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26. Sz 21 1618
Ihr vielgeliebtes Par

[Herrn Matthäi Ruttarti und Jungfrau Annä Namslerin Hoch-
zeitlieder, von zweyen gutten Freunden gestellet. Gedruckt zu
Görlitz, bey Johann Rhambau 1618.

4°: 1 Bogen.]

Von diesem Einzeldruck berichtet Lindner II, 5; ein Exemplar
ist bisher nicht aufgefunden worden. Opitz’ Beitrag wurde jedoch
auf S. 42/43 der Sammlung A (1624) wieder abgedruckt und dieser
Text muß uns als Druckvorlage dienen. Der Beitrag des zweiten
Freundes, Kaspar Kirchners, befindet sich im Anhang zu Samm-
lung A auf S. 186–189 und war ursprünglich mit dem Pseudonym
Desiderius Liebethal unterzeichnet; siehe hierzu Rubensohn II,
69, Anm. und unsere Nr. 34, Einleitung.

Das Datum der Hochzeit war der 11. Juli; Anna Namsler war
die Tochter des Bunzlauer Schulmannes Elias Namsler; siehe
Nr. 25. Matthias Ruttart (Ruthart, Ruttert), geboren im Jahre
1593, war Pastor in Tillendorf, einem der fünf Bunzlauer ›Stadt-
dörfer‹; er wurde 1629 »militari manu« vertrieben und starb 1642
als Pastor in Lüben; Rubensohn II, 68. Er schrieb auch Gelegen-
heitsgedichte; siehe Nr. 11, Einleitung. Weitere Einzelheiten bei
Höpfner, ›Straßburg und Martin Opitz‹, in der Zacher-Fest-
schrift Beiträge zur deutschen Philologie, 1880, S. 299f. und in des-
selben ›Amadis nicht Bienenkorb‹, Zeitschrift für deutsche Philo-
logie
VIII (1877), 469.

In diesem Gedicht übersetzt Opitz des Daniel Heinsius’ ›Aen de
Ionckvrouwen van Hollandt‹, Nederduytsche Poemata, 1616 S. 54,
stellenweise sogar sehr genau. Rubensohn II, 69–73 bespricht un-
ser Gedicht ausführlich: die teilweise Benutzung der Vorlage ver-
rate zwar Unselbständigkeit aber keineswegs Urteilslosigkeit.
Die Schöne der Zeile 13f. ist nach Rubensohn VI, 58, Anm. 1 Ro-
sina Cüchler
gewesen. Siehe auch die Einleitung zu Nr. 28 und zu
.2 der Sammlung A.

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Auff Herren Matthei Ruttarti/ vnd Jungfraw
Annæ Namßlerin Hochzeit.

IHr vielgeliebtes Par/ die jhr die enge Strassen
Der alten Ewigkeit solt gehen/ vnd verlassen
Das jenige so euch nicht widerkommen kan/
Vnd ewrer Jungfrawschafft den letzten Todt thut an:
5 Ihr vielgeliebtes Par/ jhr heute noch Jungfrawen:
Die jhr euch nach euch selbst werdt morgen früh
vmbschawen:

Die jhr einander solt dasselbe stellen ein/
Davon ein jeglichs doch behalten wirdt das sein.
Ihr vielgeliebtes Par/ bitt wollet mir verzeihen/
10 Daß ich (wie gern’ ich will vnd soll) nicht kan einweihen
Ewer unmüssig Fest mit Römischem Gedicht.
Apollo zürnt mit mir/ will mich mehr kennen nicht.
Entschuldiget mich euch: Ich schwere bey der Schönen/
Der Schönen/ von der ich mein Leben muß entlehnen/
15 Die mich führt im Triumph/ die mir nimpt meinen
Geist/

Vnd jhn/ wenn’s jhr geliebt/ auch widerkommen
heißt.

