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Beschreibung von Cod. Guelf. 17 Weiss.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)

Ps.-Hieronymus, Breviarium in Psalmos

Weißenburg, Benediktinerkloster — 9. Jh., 2. Jahrzehnt

Provenienz: 1r und 2r Benediktinerkloster Weißenburg, Besitzvermerke: Codex monasterii sanctorum Petri et Pauli apostolorum in Wyssenburg (1r). Von weiterer Hand ergänzt: Ordinis divi Benedicti. 2r Codex monasterii sanctorum Petri et Pauli apostolorum in Wissenburg und Hieronymus super psalterium. 1r Jeronimus super psalterium (15. Jh.). 1r Weißenburger Signaturenbuchstabe: .C. (14. Jh.). 1r oben: eingeritzte Runen beatus uir kui non habiit in konsilio impiorum et in uia pekkatorum. Die Handschrift gelangte über Heinrich Julius von Blum 1690 in den Besitz des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig. Wiener Liste 2°41 (Butzmann Weißenburg, 3–18).

Pergament — 324 Bl. — 32,2 × 21 cm

Lagen: III (7). 38 IV (317). VI-1 (324). Lagenbezeichnung I-XL unten mittig auf dem letzten Blatt der Lage, gelb überstrichen, vgl. (vgl. 46 Weiss., 19 Weiss. und 47 Weiss.). Neue Tintenfoliierung. Schriftraum: 25,5 × 16,5 cm, einspaltig, 32 Zeilen. Karolingische Minuskel von zwei Händen. (Butzmann Weißenburg, 126, 127). Adallandus-Gruppe, zugehörig: 10 Weiss., 13 Weiss., 14 Weiss., 17 Weiss., 18 Weiss., 24 Weiss., , 43 Weiss., 67 Weiss. (?) und 81 Weiss. (Butzmann Weißenburg, 51–59). Incipit in Capitalis, Wörter rot grün alternierend (1v). Explicit in tintenfarbiger Capitalis mit roter Punktkrandung, Buchstaben farbig gefüllt (324r; Abb. 212). Buchüberschriften in roter Unzialis. Im Text rote und schwarze Satzmajuskeln.

Roter Ledereinband (Nigerziegenleder; Neubindung 1972).

INHALT

1r leer. 1v–324r Ps.-Hieronymus: Breviarium in Psalmos (PL 26, 812–1270; CPL 629; zum Text vgl. ausführlich Butzmann Weißenburg, 126). 324v leer.

AUSSTATTUNG

Zahlreiche ornamentierte und kolorierte Hohlinitialen. 7 Zierinitialen. 2 autonome Zeichnungen.

Initialen: Zu hervorgehobenen Textabschnitten 1–3zeilige Federinitialen mit roter Punktrandung (107v, 2x 108v, 109v; 1,5–3 cm; vgl. Abb. 210). Einleitend zu den Buchabschnitten ornamentierte und kolorierte Hohlinitialen sowie drei farbig, gelegentlich schwarz hinterlegte Initialen mit Flechtband (212v, 233r, 263v; 3–7 cm). 258v und 301r nachträglich eingefügte Initialen von gleichem Stil aber minderer Qualität. Füllmotive: Ausgesparte Schnallen, häufig mit flankierenden Dreiecken (einige dienen als Kragen für Vögel und sind gelegentlich als eigenständige, verzierte Elemente ausgeführt, vgl. 105v; Abb. 201), große Kreuzblüten (vgl. 5r), kleine Vierpassblüten, gelegentlich mit eingefügten kleinen Blättchen, gegenständige Halbpalmetten (vgl. 2r), Wellen- und Zickzackbänder, zum Teil mit Palmettenlappungen und Knospenansätzen (vgl. 85v), Blütenkelche (vgl. 79r), Stufenband (vgl. 263r), M-Formen (vgl. 20r), kopfstempelartige Formen (vgl. 74v) und gekreuzte Achterschlingen. Das Flechtband ist den farbig hinterlegten Initialen vorbehalten und findet dort auch als Endgeflecht Verwendung (212v). Im Besatz einfach- und doppelkonturige Halbpalmetten mit fleischigen, großen, unterschiedlich kolorierten Lappungen, deren Zusammensetzung teils gestückelt wirkt. Häufig sind tropfen- und spiralartige Übergangsformen zu beobachten (vgl. 60v, 162r, 166v). Charakteristsich ist zwei- oder dreilappige Halbpalmette mit rückwärts gebogener Einrollung (vgl. 85v, 60v, 299r; vgl. Abb. 203-205). Palmetten ersetzen mit elegantem Schwung Buchstabenabschnitte (vgl. 154r, 299r; vgl. Abb. 205). Die Initialstämme enden gegabelt oder in feinen, meist spiralförmig aufgerollten Serifen, die als Voluten verstärkt werden (vgl. 273v). Des Weiteren ein- und zweistufige Blütenendungen, ein Tierkopf (212v) und Palmetten mit geradem Abschluss. Auf 5r als Bogenersatz ein springender Hund (Abb. 202). Der Verlauf der Buchstabenglieder häufig in großzügig angelegten, eleganten Schwüngen (vgl. 154r, 299r). Einige Ausläufer von I-initialen stielartig zentriert nach unten ragend (vgl. 269v; Abb. 207).

