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            <titleStmt>
                <title>Vorhang auf!
                    Programme und Praktiken der frühneuzeitlichen Wissensliteratur im Widerspruch
                </title>
                <author>
                    <name type="person">
                        <forename>Ulrich Johannes</forename>
                        <surname>Schneider</surname>
                    </name>
                </author>
            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>Elektronische Ausgabe nach TEI P5</edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <idno type="werk-ID">ebooks/ed000156</idno>
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                    <name type="org">Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel</name>
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                        <street>Lessingplatz 1</street>
                        <name type="city">Wolfenbuettel</name>
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                        <name type="country">Germany</name> 
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                </publisher>
                <date>2011</date>
                <availability status="restricted">
                    <p> Available at <ref target="http://diglib.hab.de/ebooks/ed000156/start.htm ">
                            (c) Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel</ref>
                    </p>
                </availability>
            </publicationStmt>
            <notesStmt>
                <note type="register">
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                </note>
            </notesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>digital source</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <encodingDesc>
            <projectDesc>
                <p>Erstellt im Projekt <ref target="http://www.theatra.de">Welt und Wissen auf der
                        Bühne. Die Theatrum-Literatur der Frühen Neuzeit</ref></p>
            </projectDesc>
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    <text>
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            <div type="section">
                <head>Vor dem Theater</head>
                <p>Ob man die gelehrte Literatur der Frühen Neuzeit als wissenschaftliche Arbeit
                    oder als Bildungsbemühung verstehen soll, ist eine Frage der Einlassung. Tut man
                    gut daran, die vielen Werke des ausgearbeiteten Interesses und der unbestimmten
                    Neugier als Stationen einer steten Verbesserung der Einsicht und der
                    Problembeherrschung anzunehmen? Oder sollte man weniger die Rationalität im
                    Wissen als vielmehr das Wissen im Blick auf Erziehung und Kommunikation in den
                    Blick nehmen? Abhängig von der Art und Weise unserer Annäherung können die Werke
                    frühmoderner Autoren in ihren Positionen kritisch geprüft oder kontextuell aus
                    ihren Schreibstrategien verstanden werden. </p>
                <p>Das Kontextuelle wird jedoch häufig genug auf das Textuelle reduziert, denn das
                    Prinzip einer gewissen Sparsamkeit in der Rekonstruktion, einer strategischen
                    Verengung des Rückblicks ist eben dort wirksam, wo man kulturhistorisch,
                    literarhistorisch oder bibliophil in die Vergangenheit vordringt und die
                    härteren Bandagen der Wissenschafts- oder Bildungsgeschichte gar nicht erst
                    anlegt. Wo vieles kurios, komplex und reich, diffizil und anspielungsreich
                    erscheint, werden Texte gleichsam zu Inseln des Wissens, denen wir uns einzeln
                    nähern, sie vorsichtig umsegelnd wie Captain Cook, der aus der Distanz klären
                    wollte, wie die Eingeborenen gesonnen waren. Gelingt uns das Manöver dieser
                    Annäherung, holen wir Vergangenes als Trophäe singulärer Bewunderung in die
                    Gegenwart und begeben uns freiwillig der Aufgabe, daraus dasjenige zu
                    präparieren, was auch andernorts und zu anderen Zeiten Wissen heißen kann. Wie
                    einst in den barocken Wunderkammern Stücke aus fernen Gegenden gesammelt und
                    nebeneinander gelegt wurden, ohne die Zusammenhänge aus der Provenienz zu
                    rechtfertigen, bleiben wir oft genug bei der Würdigung von Einzelstücken stehen.
                </p>
                <p>Solange die Wissensbücher der Frühen Neuzeit als staunenswerte Produkte einer
                    fremden Kultur gelten, rücken wir sie in das Kuriositätenkabinett der Gegenwart.
