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76A 1626

Auf Annen Sophien Zurückkunft
aus Siebenbürgen

Einzeldruck X: Glückwünschung | Auff | Der Durchlauchtigen/
Hochgebornen Fürstin | vnd Frawen/ Frawen | Annen Sophien/ |
gebornen Marggräffinn aus | Churfürstl. Stamm zu Bran- | den-
burg/ Hertzogin zu Braun- | schweig vnd Lünenburg | Zurück-
kunfft aus | Siebenbürgen.

4°: A Exemplar: Budapest NB, App. H. 809

Der sorgfältig ausgeführte Druck bietet sich wie folgt dar: Bl.
[A1] enthält den Titel, seltsamerweise ohne Angabe des Ortes oder
des Druckers; die Rückseite ist unbedruckt. Auf A2a, unter einer
Kopfleiste von 1,4 × 11 cm, beginnt das Gedicht mit einer Initiale,
2,7 × 2,7 cm (etwa 5 Zeilen im Geviert). Der Schrift (in Größe der
groben Mittel-Fraktur) eignet ein festliches Gepräge; die Großbuch-
staben wirken besonders ornamental. Nur Bl. A2 ist signiert, sonst
fehlen die Signaturen. Kolumnentitel, Zeilenziffern und Einzüge
der Alexandrinerpaare sind nicht vorhanden. Das Gedicht endet
unten auf A3b und wird durch ein dreieckiges Ornament abgeschlos-
sen, 5,7 cm breit, 4 hoch. Bl. A4 ist unbedruckt.

Zur Datierung sind wir auf Andeutungen innerhalb des Druckes
wie auch auf die geschichtlichen Ereignisse angewiesen. Gabriel
Bethlens erste Gemahlin war 1622 gestorben; siehe dazu Opitz’ Lei-
chenrede und -gedicht, Werk Nr. 50. Zu der Hochzeit mit Katharina
von Brandenburg
(1602–44), der Tochter des Kurfürsten Johann
Sigismunds
und der Anna von Jülich-Cleve, war Anna Sophia, ihre
Schwester, im Winter 1626 über Breslau (Z. 5f.) nach Weißenburg
gereist. Die Trauung hatte am 28. Februar stattgefunden; Anna So-
phia kehrte bald darauf, etwa Ende März oder Anfang April 1626,
wieder über Breslau (Z. 4), zurück. Bei ihrem zweiten Aufenthalt
überreichte Opitz, der ja dieselbe Reise gemacht hatte, der Fürstin
diesen Drucka.

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Die Eheschließung hatte natürlich ihre politischen Aspekte: in
der Hoffnung auf die polnische Krone hatte Bethlen sich enger an
die protestantische Sache angeschlossen. Der Bruder seiner zweiten
Gemahlin war der Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg; die
Schwester Anna Sophias, Maria Eleonore, war mit Gustav Adolf
verheiratet; die Schwiegermutter Anna Sophias war die Schwester
des Königs Christian IV. von Dänemark. Bethlen starb schon im
November 1629 und Katharina von Brandenburg war zehn Monate
lang Fürstin von Siebenbürgen. Doch konnte sie ihre Position nicht
behaupten. In zweiter Ehe heiratete sie den Herzog Franz Karl von
Sachsen-Lauenburg. Über die geschichtlichen Zusammenhänge in-
formiert Maja Depner in Das Fürstentum Siebenbürgen im Kampf
gegen Habsburg
, Stuttgart 1938, besonders 134–38; siehe auch Gel
190–92.

