SIe waren auff dem Saal/ vnd Meleander bate sie in das Zimmer ab-
zutretten/ da sie bequemer miteinander reden köndten. Sie aber/
weil sie sahen/ daß es gute Gelegenheit were die Sache fürzuneh-
men/ blieben sie beyde stehen/ vnd Archombrotus vbergab Melean-
dern seiner Mutter Schreiben/ mit Ersuchung solches alsbald zu
lesen. Dann er köndte nicht ehe ruhen. Deßgleichen begehrte auch
Poliarchus. Der König wunderte sich/ was es doch müßte anlangendt
seyn/ das in solcher Eyl bestünde/ brach also das Siegel auff/ vnd
fieng den weitläufftigen Brieff an zu durchsehen. Bald sahe man/
daß deß Poliarchus vnd Archombrotus Gesichter wegen grosser
Verwirrung geändert wurden. Dann ein jeglicher von den beyden
sahe das Schreiben dermassen an/ als ob an demselben sein
eusserstes Glück oder Vnglück gelegen were. Solte die Sach anders
hinauß lauffen als Hyanisbe verheissen hatte/ solte entweder keiner
oder ja ein vnannehmlicher Vertrag angebotten werden/ so waren
a

[Seite 601]


sie bereitet in einen Auffstandt zu kommen/ [1018] vnd gedachten
schon in jhrem Gemüte an nichts als an Wüten vnd Waffen. Ar-
chombrotus
hatte der Mutter geheisse nach zugleich auch das Käst-
lein vberantwortet/ welches vor diesem Poliarchus auß der Räuber
Hände gebracht hatte. Meleander war im Schreiben noch nicht weit
kommen/ als er gleichsam wie einer der nicht bey Sinnen ist/ baldt
mit sich selber anfieng zu reden/ bald auff den Archombrotus die
Augen warff; nachmals widerumb auffs newe laß/ vnd vber einem
jeglichen Wort still hielte. Es war ein kleiner Schlüssel in den
Brieff eingelegt/ der zu dem Kästlein gehörete. Diesen nam der
König begierig in die Handt/ vnd laß weiter. Poliarchus vnd Ar-
chombrotus zweifelten weiter nicht/ es müßte was grosses vnd
würckliches in dem Schreiben seyn. Endlich gieng Meleander zu
einem Tisch/ der zunechst an der Wandt stundt/ vnd suchte heim-
lich mit Begier nach/ was in dem Kästlein lege. Es waren etliche
Schreiben/ die er vberlaß/ vnd mit Threnen vnd Seufftzen küssete.
Es vberzeugte auch ein Ring vnd andere geheime Kennzeichen den
Alten/ daß Hyanisbe die Warheit geschrieben hette.

Wie er nun also durch die Wichtigkeit der plötzlichen Regung
eingenommen wardt/ bath er den Poliarchus/ er wolte es nicht vbel
vermercken/ daß er etliche verborgene Sachen absonderlich für-
nehme; zohe also den Archombrotus der sich verwunderte be-
kandter weise zu der Tafel/ vnd vberreichte
[1019] jhm der Hyanis-
ben Schreiben. In dem er solches laß/ fiel jhm Meleander vmb den
Hals. Der junge Herr kniete nieder/ vnd bewegte mit seiner verän-
derung deß Gesichts/ vnd gar einer andern Art der Ehrerbietung als
er sonst pflegte/ aller Vmbstehenden Gemüter. Sonderlich kümmer-
te diese Comedien den Poliarchus. Solte er sehen/ daß sein Gegen-
part zur Vmbfangung vnd allerley Anzeigung der geheimsten Liebe
gefordert würde; er aber indessen vom Meleander verlassen stehen/
vnd die Zeit mit dem Eurymedes vertreiben? Dann dieser war
Ehren halben jhm allgemach an die Seiten getretten/ in dem Mele-
ander mit dem Archombrotus redete/ damit dieser König nicht
allein mitten in dem Saal durffte stehen bleiben. Wie er dieses groß-
mütig bey sich bedachte/ wardt seine grosse Vnwilligkeit noch heff-
tiger gestärcket. Dann Argenis kam auff Erforderung deß Vatters
in die Tafelstuben/ vnd als jhr der König etwas gesagt hatte daß die
so weit darvon stunden nicht verstehen kundten/ fiel sie dem Ar-
chombrotus welcher sie küssen wolte gutwillig mit beyden Armen