                    Uns selbst erlauben wir die Liebe zu den merkwürdigen Gegenständen auf dem Umweg
                    einer – gelegentlich an Verständnislosigkeit grenzenden – Begeisterung für das
                    Abweichende und Fantastische. Verzaubert schauen wir auf die Mönchsfische und
                    die Einhörner der Tierbücher, die Seeungeheuer und Menschenfresser der
                    Weltkarten; in solcher Kenntnis sehen wir profundes Unwissen kaschiert. Wir
                    erklären uns das auf verschiedene Weise. Vielleicht waren Quellen verderbt oder
                    wurden falsch gelesen, vielleicht haben sich religiöse und mythologische
                    Vorstellungen bei den Gelehrten eingemischt. Sicher jedenfalls entgehen uns
                    Fragestellungen und Problemzusammenhänge, die das Abgelegene und Absonderliche
                    restlos begreifbar machen würden. Indem wir die Wissenswelt unserer Vorfahren
                    gewissermaßen anerkennend verabschieden, entzaubern wir sie für die
                    Ornamentierung unserer eigenen Wissenschaft und lassen uns nicht darauf ein, was
                    die Texte an innerer Spannung enthalten bzw. aushalten. </p>
                <p>Durch Distanzierung auf dem Weg der rationalen Rekonstruktion alter
                    Wissensbestände wie durch Isolierung einzelner Texte als sonderbare
                    Arbeitsproben einer nur weitläufig einholbaren Wissenswelt machen wir aus der
                    gelehrten Literatur einen Gegenstand am eigenen Horizont, ein Gegenüber unserer
                    Selbstversicherung, einen Spiegel aktueller Kenntnis. Durch solche Fixierung
                    werden die Texte der Frühen Neuzeit innerlich starr; es besteht die Gefahr, ihre
                    kontextuelle Dynamik und die im Schreiben und Veröffentlichen selbst wohnenden
                    Spannungen zu übersehen. Diese Gefahr ist auch deshalb akut, weil die
                    Wissensliteratur der Frühen Neuzeit oft ein programmatisches Pathos begleitet,
                    das heutigen intellektuellen Bemühungen verwandt zu sein scheint: Ist nicht die
                    Erforschung und Förderung des Wissens auch in der Frühen Neuzeit der alleinige
                    Maßstab?</p>
               
            </div>       
            <div type="section">
                <head>Künstlereingang</head>
                <p>Gegen die Verfahren der Hermeneutik und Kritik, gegen Erklären und Verstehen,
                    haben wenige Leser der frühneuzeitlichen Wissensliteratur so prominent
                    argumentiert wie Michel Foucault. Sein Verfahren der Verständlichmachung durch
                    Verfremdung erlaubte Foucault, in den Texten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts
                    Diskurse und Dispositionen zu eruieren, die jenseits wissenschafts- und
                    kulturhistorischer Kategorien Realität besitzen. Anders als zuvor der
                    Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn hat der Wissensarchäologe Foucault im
                    epistemischen Grundgerüst alter Weltverständnisse keine Paradigmenwandel,
                    sondern Kontinuitätsbrüche im Denken entdeckt. Im Rückgang auf Wissensbücher der
                    Frühen Neuzeit hat Foucault die Feststellung von Unverständlichkeit nicht mit
                    dem Pathos des überwindenden Fortschritts oder dem Verdacht alter Untauglichkeit
                    belegt, sondern über die Einsicht in fehlende Zusammenhänge Sprungmarken
                    denkender Tätigkeit ausgemacht. So ist beispielsweise der im 17. Jahrhundert
                    manifest werdende Unterschied zwischen einem magischen Naturverständnis und
                    einer diskursiv aufgebauten Wissenschaftlichkeit bei ihm kaum vermittelbar,
                    trägt vielmehr Züge epochaler Gewalt und wird durch die theoretischen Annahmen
                    eines Medienwandels oder die Anerkennung heterogener Literaturgattungen nicht
                    besser nachvollziehbar. </p>
                <p>Viel von dem, was Foucault fruchtbar aus Diskrepanzen und Diskontinuitäten
                    entwickelt hat, verdankt sich einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber
                    Vorstellungen einheitlicher historischer Gegenstände im Bereich der
                    Wissensliteratur. Seine Einklammerung traditioneller Erkenntnisvoraussetzungen
                    wie beispielsweise derjenigen des ‚Autors‘ und derjenigen des ‚Werkes‘, haben
                    ihm Steigerungsstufen der Lesbarkeit ermöglicht, die insbesondere im Bereich des
                    Wissens neue Blickrichtungen freilegen. Sie haben erlaubt, in die Texte selbst
                    einzusteigen und Aussagenzusammenhänge zu sehen, die sich einfachen
                    Beurteilungen verweigern. </p>
                <p>Bei der Erforschung der Wissensliteratur der Frühen Neuzeit kann solche
                    Unterminierung feststehender Blickpositionen ebenfalls nützlich sein und
                    voreingestellte Perspektiven entgrenzen. Es gibt methodische Verfahren der
                    Kontextualisierung von dem, was ‚Werk‘ und ‚Autor‘ in der Philosophiegeschichte,
                    der Literaturgeschichte, der Wissenschaftsgeschichte und der Ideengeschichte
                    heißt, um zur Freilegung von Aussagenzusammenhängen zu gelangen. Wissen wird
                    dann eher als verhandelbar denn als exponiert sichtbar; Texte erscheinen weniger
                    als Thesengebäude denn als Schauplätze von Problematisierungen.</p>
              
            </div>       
            <div type="section">
                <head>Im Foyer</head>
                <p>Zu den Eigenheiten eines beträchtlichen Teils der Wissensliteratur der Frühen
                    Neuzeit gehört es, im Textproduzieren selbst die Kategorien ‚Autor‘ und ‚Werk‘
                    gewissermaßen nur instrumentell zu nutzen. Insbesondere die enzyklopädische
                    Literatur der Wissensvermittlung – wiewohl sie Verleger- und Autornamen kennt,
                    wiewohl sie als gedruckte Veröffentlichung unbezweifelbar auch Werkcharakter
                    besitzt – ist durch Verfahren der Kompilation und der Redaktion gekennzeichnet.