b O Blume dieser Zeit! O Fürstin aller Frawen/
So Titan jergend kan von seiner bahn beschawen!
O Edle halbgöttinn/ kömpt der gewüntschte Tag/
Da vnser’ Erde dich nun wider sehen mag/
Die sonst in trawren stundt? alß deß geblütes Liebe
Dich vormals von vns trug/ war alles öd’ vnd trübe/
Du andre Morgenröth’: es lag das bleiche Landt
Mit strengem Schnee bedeckt/ vnd deiner Oder strandt
Trug fort bereifftes Eyß auff seinem grawen rücken;
Es ließ kein Thal sich mehr/ noch kein gefilde blicken;
Der Waldt war ohne Waldt: jetzt mehret seine zier
Das vngedeckte Dach deß Himmels vber dir:
c d e
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Wir sehn das güldne Licht der Sonnen besser blincken/
Den sanfften Westwind gehn/ die Sternen auff dich wincken:
Dir grünet Berg vnd Thal/ dir läutert sich die Lufft/
Die Brunnen flissen mehr; ein jeder von vns rufft:
Wie lange hast du vns vermeinet auff zu ziehen/
Zu halten diesen Schatz/ den wir dir nur geliehen/
Du reiches Dacien/ nun Siebenbürger Landt?
O Marosch/ hat auch dich diß Edle Bildt erkandt?
Ihr Sachsen/ die jhr nun deß Orthes gantz vergessen
Der euch erzeuget hat/ vnd hier seid angesessen
fWo Decebal durch Rom/ Rom durch der Gothen schar
Gedämpffet worden ist; jhr Sachsen/ nehmet war
Wannher jhr kommen seidt; erkennt auß einem Weibe
Was ewer Deutschlandt sey/ in derer zarten Leibe
So strenge Tugendt wohnt/ daß jhr darmit kein Mann
Nicht fürgehn/ vnd kein Weib nicht gleiche werden kan.
O Nymfe die nicht stirbt/ hast du das Landt beschawet/
In das der Götter Macht viel gaben hat gebawet/
Die hoch zu halten sindt/ wenn Mars es nur lest zue
Der scharffe Kriegeßgott/ vnd gönnt jhm seine Rhue?
Hier lest sich Caschaw sehn/ wo in den alten Zeiten
Die Jazyger gewohnt: jhm lieget an der seiten
Die Schmelnitz/ da Vulcan ein Wasser hingebracht
Das gar in kurtzer Zeit aus Eysen Kupffer macht.
Hernachmals ist Tockey/ das Bachus hertzlich liebet/
Vnd jhm den besten Safft der stärcksten Trauben giebet
g h i j k l m
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Die Vngarn tragen kan; da Bodrog seinen Fluß/
So voll von Fischen ist/ der Teiße geben muß.
Dann kompt das ebne Landt/ wo Nanasch seine Stangen
Von fernen sehen lest/ daran die Eymer hangen
So in die Brunnen gehn: hier letzet Flora sich/
Allhier ergetzest du/ O Pan/ das Vieh vnd dich.
Wie auch vmb Debreczin: drauff steht das Thor zum Lande/
Deß Reders bester ruhm/ deß Türcken höchste schande/
Das starcke Waradein. wo laß ich nun das Badt/
In dem Diane selbst sich offt gewaschen hat
nWann sie vom Weidewerck’ ist laß zu rücke kommen/
Vnd hat jhr jägerkleidt begierig abgenommen?
Hier sieht man wie der Fisch im warmen Wasser schwebt/
Der in dem kalten stirbt/ vnd keine stunde lebt.
Jetzt folgt der Berge Krantz/ so deine schoß vmbschlossen/
O Siebenbürgen/ helt. Zum ersten kömpt geflossen
Der Keresch welcher sich in so viel Adern theilt/
Vnd durch den schwartzen Waldt mit vollem rauschen eilt.
Wo bleibet Clausenburg/ Napuca sonst genennet?
Wo Thorda/ das man weit des Saltzes wegen kennet/
o p q r s t u v w
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Das in der Erden wächst/ hier da die Pfütze steht/
In der kein Mensch so gleich nicht schwimmet vntergeht?
Komm du/ O Enjed/ nun/ zwar jetzundt schlecht vnd kleine/
Doch vor der Römer Stadt/ wie nochmals deine Steine
Nicht falsche Zeugen sind. O Weissenburg/ komm du/
Komm du/ O Weissenburg/ der edlen Heldin Rhue/
Wo jhre Schwester bleibt/ die Fürstinn derer Lande
Die vns nun sind verknüpfft mit diesem güldnen Bande/
Das bleibt vnd bleiben wirdt deß sichern Friedens Pfandt/
Das fester halten sol als Eysen vnnd Demant.
Sey frölich Dacien. O Hermanstadt/ du schöne/
Empfange deine lust mit lieblichem gethöne!
O Kronstadt/ kröne dich! es kommet zu dir her
In deiner Mawren kreyß der rawe wilde Beer;
Silvanus lasse nun die grimmen Thiere zwingen/
Die Püsche werden zahm/ die Felsen müssen springen/
xVnd nicht mehr harte sein. Folgt jhr ingleichen nach
Broß/ Schießburg/ Besterczin/ Wintz/ Midwisch/ Millenbach/
y z aa ab ac ad ae af ag
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Vnd wie jhr alle heist. Der Götter Gott verleyhe
Daß also fort vnd fort ein Landt das andre freyhe/
Auff daß Europa baldt/ so jetzundt tag für tag
Zu Felde liegen muß/ die Stunde sehen mag
In der man Helm vnd Spieß in Pflüge wird verkehren/
In Pflüg’ vnd Ackerzeug/ der vns kan besser nehren
Dann wilder Haß vnnd Neidt/ darmit man gantz nichts thut
Alß das verloren wird gewissen/ Geldt vnd Blut.
Nun du/ du werthes Licht der Zeiten/ sey willkommen/
Es werde deine Zier vns weiter nicht benommen/
Die Landt vnd Leut’ erfrewt. dann daß Berg/ Waldt vnd Feldt/
Daß deß Geflügels heer sich also frölich stellt/
Daß durch sein singen Saat’ vnd Heiden heimlich werden/
Daß Breßlaw lustig ist/ die schöne Lust der Erden/
Der Städte Königin/ vnd mehret jhre Pracht/
Wird durch dein’ ankunfft mehr als durch die Zeit gemacht.

