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                <title>Wandel von Zukunftsmodellierungen im <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl></title>
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                    <name type="person">
                        <forename>Benjamin</forename>
                        <surname>Bühler</surname>
                    </name>
                </author>
            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>Elektronische Ausgabe nach TEI P5</edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <idno type="werk-ID">ebooks/ed000078</idno>
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                    <name type="org">Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel</name>
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                        <street>Lessingplatz 1</street>
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                <date>2011</date>
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                    <p> Available at <ref target="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000078/start.htm "> (c) Herzog August
                            Bibliothek Wolfenbüttel</ref>
                    </p>
                </availability>
            </publicationStmt>
            <notesStmt>
                <note type="register">
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            </notesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>digital source</p>
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        </fileDesc>
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            <projectDesc>
                <p>Erstellt im Projekt <ref target="http://www.theatra.de">Welt und Wissen auf der Bühne. Die
                        Theatrum-Literatur der Frühen Neuzeit</ref></p>
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            <div type="section">
                <head>Einleitung</head>
                <p>Das <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> ist nicht eine Chronik in dem Sinne, dass alleine
                    die bloße Folge von voneinander isolierten Ereignissen berichtet wird. Vielmehr tritt, vor allem in
                    den ersten Bänden, ein Kommentator auf, der seine Meinung kundgibt, Ereignisse aufeinander bezieht
                    und in einen regelhaften Zusammenhang bringt, weshalb er auch immer wieder Rückwendungen und
                    Vorausdeutungen geben kann: Die Einbeziehung der zeitlichen Dimension sowie die Einführung einer
                    vermittelnden Instanz, des Chronisten, macht das <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> zu
                    einem narrativen Text. Diesem narrativen Charakter soll im Folgenden anhand der
                    Zukunftsmodellierungen und ihrem Wandel nachgegangen werden.</p>
                <p>Von den ersten Bänden an spielen sowohl Wunderzeichen als auch die politische Prognostik eine
                    zentrale Rolle, wobei erstere nach und nach zurücktritt bzw. an die Peripherie gedrängt wird. Die
                    politische Prognostik wiederum findet sich im <bibl><title>Theatrum</title></bibl> geradezu auf
                    jeder Seite, ob es um die Planung einer Schlacht oder mögliche Strategien vor einer Verhandlung
                    geht, ob der kommende Verlauf des Kriegsgeschehens oder die Aussichten auf einen zukünftigen Frieden
                    diskutiert werden. Zukunftswissen ist in diesen Fällen vor allem ein ungewisses und somit unsicheres
                    Wissen: Es eröffnet sich ein Raum von Möglichkeiten, in dem verschiedene Handlungsoptionen
                    durchgespielt werden können, zugleich wirken sich die Zukunftsszenarien auf die konkreten
                    Entscheidungen aus.</p>
                <p>Im Zentrum der folgenden Ausführungen steht jedoch die Frage, wie die Chronik selbst mit
                    Zukunftsmodellen operiert. Wesentlich sind hierfür zum einen in der Gegenwart zu beobachtende
                    Zeichen, also etwa Prodigien, welche auf die Zukunft voraus verweisen, zum anderen verfügt der
                    Chronist wie ein Erzähler über Zukunftswissen: Da der Zeitpunkt seines Berichtens nach den
                    Ereignissen liegt, kann er nachträglich Voraussagen geben, bestätigen oder verwerfen, weshalb man
                    hier von einer fingierten Prognostik sprechen kann. Fassen lässt sich diese mit den
                    Erzähltheoretikern Martinez und Scheffel, die den Begriff einer <quote>doppelten Zeitperspektive des
                        Erzählens</quote> einführen (<bibl><ref target="#martinez_scheffel_erzähltheorie_2000"
                            type="bibliography">Martinez/Scheffel</ref></bibl>, S. 119-123; zur Narratologie von
                    Zukunftsaussagen generell <bibl><ref target="#lämmert_bauformen_1955" type="bibliography"
                            >Lämmert</ref></bibl>; <bibl><ref target="#weinrich_tempus_1964" type="bibliography"
                            >Weinrich</ref></bibl>; <bibl><ref target="#genette_erzählung_1994" type="bibliography"
                            >Genette</ref></bibl>). Gemeint sind damit die lebensweltlich-praktische bzw. die
                    Agenten-Perspektive, die ein Geschehen als gegenwärtig aufnehme, und die analytisch-retrospektive
                    bzw. Erzähler-Perspektive, welche dieselben Ereignisse als vergangen betrachte. Indem demnach in
                    einem zeitlichen Abstand rückblickend von Ereignissen berichtet wird, enthält eine Erzählung immer
                    schon einen Zukunftsbezug. Erzähler und Leser blicken in die Vergangenheit, während die berichteten
                    Ereignisse auf die Zukunft bezogen sind. Allein aufgrund dieser zeitlichen Struktur werde das
                    Erzählen des Anfangs und Endes, Aufstiegs und Niedergangs usw. möglich. Mit diesen Überlegungen ist
                    nicht nur ein narratologischer Ansatz für die Lektüre des <bibl><title>Theatrum</title></bibl>
                    gewonnen (aus einer etwas anderen Perspektive widmet sich Peter Heßelmanns <quote><ref
                        type="wdb"
                        target="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000072/start.htm">Zur Theorie der ‚historia‘ in den
                        Paratexten des <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl></ref></quote>
                    der Rolle des Erzählens im <bibl><title>Theatrum
                        Europaeum</title></bibl>), darüber hinaus zeigt sich gerade in den Zukunftsbezügen die politische Dimension der
                    Chronik.</p>
                <p>Im ersten Teil soll an zwei Beispielen aus dem ersten und zweiten Band gezeigt werden, wie
                    Vorhersagen in den Text der Chronik eingebettet sind. Danach gehe ich anhand eines Vergleichs von
                    zwei Ausgaben des vierten Bandes auf die Semiotik des Vorzeichens ein, und abschließend darauf, wie
                    sich das <bibl><title>Theatrum</title></bibl> an kommende Generationen wendet. </p>
            </div>
            <div type="section">
                <head>Nachträgliches Zukunftswissen</head>
                <p>Wie Zukunftszeichen erzählerisch eingesetzt werden, zeigt sich zu Beginn des ersten Bandes des
                            <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl>, wenn <rs type="author"
                        ref="#abelin_johann_philipp">Abelinus</rs> den Zweck des Unternehmens folgendermaßen angibt: Da
                    der Krieg und die Verwüstungen wohl nicht enden würden, habe er es als nützlich und notwendig
                    angesehen, <quote>unserer werthen liben Posteritaet zur Gedaechtnus/ Erinnerung und Vermahnung/ den
                        Verlauff unserer Welt-Actionen/ beschreiben zu lassen/ daraus zu ersehen/ warumben wir sie
                        angefangen/ wie wir sie gefuehrt/ auch ohngefehr zu wissen/ aus was für Ursachen/ und
                        vermittelst welcher Occasionen/ wir Land und Leut so jaemmerlich verderbet/ verwüstet/ ruiniret
                        und devastiret haben</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, <ref
                        target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0018-5">S. 1</ref>). Die lange
                    Dauer des Krieges und die ungewisse Zukunft des Friedens fungiert demnach als ein Grund für das