                    Textteile werden dabei zu dynamischen Elementen, die autoren- und
                    werkunabhängige Geltung besitzen. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten,
                    dass es seit der Antike ein enzyklopädisches Schreiben gegeben hat, das autorlos
                    sein wollte und sich um die exklusive Verfasstheit seiner Produktionen wenig
                    bekümmerte. In der Tat bezeugt die europäische Wissenskultur von der <bibl><title>Historia
                        naturalis</title></bibl> des Plinius aus dem 1. Jahrhundert bis zur <bibl><title>Wikipedia</title></bibl> des 21.
                    Jahrhunderts eine beständige Arbeit am allgemeinen Wissen. </p>
                <p>In der enzyklopädischen Darstellung wird das Wissenswerte des allgemeinen Wissens
                    grundsätzlich durch Enteignungsprozesse vermittelt, denen keine noch so
                    modifizierte Idee der Autorschaft und erst recht kein modernes Urheberrecht
                    etwas Positives wird abgewinnen können. Autornamen sind wenig mehr als
                    Markierungen von Einsichten und Erkenntnissen und identifizieren nur selten
                    autarke geistige Urheber, die für das Wissen exklusive Anerkennungsverhältnisse
                    begründen. Geistige Urheberschaft ergibt sich im enzyklopädischen Schreiben auch
                    nicht aus der Einheitlichkeit von Werken; diese sind höchstens gewisse Faktoren
                    innerhalb der Auseinandersetzung mit Wissen. Die lange Tradition des
                    enzyklopädischen Schreibens kann sich gerade deshalb im digitalen Zeitalter der
                    netzförmig realisierten Textrezeption und -produktion bruchlos fortsetzen, weil
                    auch hier die Idee des Autors und die Vorstellung des Werkes nicht vorab
                    festliegen, sondern kontextuell bestimmt werden. </p>
                <p>Ob nun Foucault‘sche Verfremdungsverfahren oder Erfahrungen der digitalen
                    Textkultur für eine neue Perspektivierung der frühneuzeitlichen Wissensliteratur
                    – hier im engeren Sinne: des enzyklopädischen Schreibens – motivieren, unsere
                    Form der Annäherung ändert sich damit. Statt der traditionellen Lektüre zählt
                    die <hi rend="italics">Begegnung</hi> mit dem Text, seine Wahrnehmung als dynamisches Geschehen eher
                    denn als statisches Faktum. Die in der Lektüre immer unterstellte Lesbarkeit des
                    Textes, die wir in unserer Arbeit auf die eine oder andere Weise prüfen und
                    damit immer wieder neu herstellen, wird gegen das Konzept der <hi rend="italics">Aufführung</hi>
                    gesetzt. Dabei kann Aufführung im theatralischen Sinne verstanden werden, weil
                    damit eher ein Gegenüber als ein Gegenstand konstituiert wird, und zwar auf eine
                    so komplexe Art und Weise, dass jedweder Text als Textur sichtbar wird, als
                    Gewebe gelegentlich unterschiedlicher Schreibstrategien.</p>
               
            </div>       
            <div type="section">
                <head>Im Parterre</head>
                <p>Wenn man nun versucht, der Wissensliteratur der Frühen Neuzeit zu begegnen, indem
                    man darauf zugeht wie ein Zuschauer auf die Bühne, dann erleben wir Texte wie
                    eine gewisse Anzahl von Figuren in einer Reihe von Konstellationen. Dabei können
                    die Figuren zwar durch eine Handlung zusammengebunden sein, gehen aber niemals
                    darin auf. So sind die in der Wissensliteratur durch Texte vermittelten
                    Kenntnisse und Informationen wohl lesbar als Diskurs, der einheitlich
                    rekonstruiert werden kann, genauer betrachtet aber werden sie im Innern der
                    Bücher oft in einem gewissen Durcheinander aufgeführt. Alphabetische
                    Enzyklopädien oder Lexika geben dafür gute Beispiele ab. Der Artikel eines
                    Lexikons ist – in theatralischer Betrachtungsweise – wie eine Bühnenfigur mit
                    eigener Geschichte, die wiederum mit den Geschichten anderer Figuren – der
                    anderen Artikel – wenig verknüpft ist. </p>
                <p>Hat man sich in die gespannte Erwartungshaltung eines aktiven Zuschauers des
                    frühneuzeitlichen Wissenstexttheaters versetzt, stellt sich schnell ein Eindruck
                    des Heterogenen ein, der – wie in Neil Stephensons Trilogie <bibl><title>The Baroque Cycle</title></bibl>
                    (2003/2004) – viel Unterhaltsames enthält. Manche Wissensstücke sind wie in
                    einer Galerie nach Kriterien der Ähnlichkeit präsentiert, andere werden zum
                    Staunen dargeboten, nach dramaturgischen Kriterien, die Schrecken mit Lust
                    verbinden. Die ruhige Erbaulichkeit von Muscheln, Seetieren oder Pflanzen in
                    Büchern, die sich Raritäten- oder Schatzkammern nennen, trägt eine wiederum
                    andere Art von Inszenierung. Unterschieden davon sind die auf bedeutsame
                    Lebensereignisse zugespitzten Biographien in den zahlreichen Enzyklopädien, die
                    sich Personen widmen. Endlich dienen geographische Enzyklopädien – in einer
                    großen Vielfalt stadt- und länderbezogener Lexika – dem Reisen im Lehnstuhl und
                    befriedigen die europäische Neugier auch mit Informationen über fernliegende
                    Sitten und Gebräuche. </p>
                <p>Wir sind noch nicht so weit, diese Choreographie auftretender Inhalte, die
                    Ereignisphänomenologie der Wissensgegenstände, das ganze Informationstheater
                    der frühneuzeitlichen Fachbücher in angemessener Weise als Schauspiel nicht nur
