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22. Sz 17 1618
.1 So offt ich bey mir selbst
.2 Namslere, si quid

In einem Rahmen (aus drei einfachen, nur unten gedoppelten Bor-
düren) von 159 × 108 mm innerer Größe der Titel: Orcheſtra Me-
lica | Ad Orgia Hymeneïa Boleslaviæ Sileſiorum | habenda ſolennia
| NOVIS SPONSIS | Dn. SEBASTIANO NAMSLERO | SCHO-
LÆ PATRIÆ COLLEGÆ, | & | URSULÆ WEIGELIÆ, |
VIRGINI LECTISSIMÆ, | Viri Prudentißimi & Integerrimi |
Dn. GEORGI WEIGELI, civis | apud HANNOVIENSES
p. m. primarI | relictae filiæ. | Ad XXVI. Februarij diem, Anni
MDCXVIII. | Proteleia amicorum ex- | hibentur. | [Zierleiste,
99 mm Muster des Rahmens mit Eicheln an den Enden] | GOR-
LICII | IohannIs RhaMbæ typI eXCVDebant.

4°: A–B. Exemplar: Breslau (4 E 515/3 =) 355 064

Die Abkürzung p. m. = post mortem; Proteleia = voraus-
gehendes Dankopfer.

Opitz’ Beiträge stehen auf Bl. A 4. Die bekannteren unter den
andern Gratulanten sind: der Görlitzer Pastor Gregorius Richter;
Georgius Coberus, Arzt in Bunzlau; Zacharias Schubert, amicus
et collega; die früheren Schüler B. G. Nüßler, LL. Studiosus;
Guilielmus Cothurnus, Friedl.; Johannes Preller; Martinus Wes-
selius
; und Elias Crüger, Gymn. Gor. alumnus. In diesem Kreise
war auch Opitz durchaus zu Hause. Der Bräutigam entstammt der
Bunzlauer Familie Namsler, deren bekanntestes Mitglied der
Ratsherr und Schulmann Elias N. war. Auch Sebastian N. war
Lehrer; 1619 war er Konrektor in Bunzlau. Wegen Anna N. siehe
Nr. 26.

Nach den Proben deutscher Gedichte im Aristarchus, kommt
dieser ersten größeren Dichtung Opitz’ besondere Bedeutung zu.
Die vielen Änderungen in der Sammlung A und später finden in
den Lesarten beredten Niederschlag. Rubensohn, der dies Gedicht
ausführlich bespricht (II, 68 und VI, 31–33), bemerkt u.a., daß
der Erstdruck noch keinen Apostroph enthält. Er vermutet, daß
dies »merkwürdige Zeichen« dem Görlitzer Drucker zu neu und
ungewohnt gewesen sei. Die in der Hochzeitsschrift in Antiqua

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gedruckten Eigennamen erscheinen später in Fraktur. Die an-
gehängten Jambi claudi wurden ebenfalls überarbeitet und er-
scheinen in erweiterter Form in Silvarum libri III. als .65.

[Prosa nur in X]

HAbes, mi Namslere, quod petisti: quanquam posses jubere.
Exigimus enim ab amicis jure, quod ab aliis precibus impetramus.
Vides ergo versus, tenues illos et inconcinnos, quales ab homine
curis distracto proficisci solent. Libuit autem mihi a more usitato
secedere et Teutonice loqui. Quoniam lingua nostra reliquas et
puritate aequat, et gravitate procul dubio vincit. Si quis est, qui
lepores hos ferre non potest, atroci stylo effodiat quicquid velit.
Non diffido, absque meis nugis fieri a te ac tua Sponsa posse, quod
a novis nuptis solet. Quis in bello tuba canit, interfecto tubicine?
Et tamen pugnatur. Vale cum ipsa et virum te praesta.