                    Schreiben der Chronik. Gestützt wird diese Begründung, und zwar in der Ausgabe von 1662, durch das
                    Erscheinen eines Cometen im Oktober des Jahres 1618, den Gott als Zeichen unter das Firmament
                    gesetzt habe, um zu zeigen wie er <quote>unsere Consilia/ Lehren/ Leben und Actiones nunmehr
                        züchtigen wolle</quote>. Gott habe dieses Zeichen mit sonderbarer Bewegung begabt, auf das
                        <quote>wir ja seine Wirckung den Goettlichen Rath und Willen daraus erkennen lernen
                        solten</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, <ref
                        target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0019-3">S. 2</ref>).</p>
                <p>Der Komet fungiert als ein Vorzeichen, das die Fortdauer des Krieges anzeigt. Diese Fortdauer ist
                    dann selbst wieder ein Grund dafür, die Chronik überhaupt zu schreiben – und zwar gerade für die
                    nachkommenden Generationen. Mit diesem Anfang unterscheidet sich die Ausgabe von 1662 von derjenigen
                    aus dem Jahr 1635, welche mit einer ausführlichen Beschreibung der Landschaft und Geschichte Böhmens
                    beginnt. In der späteren Ausgabe dagegen leistet die Verbindung der Beobachtung des Kometen mit der
                    Adressierung zukünftiger Generationen einen regelrechten Erzähl-Auftakt. Möglich wird dies durch den
                    zeitlichen Abstand: Nachträglich, im Jahr 1662, ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der
                    Komet tatsächlich ein Vorzeichen für die Dauer des Krieges war.</p>
                <p>Bevor der Text am Ende des Berichtsjahres 1618 auf den Kometen zurückkommt, ist ein Bericht
                    eingeschaltet, bei dem ebenfalls eine Prophezeiung eine wichtige Rolle spielt: Nämlich der
                    Bergsturz, der die Ortschaft Plurs auslöschte (TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, S. <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0124-3">97-99</ref>; siehe dazu
                    den Beitrag von Jörn Münkner: <quote><ref target="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000075/start.htm"
                            >Sensationeller Abgang: Bergsturz-Inszenierungen im <bibl><title>Theatrum
                                Europaeum</title></bibl> und in der Bildpublizistik</ref></quote>). Für den vorliegenden
                    Zusammenhang ist relevant, dass die Pluerer von benachbarten Bauern gewarnt worden waren, diese aber
                    verlachten und als <quote>falsche Propheten</quote> bezeichneten. Die Bauern aber waren überhaupt
                    keine <quote>Propheten</quote>: Sie hatten einfach gesehen, wie starker Regen das Erdreich zum
                    Rutschen brachte, und sie haben sich an einen Erdrutsch erinnert, der sich 10 Jahre zuvor ereignet
                    hatte. Am Tag danach löschte der <quote>Bergfall</quote> die gesamte Ortschaft aus (alle Zitate: TE,
                    3. Aufl., Bd. 1, 1662, <ref target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0122-1"
                        >S. 97</ref>). Es handelt sich demnach um einen anderen Typ der Vorhersage, der sich aus der
                    Naturbeobachtung heraus ableiten lässt. Am Ende des Berichtes aber wird auch diese Vorhersage wieder
                    religiös eingeholt, wenn von dem Fund eines Steines die Rede ist, in den in hebräischer Schrift
                    eingeschrieben ist, dass die Strafe des Herrn kommen werde, und er ihnen ihre Bosheit, gemeint sind
                    die Babylonier, vergelten werde. Für den narrativen Zusammenhang des ersten Berichtsjahres ist diese
                    Geschichte insofern wichtig, als mit ihr der Glaubwürdigkeit des warnenden Charakters des Kometen
                    Evidenz verliehen wird: Vorzeichen und Warnungen sind demzufolge nicht leeres Gerede. Möglich aber
                    wird diese Beglaubigungsstrategie zuallererst durch den retrospektiven Blick des Chronisten.</p>
                <p><figure>
                        <head>Abb. 1</head>
                        <graphic url="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000078/images/buehler_1.jpg"/>
                        <figDesc><ref target="http://media.bibliothek.uni-augsburg.de/node?id=38619"
                                >Der Komet aus dem Jahr 1618</ref>, aus: TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662,
                                <ref
                                target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0126-4"
                                >S. 101</ref>.</figDesc>
                    </figure>Nachdem solchermaßen die Glaubwürdigkeit der von dem Chronisten autorisierten
                    Zukunftsaussagen sichergestellt wurde, kommt der Text auf den Kometen zurück
                            (<bibl><ref type="bibliography" target="#abb_1">Abb. 1</ref></bibl>). In ganz Europa habe man den Kometen mit dem langen brennenden Schweif
                    gesehen. Und auch wenn die Deutungen der Astrologen unterschiedlich ausfielen,
                    einig seien sich alle darin, dass es ein göttliches Zeichen gewesen sei: Diese
                        <quote>schroeckliche Fackel hat der Allmaechtige Gott für einen Bußprediger
                        an die hohe Canzel des Himmels gestellet/ damit die Menschen sehen moechten/
                        wie er sie wege der Suend zustraffen/ und seine Zorn-Ruthen über sie ergehen
                        zulassen beschlossen</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0125-9">S.
                        100</ref>). Rückblickend bestätigt der Chronist diese Vorhersage nochmals:
                        <quote>Unnd ist einmahl dieser Comet ein rechter Vorbott gewesen der
                        kuenfftigen Straffen Gottes/ mit welchen wir heimgesucht und gezuechtiget
                        werden sollen</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0126-4">S.
                        101</ref>).</p>
                <p>Es folgen dann zwar noch Ausführungen zu Feuersbrünsten im Jahr 1618, gleichwohl rahmt der Bericht
                    über den Kometen dieses Jahr ein: Mit dem Vorzeichen beginnt und endet der Bericht des Jahres 1618.
                    Wie sich hier zeigt, sind Zukunftsmodellierungen keineswegs nur Teil der berichteten Ereignisse bzw.
                    Vorzeichen werden nicht nur schlicht <hi rend="italics">erwähnt</hi>: Im ersten Berichtsjahr
                    fungiert das Vorzeichen des Kometen vielmehr als wichtiges Element einer narrativen Anordnung, in
                    der die nachträglich bestätigte Antizipation mehrere Funktionen erfüllt: Die Ausführungen zum
                    Kometen als Vorzeichen legitimieren den Zweck der Chronik, leisten einen Erzählauftakt,
                    strukturieren den Bericht und führen nicht zuletzt sie vor, wer überhaupt dazu autorisiert ist, über
                    die Zukunft zu sprechen: Nämlich der Chronist, der sich zum einen auf autorisierte Wissensformen wie
                    die Astrologie stützt und zum anderen Zukunftsaussagen durch eine sich aus seiner nachträglichen
                    Position ergebenden Kompetenz begründet.</p>
                <p>Ein ebenfalls gutes Beispiel für die Rolle des nachträglich bestätigten Zukunftswissens liefert die
                    Darstellung des schwedischen Königs <rs type="person" ref="#adolf_gustab">Gustav Adolf</rs>.
                    Seine Ankunft sei schon lange vorher angekündigt worden (TE, 3. Aufl., Bd. 2, 1646, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000237-0252-9">S. 226f.</ref>), und
                    als er schließlich auf der Insel Usedom landete, erschien er als <quote>Löwe der
                    Mitternacht</quote>, der von Sieg zu Sieg voranschreitet, wie das Flugblatt <quote>Der
                        Mitternächtische Lewe/ welcher in vollen Lauff</quote> (1631/32) eindrücklich zeigt: Gustav
                    Adolf verjagt als Löwe sowohl <rs type="person" ref="#kaiser_ferdinand_II">Kaiser Ferdinand II.</rs>
                    (Adler) als auch <rs type="person" ref="#bayern_maximilian_von">Maximilian von Bayern</rs> (Bär)
                            (<bibl><ref target="#harms_sammlung_1980" type="bibliography">Harms</ref></bibl>, Nr. 237).