[Seite 602]


vmb den Hals. Hernach vergossen sie beyde heisse Zehren/ welche
auß lauterer Frewde herzu kommen das andere Gesichte wol Anzei-
gung gab. Sie reichete auch dem Archombrotus die Handt wie er be-
gehrte/ zum Zeichen jhrer vnverfälschten trewen Liebe.


[1020] Der Grimm hatte deß Poliarchus Gedult schon vberwun-
den/ vnd er war entschlossen diese jhm feindselige Frewde zuzer-
stören. Er wußte nicht welchem er mehr fluchen solte/ Hyanisben/
Meleandern/ oder dem Archombrotus. Der Zorn wider die Argenis
erregete jhn mit solchem wüten/ daß er sich allein mit seinem Todt
an jhr zu rechen gesonnen war. Vnd wie die Gedancken/ sonderlich
wann sie zornig sind/ alle Reden mit Geschwindigkeit vbertreffen/
also setzte er jhm in kurtzer Zeit viel vnd grausame Sachen für. Ist
dieses Hyanisben Danck/ welche ich durch meine vnd der Meinigen
Wunden erhalten habe? Sie hette mir Gifft beybringen können; ich
habe mich jhrer Artzney in meiner Kranckheit gebraucht: sie hat
mich aber nicht ehe wöllen sterben lassen/ dann ich mich verachtet
vnd in meiner Gegenwart beleydiget befinden/ vnd sehen würde/ daß
die verzauberte Argenis mir nicht allein abgesprochen were/ son-
dern auch jhrem Sohne am Hals lege. Hastu/ Zauberinn/ mich dar-
umb fortgeschicket/ einen so jämmerlichen Todt zu sehen? Sindt
dieses die Schreiben/ die Verheissungen/ der Eydt den du für den
Ohren deiner Haußgötter geschworen hast? Bin ich nicht vnsinnig/
daß ich Trew vnd Glauben in Africa gesucht habe? Aber es sol dir
vngestraffet nicht hingehen. Ich wil dich also bekriegen/ dich also
ängstigen/ daß keiner von deinen Leuten auß meinen Händen ent-
rinnen soll. Was gedencke ich tobender Mensch? was mache ich
mir Hoffnung
[1021] eines Trostes/ gleich als ob ich noch lange zu
leben hette? Siehestu nicht/ welche jetzundt baldt aber mit dir zu-
gleich sterben müssen? Ich wil hinzu tretten/ vnd dem Hencker
das Leben nehmen/ der durch meinen Sieg Sardinien vberkom-
men hat/ vnd nun auch an meine statt Beylager zuhalten geden-
cket; Ich wil die vnverschämpte Argenis zum wenigsten mit seinem
Blut roth machen. Diesen Alten aber/ den Schein/ das Gespänste
wil ich ehe erwürgen/ als jemandt jhm zu Hülffe kommen kan. Der
Argenis selber/ der Argenis/ sage ich. Vber Entschliessung solchen
grausamen Fürhabens blieb der Armselige behalten. Warumb sol
ich aber einer vnsinnigen Jungfrawen Blut vergiessen? Sie wirdt
b c

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besser sterben durch das Gedächtniß jhrer Vbelthat vnd meine eige-
ne Wunden. Ich wil meine Brust eröffnen/ vnd wann das Blut her-
außsprützen wirdt/ so wil ich auff sie fallen/ jhr zu einem Zeichen/
wie sie von den Furien soll geplagt werden. Dann wann ich nicht
also sterben wolte/ so köndte ich meine Soldaten erfordern; ich
köndte dieses Hauß ohn meine Verletzung den Feinden auff den
Hals werffen. Aber ich wil nicht leben/ damit ich mit der Argenis
nimmermehr dörffe versöhnet werden.

