Miscellanea liturgica Trevirensia
Trier — 994–1008
Provenienz: 2r auf dem Kopfsteg der Besitzvermerk des Benediktinerklosters Reichenbach am Regen (Diözese Regenburg) Iste liber est sancte Marie virginis in Richenbach Ratisponensis dyocesis. Wann und auf welchem Wege die Handschrift dorthin gelangte, ist nicht bekannt. In einer Ausleihliste ist vermerkt, dass sie, zusammen mit 10 weiteren Codices, an Matthias Flacius Ilyricus ausgeliehen wurden (vgl. , 74, 75f.; , Wege zur Provenienzbestimmung versprengter bayerischer Handschriften, in: Bibliotheksforum Bayern 6 (1978), S. 188–208 (193f. Hs. genannt); , 110; , 229–231, 676f. Nr. 620920). Die Handschrift ist verzeichnet unter der Nr. 4 als De quibusdam vitis patrum. Die Inhaltsangabe auf 1r ( 1. Vita S. Eucharii, Valerii et Materni episcoporum Trevirensium. 2. Vita Benedicti Abbatis. 3. Vita Paulini episcopi) stammt von der Hand eines Mitarbeiters des Matthias Flacius Ilyricus und ist identisch mit der in 1006 Helmst. 1109 Helmst. wurde zusammen mit 354 Helmst., 1300 Helmst. und 19.41 Aug. 4° von Flacius nicht an das Kloster zurückgegeben, sondern verblieb in seinem Besitz.
Pergament — 148 Bl. — 17 × 13 cm
Lagen: IV+1 (9). 2 IV (25). IV+1 (34). 7 IV (88)! IV–2 (94). IV (102). III–2 (106). V (116). 3 IV (140). III–1+1 (145)!. Gezähltes Vorsatzblatt. Zählfehler: Nach Bl. 68 und Bl. 69 je ein Bl. ungezählt, Bl. 143 doppelt gezählt. Vorsatzblatt: Psalterfragment (Süddeutschland, 13. Jh., 2. Viertel). Initialen mit schaftbegleitendem Palmettenfleuronnée. Moderne Tintenfoliierung. Schriftraum: 12,1 × 8,6 cm, einspaltig, 15 Zeilen. Karolingische Minuskel von drei Händen Hand A: 2r–107v, 108r Z. 14, 144r Z. 5. Hand B: 108r Z. 1–14. Hand C: 144r Z. 6 - 145v. B und C sind Schreiberhände aus der Schule des Egbertcodex, Hand A gehört dem traditionellen Maximiner Stil (Trier), des ausgehenden 10. Jh. an. Händescheidung und -einordnung nach , 496. Textüberschriften in rubrizierter Capitalis rustica. Textanfänge teils in Capitalis rustica, teils in rubrizierter Minuskel. Zu hervorgehobenen Textabschnitten rubrizierte 2–4zeilige Initialmajuskeln. Satzanfänge gelegentlich mit roten Begleitstrichen oder rot hinterlegt.
Unverzierter gotischer Holzdeckelband mit Schafslederüberzug. Langriemenschließe (Riemenrest erhalten). Auf dem VD das Signaturenschild der Konventsbibliothek von Reichenbach am Regen mit der Aufschrift M VIII p (Papier, 3 × 6 cm; gleiche Schilder bei Cod. Guelf. 354 Helmst., Cod. Guelf. 1300 Helmst. und Cod. Guelf. 19.41 Aug. 4°). Auf dem HD ein rundes Blech.
INHALT
Miscellanea liturgica Trevirensia. 2r–25r Lectionarium officii (Proprium de sanctis, pars aestivalis). 2r–5r Lectiones in festo nativitatis BMV (8.9.); 5v–14r Lectiones in festo Michaelis archangeli (29.9.) ( 5948); 14v–25r Lectiones in festo Omnium sanctorum (1.11.). 25r–26r Tropi diversi. 26v Incipitseite zum Officium. 27r Initialzierseite zum Officium. 26v–92v Officium in festo sanctorum episcoporum Trevirensium Eucharii Valerii et Materni ( 2655). 93r–94v Series archiepiscoporum Trevirensium (Edition: 13,296–301, Text 298f. Nr. III - diese Hs., 296 genannt). 95r Initialzierseite zum Officium. 95r–106v Officium in festo exaltationis sanctae Crucis (14.9.) ( 4178). 107r–132v Officium in festo sancti Benedicti (21.3.) ( 1102). 133r–144r Vita Paulini archiepiscopi Trevirensis (31.8.) ( 6563). 144r–v Officium in festo Pentecostes.
AUSSTATTUNG
7 Initialen. 1 Incipitseite. 2 Initialzierseiten.Incipit- und Initialzierseiten (gerahmt):
26v Incipitseite/Textzierseite. Officium in festo sanctorum episcoporum Trevirensium Eucharii Valerii et Materni. Rahmenüllmotive: Palmettenfries und Punktreihe. 12,1 × 10,6 cm. Abb. 88.
27r Initialzierseite. Officium in festo sanctorum episcoporum Trevirensium Eucharii Valerii et Materni. (Q)uam vis beata vita sanctorum ... 11,5 × 9,7 cm. Abb. 89.
95r Initialzierseite. Officium in festo exaltationis sanctae Crucis. (T)empore illo. 11,9 × 10,5 cm. Abb. 87.
