habe. (Also gab sie mir das
Schreiben.) In diesem Kästlein sind die Kennzeichen vnserer Ge-
heimnüsse/ etliche Briefe/ Ringe/ vnd auß vnserer beyden Haar ein
Armbandt. Wann jhr dieses zeigen werdet/ so wirdt er glauben/
daß ich euch alles vertrawet habe. Vnter solchen Reden entfiel jhr
die Sprach. Ich erquickte vnd tröstete sie/ beruffte nachmals et-
liche trewe Frawen/ vnd thete nebenst jhnen alles was vonnöthen
war. Aber das Vbel war grösser als die Mittel. Doch gebahr sie einen
Sohn/ welchen wir jhr zeigeten weil sie noch lebte. Hernachmals
fragte ich/ ob sie noch so viel Kräfften hette ein Briefflein zu ma-
chen; vnd weiß nicht/ was für eine gute Eingebung mich zu den
jenigen reitzete was wir heute fürhanden haben. Sie hat es gethan/
vnd auffgezeichnet/ daß sie stürbe/ mir aber ewern Sohn hinder-
liesse. Ihr werdet jhre Hand erkennen/ Herr/ wiewol sie grosser
Schwachheit halben die Buchstaben sehr vbel gesetzt hat. Kurtz
hernach starb sie in meinen Armen. Es waren nicht mehr als vier
Frawen bey mir. Ich
[1033] vbergab das Kindt einer mit Namen
Sophoneme/ welcher ich sonderlich trawete; mit Vermahnung/ sie
wolte es in Acht nehmen/ vnd mit einer Säugammen versorgen/
die nicht wissen durffte was für ein Kindt sie nährete. Weil ich auch
in Forchten stund/ es möchte eine von den Weibern die Heim-
ligkeit außtragen/ als betrug ich die andern durch eben diese Sopho-
neme/ daß sie glaubten das Kind were verschieden. Vnter wehren-
der Zeit starb mein Bruder Juba/ vnd hinderließ mir das König-
reich; wie auch mein Gemahl Syphax durch häuffige Wider-
wärtigkeit deß Verhängnisses kurtz hernach gestorben ist. Wiewol
f
[Seite 610]


ich nun voll Leyds vnd Kummers gewesen bin/ so hab ich doch
ewerer/ Meleander/ noch meiner Schwester nicht vergessen. Ich
gab mich für schwanger auß; vnd gab mit Hülffe der Sophonome
für/ ich hette nach deß Manns Tode einen Sohn geboren. Ich kundte
mir damals ewren Sohn nicht hinlegen lassen. Dann ein Kindt von
so vielen Monaten wurde sich für eine Kindbetterin nicht ge-
schicket haben. Aber Sophoneme brachte füglich ein anders Kindt
in die Wiegen/ daß sie nachmals auff meinen Befehl zu erziehen
hinweg gethan hat. Ich gab für/ als besorgte ich mich einer Zau-
berey/ vnd Verbott/ es solte ausser der Säugammen vnd der einigen
Sophoneme meinen Sohn niemandt ansehen. Also kundte ich nach
Verschliessung zweyer Jahr ewern Hyempsal (dann also nennte
jhn die Mutter wie sie sterben solte nach deß Großvattern
[1034]
Namen) als ob er von mir geboren were/ leichtlich zeigen. Diesem
zu Gefallen hab ich hernach mich vnd mein Königreich erhalten.
Es hat mich kein Bitten der benachbarten Könige zur Heyrath be-
reden können. Als er Zwantzig Jahr alt worden/ hab ich jhm ewere
Tugendt erzehlet/ vnd jhn vermahnet an den Sicilischen Hofe zu
reisen/ damit er in ewerer Schulen sich königlich verhalten/ vnd
sein Gemüth nach dem ewerigen richten lernete. Dieses würde jhm
dann leichtlicher zu vollbringen seyn/ wann er seinen Standt nicht
meldete/ noch sagete daß ich seine Mutter were. Damit nicht ewere
Vbersehung/ vnd anderer Leute Schmeichelworte jhn verhinderten
die rechtschaffene vnd wahre Tugendt zuerlangen; welche Fürsten
offtmals versagt wirdt/ vnd die Gefahr vnd das Glück vieler Privat-
personen berühmbt macht. Er gehorchte mir/ vnd reisete fort:
vnd es ist ein Wunder/ daß er ewere Gunst dermassen erwerben
könne/ daß er ein so grosser König jhme die einige Tochter von
ewerer letzten Ehe/ die euch so lieb war als ob jhr viel Kinder het-
tet/ habt vermählen wöllen. Als er mir solches zuwissen gethan/
wiewol ich mich vber seiner Tugend vnd ewerer Zuneigung gegen
meinem Sohn/ in dem da er euch noch vnbekandt/ so lieb gewesen/
gefrewet habe; doch bin ich vber Erwehung solcher blutschändigen
Heyrath erschrocken/ daß der Bruder die Schwester heyrathen solte.
Ich stundt auch noch in anderer Gefahr/ weil Radiro-
[1035]banes
Africa zuverderben mit Heerskrafft ankam. Derhalben habe ich
vnserm Hyempsal/ den jhr Archombrotus nennet/ also geschrieben/
g h
[Seite 611]


