Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil II: Cod. Guelf. 277 bis 370 Helmst. Mit einem Anhang: Die mittelalterlichen Handschriften und Fragmente der Ehemaligen Universitätsbibliothek Helmstedt, beschrieben von Bertram Lesser (im Erscheinen).
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms Erschließung und Digitalisierung handschriftlicher und gedruckter Überlieferung (Vorläufige Beschreibung)

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 293 Helmst.

Vocabularius latinus

Papier — 102 Bl. — 30 × 11 cm — Thüringen — 14. Jh., 4. Viertel

Lagen: 5 VIII (80). VI (92). V (102). Moderne Bleistiftfoliierung auf dem Fußsteg. Sämtliche Bl. der Hs. weisen im oberen Teil Spuren eines Wasserschadens auf, die ersten und letzten Bl. sind an dieser Stelle aus- und abgerissen. Schriftraum: 23 × 6 cm, einspaltig, 40–42 Zeilen. Bastarda, eine Hand. Am Beginn jeder Seite litterae elongatae oder cadellenartig verzierte Majuskeln als Auszeichnungsschrift. Rubriziert, rote und braune Lombarden.

Koperteinband aus zwei stark beriebenen Urkunden (Kalbspergament, Haarseite außen) mit Klappe. Lagen direkt durch den Umschlag auf durchgängige, beschädigte Rückenverstärkung aus Horn geheftet. Kettenstichheftung an Kopf, Mitte und Schwanz, dazwischen zwei Langstichheftungen mit außen verdrillten Heftfäden.

Fragment: Umschlag. Eisenach. 14. Jh., 2. Drittel. Pergament. 2 Bl. 29,5–33 × 14–20 cm. Die beiden Urkunden sind am oberen Rand stark beschädigt; die den hinteren Umschlagteil bildende weist unten noch die Faltung der Plica auf. Die Texte sind stark berieben und nurmehr stellenweise erkennbar. Schriftraum: 24– × 8,5–16 cm, einspaltig, vorn noch 15, hinten noch 26 Zeilen erhalten. Regelmäßige Kanzleikursive (Notula) von zwei Händen. Auf dem VS am Textbeginn auf braunem Grund eine Federinitiale W über drei Zeilen, der Buchstabenkörper ist vor dem Hintergrund ausgespart. Unter dem Text von späterer Hand zwei durch Abrieb unleserliche Textzeilen.VS Friedrich II Markgraf von Meißen: Urkunde (Wartburg, 3.8.1333). Wir Friderich von gotis gnadin Lantgref zcuo Duringen Margrafe zcuo Misne bekennen offinlich Heinriche Greven unde Herren zcuo Arnstate an den halben teyl der vorbeschribenen stad zcuo Kale das sie vor innegehabt haben zcuo rechtem lohene … — … gegebin zcuo Wartberg nach gotis geburt tausent jar drihundert jar in dem driendrisigisten jare den send Stephans tage [3.8.1333] sint gezcuoge Petir Porcik unse marschalk und Goetze Schindekoph unse hovemeister unse lieben getruwen. Schreibsprache: Frühneuhochdeutsch (Ostmitteldeutsch). Die original und kopial sonst nicht nachweisbare Urkunde ist vermutlich für den Grafen Heinrich VII (X) von Schwarzburg-Blankenburg zu Arnstadt († 1338) bestimmt und steht im Zusammenhang mit dem Kauf der Herrschaft Leuchtenburg von den Herren von Lobdeburg im Jahre 1333. Die beiden Zeugen und Inhaber der wichtigsten landgräflichen Hofämter, Peter Porcik und Götz Schindekopf, sind in dieser Funktion häufiger nachgewiesen, vgl. z. B. Urkundenbuch der ehemals freien Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen, bearbeitet von K. Herquet unter Mitwirkung von W. Schweineberg, Halle 1874 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete 3), 219f. Nr. 505 vom 4.6.1300 und 416 Nr. 863 vom 4.6.1334. HS Friedrich III Markgraf von Meißen, Balthasar Landgraf von Thüringen: Vertrag (um 1360). (Text setzt ein) sol sullen die von Wartzburg alle die vorbeschriben rade verbuntnisse stucke und artikelen haben wir truwe globt … — … haben wir Friderich und Balthazar an disen brief gehangen uns Insigel nach Cristi geburt drizenhundert (Text bricht ab). Schreibsprache: Frühneuhochdeutsch (Ostmitteldeutsch). Bei dem nur teilweise erkennbaren Text handelt es sich offenbar um eine sonst nicht weiter überlieferte Übereinkunft, welche die Brüder Friedrich III und Balthasar, Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen, aushandelten; dazu jetzt E. Leisering, Die Wettiner und ihre Herrschaftsgebiete 1349–1382: Landesherrschaft zwischen Vormundschaft, gemeinschaftlicher Herrschaft und Teilung, Halle 2006 (Veröffentlichungen des Sächsischen Staatsarchivs A8), 105f.

Herkunft: Die für den Koperteinband zweitverwendeten Urkunden lassen vermuten, dass die Handschrift im mitteldeutschen Raum, vermutlich in Thüringen, entstanden ist. Warum das ungewöhnliche, sonst eher bei Rechnungsbüchern u.ä. für den mobilen Gebrauch bevorzugte Halbfolioformat gewählt wurde, ist unbekannt. Die Wasserzeichen sprechen für eine Entstehung im letzten Viertel des 14. Jh. — Wann und auf welche Weise der Band in die Bibliotheca Julia nach Wolfenbüttel gelangte, ist unbekannt, 1614 im Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 16 (12) vermutlich unter Nr. D 9 der Lexica et Dictionaria in folio als Vocabularius manuscriptus Latinus nachgewiesen. Dagegen verweist die Beschreibung im Katalog der Helmstedter Universitätsbibliothek von 1644 (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 31r): Dictionarium latinum, langlicht, hinten und forn zerrissen, ligt quer über unter den Miscellanei MSSti in quarto eindeutig auf diesen Band, der im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 704 aufgeführt ist.

Heinemann Nr. 326.

1r–102v Vocabularius latinus. (Text setzt ein) dici valet ex ad presens esset tedium enarrare. 'A' Littera in omnibus gentibus prior est littera A ideo quod ipse primis nascentibus vocem aperuit. Abba graecum nomen significat Abiecticisses [!] Abactus Abacus … — … Ysagoga Yschines Ypocausa [!] beatus Ambrosius sic ait: De hyme forsitan queris quia nulla tibi ypocausa [!] anhelantibus ignibus vaporetur [Ambros. hexaem. 6,8,52] (Text bricht ab). Text an Beginn und Schluss unvollständig. Wie aus dem aufgrund eines Wasserschadens fragmentierten Prolog hervorgeht, handelt es sich bei dem ungedruckten und in dieser Form bislang nur hier nachgewiesenen Text um eine abbreviierende Bearbeitung (compilatio) des "Elementarium doctrinae erudimentum" des Papias (vergl. mit Cod. Guelf. 21 Aug. 2°, 1ra–249va); die Lemmata sind meist gekürzt und umgestellt, es sind nur wenige, zumeist auf entsprechende Bibelstellen bezogene Ergänzungen vorhanden. Der Koperteinband und das Format der Handschrift lassen auf ein leicht transportables Gebrauchsexemplar schließen. Ungedruckt.


Abgekürzt zitierte Literatur

Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)