                    Das Flugblatt ist hierbei nur eines von vielen, zumal die strategisch betriebene Produktion von
                    Flugblättern und -schriften durch Schweden einen medialen Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg
                    markiert (z.B. <bibl><ref target="#harms_schilling_flugblatt_2008" type="bibliography"
                            >Harms/Schilling</ref></bibl>; <bibl><ref target="#tschopp_heilsgeschichte_1991"
                            type="bibliography">Tschopp</ref></bibl>). Dem Zukunftswissen kommt im <bibl><title>Theatrum
                            Europaeum</title></bibl> vor allem in der Beschreibung von Gustav Adolfs Tod eine zentrale
                    Bedeutung zu (TE, 3. Aufl., Bd. 2, 1646, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000237-0812-0">S. 748f.</ref>). Seine
                    Tötung, die Suche nach seiner Leiche, deren Auffinden sowie Abtransportieren erfahren eine
                    ausführliche Schilderung, was keineswegs selbstverständlich ist, denn vom Tod eines <rs
                        type="person" ref="#mansfeld_peter_ernst_II_von">Mansfeld</rs> oder <rs type="person"
                        ref="#tilly_johann_tserclaes">Tilly</rs> berichtet das <bibl><title>Theatrum
                        Europaeum</title></bibl> nur kurz und sachlich. Auch mit Blick auf eine andere Gattungsform wie
                    das Kriegsbuch wird deutlich, dass es nicht unbedingt nötig gewesen wäre, die Gestalt des
                    schwedischen Königs derart in den Vordergrund zu rücken: Zum Beispiel widmete sich <rs type="author"
                        ref="#dillich_wilhelm">Wilhelm Dillich</rs> in seiner Schrift
                            <bibl><title>Krieges-Schule</title></bibl> (1689) ebenfalls der Schlacht bei Lützen,
                    erläuterte ausführlich die Schlachtordnung und den Verlauf der Schlacht, die Verzögerung des Beginns
                    durch Nebel, die jeweiligen Angriffe am linken und rechten Flügel, die Aufstellung der Geschütze
                    sowie die Ankunft Pappenheims. Den Tod Gustav Adolfs erwähnt er aber nur in einem Nebensatz
                            (<bibl><ref target="#dillich_kriegesschule_1689" type="bibliography">Dillich</ref></bibl>,
                    S. 318-320).</p>
                <p>Die Stilisierung Gustav Adolfs im <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl>, die von dessen
                    protestantischer Ausrichtung herrührt, ist hierbei vor allem von Interesse aufgrund der
                    erzählerischen Umsetzung des Zukunftswissens, also der Vorhersage seines Todes. Denn hier wird
                    Gustav Adolf zum tragischen Helden, welcher selbst noch seinen Tod überdauert, wie auch das
                    Flugblatt <quote>Der Schwede lebet noch</quote> veranschaulicht (<bibl><ref
                            target="#harms_sammlung_1980" type="bibliography">Harms</ref></bibl>, Nr. 305). Schon Tage
                    vor der Schlacht habe der König seinem Hofprediger gegenüber Todesahnungen geäußert: Überall wo er
                    hinkomme, empfingen ihn die Menschen mit großem <quote>Frohlocken</quote>, darüber aber vergesse das
                    Volk das Gebet. Er ahne, dass Gott daher seiner Armee bald ein Unglück begegnen lassen werde oder
                    ihn selbst durch den zeitlichen Tod hinwegnehmen dürfte (TE, 3. Aufl., Bd. 2, 1646, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000237-0814-2">S. 750</ref>). Wie der
                    Chronist weiter zu berichten weiß, hätten auch Vorzeichen das Unglück angekündigt. Der König habe
                    sein Leib- und Hand-Ross verloren, und am Morgen der Schlacht sei sein Pferd mehrmals eingeknickt,
                    was es zuvor nie getan habe.</p>
                <p>Wichtiger jedoch als diese Vorzeichen ist in dem erzählten Zusammenhang, dass die Todes-Ahnungen
                    Gustav Adolf nicht davon abhalten, an vorderster Front zu kämpfen, im Gegenteil: Er nimmt eine
                    angebliche Schuld (überall, wo er hin komme, werde er mit großer Freude empfangen, darüber vergesse
                    das Volk aber das Gebet und vertraue auf Menschen mehr als auf Gottes Hilfe, TE, 3. Aufl., Bd. 2,
                    1646, <ref target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000237-0814-2">S. 750</ref>)
                    auf sich und zieht in die Schlacht. Die Dramatik des Todes des größten protestantischen
                    Hoffnungsträgers entwickelt sich somit aus dem Wechselspiel der prophetischen Zeichen mit dem
                    Eintreffen der Vorhersagen, was, bildlich unterstützt (<bibl><ref
                            target="#scholz_williams_formen_2006" type="bibliography">Scholz-Williams</ref></bibl>), aus
                    Gustav Adolf einen tragischen Helden bzw. Märtyrer macht. Dass die Zukunftsbezogenheit des Erzählten
                    gerade bei diesen beiden Passagen eine wichtige Rolle spielt, verwundert nicht: Der Komet, auf den
                    im <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> immer wieder Bezug genommen wird, markiert den
                    Beginn und die Dauer des Krieges, der Tod Gustav Adolfs eine wichtige Wende im Krieg. Um diese
                    Ereignisse hervorzuheben, werden sie mit erzählerischen Mitteln dramatisiert und durch das
                    Verhältnis von Zukunftswissen bzw. Zukunftsahnungen und Ereignissen strukturiert. Gleichwohl lässt
                    sich festhalten, dass in den späteren Bänden solche Kopplungen nicht mehr stattfinden: Kometen
                    rücken zunehmend an die Peripherie und markieren Ereignisse, die auf natürlichen Ursachen
                    zurückzuführen sind und einen gewissen Unterhaltungswert bieten. Auch in der Darstellung des
                    Herrscher-Todes verschiebt sich der Akzent der Erzählung: Im Bericht über den Tod Kaiser Ferdinands
                    im achten Band von 1698 ist die Rede von einem <quote>unvermuteten Todesfall</quote>. Vorzeichen
                    spielen dabei nur eine Nebenrolle. Erwähnt wird eine Feuersbrunst in der Stadt, außerdem habe man
                    zwei tote Adler gefunden, und ein dritter Adler habe kurz vor seinem Tod noch ein Ei gelegt. Doch
                    als sich diese <quote>Vorzeichen</quote> ereignen, liegt der Kaiser bereits im Sterben: Sie sind
                    damit nur das Dekor, das sein Sterben begleitet (TE, 2. Aufl. Bd. 8, 1693, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000243-0009-6">S. 1ff.</ref>). Und als
                    über den Tod <rs type="person" ref="#kaiser_leopold_I">Leopold I.</rs> im 17. Band berichtet wird,
                    richtet sich das Augenmerk auf die Vorgänge im Sterbezimmer, das solchermaßen zur Bühne seines
                    Sterbens wird: Berichtet werden verordnete Heilmittel, der Abschied des Kaisers von Angehörigen,
                    seine Beichte und letzte Ölung sowie seine letzten Worte, wie auch die folgenden Verrichtungen nach
                    seinem Tod. Weitere <quote>Bühnenorte</quote> sind die Ritter-Stube, in der der Leichnam <quote>zur
                        Schau</quote> gestellt wird, die Kapelle, in der die Bestattung von Herz und Zunge stattfindet,
                    die Trauerprozession sowie die Kirche, in der der Leichnam beigesetzt wird (TE, 1. Auf., Bd. 17,
                    1718 (Berichtsjahr 1705), <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000252-0439-6">S. 69ff.</ref>).</p>
                <p>Erzählt wird demnach auch hier. Allerdings verändern sich die Erzählformen – und das nicht nur, weil
                    es sich hier nicht um protestantische Könige, sondern um katholische Kaiser, die in ihrem eigenen
                    Bett sterben, handelt. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr darin, dass Vorhersagen und
                    Ahnungen keine vorrangige Rolle spielen, dafür richtet sich das Interesse auf die Zeremonien, die in
                    aller Ausführlichkeit geschildert werden. An dieser Verschiebung in der Repräsentationsform zeigt
                    sich auch eine politische Dimension: Mit dem Philosophen Claude Lefort lässt sich unter <quote>dem
                        Politischen</quote> das In-Form-Setzen des menschlichen Miteinanderseins verstehen, das sich
                    vermittelt durch <quote>zahllose Zeichen</quote> vollzieht, mit denen eine Gesellschaft sich eine
                        <quote>quasi-Repräsentation</quote> ihrer selbst gibt (<bibl><ref
                            target="#lefort_fortdauer_1999" type="bibliography">Lefort</ref></bibl>, S. 37-39). Die
                    Verschiebung von futurischen zu zeremoniellen Zeichensystemen, auf die es hier ankommt, zeigt damit
                    auch den Wandel der politischen Repräsentation im <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> an:
                    Die Konstituierung souveräner Macht in Bild und Text (<bibl><ref target="#marin_portrait_1981"
                            type="bibliography">Marin</ref></bibl>) repräsentiert sich nicht mehr in Zukunftsaussagen,
                    die auf die Dauer des Krieges bzw. den ausbleibenden Frieden ausgerichtet sind, sondern offenbart
                    ein zeremonielles Narrativ, in dem es alleine um die Repräsentation der Macht geht. </p>
            </div>
            <div type="section">
                <head>Semiotik des Vorzeichens</head>
                <p>Ereignisse wie die Geburt von Monstren, Blutregen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Hagelschäden oder
                    vorbeifliegende Kometen galten in den ersten Bänden des <bibl><title>Theatrum
                        Europaeum</title></bibl> auf der einen Seite als natürliche Ereignisse, auf der anderen Seite
                    hatten sie aber auch den Status von Zeichen der Zukunft (exemplarisch seien aus der
                    Forschungsliteratur genannt: <bibl><ref target="#schenda_progidiensammlungen_1961"
                            type="bibliography">Schenda</ref></bibl>; <bibl><ref target="#barnes_prophecy_1988"
                            type="bibliography">Barnes</ref></bibl>; <bibl><ref target="#soergel_wahrnehmungen_1999"
                            type="bibliography">Soergel</ref></bibl>; <bibl><ref
                            target="#krusenstjern_prodigienglaube_1999" type="bibliography">Krusenstjern</ref></bibl>;
                            <bibl><ref target="#ewinkel_monstris_1995" type="bibliography">Ewinkel</ref></bibl>;
                            <bibl><ref target="#daston_park_wunder_2002" type="bibliography">Park/Daston</ref></bibl>).