Ich schwere bey dem Liecht das sie lest freundlich blicken
Von jhrer Augen Sonn’/ vnd mich mir selbst entzücken/
Daß Venus zu mir kam (es ist noch nicht ein Jahr)
20 Am schönen Wasserberg mit jhrer gantzen Schar.
Sie bat/ ich wolt’ jhr Kindt lassen bey mir einkehren/
Vnd es die Teutsche Sprach/ so gut ich’s wiste/ lehren:
Ich gab jhr guten Trost/ sie gab mir jhren Sohn:
Sie hofft’ auff meinen fleiß/ ich hofft auff trewen Lohn.
25 So kompt zwar vnverhofft der Knab’ in eyl geflogen/
Alsbald er aber nur bey dir ist eingezogen/
Legt er die Flügel ab/ dein Essen nicht begert/
Thut wie er wer zu Hauß/ macht Fewer auff den Herdt.
a b c d
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Du must gedultiglich deß Gastes nur gewohnen:
30 Wiewol er seinen Wirth thut zimlich schlecht belohnen:
Das Hertze zündt er an/ die Augen macht er blindt:
Man findt nicht die man sucht/ man sucht nicht die man
findt.

Ist das der Danck? Ich ließ an mir nichts nicht erwinden/
In kurtzer zeit kondt’ er sich in die Sprache finden/
35 Letzlich vor meine Müh er sich selbst in mich drang/
Vnd nam mir mein Gemüth vnd Sinn. Ist das der
Danck?

O Pein/ O süsse Pein/ O Leyden ohne Frewden/
O Fewer ohne Brandt/ O Frewden ohne Leiden/
Das liebliche Gespenst so man allhier zu Landt
40 Jungfraw zutäuffen pflegt ward mir durch jhn bekandt.
Wie offt’ hab’ ich gewündscht/ daß mich der Sonnen Wagen/
Vmb das gläserne Feld deß Himmels möchte tragen:
Wie würd’ ich halten offt’ auch mitten in der Flucht/
Daß ich den schönen Glantz an jhr beschawen mocht.
45 Wie offt’ hab’ ich gewündscht/ daß ich doch werden solte
Ein Bien’/ ein kleine Bien/ vnd lesen wenn ich wolte
Auß jhrem rothen Mundt den honigsüssen Thaw/
Deßgleichen man nicht findt in der Welt grossen Aw.
So würd mein Seel’ in jhr’/ jhr Seel’ in meine kommen/
50 So würde mir mein Schmertz durch jhren schertz benommen/
So würde mir die Pfort des Lebens auffgemacht/
So wer mir die Nacht Tag/ so wer mir der Tag Nacht.
So würd’ ich frewdiglich mit lebendem Todt sterben/
So würd’ ich in der Welt den Himmel noch ererben:
55 Den Todt den ich mir wündsch/ den Himmel den ich
mein’/

Ist in der Liebsten Schoß gar sanffte schlaffen ein:
Das ist der Todt/ den ich will lieber als das Leben/
Das ist des Himmels Schloß darinnen ich will schweben/
Darein Cupido selbst wirdt tragen meinen Geist/
60 Das ist der Götter Landt da jhr Tranck innen fleußt.
e f
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Das ist der reiche grundt drein Jupiter gesencket
Des Goldes Regenbach/ dabey die Venus träncket
Die zarten Täubelein/ darin der Nymphen Chor
Sich badet/ ja das ist der Lust vnd frewden Thor.
65 Diß alles sollet jhr/ Herr Breutigam/ erlangen/
Diß alles werdet jhr euch müssen vnterfangen
Hertzliebe Jungfraw Braut/ in ewrer Armen Bandt
Werdet jhr nemen ein/ der wahren Liebe Pfandt/
Den Zoll/ den thewren Zoll den man muß Venus geben/
70 So fern man trachten will dem Tode nach dem Leben.
Geht/ geht Herr Breutigam/ geht Jungfraw Braut/
geht an:

Heut Jungfraw/ morgen Weib: heut Breutgam/
morgen Mann.


Fußnotenapparat

a X verloren A42 Sonst nicht wieder
abgedruckt
b einstellen = zustellen
c Opitz hatte jedoch sieben lat.
Distichen verfaßt; siehe Nr.
25.
d am schönen Wasserberg: Bella-
quimontium; siehe Einleitung
zu Nr. 13.
e gewohnen = sich gewöhnen
f findt nicht] Aus find nicht ge-
ändert
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