                    der Sachen, sondern auch des Denkens wahrzunehmen. Zu oft verderben wir uns mit
                    den verbrauchten Kategorien der Ideengeschichte oder mit ästhetischen
                    Qualifizierungen des Wunderbaren die strapaziöse Reise ins Innere der Texte. Wir
                    retten uns aus der irritierenden Begegnung mit den Inhalten und Gegenständen der
                    Wissensbücher voreilig durch ein die Texte vereinnahmendes Verstehen oder ein
                    entschuldigendes Staunen, blenden dabei die wahrnehmbaren Muster der
                    Textkompositionen aus. </p>
               
            </div>        
            <div type="section">
                <head>Proszenium</head>
                <p> Als vorsichtige Probe auf künftige Forschungen geht es im Folgenden um einen
                    besonderen Aufführungseffekt, der für die enzyklopädische Literatur insbesondere
                    des 18. Jahrhunderts typisch wurde und der deutlich vor Augen tritt. Es geht um
                    den ‚Vorhang‘, d. h. um Texte vor dem eigentlichen Text, um Prospekte im
                    wörtlichen Sinne: Aussichten auf ein Textwerk, das als Ganzes annonciert und
                    zugleich verborgen wird. Am Beispiel einiger prominenter Paratexte, die
                    vorhanggleich dem Werktext selber vorgeschaltet sind, kann man zeigen, wie eine
                    auf Begegnung sich einlassende Aufführungserwartung die auf gleichförmige
                    Lesbarkeit spekulierende Lektüre ersetzen kann. </p>
                <p>Wissensbücher, insbesondere Enzyklopädien, kennen werbende Textstücke, die
                    eingangs eines Buches – wenn nicht schon auf der Titelseite – im Vorgriff auf
                    das Ganze der Wissensdarstellung diese gewissermaßen rahmen und damit eine
                    Distanz zum Leser-Zuschauer aufbauen. Dieser Einschnitt vor dem eigentlichen
                    Text wird oft von Verlegern oder Autoren besetzt, um Vorreden oder Widmungen zu
                    platzieren, die wiederum meist in einer Art Kommentarverhältnis zum übrigen
                    Inhalt stehen. Das Buch als Kulturgegenstand und als Ware wird hier erkennbar,
                    und die ersten Seiten konstituieren durchaus absichtlich den Eindruck, dass hier
                    etwas in Szene gesetzt werden soll. So ist in vielen Wissenswerken des 16. und
                    17. Jahrhunderts der Textanfang eben diejenige Stelle, an der
                    Herstellungsverfahren erläutert und Quellen aufgelistet werden, um Autorität zu
                    heischen. Im 18. Jahrhundert wird die Vorrede prominent, um Auskünfte über Ziel
                    und Zweck des Unternehmens zu geben und den Lesern Versprechungen zu machen.
                </p>
                <p>Nun lässt sich mit nur wenig Aufwand beobachten, dass manche Vorreden eine vom
                    Haupttext unabhängige Perspektive exponieren. Nicht nur bei politisch oder
                    religiös engagierten Büchern findet hier ein absichtsvolles Vorbeireden statt,
                    auch in der Wissensliteratur gibt es an derjenigen Stelle, an der noch die
                    Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts vor allem die eigene Arbeit
                    qualifizierten, nun im 18. Jahrhundert eine Täuschungsoperation, die die
                    tatsächlichen Arbeitsprozeduren nicht nur nicht ausweisen, sondern verschleiern
                    und einen eigenen schönen Schein verbreiten, ganz wie ein bunt bemalter Vorhang,
                    der einige im Spiel entfaltete Motive und Figuren in zeichnerischer Abstraktion
                    festhält. Jedenfalls gilt dies für die folgenden beiden Beispiele. </p>
                <p>Zwei Vorhänge sind es, die man kurz beschreiben und dann wegziehen kann, zwei
                    bekannte Vorreden, die über den eigentlichen Text einen Schleier der Täuschung
                    werfen, was aber wegen der Schönheit des Schleiers fast gänzlich unbemerkt
                    blieb.</p>
                    
                    </div>
                    <div type="section">
                        <head>Der erste Vorhang: Chambers 1728</head>
                <p>Der erste Vorhang gehört zur <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> von Ephraim Chambers (1728) und stellt
                    im 18. Jahrhundert einen der ersten ausgemalten Vorhänge dar, die auf das
                    dahinter aufgeführte Werk hinweisen und es zugleich verbergen. Chambers gibt
                    mitten auf einer Seite des Vorworts ein graphisches Schema, schreibt ganz links
                    den Begriff ‚Wissen‘ (<hi rend="italics">Knowledge</hi>) hin, zieht dann einige Striche nach rechts und
                    erreicht über verschiedene Zwischenstationen, bei denen sich die Striche immer
                    weiter aufteilen, am rechten äußeren Rand die Benennung von 47
                    wissenschaftlichen Disziplinen. Es
                    ist ein Tafelbild, das sich auch von rechts nach links lesen lässt: Alle
                    Wissensdisziplinen sind Disziplinen des ‚Wissens‘, und alles hängt mit allem
                    zusammen: Unser Horizont ist von eng geknüpften Deduktionen durchzogen, die eine
                    Kontinuität nicht nur im Denken, sondern – daraus folgend – auch im Wissen
                    suggerieren. </p>
                <p>Das gegliederte und gestufte Tafelbild-Schema findet bei Chambers noch eine
                    Weiterung; es setzt sich in einem zweiten Bild fort: Nachdem die 47 Disziplinen
                    als Ergebnis einer gedanklichen Differenzierung sichtbar gemacht wurden, werden
                    sie wie Säulen des Wissens einzeln vorgestellt. Als Begriffscontainer gebieten
                    sie über den Inhalt des folgenden Werks und teilen die Gesamtmenge der Artikel
                    anteilig unter sich auf. Jede einzelne im Schema dargestellte Disziplin wird