[.1]

SO offt ich bey mir selbst (wie ich denn zuthun pflege)
Der Liebe lauff vnd artt mit allem fleiß erwege/
Befind ich allezeit das jhre Tyranney/
Nur sey ein blosser Wahn vnd lauter Fantasey.
5 Venus das ist die zier der freundlichen Jungfrawen/
Damit sie prangen hrein auff artt der stoltzen Pfawen/
Damit sie vnser Hertz vnd Sinne nemen ein/
Dannher endlich entspringt die bitter süsse pein.
a b c d e f g h i
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Sie brechen sich herauß jhr trachten vnd jhr sinnen
10 Ist nur bloß vnd allein wie sie vns fangen können/
Der Kopf vor Schmuck sich beugt/ die Stirne gläntzt herfür/
Der Wein ist reiff vnd feil/ der Krantz henckt für der Thür.
Doch kan vns sonderlich der Augen glantz versehren/
Das wunder schöne Liecht thut vns so sehr bethören/
15 Die Augen sein die Straaß/ die Augen sein der Steg/
Dadurch in vnser Hertz Cupido trifft den Weg.
Gantz schön vnd meisterlich die schlimmen Damen wissen
Die runden Kügelein jetzt hin jetzt her zuschiessen.
Bald drucken sie sie zu/ baldt werffen sie sie auff/
20 Biß wir endlich eingehn den thewren Liebeskauff.
Da haben wir sie denn. Vnser Mannhafftes Hertze/
Vnser Weißheit vnd Kunst muß weichen solchem schertze.
Das Griechisch vnd Latein wird vns gar vnbekandt/
Für Plato nemen wir den Amadiß zur handt.
25 Das kan ein Weibesbildt. Mancher wil sich erhencken
Vor vnerhörter Brunst/ mancher wil sich ertrencken.
j k l m n o p q r s t u v w x y z aa
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Der thränen weite Bach aus beiden Augen quillt/
Voll seuffzen ist das Hertz. Das kan ein Weibesbildt.
O wie glückselig ist/ Herr Breutigam/ das leben
30 In das jhr euch jetzt wollt mit ewrem Lieb begeben.
Ihr liebet ohne furcht/ jhr liebet ohne Neidt/
Ihr seid von der Fortun gantz sicher vnd befreit.
Wir müssen mit gedult ziehen an Venus Wagen/
Vnd vns bey Tag vnd Nacht mit diesem leiden plagen/
35 Wir sehen angst vnd noth/ jhr sehet hülff vnd rhat/
Was bey vns hoffnung ist/ das wird bey euch die that.
Nu wol: gebrauchet euch der guten Zeit vnd Stunde/
Vnd heilet freundtlich zu die süsse Liebes Wunde/
Vnd thut einander das was man sonst zuthun pflegt/
40 Wenn man die Jungfrawschafft mit lust beseite legt.
Vnd jhr/ O Jungfraw Braut/ wollt euch nur gern ergeben/
Es ist doch nicht zum Todt/ es ist viel mehr zum leben.
Wir wollen williglich es lassen jetzt anstehn/
Biß es vns dermal eins auch wird so wol ergehn.
ab ac ad ae af ag ah ai aj ak al am an ao ap aq
[Seite 87]

[.2]
EJUSDEM IAMBI CLAUDI.

Namslere si quid discere ex inexperto
Tibi libido est, magnae opus moves molis:
Nanque in cribrum fundes aquam: quia uxori
Vir saepe dat suae nimis, satis nunquam.
ar as

[.2a]

QUo vis, Sebastiane? Quid Camoenarum
Dilecta multum castra perfidus linquis?
Quo te pedes, amice? Dure quo tendis?
Sed verba frustra cui semel iugo collum
5 Venus dolosa aptavit, ille nequicquam,
Quae iam subivit onera, ferre detrectat.
Si quam tamen fidem imputas inexperto,
Opus moves profecto molis ingentis,
Et ardui negotii: quia uxori
10 Vir saepe dat suae nimis, satis nunquam.

