Dieter Merzbacher: Katalog der mittelalterlichen Helmstedter Handschriften. T. 1: Cod. Guelf. 1 bis 276 Helmst. Beschrieben von Helmar Härtel, Christian Heitzmann, Dieter Merzbacher, Bertram Lesser. Wiesbaden: Harrassowitz, 2012. S. 323-324. (Vorläufige Beschreibung)

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 255 Helmst.

Kleiner Seelentrost

Papier — 239 Bl. — 31 × 22 cm — Norddeutschland — 15. Jh., Mitte

Lagen: 19 VI (228). V+1 (239). 229–239 ist verbunden, die dem Text entsprechende Reihenfolge ist 229, 234–236, 230–233, 237–239. Originale römische Tintenzählung bis CCI (= 202; Clxxiiii zweimal gezählt), ab Clxxiiii (= 175) auch arabische Bleistiftfoliierung (19. Jh.). Reklamanten, arabische Blattzählung innerhalb der Lagen. Schriftraum: 22,5 × 16 cm, ca. 33–35, fol 231r–233v und 237r–239r 40–42 Zeilen, zweispaltig, Bastarda (Typ C), ein Schreiber: Hinricus Rutenbarch (74va) bis 236v, Rest von anderer Hand. Rubriziert, zwei- bis dreizeilige Lombarden. 1v am Rand zugehörige Bibelstellen von neuerer Hand eingetragen. Lateinische Zitate, Namen bzw. Autoren rot unterstrichen.

Holzdeckel mit dunklem Leder überzogen. Einzelstempel Agnus Dei: EBDB s005468. Blatt: EBDB s000440. Krone: EBDB s005448. Lilie: EBDB s002234, EBDB s006000. Ornament Punkte: EBDB s003090, EBDB s003650. Rosette fünfblättrig: EBDB s007682. Aus der Werkstatt "Reinhausen Webmuster I" (EBDB w000317). Beide Deckel mit Beschlägen an den Kanten und fünf Buckeln, sämtliche aus Messing. VD mittlerer Messingbuckel auf Messingrosette mit 6 cm Durchmesser, ornamentiert. HD kleinerer Messingbuckel.

Fragmente:
  1. . 1Pergament, VS und HS jeweils ein Bl., querständig. 30,5 × 21 cm und Schriftraum: 31 × 19 cm, 24 bzw. 21 Zeilen. 12 Jh. Carolino-gothica. Rubriziert. Psalterium. Initium Ps 68 Kapitalis, Buchstaben im Wechsel braun und rot. VS: Ps 67,16–36; 68,1–7 rechts, vor Beginn von Ps 68 "Salvum me fac …" steht: Vox Christi ad patrem cum pateretur. HS oben: Ps 68,21–34, unten: Ps 65,13–20; 66,1–8; 67,1.
  2. . 2Drei eingeklebte Papierstreifen auf VS und HS, 13, 15 und 20 × 3–4,5 cm, 13, 15 und 29 Zeilen, 15. Jh. Bastarda. Die beiden Streifen auf HS aus einem Stück. Reimoffizium in visitatione BMV. VS: Teile der Magnificat-Antiphon und des Invitatoriums der Matutin, HS: Teile der Responsorien der 1. Nocturn und Antiphonen der 2. Nocturn (AH 24 Nr. 29).

Herkunft: Von dem bislang nicht näher identifizierbaren Henricus Rutenbarch geschrieben (74va in der Mitte): Hinricus Rutenbarch de het dat bocke gescriven. — Seit 1644 in der Universitätsbibliothek Helmstedt nachweisbar; im Handschiftenkatalog von 1644 (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 5v) als De septem sacramentis liber multis legendis refertus. In sächsischer Sprache unter den Theologici in folio verzeichnet. Auf dem VS die entsprechende Helmstedter Signatur T. 80.

Heinemann Nr. 288. — Schmitt Seelentrost 31*. — Reidemeister 25.

Schreibsprache: Ostfälisch.

1ra–239rb Kleiner Seelentrost. Der sele trost licht an hilgher lere unde an beterynghe der hilgen scrift … Haupttext: Kynt leve du schalt dat weten … (224vb) Hir endot sik de propheten van vnseme hern Ihesus Christo hir begynnent sik an de namen der propheten vnd der vedere de olden E or begyn or land or predeginghe vnde orgraft. … (229vb) Text bricht ab im Abschnitt Van sunte Petre dem apostel. Setzt wieder ein (234ra) zu St. Jacobus apostolus, fehlender Text entspricht Cod. Guelf. 389 Helmst. (siehe unten), 200vb Zeile 9 - 201rb Zeile 5. Ab 230ra Textumstellung infolge Bindefehler der letzten Lage. (230vb) Hir begynet sek de nye E … — (239rb) Unde wonede an eyner stad de heyt Nazareth. Amen. Der Text entspricht Cod. Guelf. 389, 74ra–205vb, vgl. dazu Borchling 10. Druck: GW M41130–M41152, vergl. GW M41138 (110a). ‚Klosterspiegel' in Auszügen nach der Hs. gedruckt bei A. Lübben, Niederdeutsche Tischzucht, Germania 21, NF 9 (1876) 424–430. 2VL 8, 1030–1040, hier 1034–1040 und 9, 946 (Hs. jeweils genannt). Hs. genannt in M. Murjanow, Zur Überlieferung des Seelentrost, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 86 (1964) 189–224, hier 190; A. Schnyder, Seelentrost: Der große Seelentrost, in: Enzyklopädie des Märchens 12, 493–497. Zum Beichtspiegel innerhalb des ‚Kleinen Seelentrost' vgl. D. Schmidtke, Die ‚Laienregel' des Dietrich Engelhus und ihr literarischer Kontext, in: Dietrich Engelhus, Beiträge zu Leben und Werk, hrsg. von V. Honemann, Köln/Weimar/Wien 1991, 127–146 hier 141 (Mitteldeutsche Forschungen 104).

239rb–239v Federproben.


Abgekürzt zitierte Literatur

Borchling C. Borchling, Mittelniederdeutsche Handschriften in Norddeutschland und den Niederlanden. Erster Reisebericht, Göttingen 1899 (Nachrichten von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 1898, Heft 2)
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
GW Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Bd. 1–, Leipzig 1925–1938, Stuttgart 1978–
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Piccard G. Piccard, Die Wasserzeichenkartei Piccard im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, 17 Bde., Stuttgart 1961–1997
Reidemeister G. Reidemeister, Die Überlieferung des Seelentrostes, Bd. 1, Diss. Halle/S. 1915
Schmitt Seelentrost Der große Seelentrost. Ein niederdeutsches Erbauungsbuch des 14. Jh., hrsg. von M. Schmitt, Köln, Graz 1959 (Niederdeutsche Studien 5)
2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015