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Beschreibung von Cod. Guelf. 1151 Helmst.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Orationale
Entstehungsort: St. Gallen
Entstehungszeit: 1022-1036
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 121 Bl.
Format: 16,2 × 11,8 cm
Seitennummerierung: Neuere Bleistiftfoliierung. 103-121 ältere Tintenfoliierung unten rechts auf recto.
Lagenstruktur: IV-1 (7). 11 IV (99). III+1 (106). IV-1 (113). IV (121).
Seiteneinrichtung: 11,5 × 9 cm, einspaltig, 15 Zeilen.
Hände: Karolingische Minuskel von zwei Händen.
Hand A: 1-121. Hand B: 100r-105v. Von Hand A auch die Berliner Codices St. Gallen, StiB, Ms. theol. lat. qu. 3 und St. Gallen, StiB, Ms. theol. lat. qu. 11 (Hoffmann Buchkunst, 398).
Schrift: Erste Zeilen der Titelzierseite 1r und der weiteren Textanfänge in Capitalis. Text der Textzierseite und Incipits in Capitalis rustica. Capitalis und hervorgehobene Satzmajuskeln, gold schattiert.
Erste Zeilen der Titelzierseite 1r und der weiteren Textanfänge in Capitalis. Text der Textzierseite und Incipits in Capitalis rustica. Capitalis und hervorgehobene Satzmajuskeln, gold schattiert.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    3 Initialen, Miniatur (heute Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 3 Fragm.).
  • Initialen: Zu den Textanfängen Goldinitialen mit dichten Ranken und Verknotungen im Buchstabenschaft. (1r, 32v, 57r). Als Endmotive Knollenblätter. Details in Minium. Die Initialen mit blauen Binnengründen, 1r mit blauem, lappigem Umriss. 2,2-6,7.

  • Miniatur (heute: Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 3 Fragm.): Bischof Sigebert von Minden auf einem Faltstuhl mit Löwenköpfen thronend. Bekleidet mit Pontifikalgewändern und dem darüberliegenden goldenen Pontifikale, auf seinem Schoß ein aufgeschlagenes Buch. Wie bei einer Pontifikalmesse wird er rechts von einem Diakon mit aufgeschlagenem Buch und links von einem Priester mit geschlossenem Buch flankiert. Im Rahmen der Miniatur die Inschrift Nomine sacra tuo Sigberte dicatur imago. Quae suffulta suo presidet officio. Die Inschrift wird von einer Hand des 14. Jahrhunderts am oberen Blattrand wiederholt. Blatt: 12 × 9 cm.