Martin Opitz

ah ai aj ak al

Fußnotenapparat

a In streng chronologischer Folge hätte dies Werk vor Nr. 75 erscheinen
sollen. Hrsg. hatte es schon als Teil von Sammlung C II aufgearbeitet und in
einer Anmerkung die Vermutung geäußert, es müsse als Einzeldruck er-
schienen sein, wovon sich aber kein Exemplar erhalten habe. Kurz vor der
Drucklegung dieses Bandes tauchte dann doch das Unikum des Einzeldruk-
kes auf. Hrsg. dankt den Herren G. Dünnhaupt und Imre George, Univer-
sity of Michigan in Ann Arbor, für den Hinweis. Der ungarischen National-
bibliothek gilt der Dank für eine zur Verfügung gestellte Ablichtung.
Für wertvolle Hilfe bei Identifizierung und Erklärung der geographischen
Namen dankt Hrsg. Herrn Joseph Breu vom Österreichischen Ost- und Süd-
ost-Institut, dem Herausgeber des Atlas der Donauländer, Wien 1970ff.
b am Rand: [A2a]
c C II 288 F II 9
d Überschrift: Auff Ihr. Fürst.
Durchlauch- | tigkeit/ Annen So-
phien/ Hertzo- | gin zu Braun-
schweig vnnd Lünen- | burg/ Zu-
rückkunfft auß Sieben- | bürgen. C.
... Fürstl. Durchl. ... F
e vnser C
f am Rand: [A2b]
g aufziehen = hinhalten
h sejd Dkf C
i Marosch: dt. Bezeichnung für ung. Maros; Bd. II, 93.
j Decebalus: Dacischer König und Feldherr im Verteidigungskrieg gegen
Trajan; siehe auch Opitz’ Anmerkung zu Zlatna 17, Bd. II, 92 f.
k Caschaw: Kosice in der östlichen ČSSR; Opitz hatte sich dort Ende Mai
1622 aufgehalten (Nr. 49).
l Jazyger: Iazyges, ein sarmatischer Stamm, der den Römern in Dacien
Schwierigkeiten machte; sie bewohnten die Ebene östlich der Theiss.
m Schmelnitz: mod. dt. Schmöllnitz, slwk. Smolnik, ung. Szomolnol, rech-
ter Nebenfluß der Göllnitz, ung. Gölnic (rechter Nebenfluß des Her-
nád). Im Tal der Sch. wurde Kupferbergbau betrieben. Die Verbindung
von Vulkan mit dem Wunderbrunnen, wie auch Dianas mit dem Bade,
Z. 48, ist Erfindung der Humanisten. Siehe Anm. zu Z. 48.
n am Rand: [A3a]
o seine] so viel F
p las’ Dkf C laß’ F
q Bodrog: Rechter Nebenfluß der Theiß, schon immer als fischreich ge-
rühmt.
r Nanasch: ung. Hajdúknánás, ca. 30 km südl. von Tokay. Noch heute
lebt die Hälfte der Bevölkerung von Landwirtschaft, wobei die Bewäs-
serung eine wichtige Rolle spielt.
s Waradein: dt. Großwardein, ung. Nagyvárad, rum. Oradea (Mare),
wurde 1598 von den Türken umkämpft; der kaiserliche Feldmarschall
Melchior von Reder (1555–1600) rettete Stadt und Festung. In und um
G. finden sich noch heute Thermalbäder.
t Diana wurde, wie Vulkan, in Dazien verehrt. Inschriften liefern den