                    eigens noch einmal angeführt, von der Theologie bis zur Heraldik, in einer Art
                    Fließtext, der eine Aufzählung von Lemmata enthält. Die Leser begreifen auf
                    diese Weise: Disziplinen sind aus Kernbegriffen zusammengebaut, sie werden aus
                    dem Mauerwerk von regierenden Substantiven errichtet, die beim Lesen der
                    <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> aus der unendlichen Weite der Buchstabenwelt die Vision eines
                    gefügten Bauwerks zaubern. So schön kann ein Vorhang sein. Es werden
                    Zusammenhänge geschaut, und es werden Disziplinen gebaut, auf beide Weisen
                    engste Beziehungen im Reich des Wissens gestiftet. </p>
                <p>Dieser Vorhang lässt sich allerdings ohne Konsequenzen wegziehen. Einmal offen,
                    erblickt man im Text der <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> selbst eine nach dem Alphabet der
                    natürlichen Sprache gegliederte Artikelfolge, in die hinein sämtliche Begriffe
                    sämtlicher Disziplinen versprengt und nur durch dünne Fäden der Verweisungen
                    gelegentlich verbunden sind. Diese Fäden zeigen sich an vielen Stellen als
                    brüchig, denn etwa nur jedes zweite Lemma verweist auf eine Disziplin. Zudem
                    gibt es zahlreiche Worterklärungen zu Sachen, die keiner Disziplin in Chambers‘
                    virtueller Akademie angehören und sich daher auch nicht auf das auf den
                    Eingangsvorhang gemalte Schema beziehen. So ist beispielsweise die Geschichte
                    (<hi rend="italics">History</hi>) im Werk mit Einträgen vertreten, nicht aber im Wissensdiagramm
                    aufgeführt. Dieses erscheint wie eine Aufführung aus eigenem Recht, weitgehend
                    unverbunden mit den Textfiguren, die auf der Wissensbühne auftreten. Chambers
                    beschwört also eingangs einen fachlichen Zusammenhang, produziert im Werk selber
                    jedoch ein Alphabet des vielfältigen Wissens. Die Leser werden jenen Vorhang als
                    schönen Schein der Systematizität wie eine Erinnerung präsent halten können, in
                    der Aufführung des Wissens selbst aber nicht als vernehmbare Stimme erleben.
                </p>
                <p>Chambers‘ <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> ist – wie generell das enzyklopädische Schreiben seit dem
                    18. Jahrhundert – eine redaktionelle Kompilation von Textelementen und
                    zersprengt das Wissen in Einzelfiguren, die als Lemmata höchst unterschiedlichen
                    Disziplinen zugeordnet sind. Ein Zusammenhang wie der vorab schematisierte muss
                    hier fehlen, weil das enzyklopädische Werk als Abbild alles Lernbaren nicht in
                    allen Einzelheiten Zusammenhang stiften kann. Solcher Zusammenhang ist in
                    früheren englischsprachigen Werken wie dem <bibl><title>Lexicon technicum</title></bibl> von John Harris
                    (zuerst 1704, zuletzt 1736) oder in der späteren <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> von Abraham Ree
                    (zuerst 1778, zuletzt 1820) weit besser repräsentiert. </p>
                    </div>
             <div type="section">
                <head>Der zweite Vorhang: Diderot 1751</head>
                    <p>Was an Chambers Werk Eindruck machte, war im Blick der Zeitgenossen durchaus
                        auch sein Vorhang, und so wird das dort skizzierte Wissens-Schema in der
                        französischen <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> Diderots und d’Alemberts direkt imitiert. Diderot
                        schreibt im ‚Prospekt‘ zur Ankündigung seiner <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> 1750 über
                        Chambers: <quote>Wir finden, dass Plan und Anlage des Lexikons hervorragend sind</quote>–
                        und vor allem das, Plan und Anlage, findet sich bei seinem Werk ebenfalls
                        vorab entworfen. </p>
                 <p>Das <ref target="http://fr.wikisource.org/wiki/Prospectus_(Diderot)">Eröffnungsdiagramm</ref> der <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> verspricht im 1751 erschienenen
                        ersten Band eine Verkettung der Einzelkenntnisse über eine planmäßige
                        Verzeichnung aller Wissenschaften, anders als bei Chambers verkompliziert
                        der zweite Vorhang jedoch die Ausdifferenzierung des Wissens, indem er
                        zusätzlich die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten kartiert. Ein schöner,
                        viel gerühmter und oft studierter Vorhang mit einer sowohl systematischen
                        wie zugleich anthropologischen Vorzeichnung des Wissens. Nur ist auch dieser
                        Prospekt ganz irrelevant für die folgende Artikelvielfalt, und die
                        <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> erscheint nicht anders als die <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> in einer Spannung
                        aufgehoben zwischen einerseits der Erwartung, die der zugezogene Vorhang
                        verspricht, und andererseits der Erfahrung, die man als Leser macht, sobald
                        er fortgezogen ist. </p>
                    <p>Die Leser der <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> nämlich erfahren ein ‚editorisches Chaos‘ schon in
                        Bezug darauf, was die den Herausgebern so wichtige Kategorienzuordnung
                        betrifft: Selbst dort, wo die Zuordnung eines Eintrags zu einer Kategorie
                        gegeben wird, sind der Ort und manchmal auch der Begriff dafür schwankend.
