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103 Sz 94 Dü 102 1629

Liebe/ wer zuvor geliebet

Auff | Herr David Müllers | Vnd | Jungfr. Marthen/ geborner |
Heininn/ | Hochzeit.

4°: ein Bogen, unsigniert Exemplar: Breslau; ein weiteres Exem-
plar befindet sich in Prag (Leonard Forster, »Iter Bohemicum«,
Daphnis 9 (1980), 358.

Zu David Müller siehe hauptsächlich die Einleitung zu Werk
Nr. 90. Müllers zweite Gemahlin war am 1. März 1628 gestorben.
Kurz nach Verlauf des Trauerjahres heiratete er am 23. (oder 24.)
April 1629 Martha Hein, die Tochter des Breslauer Handelmannes
Magnus H. Die in Opitz’ Brief vom 27. April aus Breslau an Buchner
genannten »nuptiarum compotationes« dürften sich auf diese Hoch-
zeitsfeier beziehen; Geiger 57. Dies Gedicht wurde von Hoffmann
von Fallersleben
vollständig abgedruckt als ein Hochzeitsgedicht,
»was keiner Sammlung einverleibt worden ist«, das aber »gewiß vor
allen andern unsere Beachtung« verdiene; Weimar. Jahrb. 3
(1855), 135–37. Gellinek 232–34 druckt es ebenfalls in extenso ab
und bespricht es.

a LIebe wer zuvor geliebt/
Wer vor nicht geliebt der liebe/
Weil der Lentz die lehre giebt
Daß man seine Jugendt übe.
Lufft vnd Erde schreyt vns an:
Liebe welcher lieben kan.

Schöner Frühling/ deine Zeit
Ist zum lieben außgesetzet/
Weil der West das Land erfrewt/
Vnd der Taw die Wiesen netzet;
Weil der gantze Weltkreiß regt
Was sein grundt vnd boden tregt.

Wann der süsse Windt sich rührt
Kriegt der Walt Gesicht vnd Ohren/
Weil er das Geflügel spürt
Welches auch wird new gebohren/
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Vnd das Bette seiner Braut
Mit gethön vnd singen bawt.

b Dieser Erden Bandt das Meer
Kan nun wieder Segel leiden/
Ist nicht mehr vom Eisse schwer/
Vieh vnd Wildt kan frölich weiden
Vieh vnd Wildt das auch jetzt übt
Was man suchet wann man liebt.

Nun dich Nachtigal sich regt/
Nun die Turteltaube kirret/
Nun der Storch zu Neste tregt/
Vnd der Kranch am Wasser jrret/
Nun sich paret groß vnd klein/
Mag ein Mensch ein Vnmensch sein?

Können wir mit Einsamkeit
Kummer vnd Gedancken stillen?
Das Gewitter dieser Zeit
Wird doch haben seinen willen/
Wir ergetzen vnsern Leib/
Oder laßen jhm kein Weib.

c Liebet jetzt/ ergreifft die Zeit/
Weil man sich zu spat gesellet
Wann das Haar deß Hauptes kleidt
Mit dem kalten schnee befellet/
Wann der kräfften Winter kömpt/
Vnd die Seiten linder stimmt.

Wol euch/ O jhr werthes Par/
Die der Himmel jetzt verbindet;
Ihr seyd ledig von Gefahr
Die sich bey der Freyheit findet
Welche nicht ist was sie heist/
Vnd sich selbst mit Worten speist.

d
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Wer vermeinet gantz allein
Seine Jahre zu vollbringen/
Muß ein Knecht der Freyheit sein
Die jhn mit Begiehr kan zwingen:
Welcher freyt vnd wird gefreyt
Kömpt in freye Dienstbarkeit.

e Geht/ vnd lernt nun/ liebste Braut/
Daß die Schönheit ewrer Tugendt/
Die Gestalt/ die weisse Haut/
Diese Blüte/ diese Jugendt/
Was geliebt wird vnd geehrt/
Euch alleine nicht gehört.

Mit dem besten das jhr habt
(Jungfraw/ dencket was jhr wollet)
Wird der Bräutigam begabt/
Dem jhr nunmehr folgen sollet/
Weil er euch nicht minder liebt/
Vnd sich selbst zu Pfande giebt.

Gute Nacht/ jhr lieben Zwey;
Morgen wollen wir euch fragen
Ob jhm noch wie heute sey.
Mehr bedarff es nicht zu sagen;
Tag/ vnd Nacht/ vnd Stunde spricht:
Wir verlauffen/ säumet nicht.

Martin Opitz von Boberfeldt.
f

unbedruckt


Fußnotenapparat

a am Rand: [Χ2a]
b am Rand: [Χ2b]
c am Rand: [Χ3a]
d Meer] Aus Dkf Merr
e am Rand: [Χ3b]
f am Rand: [Χ4]
XML: http://diglib.hab.de/edoc/ed000257/Band_IV/Band_IV_I/IV_103.xml
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