Initialen: Spaltleisteninitialen mit Knollenblattranken (28r, 50r, 53v, 61r [2x], 61v und 107r; 2,0–9,6 cm). Die häufig als Stufenband geführten Spaltleisteninitialstämme sind durch kleine, einfache und genagelte Spangen gegliedert. Die dicht geführten, knoten- oder spiralförmig verlaufenden Ranken mit angedeuteten Stauchungen an den Gabelungen gehen vom Initialstamm ab und sind mit Buchstabenleisten an den Scheitelpunkten in Schlaufen umschlungen (27r, 61r, 107r) oder durch die Spaltleiste geführt (53v, 61v, 95r). Als Endbesatz dienen Palmetten (61r), Trifolien (61r), gekernte Blüten (61v, 95r, 107r), ein Herzblatt (107r) und fadenförmige Rankenabläufe mit Lanzettblatt und Sporangien (53v). Als Initialstammendung wurden Tierköpfe verwendet (53v - Hundekopf , 107r - antithetisch gesetzte Vogelköpfe).
Farben: Die Konturlinien von Rahmen und Initialen in Rot. Einige Binnenfelder und Hintergründe in Blau und Grün (27r, 61v, 95r und 107r). Die Rahmenleisten der initialzierseiten in Blau/Rot (107r) und Blau/Grün mit roter Mittellinie (27r).
STIL UND EINORDNUNG
Die vorliegende Handschrift ist zur Zeit des Erzbischofs Liudolf von Trier (amt. 994–1108) für die Trierer Domkirche geschrieben worden (, Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter, Saarbrücken 1991, 57 Anm. 83). Die in der Handschrift enthaltene Liste der Trierer Erzbischöfe endet mit Liudolf (amt. 994–1008), vgl. 94v, so dass davon ausgegangen werden kann, dass der Wolfenbütteler Codex in diesem Zeitraum entstanden ist (, 496). H. Hoffmann identifizierte paläographisch mit den Händen B und C Schreiber aus der Schule des Egbert-Codex, der für den Erzbischof von Trier (amt. 977–993) in Trier oder auf der Reichenau wahrscheinlich in der Zeit zwischen 980–993 geschrieben wurde (Trier, StB, Hs 24, Codex Egberti; , und , Codex Egberti. Teilfaksimile-Ausgabe des Ms. 24 der Stadtbibliothek Trier, Text- und Abbildungsband, Wiesbaden 1983; ). Hand A weist er paläographisch dem älteren Maximiner Stil zu. Zudem ordnet er die Handschrift zusammen mit weiteren Trierer Codices (Trier, StB, Hs 1379/143 8°, Trier, StB, Bibelfragment und Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. fol. 34; zur Handschrift vgl. ) der Schreibschule des sogenannten Meisters des Registrum Gregorii zu, der nachweislich als Buchmaler zur Zeit Erzbischofs Egberts in Trier (977–993), darüber hinaus aber auch in Lorsch gearbeitet hat (, 452; zum Meister des Registrum Gregorii vgl. ; , The chronology of the Registrum Master, in: Kunsthistorische Forschungen. Otto Pächt zu seinem 70. Geburtstag, hrsg. von und , Salzburg 1972, 62ff.; , Archbishop Egbert's "Registrum Gregorii", in: Studien zur mittelalterlichen Kunst 800–1250. Festschrift für Florentine Mütherich zum 70. Geburtstag, hrsg. von , und , München 1985, 87–100). Die Initialzierseiten der Wolfenbütteler Handschrift zeigen in der Anlage Ähnlichkeiten zu Handschriften aus dem Kreis des Gregor-Meisters. Das Q mit der gerade nach unten verlaufenden Cauda (27r) und die spiralförmigen Rankenverläufe mit mittig gesetzter Vierpassblüte (107r) finden sich in dem Evangeliar Manchester, John Rylands Library, Latin MS 98, 98r, Trier, 980–982 (, Nr. 16, Taf. 90; , Bd. 2, Nr. II-37 []). Im Detail überwiegen die Parallelen zu Trierer, genauer Maximiner Handschriften aus der Zeit um 1000, die unter dem Einfluss alemannischer Schulen - der Reichenau und St. Gallen - stehen. Ähnlichkeit in den gewählten Endmotiven und den zum Teil fadenförmig ausgeführten Rankenabläufen mit Sporangien zeigt ein Lektionar, heute in Baltimore (Baltimore, The Walters Art Museum, Ms. W. 9,152v, Trier oder Würzburg, Ende 10. Jh.; , Nr. 19, Taf. 96). Die auffälligen, in den Scheitel- und Gliederungspunkten der Initialen befindlichen Rankenschlingen (vgl. 27r) besitzt die Handschrift Berlin, SBBPK, Ms. lat. qu. 683, 91r, Trier, St. Maximin, 10./11. Jh. (, Nr. 87, Abb. 288)., Nr. 1216 (Heinemann Nr.). — , 452, 496. — , Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter, Saarbrücken 1991, 57 Anm. 83, 67. — , Zum Stand von Astronomie und Naturwissenschaften im Kloster Reichenbach, in: Festschrift 875 Jahre Kloster Reichenbach am Regen 1118–1993, München 1993, 24–45, hier 25 und 43. — , 16f. Nr. I.4 (). — 4/1, 486. — , Bd. 1, Nr. 23 (), Taf. 113, 114. — , Die Benediktinerabtei St. Eucharius-St. Matthias vor Trier, Das Erzbistum Trier 8 (Germania sacra. Die Bistümer der Kirchenprovinz Trier N.F. 34), Berlin, New York 1996, 413. — , 138, 351, 354, 356f., 361, 395. — (vorläufige Beschreibung in der Handschriftendatenbank der HAB).
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).