                        Die Gründe für eine weitgehende Abwesenheit systematischer Struktur im
                        Textkorpus selbst sind vielfältig. Einmal ist es die große Anzahl der
                        Autoren – ca. 200 eigenwillige Schreiber, die kein noch so gut bemalter
                        Vorhang in ihrer eigenen Sicht der Dinge prägen konnte – und zum anderen die
                        große Anzahl der Artikel – ca. 71.000 –, die im Redaktionsprozess durch kein
                        noch so feines Netz von Fäden stringent miteinander verbunden werden
                        konnten. Die Textur des Vorhangs wird nicht zur Struktur des Werks, wie man
                        etwa an zahllosen ins Leere gehenden Verweisungen erkennen kann. </p>
                    <p>Auch ist das Eingangsdiagramm – genannt <quote>Système figuré</quote> – für die
                        <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> gar nicht recht brauchbar, da die meisten im Schema genannten
                        Disziplinen von den Autoren tatsächlich nicht genutzt werden. Umgekehrt
                        werden in vielen Einträgen Rückverweisungen auf Disziplinen getätigt, die im
                        Eingangsdiagramm gar nicht enthalten sind (wie etwa <quote>Calendrier</quote>,
                        <quote>Draperie</quote>, <quote>Gouvernement</quote>, <quote>Sucrerie</quote>, <quote>Topographie</quote>). Auch die dem
                        Herausgeber Diderot so wichtige Disziplin ‚Philosophiegeschichte‘ kommt im
                        anfangs skizzierten Schema der menschlichen Kenntnisse gar nicht vor. Das
                        Schema des <quote>Système figuré</quote> auf dem Vorhang der <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> kündigt ein
                        ganz anderes Stück an als das tatsächlich aufgeführte. </p>
                    <p>Man kann noch weiter gehen: Die <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> enthält als allgemeine
                        Enzyklopädie ganz unvermeidbar mehr Text als sich aus dem vorangestellten
                        System der menschlichen Kenntnisse ergibt. Das ganze Feld des empirischen
                        Wissens, das kaum systematisierbar ist – wie die Einträge im Bereich der
                        ‚speziellen Geographie‘, oder die Einträge aus Geographie, Geschichte und
                        Biographie belegen –, zeigt eine große Uneinheitlichkeit in der
                        Durchführung. Einer der wichtigsten Artikelverfasser, Louis de Jaucourt, hat
                        etwa biographische Artikel zu berühmten Persönlichkeiten geschrieben und sie
                        in geographischen Artikeln gewissermaßen versteckt, wie beispielsweise einen
                        Text zu Shakespeare im Artikel zu dessen Geburtsstadt Stratford. Die
                        Herausgeber Diderot und d‘Alembert wollten biographische Artikel explizit
                        vermeiden. </p>
                    <p>Durch ihre Wirkungsgeschichte ist die französische <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> mehr als eine
                        Enzyklopädie in der Tradition der Wissensbücher. Innerhalb der französischen
                        Literatur- und Wissensgeschichte kann man sie als den Versuch verstehen, die
                        redaktionelle Form des enzyklopädischen Schreibens zu überhöhen und in
                        Richtung Essay zu treiben. Zum Projekt der literarischen Reform gehört auch
                        die im Vor-Bild des Eingangsdiagramms exponierte Systemidee, die die
                        enzyklopädische Arbeit an Maßstäben der Wissenschaft und Philosophie zu
                        entlehnen verlangt. Gegen die mühselige Arbeit am kleinteilig konsumierbaren
                        Wissen behauptet sich – nachvollziehbar besonders im Einleitungtext von
                        d‘Alembert – eine Sehnsucht nach einem Schema, in dem die vielfältig
                        auseinanderstrebenden Bereiche des Wissens sich als effektiver Zusammenhang
                        präsentieren. </p>
                    <p>So kam es, dass gerade dieser Vorhang, der in seiner bildhaften Qualität die
                        Utopie des Unbewegten auch in der Welt des Wissens darstellt, eine separate
                        Wirkungsgeschichte erfahren hat. Er steht uns heute noch vor Augen, wenn es
                        um frühneuzeitliche Wissensliteratur geht. Der vergleichsweise kurze Moment
                        philosophisch überhöhter Enzyklopädistik hat bewirkt, dass unsere
                        Auseinandersetzungsformen mit dem enzyklopädischen Schreiben von