Beweis, z. B. CIL III 1003, 1418 etc.
u Keresch: dt. u. ung. Körös, rum. Criş; der Fluß entsteht durch Vereini-
gung der Weißen und Schwarzen K. Sie nimmt als rechten Nebenfluß
die Schnelle K. auf.
v Die römische Gründung Napoca wurde später Klausenburg genannt,
rum. Cluj. In jüngster Zeit nennen die Rumänen den Ort Cluj-Napoca.
w Thorda: ung. Torda, dt. Thorenburg. Zwei km. vom Stadtkern befin-
det sich das sogenannte Salzbad, mehrere Teiche mit chlorhaltigem
Salzwasser.
x am Rand: [A3b]
y komme CF
z Sießburg C
aa Enjed: dt. Straßburg, früher auch Engeten, lat. Eniedinum, früher
ung. Eenyed, liegt zwischen Klausenburg und Weißenburg; reichliche
Inschriften- und Münzfunde.
ab Weißenburg: ung. Gyulafehérvár, rum. Bălgrad oder antikisierend
Alba Iulia; später dt. Karlsburg, ung. Károly-Fehérvár. W. war die
Residenzstadt Bethlen Gabors, wo Opitz sich 1622/23 aufgehalten
hatte.
ac Hermannstadt: ung. Nagyszeben, rum. Sibiu, war früher die malerisch
gelegene Hauptstadt des Komitats Szeben.
ad Kronstadt: ung. Brassó, rum. Braşov, eine von Matthias Corvinus ge-
gründete Stadt mit der damals bedeutendsten Bibliothek in Ungarn.
ae Silvanus: Hier das Eponym von Trans-Silvania. In römischen Zeiten
waren Diana und Silvanus hier gemeinsam verehrt worden: CIL III
3365, 4242 etc.
af 76 Broß/ etc.: dt. Broos (ung. Szászváros, rum. Orăştie), Stadt im Tal der
Maros, ostnordöstl. von dt. Eisenmarkt, Sitz eines Stuhlrich-
ters. Dt. Schäßburg (ung. Segesvár, rum. Sighişoara), Stadt an der
Großen Kokel, nordöstl. von Hermannstadt. Besterczin: dt. Bistritz
(ung. Beszterce, rum. Bistriţa), Stadt nordöstl. von Klausenburg.
Win(t)z, auch Winzendorf, Unterwinz (ung. Alvince, rum. Vinţu de
Jos), Gemeinde an der Maros, südwestl. von Karlsburg. Midwisch/
Mediasch (ung. Medgyes, rum. Mediaş), Stadt an der Großen Kokel,
nordöstl. von Hermannstadt. Millenbach/Mühlbach (ung. Szásze-
bes, rum. Sebes) Stadt südl. von Karlsburg.
ag Von diesen wohl willkürlich herausgegriffenen Ortschaften gehören
Mediasch, Schäßburg und Mühlbach zu den ursprünglich sieben Bur-
gen von Siebenbürgen. Winz wurde von Bethlen mit Widertäufern be-
siedelt.
ah Anspielung auf die im letz-
ten Absatz der Einleitung er-
wähnten Zustände und Absich-
ten
ai Pflüg C Pflug’ F
aj benommen = genommen, vor-
enthalten
ak heimlich: fröhlich, hell, heiter
(Nach Tscherning, Tt. Schreib-
u. Sprachkunst
, S. 41)
al Anspielung auf Jes. 2, 4.
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