                    Wie diese Ereignisse Zukunftswissen verkörpern und welche Wissensformen dafür relevant sind, möchte
                    ich im Folgenden anhand eines Vergleichs der Schilderung eines Erdbebens und der Erscheinung dreier
                    Sonnen in zwei Fassungen des vierten Bandes verfolgen: Die erste Ausgabe mit einem Umfang von 978
                    Seiten erschien im Jahr <ref target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm"
                        >1643</ref>, die dritte mit einem Umfang von 904 Seiten im Jahr <ref
                        target="http://www.bibliothek.uni-augsburg.de/dda/urn/urn_uba000200-uba000399/uba000239/"
                        >1692</ref>.</p>
                <p>Die Fassung von 1643 berichtet in aller Ausführlichkeit von einem Erdbeben in den Niederlanden sowie
                    von Zeichen, die das Erdbeben begleiteten, wie ein blutroter Mond oder Feuerflammen in der Luft, die
                    wie ein Drache ausgesehen hätten. Wiedergeben wird auch der Brief eines Syndicus über die Ursachen
                    des Erdbebens, welcher unter Rekurs auf eine ganze Reihe von Schriften, wie <rs type="author"
                        ref="#seneca">Senecas</rs>
                    <bibl><title>Questiones Naturales</title></bibl> oder <rs type="author" ref="#palingenius"
                        >Palingenius</rs>‘ <bibl><title>Zodiacus vitae</title></bibl> zum einen mögliche natürliche Erklärungen des Erdbebens
                    gibt und erwähnt, dass Zeichen das Erdbeben angekündigt hätten. Zum anderen sei das Erdbeben selbst
                    ein Vorzeichen – und zwar in einem doppelten Sinn: Nach Erdbeben komme es häufig, wie Naturkundige
                    beobachteten, zu großen Tier- und Viehsterben. Der Grund liege in aufsteigender fauler und
                    vergifteter Feuchtigkeit, die die Luft verunreinige. Diesem natürlichen Grund einer möglichen Folge
                    von Erdbeben folgt jedoch wieder der Verweis auf das göttliche Zeichen: <quote>So bezeuget auch der
                        Evangelist Matthaeus Cap. 24 daß vor dem letzten Gericht ein Erdbeben hergehen werde</quote>
                    (TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=00277">S. 231</ref>; TE, 3.
                    Aufl., Bd. 4, 1692, <ref target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000239-0237-6">
                        S. 208</ref>). Das Erdbeben wird damit als ein Zeichen verstanden, das auf die zukünftige
                    Bestrafung der Menschen durch Gott verweist. Da aber das Zeichen nun als Warnung in der Welt ist,
                    besteht auch die Möglichkeit der Buße und Reue: Die Prophezeiung wird solchermaßen zur, um mit einer
                    Formulierung des Soziologen Robert Merton zu sprechen, <quote>suicidal prophecy</quote>: <quote>The
                        suicidal prophecy […] alters human behavior from what would have been its course had the
                        prophecy not been made that it <hi rend="italics">fails</hi> to be borne out. The prophecy
                        destroys itself.</quote> (<bibl><ref target="#merton_prophecy_1948" type="bibliography"
                            >Merton</ref></bibl>, S. 196) Die Prophezeiung führt möglicherweise zu Aktionen, die die
                    Prophezeiung als falsch erweisen (es handelt sich demnach um die Kehrseite einer <hi rend="italics"
                        >self-fulfilling prophecy</hi>: <quote>The self-fulfilling prophecy is, in the beginning, a <hi
                            rend="italics">false</hi> definition of the situation evoking a new behavior which makes the
                        originally false conception come <hi rend="italics">true</hi>.</quote>
                    <bibl><ref target="#merton_prophecy_1948" type="bibliography"/>Ebd.</bibl>, S. 195).</p>
                <p>Dem Brief folgt in der früheren Ausgabe von 1643 der Kommentar des Chronisten, welcher hervorhebt,
                    dass Erdbeben <hi rend="italics">immer</hi>
                    <quote>über-, wider- und unnatürliche Bewegungen</quote> seien. Sie seien zu verstehen als Vorboten
                    geheimen göttlichen Vorhabens (TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=00278">S. 232</ref>). Zwar
                    wiederholt er die von dem Briefeschreiber angeführte natürliche Ursache, aber die Feuer und Wasser
                    in den Höhlen der Erde würden aufgerührt von Geistern, die Gott zu seinem Werk gebrauche. Damit
                    durchkreuzt er die natürliche Erklärung, die der Brief noch gab, und behandelt das Erdbeben allein
                    als göttliches Zeichen. Die Zeichenhaftigkeit wird weiterhin dadurch bestätigt, dass eine ganze
                    Reihe früherer Erdbeben und deren Folgen angeführt werden. Bemerkenswert ist hierbei, dass er
                    Beispiele gibt, die nicht zeigen, was im auf das Erdbeben nachfolgenden Jahr geschah, sondern das,
                    was in drei Jahren auf das Erdbeben folgte: Bezogen auf das niederländische Erdbeben von 1640 fragt
                    er damit nach dessen Wirkung auf das Jahr 1643, den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Bandes (TE,
                    1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=00278">S. 232</ref>). Die
                    allerletzte Bedeutung dieses Vorzeichens findet der Chronist im Rekurs auf den Kometen, der im Jahr
                    1618 mit mächtiger Rute erschienen war: die Uneinigkeit der Religionen. Die spätere Fassung von 1692
                    ist dagegen wesentlich sachlicher, denn der Bericht über das Erdbeben endet mit dem Brief des
                    Syndicus, womit die übernatürliche Deutung des Erdbebens wegfällt (TE, 3. Aufl, Bd. 4, 1692, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000239-0237-6">S. 208</ref>).</p>
                <p>Die Vorzeichen folgen somit keineswegs einer einfachen Logik. Ereignisse können durch Vorzeichen
                    angekündigt worden sein und zugleich selbst als Vorzeichen fungieren, sie können Aussagen über die
                    Zukunft oder aber auch Warnungen und Drohungen, natürliche oder übernatürliche Erscheinungen oder
                    auch alles zugleich sein. Und nicht zuletzt gibt es regelrechte Master-Ereignisse wie die
                    Kometenerscheinung aus dem Jahr 1618, auf die immer wieder rekurriert werden kann.</p>
                <p>Wie der Vergleich der beiden Fassungen des vierten Bandes zeigt, fallen die übernatürlichen
                    Erklärungen zunehmend weg. Diese Bewegung findet sich auch am Ende des Berichts-Jahres 1642: Während
                    die spätere Fassung nur in einem kurzen fünfzeiligen Abschnitt von dem Erscheinen dreier Sonnen
                    berichtet, geht die erste Fassung in sechs Spalten und einer zusätzlichen Abbildung darauf ein (TE,
                    1. Aufl., Bd. 4, 1643, S. <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01116">963-966</ref>; TE,
                    3. Aufl., Bd. 4, 1692, <ref target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000239-1026-8"
                        >S. 898</ref>).</p>
                <p>Berichtet wird von drei Sonnen, die man im Jahr 1642 bei Colmar und Prag gesichtet habe. Deren
                    Bedeutung bleibe zwar geheim, doch derjenige, für den sie bestimmt seien, werde sie erkennen. Der
                    Chronist des vierten Bandes <rs type="author" ref="#oraeus_heinrich">Oraeus</rs> gibt auch die
                    Wissensformen an, die für die Entzifferung der Bedeutung zuständig seien: Die <hi rend="italics"
                        >Astrologia</hi> gehe von der Position der Sonnen aus, die <hi rend="italics">Hieroglyphia</hi>
                    von deren Figura, die <hi rend="italics">Magia</hi> von der Erscheinung selbst. Diesen Deutungen
                    fügt Oraeus eine historische zu: Vor 12 Jahren trafen sich drei hohe Herren – der Römische Kaiser,
                    der König von Frankreich und der König Schwedens – und auch während dieser Friedensverhandlungen
                    habe man drei Sonnen gesehen. Wie bereits im Fall des Erdbebens, spielen auch hier natürliche