Zeichnungen: Zwei autonome braune Federzeichnungen: 1r ein sich aufrichtender oder sich duckender bärtiger Mann im Profil (12,5 cm; Abb. 211). Nur die dem Betrachter zugewandten Gliedmaßen des Mannes sind wiedergegeben. Der hintere Arm ist im Gewand eingehüllt und dezent erkenntlich. Das Gesicht im Dreiviertelprofil geradeaus nach schräg oben blickend. Der rechte Arm (grüßend?) erhoben, zwei Finger im Segensgestus. Die Zeichnung erscheint unfertig und ist im Kinnbereich durch ein kleines Kreuz gestört (zeitgleich). Gegenüber befinden sich die Gesichtszüge einer Frau (leicht abgerieben). Der Segensgestus der rechten Hand, die Beinhaltung sowie das weibliche Gesicht veranlassen zu der Annahme, dass es sich um eine unfertige Verkündigungsdarstellung handelt (Verkündig an Maria oder Verkündigung an die Frauen am Grabe). 324v ein frontal thronender jüngerer Mann, bekleidet mit Tunika und darüber liegendem Pallium (Evangelist; 13,2 cm; Abb. 213). Das rechte Bein ist leicht vorgestellt und deutlich vergrößert. Die rechte Hand greift nach rechts, während die linke angewinkelt ein kleine Rolle hält. Der Blick des Mannes geht nach links. Weitere Attribute fehlen. Gesicht und Füße sind detailgetreu wiedergegeben. Schultern, Arme und Hände erscheinen unfertig. Sitztypus und -haltung deuten auf eine Evangelistendarstellung, wie sie in der Hofschule Karls des Großen, in leicht abgewandelter Form aber auch im Laufe des 9. Jh. in anderen karolingischen Skriptorien gebräuchlich wurde. Die Sitzhaltung mit der nach unten gerichteten Armbewegung nach rechts verweist auf den sogenannten Eintauchtypus (G. Denzinger, Die Handschriften der Hofschule Karls des Großen. Bemerkungen zu ihrem Bildschmuck und ihrer Ornamentik, in: Karls Kunst, 109–129, bes. 112–117).

Farben: Gelb, Grün, Minium und Beige. Gelegentlich Dunkelblau. Die Kolorierung wirkt nachlässig und zum Teil unvollständig.