er solte das Beylager/ welches jhr schon/ wie ich hörete/ bey euch
bestimmet hettet/ auffschieben/ vnd mir mit einer Flotte zu Hülffe
kommen. Aber sein Beystandt were zu langsamb gewesen/ wann
nicht ein Vngewitter den König Poliarchus mit seinen Galliern zu
vns verworffen hette. Durch dessen Stärcke hat Mars die Beuthe
von dem Radirobanes in vnserm Tempel hangen. Aber wir sindt
bey vns fast im Frieden in grösserer Gefahr gestanden als vorhin zu
Kriegeszeit; weil Poliarchus vnd Hyempsal mit wütendem Eyfer
gegen einander entbrandt sindt. Die Vrsach jhres Hasses ist ewere
Argenis; welcher Hochzeit ein jedweder von diesen beyden mit mehr
als Menschlichem Verlangen begehret. Wie ich den Irrthumb
eweres Sohns verstanden/ erlangte ich von jhnen/ sie wolten jhren
tobenden Zanck zu den Waffen ehe nicht kommen lassen/ biß sie
euch dieses Schreiben vbergeben hetten. Es würde ein jeglicher als-
baldt seines Wundtsches theilhafftig seyn. Welches dann auch ge-
schehen wirdt/ wann jhr eweren Sohn erkennen/ vnd dem König Po-
liarchus/ welchem an Thaten vnd Tugendt heutiges Tages niemandt
den Göttern näher kompt/ ewere Tochter vermählen werdet. Ich bin
zufrieden/ daß jhr eine Morgengaabe
[1036] von meinen oder ewern
Gütern bestimmet. Sicilien/ Mauritanien/ vnd Sardinien/ welches new-
lich darzu kommen/ werden gar genug seyn/ daß beydes ewer Sohn
mächtig regieren/ vnd man die Tochter jhrem Geschlecht vnd Stande
nach außsetzen könne. In dem Kästlein sende ich die geheime Sa-
chen/ welche mir meine Schwester auff jhrem Todtbette anbefoh-
len hat; vnter anderm das letzte Schreiben/ darinnen sie anzeiget/
daß sie mit hinderlassung eines Sohnes sterben mußte. Welche Sa-
chen dieses Jahr fast gantz sindt verlohren gewesen: weil das Käst-
lein hinweg gestolen ist worden. Aber der König Poliarchus hat mir
es mit Niderhawung der Rauber widerumb vnversehret eingestellet.
Derhalben habt jhr jhm auch eines Theils ewern Sohn wie ich mein
Königreich/ das ewerm Hyempsal allbereit bestimmet ist/ zu dan-
cken. Für solche Wolthaten kan man jhme kein andere Vergeltung
geben als ewere Argenis. Geniesset der Glückseligkeit lange/ wel-
che ewrem Alter von den Göttern gegeben wirdt; denen ich euch be-
fehle.

[Seite 612]


Fußnotenapparat

a nur] Aus nun
b solte;] Aus solte?
c ehrte!] Aus ehrte? nach der lat.
Vorlage geändert.
d theilte jhm ... ab = teilte sich
... ein (digerebat; disposoit)
e Griffe = Kunstgriffe (arte ali-
qua; artifices)
f thun anakoluthisch = verstoßen
(quem timeo etiamne et lo-
quendo ne violem; en parlant
ie crains de contrevenir.)
g Meleander/] Virgel eingefügt
h gab] Aus Dkf hab
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