                    Ursachen nur eine geringfügige Rolle, zumal alleine <quote>dienstbare gute Geister Gottes</quote>
                    das Vermögen hätten, uns solche Figuren vorzustellen (TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01114">S. 964</ref>). Die
                    Kunst der Entzifferung werde allerdings dadurch erschwert, dass gefallene Geister solche <hi
                        rend="italics">miracula</hi> imitierten, als Beispiel nennt er den <quote>Spiritus
                        reprobatus</quote> im Riesengebirge, nämlich <quote>Riebenzahel</quote>, der seine Possen mit
                    Vorstellungen und Verwandlungen getrieben habe (<ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01114">ebd.</ref>).</p>
                <p>Um die Erscheinungen der falschen Geister von denen der wahren Geister zu unterscheiden, gibt Oraeus
                    jedoch kein Kriterium an: Vielmehr autorisiert er sich selbst zu demjenigen, der die Zeichen zu
                    lesen versteht. Eine wichtige Strategie, diese Autorität zu festigen, ist die Anführung von
                    Vorzeichen, die sich nachträglich als wahr erwiesen haben. Eine weitere Strategie ist die Abgrenzung
                    von falschen Propheten, wie sie das <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> gegenüber <rs
                        type="author" ref="#bockendorff_johann_warner_von">Johann Warner von Bockendorffs</rs> Visionen
                    durchführt (TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, S. <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=00788">658-661</ref>; TE,
                    3. Aufl., Bd. 4, 1692, S. <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000239-0720-7">626-629, mit
                        Portrait</ref>). Johann Warner meinte, von Gott direkt beauftragt worden zu sein: Gott spreche
                    zu ihm und sende ihm Visionen, wie Warner in seiner Schrift mit dem sprechenden Titel
                            <bibl><title>Johann Warners Auß Bockendorff/ im Lande Meissen bürtig/ selbst eigene
                            Beschreibung etzlicher Visionen, Welche ihm sind von Gott/ wegen des Zustandes der
                            Lutherischen Kirchen und ihrer Widerwertigen/ innerhalb 9. Jahren/ gezeiget worden. Auff
                            Göttlichen Befehl/ nunmeer jedermänniglich für Augen gestellet/ und vom Autor selbst in
                            öffentlichen Druck gegeben/ die Frommen in ihrem Trübsal zu trösten/ die Gottlosen aber zu
                            verwarnen</title></bibl> (1642) behauptete. Im <bibl><title>Theatrum
                        Europaeum</title></bibl> dagegen spielt diese Form der Zukunftsvision gerade keine Rolle. Es
                    geht hier nicht um Visionen und ihre unmittelbare Bedeutungsoffenbarung, sondern um das <hi
                        rend="italics">Lesen</hi> von Zeichen – welches gleichwohl nachträglich erfolgt. Somit kann man
                    Johann von Warner vorwerfen, dass <hi rend="italics">seine</hi> Vorhersagen ja nie eingetroffen
                    seien.</p>
                <p>Für die Deutung der drei Sonnen geht die Fassung von 1643, wie erwähnt, auf eine andere Erscheinung
                    dreier Sonnen ein, welche der zweite Band des <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> nur
                    erwähnt hatte. Oraeus gibt eine Abbildung dieser Erscheinung vom 19. April 1630, liefert deren
                    Deutung nach und setzt sie in Beziehung zu den drei Sonnen aus dem Jahr 1642 (<bibl><ref type="bibliography" target="#abb_2">Abb. 2</ref></bibl>). <figure><head>Abb. 2</head><graphic
                        url="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000078/images/buehler_2.jpg"/><figDesc><ref target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01114">Drei Sonnen</ref>, aus: TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01114">S. 964</ref>.</figDesc></figure>
                </p>
                <p>Der Zirkel D bezeichnet das Römische Reich, folgerichtig zeigt die mittlere Sonne A den Kaiser. Zwei
                    Glieder, die eigentlich zum Reich gehören, haben sich daraus entfernt: Das sind die halben
                    Mondscheiben G und H, Chur-Sachsen und der <rs type="person" ref="#pfalzgraf_friedrich">Pfalzgraf
                        Friedrich</rs> (H stehe niedriger als G, was auf dessen Erniedrigung hinweise, wobei der
                    Regenbogen F auf eine kleine Gnade deute). Dafür sind zwei Glieder bzw. <quote>Cronen</quote> ins
                    Reich eingedrungen: B und C, das sind Frankreich und Schweden. Diese drei Sonnen seien nun zwölf
                    Jahre später wieder erschienen, denn es gebe laut Oraeus noch immer keinen Frieden. Oraeus gibt im
                    Weiteren unter Rekurs auf die Schrift <bibl><title>Meteorologia</title></bibl> von <rs type="author"
                        ref="#garcaeus_johannes">Johannes Garcaeus</rs> eine natürliche Ursache an – drei Sonnen zeigten
                    an, dass in der Luft viel Wasser sei (TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01116">S. 966</ref>). In
                    dieser Richtung argumentiert auch der Astronom <rs type="person" ref="#cassini_gian_domenico">Gian
                        Domenico Cassini</rs>: Nach ihm handelt es sich bei Erscheinungen von drei Sonnen um die Wirkung
                    der Brechung des Sonnenlichts an Eiskristallen in der Atmosphäre (<bibl><title>Mémoires de
                            l’Académie Royale des Sciences</title></bibl>, 1693). Während die drei Sonnen in der
                    Naturgeschichte des 17. Jahrhunderts somit, mit einem Ausdruck von Katharine Park und Lorraine
                    Daston, <quote>seltsame Tatsachen</quote> (<bibl><ref target="#daston_park_wunder_2002"
                            type="bibliography">S. 253ff.</ref></bibl>, zu Cassinis drei Sonnen <bibl><ref
                            target="#daston_park_wunder_2002" type="bibliography">S. 390</ref></bibl>) darstellen, sind
                    sie im vierten Band des <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> Gegenstand einer Theorie des
                    Vorzeichens.</p>
                <p>So hebt Oraeus denn auch die geistige Ursache dieser Erscheinung hervor. Immer wenn mehrere Sonnen zu
                    sehen seien, könne es zu neuen, heimlichen Bündnissen oder Zusammentreffen kommen, um denen, die das
                    Reich jetzt besitzen, dieses zu entziehen und zu rauben. Die drei Sonnen seien daher Offenbarungen
                    geheimer und schädlicher Ratschläge, welche sich als göttliches Zeichen am Himmel zeigen, um die
                    Menschen vor solchen Bündnissen zu warnen und zu ermahnen (TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01116">S. 966</ref>). Wie
                    schon im Fall des Erdbebens spielen auch hier natürliche Ursachen eine nachrangige Rolle, zugleich
                    wird der Sinn der von Gott gesandten Erscheinung aus dem historischen Geschehen entwickelt, wenn
                    Oraeus auf die <quote>Erfahrung der vergangenen Historien</quote> rekurriert (<ref
                        target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01116">ebd.</ref>). Und
                    auch hier lässt sich beobachten, wie die frühere Fassung durch die Kombination des Berichts der
                    Ereignisse mit Erzähltechniken der Rück- und Vorausschau eine Geschichte konstruiert, die spätere
                    Fassung dagegen diese Erzählung auf den Bericht der zeitlichen Abfolge der Ereignisse reduziert.</p>
                <p>In den Folgebänden werden seltsame Erscheinungen nur noch beschrieben, aber nicht weiter kommentiert
                    – zum Beispiel berichtet der 15. Band ohne weiteren Kommentar von einem Geistlichen, der, als er
                    gerade auf der Kanzel vom Jüngsten Gericht predigte, umfiel und seinen Geist aufgab (TE, 1. Aufl.,
                    Bd. 15, 1701, <ref target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000250-0576-5">S.