Fußnotenapparat

a A46 B 111 C I, 205 F II, 97
Überschrift: Auff Herrn (Herren
BC) Sebastian Namslers Hoch-
zeit.
b offt’ B→ zuthun dann A→
c mit] Dkf mir X Fleiß’ B→
d Befind’ B→
e lauter] blinde A→
f Die Venus ist AB(C) Ja Venus
ist F (C) der ... Jungfrawen/]
der wolgestalten Frawen; B→
g hrein] thun A Mit dieser pran-
gen sie auff B→
h Sinnen A Vnd nehmen vns
das Hertz’ vnd alle Sinnen
ein/ B→
i Darauß entspringen muß die
A→
j herauß jhr] herauß: Ihr A
hervor: Ihr B→ sich heraus-
brechen = sich vor andern
überheben
k nur bloß] eintzig A einig B→
wie] ob B→ künnen A
l vor ... beugt/] ist Schmuckes
voll/ B→ glantzt A
m henckt für] hengt vor A→
n Augenglantz A
o thut] pflegt B→ vns so sehr]
allesampt A alle zu bethören:
B→
p sein die] sind die B→ Straß’
B→ die Augen sein der Steg/]
vnd ein gerader Steg/ B→
q Durch welchen Amor weis
(weiß manche C, F) zu treffen
seinen Weg. B→
r schlimmen] arge A Was thun
die Augen nicht? wie meister-
lich doch wissen B→
s jetz hin jetz A Die Frawen
jhren Glantz bald hin bald her
zu schiessen: B→
t drucken] trucken A→ Bald
baldt] Jetzt jetzt B→
u Biß endtlich wir gemacht den A
So wird von vns gemacht der
thewre B→
v denn/ daß vnser standthafft A
dann: daß vnser großes B→
w Kunst/ Weißheit/ Lob vnd
Ehr/ muß A Kunst/ Weisheit/
Ehr’ vnd Lob muß B→
x Griechisch’ B→ wird vns gar]
das wird vns B→
y Für] Vor B→ zu Handt/ A
z Mancher ... erhencken] Bald
will sich der erhencken/ A
bald will sich der ertrencken
B→
aa mancher w. s. ertrencken.]
bald will sich der ertrencken/
A vnnd jener wil sich hencken.
B→
ab Die rohten Augen sind mit
Threnen gantz erfüllt/ B→
ac seufftzens ist die Brust: B→
ad Wie gut/ Herr Bräutigam/ ist
aber ewer Leben/ B→
ae Lieb’ ergeben/ B→
af liebet] buhlet B→ Forcht A
Furcht’ B→ in wahrer
Freundligkeit/ A→
ag der Fortun] Liebes Pein A
Liebesnoth gesichert vnnd B→
ah an Venuswagen ziehen/ A→
ai diesem leiden plagen/] jhrem
Joch bemühen/ A Vnd Tag
vnd Nacht fast vns an jhrem
Joche mühen: B→
aj Nun A→ wol gebrauchet (C)→
ak süsse] zarte A→ Liebeswunde.
B→
al Cupido hat gesandt den Hy-
men allbereit/ A→
am Daß er der Jungfrawschafft
soll geben das Geleit. A→
an Jungfraw] schöne A→
ao Tod’ B→ vielmehr B→
ap Wir aber lassen noch die süsse
(süssen B→) Wercke stehn/
A→
aq Biß es vns dermaleins B Biß
dermaleins es vns C→ so
wol wird auch ergehn. B→
ar Silvae 110 Überschrift AD SEB.
NAMSLERUM, | SPONSUM.
as Dort ist das Gedicht so verändert,
daß wir es vollständig bringen.
XML: http://diglib.hab.de/edoc/ed000257/Band_I/I_22.xml
XSLT: http://diglib.hab.de/edoc/ed000257/skripte/tei-transcript.xsl