STIL UND EINORDNUNG

Der Stil der kolorierten Hohlinitialen schließt sich eng an die Ausstattung der Wolfenbütteler Handschriften 14 Weiss. und 24 Weiss. an. Verbindende Elemente sind eingerollte oder volutenartige Serifen und die Auswahl der Füllmotive (hier vor allen Dingen die gegenständige Halbpalmette, das Zickzackband mit Knospe sowie das Stufenband und Blütenkelche). Diese Motive sind allgemein im Bodenseeraum verankert (vgl. 14 Weiss. und 24 Weiss.). Mit Motiven wie der großen Kreuzblüte, gekreuzten Achterschlingen, der doppelkonturigen und der gekernten Palmette treten allerdings zusätzlich Parallelen zur frühen St. Galler Buchmalerei unter Abt Gozbert (816–837) in den Vordergrund (zur Handschriftengruppe, vgl. von Euw St. Gallen, 41–61). Besonders die Handschriften Stuttgart, WLB, HB VII 17 (Augustinus, St. Gallen, 1. Viertel 9. Jh.; von Euw St. Gallen, Nr. 41, Abb. 144–147; Burkhart Ill. Hss. 1, Nr. 27, Abb. 98–102 gibt die Handschrift in den Bodenseeraum) und Stuttgart, WLB, HB II 54 (Bibel, St. Gallen, 820/830; von Euw St. Gallen, Nr. 21, Abb. 52–56) zeigen Ähnlichkeiten. Von besonderem Interesse sind die in diesem Zeitabschnitt in St. Gallen auftretenden, fleischigen Palmetten, die, wie in 17 Weiss. gestückelt wirken können (vgl. St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 183; 800/830 - von Euw St. Gallen, Nr. 24, Abb. 59) und in den Lappungen verschiedenfarbig koloriert sind (vgl. Stuttgart, WLB, HB II 54 , 109r und 121r). Auch die in St. Gallen übliche Verwendung von fadenförmigem Flechtband im Endgeflecht und die gelegentlich auftretende schwarze Hinterlegung von Flechtbandfüllungen (vgl. St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 116 St. Gallen, Schreiber um Wolfcoz I, 1. Drittel 9. Jh.; von Euw St. Gallen, Nr. 29, Abb. 76–79) sowie der immer häufiger werdende Verzicht auf vollständig mit Hohlbuchstaben verzierte Seiten sprechen für die gleiche Zeitstellung. Die den Initialen und auch den Halbpalmetten eigenen eleganten Schwünge und Abläufe, insbesondere die zwei- oder dreilappige Halbpalmette mit rückwärts gebogener Einrollung (vgl. 85v), das Füllmotiv der gegenständigen Halbpalmette sowie die verstärkten und verzierten Halskrausen der Vögel, wie sie ausgeprägt in 17 Weiss. vorliegen (vgl. 105v), sind aus französischen Handschriften (Bern, BB, Cod. 118, Fleury, Anfang 9. Jh.; Homburger Burgerbibliothek, 42–44 und München, BSB, Clm 14325, Südfrankreich, Ende 8. Jh, (?); Bierbrauer Ill. Hss., Nr. 252, Abb. 545, 546, 548) und einer weiteren elsässischen, nicht näher lokalisierten Handschrift (Fulda, HLB, Aa 9, 8./9. Jh.; Jakobi-Mirwald/Köllner Ill. Hss., Nr. 5, Abb. 33–37) bekannt. Zu den Zeichnungen (1r und 324v): Butzmann erkannte in der Zeichnung auf 1r die Ähnlichkeit zu einer Abraham-Figur im Berner Prudentius-Codex (Bern, BB, Cod. 264, 1. Viertel 10. Jh., Reichenau; zur Handschrift, vgl. von Euw St. Gallen, 285, 286; Homburger Burgerbibliothek, Bd. 1, Bern 1962, 136–158; Frankish Manuscripts, Nr. 87). Wie oben genannt, handelt es sich jedoch um den Engel einer Verkündigungsszene. Ikonographische Entsprechungen aus der Entstehungszeit der Handschrift zeigen Elfenbeine aus der Hofschule Karls des Großen Köln, Museum Schnüttgen, Harrachsches Diptychon, Dauerleihgabe der Stiftung Ludwig und Oxforder Buchdeckel (Oxford, BodL, MS. Douce 176, Aachen, Hofschule Karls des Großen, um 800); T. Jülich, Fragen an die Hofschule, in: Karls Kunst, Nr. 2, 266, Abb. 17). Erst aus ottonischer Zeit liegen aussagekräftige Vergleiche in der Buchmalerei vor (Würzburg, UB, M. p. th. q. 4a, Einzelblatt, Fulda, 1000/1010; C. Nordenfalk, The chronology of the Registrum Master, in: Kunsthistorische Forschungen. Otto Pächt zu seinem 70. Geburtstag, Salzburg 1972, 69f.). Die angeführten Vergleiche, insbesondere die Nähe zur St. Galler Wolfcoz-Gruppe, veranlassen zu einer Datierung der Handschrift in das zweite Jahrzehnt des 9. Jhs. Die in der Handschrift enthaltenen Zeichnungen (Engeldarstellung und Evangelist) wurden später, aber noch im 9. Jh., von einer Hand ausgeführt und hinzugefügt.

Becker, 48, Nr. 95. — Wolfenbüttel Weiss., Nr. 4101 (Heinemann Nr.). — Lesne, 706. — Butzmann Weißenburg, 126, 127. — Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 1, 91. — Kleiber Otfrid von Weißenburg 107, 123–128. — Cames, 19. — Krämer, Bd. 1,1.2, 824. — Bibliothèque monastique, 24, 25, 34. — Bischoff Katalog 3, Nr. 7372. — Moulin Rand und Band, 38, Abb. 9. — Westphal Buchmalerei Weißenburg, 360, 362, 363.


Beschreibung erstelltY im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).
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