                        510</ref>) – oder zunehmend aus natürlichen Ursachen heraus erklärt, wobei sich auch der
                    wissenschaftliche Bezugsrahmen ändert: Astrologie und Hieroglyphik werden ersetzt durch die
                    Naturgeschichte bzw. die aufkommenden Naturwissenschaften. Eine analoge Bewegung findet sich in <rs
                        type="author" ref="#happel_eberhard_werner">Eberhard Werner Happel</rs>s <bibl><title>Relationes Curiosae</title></bibl> (<bibl><ref target="#schock_kommunikation_2007"
                            type="bibliography">Schock</ref></bibl>). Damit sei hier nicht behauptet, das
                            <bibl><title>Theatrum</title></bibl> sei ein Beleg für die in sämtlichen Bereichen des
                    Wissens und des Sozialen durchgreifende Säkularisierung: Dass sakrale Denkformen auch in den
                    folgenden Jahrhunderten relevant bleiben, versteht sich von selbst. Für den Fall des
                            <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> lässt sich aber eine klare Tendenz zu einer
                    säkularen Berichterstattung bzw. einem säkularen Zeichen-Lesen feststellen. </p>
            </div>
            <div type="section">
                <head>Kommende Generationen</head>
                <p>Wie bereits erwähnt spielt die Adressierung der Nachkommen eine zentrale Rolle als Legitimation für
                    das Verfassen der Chronik: Weil es in der Zukunft jemanden geben wird, der wissen sollte, was in
                    seiner Vergangenheit geschah, wird überhaupt die Chronik verfasst: Es geht hier also nicht alleine
                    um das Ansprechen der gegenwärtigen Leser wie im Fall einer Zeitung. Die eigene Zeit wird vielmehr
                    immer auch schon als vergangene Zeit betrachtet, womit das <bibl><title>Theatrum
                        Europaeum</title></bibl> darauf abzielt, bereits in der Gegenwart, möglichst zeitgleich mit den
                    Ereignissen, was freilich nicht gelingt, ein Archiv für die Zukunft anzulegen. Dieses Archiv
                    versteht sich als Lehrmeisterin der Nachkommen, was das Titelbild des zweiten Bandes denn auch
                    darstellt: Eine ältere Frau zeigt einem Kind ein Papier mit der Aufschrift <quote>historia</quote>,
                    was um die Inschrift <quote>magistra vitae</quote> auf dem Sockel ergänzt wird (<bibl><ref type="bibliography" target="#abb_3">Abb. 3</ref></bibl>).<figure><head>Abb. 3</head><graphic
                        url="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000078/images/buehler_3.jpg"/><figDesc><ref target="http://media.bibliothek.uni-augsburg.de/node?id=46676">Titelkupfer</ref> des zweiten Bandes, aus: TE, 3. Aufl., Bd. 2, 1646.</figDesc></figure> Was <rs type="author"
                        ref="#merian_matthaeus">Merian</rs> hier bildlich umsetzt, beschreibt er in der Vorrede des
                    ersten Bandes: <quote>Als wil ich nicht zweiffeln/ sondern vielmehr hoffen/ dass es nicht allein
                        denen jetztlebenden <hi rend="italics">jucundissima Recordatio praeteritarum rerum sui
                            temporis</hi>, und ein angenehmes Werck/ sondern auch der lieben Posteritaet und
                        Nachkoemmlingen nutz/ lieb und werth seyn werde</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, Widmung,
                    unpag. [<ref target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0006-7">S. 2</ref>]). Die
                    Lehre für die Nachkommen besteht dabei nicht zuletzt in der Unbeständigkeit der Welt, in der Widmung
                    des dritten Bandes schreibt Merian: <quote>Die Histori und Beschreibung vergangener Geschichten
                        stellet uns vor Augen die Unbestaendigkeit und Untergang aller Dinge/ wie gar nichts beharrlichs
                        noch bestaendigs in der gantzen Welt sey/ wie Fr. Petrarcha sagt: […] Unter dem Himmel ist kein
                        Ding bestaendig noch vest/ sondern alles eytel/ unbestaendig/ und dem Untergang
                        unterworf</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 3, 1670, Widmung, unpag [<ref
                        target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000238-0007-4">S. 3</ref>]). Merian
                    schließt hier an den u.a. durch <rs type="author" ref="#petrarca">Petrarcas</rs> Schriften
                    begründeten Neustoizismus an (zu nennen ist insbesondere Petrarcas Schrift <bibl><title>De remediis
                            utriusque fortunae</title></bibl> (1366 fertiggestellt), Merian zitiert allerdings die
                    ersten Verse von Petrarcas Gedicht <bibl><title>Triumphus Aeternitatis aus den
                        Trionfi</title></bibl> (1470), die Populärphilosophie des 17. Jahrhunderts. <rs type="author"
                        ref="#lipsius_justus">Justus Lipsius</rs>, neben Petrarca einer der Gründer des neustoischen
                    Diskurses, formulierte dessen Kernaussagen in seiner vielgelesenen Schrift <bibl><title>De
                            constantia</title></bibl> (Leiden 1584) folgendermaßen: Angesichts der Unbeständigkeit aller
                    Dinge gerade in Zeiten des Krieges, bleibt nur die Besinnung auf die Beständigkeit, die mit Lipsius
                    gesprochen, <quote>rechtmesige vnnd vnbewegliche stercke des gemuets/ die von keinem eusserlichen
                        oder zufelligen Dinge erhebt oder vntergedrueckt wird</quote> (<bibl><ref
                            target="#lipsius_beständigkeit_1965" type="bibliography">Lipsius</ref></bibl>, S. 10; zur
                    Bedeutung von Lipsius für Merian: <bibl><ref target="#schreurs_vesuvausbruch_2008"
                            type="bibliography">Schreurs</ref></bibl>). Es geht um die innere Stabilisierung angesichts
                    äußerer Unruhe, die jedoch nicht Verhärtung meint, sondern Festigung des Gemüts aus einem
                    begründeten Urteil heraus. Dabei verlagert sich der äußere Kriegszustand ins Innere: Im Menschen
                    hängen nach Lipsius Seele und Körper in <quote>uneinigen einigkeit</quote> zusammen, jeder der
                    beiden Teile ziele auf die Herrschaft über den anderen, woraus im Menschen ein Zwiespalt entstehe,
                    so als wenn <quote>immer zwey theil gegen einander zu Felde legen/ und alle stunde mit einander
                        scharmuetzelten.</quote> (<bibl><ref target="#lipsius_beständigkeit_1965" type="bibliography"
                            >Lipsius</ref></bibl>, S. 12) Die Beschreibung der sich im Krieg befindenden
                    niederländischen Gesellschaft wird damit in das Innere des Menschen verlagert, wobei beide der
                    Stabilisierung bedürfen. Der Bezug zwischen der den Einzelnen betreffenden Moralphilosophie und der
                    den Staat betreffenden politischen Theorie wird über die metaphorische Verschaltung hergestellt,
                    womit sich hier auch die Komplementarität der beiden zentralen Werke von Lipsius, des Lehrgesprächs
                            <bibl><title>De constantia</title></bibl> sowie des politischen Hautpwerks
                            <bibl><title>Politica</title></bibl> zeigt. Und auch Merian verschaltet in seiner Widmung
                    diese beiden Dimensionen, wenn er den Verlauf der <quote>Haendel</quote>“ (TE, 3. Aufl., Bd. 3,
                    1670, Widmung, unpag. [<ref target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000238-0008-9"
                        >S. 4</ref>]) in der <quote>Teutschen Nation</quote> als Exempel für die Nachkommen ansieht und
                    sich die Widmung an einen Fürsten wendet: Machten Historien doch auch <quote>recht weyse/ kluge und
                        loebliche Regenten</quote> (TE, 3. Aufl., Bd. 3, 1670, Widmung, unpag. [<ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000238-0009-7">S. 5</ref>]). Die
                    Darstellung menschlicher und historischer Unbeständigkeit steht somit im Dienste der Stabilisierung
                    – sowohl des Einzelnen als auch des Staates.</p>
                <p>Die doppelte Ausrichtung der Chronik, sowohl Archiv der Vergangenheit als auch Lehrmeisterin der
                    zukünftigen Generationen zu sein, findet sich auf dem Titelbild des letzten Bandes wieder, das
                    einen, wie sich aus den Postamentinschriften erschließen lässt, in die Vergangenheit und die Zukunft
                    blickenden Januskopf zeigt (<bibl><ref type="bibliography" target="#abb_4">Abb. 4</ref></bibl>).<figure><head>Abb. 4</head><graphic url="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000078/images/buehler_4.jpg"
                    /><figDesc><ref target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000256-0001-8">Titelkupfer</ref> des 21. Bandes, aus: TE, 1. Aufl., Bd. 21, 1738.</figDesc></figure> Allerdings unterscheidet sich dieser letzte Band in Sachen Zukunftsmodellierung von den ersten
                    Bänden grundlegend. Nicht um die Unbeständigkeit der Welt und auch nicht um einen Bericht an die
                    kommenden Generationen handelt es sich hier, sondern vor allem um ein politisches Werk, das in
                    spezifischer Weise auf die Gegenwart zielt.</p>
                <p>Nach einem kursorischen Überblick über das, was das <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl>
                    in seiner hundertjährigen Geschichte geboten hat, geordnet nach Ländern, betont auch dieser Band den
                    exemplarischen Charakter des Unternehmens, nun aber zur Erläuterung und Bewährung des gegenwärtigen
                    Staatsrechts (TE, 1. Aufl., Bd. 21, 1738, <ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000256-0009-7">Vorrede</ref>).