Einband: Neuzeitlicher Ganzledereinband: Pappdeckel mit dunkelbraun gefärbtem Schafsleder überzogen, mit einfachen Linienverzierungen in Blindpressung. Zwischen 1764 und 1785 in der Werkstatt des Buchbinders Anton Friedrich Wirck in Helmstedt angefertigt (vgl. Lesser Geschichte, XLVII). Die Handschrift besaß ursprünglich einen Einband mit Elfenbeinrelief (heute Berlin, SBBPK, Ms. theol. germ. qu. 42, Einband; Kaiser Heinrichh II, Kat.Nr. 129 [G. Suckale-Redlefsen]). Das Relief zeigt Bischof Sigebert von Minden mittig stehend in Pontifikaltracht, über den Handgelenken zwei verzierte Manipel. Ihm zur Seite flankierend zwei kleinere Geistliche in Messgewändern, mit offenem (zu seiner Rechten) und geschlossenem (zu seiner Linken) Buch in den Händen und auf Hügeln stehend. Zu Sigeberts Füßen breiten zwei Ministranten ein Tuch aus. Oben links das Lamm Gottes, oben rechts die Taube des Heiligen Geists. 14 × 7 cm.
Geschichte der Handschrift: Die kleine Handschrift im Oktavformat war ursprünglich mit zwei Bildnissen geschmückt (vgl. Miniatur/Einband und Provenizenz), die beide Sigebert von Minden in Ornat zeigen (Miniatur: sitzender Bischof im Messgewand mit geöffnetem Sakramentar auf dem Schoß, flankiert von einem Priester und einem Diakon; Elfenbein: stehender Bischof im Ornat flankiert von zwei Geistlichen - zu den Darstellungen vgl. ausführlich von Euw St. Gallen, 524, 250). Ebenso wie Cod. Guelf. 1008 Helmst. gehört auch 1115 Helmst. zu den Handschriften, die unter Abt Thietpalt von St. Gallen (1022-1034) vor Ort für Bischof Sigebert von Minden (1022-1036) geschrieben und illuminiert worden sind (zur Gruppe und ihrem Initialstil vgl. Cod. Guelf. 1008 Helmst.). Zwei weitere Handschriften dieser Gruppe besitzen ebenfalls noch erhaltene Elfenbeine zu Einbänden, die der Mindener Domherr Heinrich Tribbe (um 1410-1464) um 1460 in der Mindener Bischofschronik erwähnt (K. Löffler, Mindener Geschichtsquellen, Bd. 1: Die Bischofschroniken des Mittelalters, Münster 1917 [Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Provinz Westfalen 4,1], 127-134; es betrifft die Handschriften Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. oct. 1 [Hymnar] und Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. fol. 2 [Sakramentar]; von Euw St. Gallen, Kat.Nrn. 154, 156 und 250-253). Ursprünglich waren die Einbände wohl zusätzlich mit Goldschmiederarbeiten und Steinschmuck besetzt, Arbeiten, die programmatisch auch in Zusammenhang mit St. Gallen gestanden haben dürften. Die stilistische Übereinstimmung der Elfenbeintafel und der Miniatur des vorliegenden Orationale veranlasste von Euw, die ausführende Elfenbeinwerkstatt ebenfalls nach St. Gallen zu lokalisieren (vgl. von Euw St. Gallen, 250, 251; eine Zusammenstellung der Mindener Gruppe bei Goldschmidt I/II, 10, 44, Nrn. 145-147). Suckale-Redlefsen sieht diese Zusammenhänge nicht und verweist auf stilistische Parallelen zu Darstellungen Heinrichs II., wie dem Krönungsbild des Regensburger Sakramentars (München, BSB, Clm 4456, Regensburg, nach 1002; Kaiser Heinrichh II, Kat.Nr. 112 [G. Suckale-Redlefsen]) oder dem Bamberger Pontifikale (Bamberg, SB, Msc. Lit. 53, Salzburg(?), um 1020; Kaiser Heinrichh II, Kat.Nr. 117 [G. Suckale-Redlefsen]).
Provenienz der Handschrift: Die Handschrift ist in der jüngeren Chronik des Mindener Bischofs Heinrich Tribbe (um 1410-1464) genannt Tertium continet orationes singulares et praeparatoria ad missam in quo dicti episcopi effigies intra librum pulchreet artificiose est depicta ex teriusque de ebore sculpta et ab aliis duabus imaginibus suffulta et sublevata. Versus: Nomine sacro tuo, sigeberte, dicatur imago, quae suffulta suo praesidet officio (Milde Handschriften Sigeberts, 12). Noch in Minden dürfte der Handschrift ein Einzelblatt mit Miniatur entnommen worden sein (heute Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 3 Fragm.; Kaiser Heinrichh II, Kat.Nr. 129 [G. Suckale-Redlefsen]; von Euw St. Gallen, 524, 250, vgl. Ausstattung). Dies gilt ebenso für das in Berlin aufbewahrte Elfenbein des Einbandes, welches bis 1977 das Gebetbuch der Herzogin Maria von Geldern schmückte (Berlin, SBBPK, Ms. theol. germ. qu. 42, Einband; Kaiser Heinrichh II, Kat.Nr. 129 [G. Suckale-Redlefsen], vgl. Einband). Beides ist in der Bischofschronik im Zusammenhang mit der Handschrift erwähnt. Sie wurde von dem lutheranischen Kirchenhistoriker Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) in Minden ausgeliehen, dessen Bibliotheksreise für das Jahr 1555 zu rekonstruieren ist (vgl. Divina Officia, 413). In der Annahme, im ersten Teil der Handschrift ein Meßbuch mit einer vorkarolingischen Form der Meßfeier entdeckt zu haben, veröffentliche Flacius den Text in seiner "Missa Illyrica", die 1557 in Straßburg erschien (vgl. unten). Aus seinem Nachlass gelangte die Handschrift über einen Rückkauf des Braunschweiger Herzogs (1597) an die Universität Helmstedt (1618) und nach deren Aufhebung 1815 wieder zurück nach Wolfenbüttel (zu Flacius und seinen Ankäufen vgl. Lesser Geschichte, XX).
Inhalt:
  • 1r-14r Apologien. 1r Titelzierseite; 1v-6v Gebete; 6v-14r Ankleide-Ritus.
  • 14r-101r Ordo de officio missae. Der Text liegt gedruckt vor in der Ausgabe Missa latina, quae olim ante Romanam circa 700 domini annum in usum fuit, bona fide ex vetusto authenticoque codice descripta, Straßburg 1557 von Matthias Flacius Illyricus (1081.7 Theol. (4)).
  • 101v-121v Gebete und Orationes.
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)