Er hatte genugsam Zeit auff solche vnd dergleichen rasende Ent-
schliessungen zugedencken/ in dem die ersten Liebesworte den Me-
leander/ den Archombrotus vnd die Argenis an andere Sachen nicht
gedencken liessen. Wie er nun gleich so tobete/ trat Me-
[1022]lean-
der/ der vmb diese Wahnsinnigkeit nicht wußte/ zu jhm/ vnd: Ver-
zeihet vns/ mein Gast/ sagte er/ daß vns eine vnverhoffte Frewde
verhindert hat euch gebührliche Ehr anzuthun. Ihr werdet viel-
leicht nicht weniger dessentwegen froh seyn/ als jhr jetzt gesehen
habt/ daß ich vnd Argenis 〈es〉 gewesen sind. Kompt her/ allerliebster
Freundt auff der gantzen Welt/ geniesset vnserer Glückseligkeit/
vnd sehet wie wol sich dieser Tag vmb euch verdienet habe. Poliar-
chus wardt durch diese Rede geändert/ vnd wußte in solcher Ver-
wechslung der Gedancken nicht was er gewarten oder vrtheilen
solte; folgte also dem Meleander der jhn führte. Nachdem sie aber
bey dem Archombrotus vnd der Argenis stunden/ fieng Meleander
nicht mit sehr gelinder Sprache/ daß es die nechsten Vmbstehenden
hören kundten/ an: O/ glückseliger/ O meinem Alter gewündschter
Tag! da ich vorhin auff der einigen Tochter beruhete/ sehe ich mich
noch mit zweyen andern Kindern die jhr gleiche sindt gemehret. Ich
mißgönne den Göttern jhr Glück nicht. Welch Mensch ist glück-
haffter als ich? oder wem soll die kleine Zeit zu leben lieber als mir
seyn? Hat das günstige Verhängniß mir durch so viel Vmbschweiffe
vnd harte Bedräwungen diese starcke Seulen vnd Zier meines Ge-
schlechts fürbehalten wöllen? Lasset den gefaßten Zorn wider den
Archombrotus fahren/ O jhr grössester König; oder damit ich euch
mit einem rühm-
[1023]lichern Namen nenne/ O Poliarchus. Ich
habe ewern Haß lang gemercket. Ihr werdet die Argenis beyde lie-
ben; vnd sie wirdt aller beyder seyn. Dann diesen der mein Sohn ist
wirdt sie als eine Schwester meinen. Euch aber/ wann jhr nicht an-
ders gesonnen seydt/ sage ich sie zur Gemahlin zu. Dann ob sie wol
deß nunmehr erkandten Bruders wegen meine Kron nicht erben

[Seite 604]


kan/ so werdet jhr sie/ wie ich euch kenne/ nicht weniger lieben/
vnd sie wirdt nicht weniger eine Königin seyn. Dann Sardinien vnd
was dem Radirobanes gehörig gewesen ist/ welches jhr dem Ar-
chombrotus auch hingelassen habt/ soll jhre Morgengabe seyn. Die-
ses hat mein Sohn mit mir beschlossen. Ihr/ Archombrotus/ ent-
saget zum ersten aller Feindseligkeit/ vnd vbergebet dem Könige
Poliarchus ewere Schwester.


Fußnotenapparat

a fielen sie bald = (übertreibend)
sprangen sie (desilierunt; ils mi-
rent pied à terre)
b her zu] Aus herzu
c müssen?] Aus müssen.
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