                    Dementsprechend entsteht aus diesem Ansatz ein anders sortiertes Register, in welchem Begriffe und
                    Lehren des Staatsrechts mit Exempeln aus den <bibl><title>Theatrum</title></bibl>-Bänden verknüpft
                    werden. Daraus ergibt sich die Frage an den Leser: <quote>Ob nicht aus unserm Theatro […] so viel
                        vorkommen sey/ daraus man sehen koenne/ was die Staende selbst von allen denen Puncten/ wie
                        mannigfaltig/ sonderbar und kitzlich auch dieselbigen seyn moegen/ vor Meynung geheget und
                        geaeussert haben/ die von denen Lehrern des Teutschen Staats-Recht vorgetragen zu werden
                        pflegen?</quote> (TE, 1. Aufl., Bd. 21, 1738, Vorrede, unpag. [<ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000256-0019-3">S. 11</ref>]).
                    Rhetorisch ist diese Frage schon deshalb, weil das Werk bereits so gebraucht wurde, erwähnt wird zum
                    Beispiel das Werk von <rs type="author" ref="#vitriarius_philipp_reichard">Philipp Reichard
                        Vitriarius</rs> sowie dessen Bearbeitung durch <rs type="author"
                        ref="#pfeffinger_johann_friedrich">Johann Friedrich Pfeffinger</rs>. Nicht zuletzt würden
                    solche Werke auflösen, wie der auf dem Titelbild als <hi rend="italics">Zweck aller Geschichte</hi>
                    erscheinende Janus zu verstehen sei. Hervorgehoben wird demnach der konkrete Gebrauch des Werkes,
                    der allerdings nicht mehr in der moralischen Belehrung gesehen wird. Im Zentrum steht vielmehr das
                            <bibl><title>Theatrum</title></bibl> als ein politisches Werk, da es allererst die
                    materielle Basis für das Staatsrecht liefert. Auf diese Weise ist es als Gedächtnis des
                    Vorübergegangenen immer auch Voraussicht des Kommenden – denn <quote>wenn man die geschehene Dinge
                        samt deren Folgen reiflich überleget</quote>, lasse sich auch eine nicht unbegründete Vermutung
                    fassen, was <quote>unter Gottes Verfuegung oder Zulassung inskuenfftige zu hoffen oder zu fuerchten
                        sey</quote> (TE, 1. Aufl., Bd. 21, 1738, Vorrede, unpag. [<ref
                        target="http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000256-0020-4">S. 12</ref>]). </p>
            </div>
            <div type="section">
                <head>Schluss</head>
                <p>Bei dem Wandel der Zukunftsmodellierungen handelt es sich im <bibl><title>Theatrum
                        Europaeum</title></bibl> um eine Bewegung vom Vorzeichen zum historischen Ereignis, die
                    gekoppelt ist an den Wandel von Wissensformen und Autorisierungsstrategien. Weiterhin spielt eine
                    Politik der Ermahnung zur Umkehr, Reue und Buße in den späteren Bänden keine Rolle mehr, die
                    Ereignisse rücken in ein wissenschaftliches bzw. rechtliches Bezugssystem ein. Und auch die
                    Adressierung der Nachkommen ändert sich: Während sich die Chronik zu Beginn als Lehrmeisterin des
                    Lebens versteht bzw. den späteren Generationen eine Erklärung für die Länge und Heftigkeit des
                    Krieges geben will, liegt der <quote>Zweck aller Geschichte</quote> in den letzten Bänden in der
                    Analyse und Beurteilung politischer Handlungen und ihrer rechtlichen Grundlage. Damit wird die
                    Prognostik im <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> zu einer säkularen
                    politisch-rechtlichen Technik, wobei die im 18. Jahrhundert zunehmend wichtiger werdenden
                    probabilistischen Aussageformen keine Rolle spielen und es überhaupt im Vorstadium der
                        <quote>Sattelzeit</quote> bleibt, denn Erfahrungsraum und Erwartungshorizont treten hier gerade
                    nicht auseinander (<bibl><ref target="#koselleck_zukunft_1988" type="bibliography"
                        >Koselleck</ref></bibl>).</p>
                <p>Zukunftsbezügen kommen im <bibl><title>Theatrum Europaeum</title></bibl> somit eine ganze Reihe
                    unterschiedlicher Funktionen zu, wobei deutlich wird, dass es sich nicht um zukünftige Gegenwarten,
                    sondern um gegenwärtige Zukünfte handelt. Genau darin liegt überhaupt die politische Dimension
                    dieser Zukunftsbezüge: Die Verankerung des erzählten Geschehens in der Zukunft, die Ermahnungen und
                    Drohungen sowie der didaktische und korrektive Gebrauch sind letztlich Techniken der Regulierung
                    gegenwärtiger und zukünftiger sozialer Beziehungen mit dem Ziel der politischen Stabilität. </p>
            </div>
            <div type="bibliography">
                <head>Bibliographische Nachweise und Forschungsliteratur</head>
                <div type="bibliography">
                    <head>Quellen</head>
                    <listBibl>
                        <bibl xml:id="dillich_kriegesschule_1689">Wilhelm Dillich: Wilhelmi Dilichii, […]
                            Hochvernünfftig gegründet- und auffgerichtete/ in gewisse Classen eingetheilte/ bißher
                            verschlossen gelegen/ nunmehr aber Eröffnete Krieges-Schule: Worinnen/ nach genau und
                            zuwissen genugsamer/ Der alten Römer und Griechen zu Wasser und Land geführten/ mit so viel
                            als lebendigen Farben dargestellten Methode/ zusamt deren vorgestellten Methode/ zusamt
                            deren vorgezeigten/ damal üblichen/ Waffen und Rüstungen; statt ordentlicher allen dessen
                            Unterrichts Begehrenden vor- auffgegebenen Lectionen/ und vermittelst kluger und
                            vertsändlicher Lehr-Art/ gewiesen wird/ welcher gestalt Generals-Personen/ hohe
                            Befehlichshaber/ zusamt denennachgestzten Obern/ in Anricht- Werb und Musterung einer Armee/
                            Erziehung rechtschaffener/ erfahrner Soldaten/ durch fleissig und zeitliche Anführung
                            zudenen gewöhnlichen Exercitien/ nothdürfftiger derselben Verpflegung/ Anstellung einer
                            Schlachtordnung/ halteneden Treffen/ Belägerungen/ Stürmen/ wohlanzubringenden
                            Kriegs-Listen/ etc. sich klüglich zu verhalten […]. Frankfurt a.M. 1689 <ptr cRef="3:313563U"
                                type="vd17"/><ptr type="opac" cRef="176529721"></ptr>
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="harms_sammlung_1980">Wolfgang Harms (Hg.): Die Sammlung der Herzog August
                            Bibliothek in Wolfenbüttel. Kommentierte Ausgabe. Bd. 2: Historica. München 1980<ptr type="opac" cRef="124032044"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="lipsius_beständigkeit_1965">Justus Lipsius: Von der Bestendigkeit/ De constantia.