Abgekürzt zitierte Literatur

Divina Officia P. Carmassi, Divina officia. Liturgie und Frömmigkeit im Mittelalter, Wiesbaden 2004 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 83)
Fingernagel Ill. Hss. 4.–12. Jh. Die illuminierten lateinischen Handschriften süd-, west- und nordeuropäischer Provenienzen der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz: 4.–12. Jahrhundert, beschrieben von A. Fingernagel, Teil 1: Textband, Teil 2: Abbildungen, Wiesbaden 1999 (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Kataloge der Handschriftenabteilung, Reihe 3: Illuminierte Handschriften 2)
Fingernagel Ill. Hss. 4.–12. Jh. Die illuminierten lateinischen Handschriften süd-, west- und nordeuropäischer Provenienzen der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz: 4.–12. Jahrhundert, beschrieben von A. Fingernagel, Teil 1: Textband, Teil 2: Abbildungen, Wiesbaden 1999 (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Kataloge der Handschriftenabteilung, Reihe 3: Illuminierte Handschriften 2)
Gebetbuch im Mittelalter Das christliche Gebetbuch im Mittelalter. Andachts- und Stundenbücher in Handschrift und Frühdruck, Ausstellung Bonn-Bad Godesberg 1988, Ausstellung und Katalog G. Achten, unter Mitarbeit von E. Bliembach, Berlin 1987 (2. Auflage) (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ausstellungskataloge 13)
Goldschmidt I/II A. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser, VIII.-XI. Jahrhundert, 2 Bde., Berlin 1914/1918
Hoffmann Buchkunst H. Hoffmann, Buchkunst und Königtum im ottonischen und frühsalischen Reich, Textbd., Stuttgart 1986 (MGH Schriften 30,1)
Lesser Geschichte B. Lesser, Zur Geschichte und Katalogisierung der Helmstedter Handschriften, in: Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil I: Cod. Guelf. 1 Helmst. – Cod. Guelf. 276 Helmst., bearb. von H. Härtel, C. Heitzmann, D. Merzbacher und Dems., Wiesbaden 2012, XII–XCII
Mayr-Harting H. Mayr-Harting, Ottonische Buchmalerei. Liturgische Kunst im Reich der Kaiser, Bischöfe und Äbte, Stuttgart 1991
Milde Handschriften Sigeberts W. Milde, Die Handschriften des Bischofs Sigebert von Minden, in: Lectionarium Berlin, Ehem. Preußische Staatsbibliothek, Ms. theol. lat. qu. I. Farbmikrofiche-Edition, München 1993 (Codices illuminati medii aevi 18)
von Euw St. Gallen A. von Euw, Die St. Galler Buchkunst vom 8. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts, 2 Bde., St. Gallen 2008
Wolfenbüttel Helmst. O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)

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