                        textbegegnungsunabhängigen Visionen geprägt sind und wir im
                        rekonstruierenden Tun einen Begriff von Wissen annehmen, der in jedem Falle
                        etwas Disziplinierbares darstellt und erst dadurch formal als Erkenntnis
                        gilt. </p>
                    <p>Dabei scheint es, dass wir feste Kriterien dafür in Anschlag bringen, ganze
                        Wissenswerke beurteilen zu können, und dass sich dabei die Hoffnung
                        bestärkt, lesend und verstehend alle Textfiguren in einer Handlung zu
                        begreifen. Die Problematik solcher Rekonstruktion liegt hauptsächlich im
                        Ignorieren von Schreibstrategien und wird jeweils dann deutlich, wenn wir
                        von dem, was wir in alten Lexika und Enzyklopädien lesen, vieles als im
                        emphatischen Sinne unwichtig, als Digression, Beiwerk, Ballast, Rest oder
                        Ruine abtun. </p></div> 
              <div type="section">
              <head>Ohne Vorhang: Zedler 1732</head>
                                       
                    <p>Ein drittes enzyklopädisches Werk des 18. Jahrhunderts, zeitlich zwischen der
                                <bibl><title>Cyclopaedia</title></bibl> und der
                                <bibl><title>Encyclopédie</title></bibl> platziert, hat keinen
                        Vorhang mehr: Das deutsche <ref target="http://www.zedler-lexikon.de/"
                                    ><bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl></ref> des
                        Leipziger Verlegers Johann Heinrich Zedler. Dass der Vorhang absichtlich
                        weggelassen wurde, kann man an Bemerkungen des leitenden Redakteurs Carl
                        Günther Ludovici erkennen, der in den Bänden <ref
                            target="http://www.zedler-lexikon.de/blaettern/einzelseite.html?seitenzahl=14&amp;bandnummer=21&amp;dateiformat=1&amp;supplement=0&amp;view=100"
                            >21</ref> und <ref
                            target="http://www.zedler-lexikon.de/blaettern/einzelseite.html?seitenzahl=14&amp;bandnummer=23&amp;dateiformat=1&amp;supplement=0&amp;view=100"
                            >23</ref> einleitend eine systematische Zusammenschau nach Abschluss des
                        Alphabets verspricht. Dass dies allerdings nie realisiert wurde, ist
                        pragmatische Konsequenz einer Enzyklopädie, die sich ganz den
                        Leserinteressen beugt und nicht mehr Fachartikel bringt, sondern
                        Sachartikel, die weitgehend ohne Verweisungen und also selbstständig gelesen
                        werden können. </p>
                    <p>Statt eines eigenständigen Vorhangs gibt das <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> mit der
                        <ref target="http://www.zedler-lexikon.de/blaettern/einzelseite.html?seitenzahl=24&amp;bandnummer=01&amp;dateiformat=1&amp;supplement=0&amp;view=100">Vorrede</ref> des Historikers Peter von Ludewig in Band 1 einen vergleichsweise
                        durchsichtigen Text, der als Paratext mit den folgenden Artikeln harmoniert,
                        jedenfalls nicht dazu in Spannung steht. Von Ludewig bezeichnet das Alphabet
                        der Einträge als besten Weg, das zu finden, wozu man Informationen benötigt.
                        Für Diderot und d‘Alembert stellt das Alphabet eine Provokation
                        systematischen Denkens dar, für die Macher des <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> ist es eine
                        gut funktionierende Suchmaschine für jedermann. Die gewöhnliche Sprache wird
                        hier ganz unproblematisch zum Leitfaden für die (bis heute unbekannten)
                        Autoren und Redakteure dieses Lexikons, weil darin nicht nur akademisch
                        Vorgebildete erfolgreich fündig werden können. Von Ludewig bekennt daher
                        ohne Scham, dass das <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> eine Kompilation und redaktionelle
                        Bearbeitung vieler einzelner Fachlexika darstellt. Er benennt damit zu
                        Beginn der Enzyklopädie deren Produktionsprinzip und evoziert keine darüber
                        hinausgehende Hoffnung auf enge Verknüpfung aller Wissensarten, wie bei den
                        Diagrammen und Schemata von Chambers und Diderot. Der durch die Vorrede des
                        Historikers von Ludewig gegebene Vorhang ist also selber Teil der Bühne –
                        anders gesprochen: Die Vorrede ist Teil des Werks, nicht seine Überhöhung.