                            Faksimiledruck der deutschen Übersetzung des Andreas Viritius nach der zweiten Auflage von
                            c. 1601 mit den wichtigsten Lesarten der ersten Auflage von 1599. Hg. von Leonhard Forster.
                            Stuttgart 1965<ptr type="opac" cRef="043959598"></ptr>
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="merian_1633">Matthaeus Merian: Theatrum Europaeum. 21 Bde., Frankfurt a.M.
                            1633-1738 (<ref type="wdb"
                                target="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000080/start.htm"
                                >ausführliches Siglenverzeichnis</ref>).<ptr type="opac" cRef="234986174"></ptr>
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="warner_bockendorff_1642">Johann Warner: Johann Warners Auß Bockendorff/ im Lande
                            Meissen bürtig/ selbst eigene Beschreibung etzlicher Visionen, Welche ihm sind von Gott/
                            wegen des Zustandes der Lutherischen Kirchen und ihrer Widerwertigen/ innerhalb 9. Jahren/
                            gezeiget worden. Auff Göttlichen Befehl/ nunmeer jedermänniglich für Augen gestellet/ und
                            vom Autor selbst in öffentlichen Druck gegeben/ die Frommen in ihrem Trübsal zu trösten/ die
                            Gottlosen aber zu verwarnen. o.O. 1642. <ptr cRef="23:243948Y" type="vd17"/><ptr type="opac" cRef="53672394X"></ptr>
                        </bibl>
                    </listBibl>
                </div>

                <div type="bibliography">
                    <head>Forschungsliteratur </head>
                    <listBibl>
                        <bibl xml:id="barnes_prophecy_1988">Robin Bruce Barnes: Prophecy and Gnosis. Apocalypticism in
                            the Wake of the Lutheran Reformation. Stanford 1988<ptr type="opac" cRef="01807507X"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="daston_park_wunder_2002">Lorraine Daston, Katharine Park: Wunder und die Ordnung
                            der Natur 1150-1750. Frankfurt a.M. 2002<ptr type="opac" cRef="354833162"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="ewinkel_monstris_1995">Irene Ewinkel: De monstris. Deutung und Funktion von
                            Wundergeburten auf Flugblättern im Deutschland des 16. Jahrhunderts. Tübingen 1995<ptr type="opac" cRef="354833162"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="genette_erzählung_1994">Gérard Genette: Die Erzählung. München 1994<ptr type="gbv" cRef="172276314"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="harms_schilling_flugblatt_2008">Wolfgang Harms, Michael Schilling: Das
                            illustrierte Flugblatt der frühen Neuzeit. Traditionen, Wirkungen, Kontexte. Stuttgart 2008<ptr type="opac" cRef="561232156"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="koselleck_zukunft_1988">Reinhard Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik
                            geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a.M. 1988</bibl>
                        <bibl xml:id="krusenstjern_prodigienglaube_1999">Benigna von Krusenstjern: Prodigienglaube und
                            dreißigjähriger Krieg, in: Hartmut Lehmann, Anne-Charlott Trepp (Hg.): Im Zeichen der Krise.
                            Religiosität im Europa des 17. Jahrhunderts. Göttingen 1999, S. 55-78<ptr type="opac" cRef="098562525"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="lämmert_bauformen_1955">Eberhard Lämmert: Bauformen des Erzählens. Stuttgart 1955<ptr type="opac" cRef="024864056"></ptr> 
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="lefort_fortdauer_1999">Claude Lefort: Fortdauer des Theologisch-Politischen? Wien
                            1999<ptr type="gbv" cRef="254459455"></ptr> 
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="marin_portrait_1981">Louis Marin: Le Portrait du Roi. Paris 1981<ptr type="opac" cRef="021067058"></ptr> 
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="martinez_scheffel_erzähltheorie_2000">Matias Martinez,
                            Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 2. Aufl. München 2000<ptr type="opac" cRef="321559754"></ptr>
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="merton_prophecy_1948">Robert K. Merton: The self-fulfilling prophecy, in: Antioch
                            Review, 8 (1948), S. 193-210<ptr type="gbv" subtype="main_entry" cRef="340874945"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="schenda_progidiensammlungen_1961">Rudolf Schenda: Die französischen
                            Prodigiensammlungen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. München 1961</bibl>
                        <bibl xml:id="schock_kommunikation_2007">Flemming Schock: Zur Kommunikation von Wunderzeichen in
                            der ersten populärwissenschaftlichen Zeitschrift Deutschlands (Relationes Curiosae,
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                        <bibl xml:id="scholz_williams_formen_2006">Gerhild Scholz-Williams: Formen der Aufrichtigkeit.
                            Zeitgeschehen in Wort und Bild im Theatrum Europaeum (1618-1718), in: Claudia Benthien
                            (Hg.): Die Kunst der Aufrichtigkeit im 17. Jahrhundert. Tübingen 2006, S. 343-373<ptr type="opac" cRef="581603613"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="soergel_wahrnehmungen_1999">Philip Soergel: Die Wahrnehmung der Endzeit in
                            monströsen Anfängen, in: Hartmut Lehmann, Anne-Charlott Trepp (Hg.): Im Zeichen der Krise.
                            Religiosität im Europa des 17. Jahrhunderts. Göttingen 1999, S. 33-51<ptr type="opac" cRef="098562347"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="schreurs_vesuvausbruch_2008">Anna Schreurs: Der Vesuvausbruch von 1631, ein
                            Spektakel auf der Weltbühne Europa. Anmerkungen zu Joachim von Sandrarts Beitrag zum
                            Theatrum Europaeum von Matthäus Merian, in: Flemming Schock, Oswald Bauer, Ariane Koller,
                                <hi rend="italics">metaphorik.de</hi> (Hg.): Ordnung und Repräsentation von Wissen.
                            Dimensionen der Theatrum-Metapher in der frühen Neuzeit. Hannover 2008, S. 305-341, zugleich
                            in: <ref target="http://www.metaphorik.de/14/Schreurs.pdf">metaphorik.de 14</ref> (2008)<ptr type="opac" cRef="736635688"></ptr>
                        </bibl>
                        <bibl xml:id="tschopp_heilsgeschichte_1991">Silvia Serena Tschopp: Heilsgeschichtliche
                            Deutungsmuster in der Publizistik des Dreißigjährigen Krieges. Pro- und antischwedische
                            Propaganda in Deutschland 1628 bis 1635. Frankfurt a.M. [u.a.] 1991<ptr type="opac" cRef="026220199"></ptr></bibl>
                        <bibl xml:id="weinrich_tempus_1964">Harald Weinrich: Tempus. Besprochene und erzählte Welt.
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                </div>
                <div type="bibliography">
                    <head>Abbildungsnachweise</head>
                    <listBibl>
                        <bibl xml:id="abb_1"><ref target="http://media.bibliothek.uni-augsburg.de/node?id=38619">Der Komet aus dem Jahr 1618</ref>, aus: TE, 3. Aufl., Bd. 1, 1662, <ref target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000236-0126-4">S. 101</ref>.</bibl>
                        <bibl xml:id="abb_2"><ref target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01114">Drei Sonnen</ref>, aus: TE, 1. Aufl., Bd. 4, 1643, <ref target="http://diglib.hab.de/periodica/70-d-hist-2f/start.htm?image=01114">S. 964</ref>.</bibl>
                        <bibl xml:id="abb_3"><ref target="http://media.bibliothek.uni-augsburg.de/node?id=46676">Titelkupfer</ref> des zweiten Bandes, aus: TE, 3. Aufl., Bd. 2, 1646.</bibl>
                        <bibl xml:id="abb_4"><ref target="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:384-uba000256-0001-8">Titelkupfer</ref> des 21. Bandes, aus: TE, 1. Aufl., Bd. 21, 1738.</bibl>
                        
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