                        Aufführung muss hier nicht vorbereitet werden, Begegnung ist umstandslos
                        möglich. Glättende Lektüreverfahren sind hier so wenig erfolgreich wie
                        synthetisierende Diagramme. Jeder Leser ist aufgefordert, sein Wissen aus
                        den umgangssprachlichen Benennungen zu fördern, und wird im
                        <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> die eigenen Interessen und Aneignungsverfahren antizipiert
                        finden. </p>
                    <p>Das <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> hat einen gigantischen, nie zuvor erreichten und erst
                        viel später eingeholten Umfang von ca. 284.000 Artikeln auf ca. 68.000
                        Folioseiten. Mit seiner Titelseite, die gewissermaßen als Bildelement für
                        die pragmatische Vorrede von Ludewigs fungiert, erhält der Leser-Zuschauer
                        des 18. Jahrhunderts eine Art Besetzungszettel, welcher das Abenteuer der
                        alphabetischen Aufführung nicht programmatisch umdeutet, sondern in allen
                        Einzelheiten ankündigt. Auch wenn das <ref target="http://www.zedler-lexikon.de/blaettern/einzelseite.html?seitenzahl=4&amp;bandnummer=01&amp;dateiformat=1&amp;supplement=0&amp;view=100">Titelblatt</ref> 33 Wissensfelder absteckt,
                        während man mit ein wenig Analyse dem <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> tatsächlich 72
                        attestieren kann, passt die aufzählende Inhaltsangabe zum Werk selbst, das
                        Wissen nicht – wie in der gelehrten Tradition – hierarchisiert. Es finden
                        sich im <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> zum ersten Mal in großem Umfang das geographische,
                        das biographische und das disziplinäre Wissen gleichgeordnet: die drei
                        Wissensdomänen machen zu jeweils ca. einem Drittel den Gesamttext aus. Die
                        am Leitfaden der deutschen Sprache durchgeführte Findekultur des Wissens,
                        die hier in zuvor niemals praktiziertem Umfang exponiert wird – unbeschadet
                        der noch vorhandenen fremdsprachigen, vor allem lateinischen Lemmata –,
                        befördert die Ausbildung einer enzyklopädischen Sprache, die Gelehrtenidiome
                        und Reiseliteratur, Lexikographie und Zeitungsnachrichten zugunsten einer
                        allgemein verständlichen Ausdrucksweise modifiziert. </p>
                    <p>Mit dem <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> erhält das enzyklopädische Schreiben im 18.
                        Jahrhundert eine eigene Qualität. Artikel über Städte und Länder werden hier
                        aus unterschiedlichen Quellen redaktionell erschaffen und etwa den
                        Reiseberichten oder Kaufmannslexika entfremdet, denen einzelne Informationen
                        entstammen. Artikel über Personen gewinnen eine völlig neuartige Qualität
                        durch die Berücksichtigung noch lebender Zeitgenossen: Das <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl>
                        wandelt sich dadurch zu einem Spiegel der Gesellschaft seiner Leser. In
                        diesem Sinne – damals ganz ungewöhnlich für Enzyklopädien und erst recht für
                        eine so große – laden Herausgeber und Verleger interessierte Familien,
                        Gesellschaften und Individuen ein, Selbstdarstellungen einzusenden. Nicht
                        zuletzt in den Artikeln zu wissenschaftlichen Themen zeigt sich das von den
                        Autoren antizipierte Leserinteresse, indem beispielsweise im Bereich der
                        Medizin alle therapeutisch relevanten Details bevorzugt werden. Der
                        Unterschied zu den zeitgenössischen Fachlexika der Ärzte ist gewaltig. </p>
                    <p>In dieser Enzyklopädie treten die Artikeltexte in einen latenten Dialog mit
                        den Lesern; der Abstand zwischen Bühne und Zuschauerraum wird tendenziell
                        minimiert. Mit dem <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> hat die Präsentation von
                        Wissensliteratur im 18. Jahrhundert eine Stufe der Selbstverständlichkeit
                        erreicht, die nicht nur keine Überzeichnung durch ein vorhangähnliches
                        Textelement oder Diagramm nötig macht. Vielmehr emanzipiert sich die
                        problemlose alphabetische Anordnung der Artikel – wie sie in den
                        erfolgreichen Konversationslexika ab dem 19. Jahrhundert Standard werden –
                        von jeglichen systematischen Ordnungsanstrengungen, wie sie akademisch
                        üblich waren (und nicht selten innerhalb der Universitäten unter dem Titel
                        der <quote>Enzyklopädie</quote> propagiert wurden). Mit dem <bibl><title>Universal-Lexicon</title></bibl> ist ein
                        Markt an Informationen, ein Austauschplatz für das Wissen eröffnet, worauf
                        keine europäische Kulturgesellschaft mehr verzichten wird. Das
                        enzyklopädische Schreiben dient nicht mehr einer Bühne vor Publikum, sondern
                        direkt dem Publikum selbst und seiner Neugier. Auf einen Vorhang kommt es
                        nicht an.</p></div>
                    

        </body>
    </text>

</TEI>
