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Beschreibung von Cod. Guelf. 47 Weiss.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)

Epistulae cum glossis

Weißenburg, Benediktinerkloster — um 850

Provenienz: 1r Benediktinerkloster Weißenburg, Besitzeintrag: Unterer Blattrand Codex monasterii sanctorum Petri et Pauli in Wißenburg. Oberer Blattrand Weißenburger Signaturenbuchstabe: .D. (14. Jh.). Die Handschrift gelangte über Heinrich Julius von Blum 1690 in den Besitz des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig. Wiener Liste 2° 35 (Butzmann Weißenburg, 3–18).

Pergament — 101 Bl. — 29 × 21 cm

Lagen: II (4). IV (12). III (18). 9 IV (92). IV+1 (101). Lagenbezeichnungen in römischen Ziffern am unteren Blattrand zum Ende jeder Lage (Lage VII zusätzlich auf dem ersten Blatt rubrizierte Zählung). Die Lagenbezeichnungen gelegentlich gelb/durchsichtig überstrichen (vgl. Textbestandteile in 17 Weiss., 19 Weiss. und 46 Weiss.) und in Rechtecke und Quadrate gefasst. Neuere Tintenfoliierung. Schriftraum: 22,5 × 15 cm(ohne Glossen), einspaltig, 28 Zeilen. Karolingische Minuskel von mehreren Händen (Händescheidung vgl. Butzmann Weißenburg, 176–182.). Überschriften und Incipits sowie Explicits in schwarzer und roter Capitalis. Die Minuskeln der Textanfangszeilen durchsichtig gelb überstrichen (vgl. auch Lagenbezeichnungen; gleiches Vorgehen in den Weißenburger Handschriften 17 Weiss., 19 Weiss. und 59 Weiss.). 1–4zeilige Initial- und Textmajuskeln in roter oder schwarzer Capitalis, farbig gefüllt. Variationsreiche schwarze und überwiegend rote Verweiszeichen. Lateinische und althochdeutsche Interlinear- und Marginalglossen (vgl. Bergmann/Stricker Glossenhandschriften, Nr. 936, 1777–1779; E. Steinmeyer, Glossen I, in: Zeitschrift für deutsches Alterthum 15 [1872], 534–538; Butzmann Weißenburg, 176–182.; R. Bergmann, Weißenburger Glossenhandschriften, in: Die althochdeutsche und altsächsische Glossographie. Ein Handbuch, hrsg. von R. Bergman, S. Stricker, Berlin/New York 2009, Bd. 2, 1306–1309; Grifoni, 9, 21, 86f., 225, 230). Ähnliche Glossen liegen in 66 Weiss. und Wien, ÖNB, Cod. 1239 vor. Auf 57r in Spruchform die Datierung der Glosse auf das Jahr 860 (Grifoni, 9, 21, 86f., 225, 230).

Roter Ledereinband (Nigerziegenleder; Neubindung 1964).

INHALT

1r–101v Epistulae cum glossis. 1r-7r Prologe, Argumenta, Genealogia Karolorum. 7r–17v Epistula Pauli ad Rm. 17v–41r Epistula Pauli ad I-II Cor. 41r–46r Epistula Pauli ad Gal. 46r–51r Epistula Pauli ad Eph. 51r–54r Epistula Pauli ad Phil. 54r–59r Epistula Pauli ad I-II Th. 59r–62r Epistula Pauli ad Col. 62r–68r Epistula Pauli ad Tim. 68r–70r Epistula Pauli ad Tit. 68r–70r Epistula Pauli ad Phlm. 70v–72v Epistula Pauli ad Hbr. 72v–83v Scripsit apostolus sine dubio hanc epistulam in urbe Roma ad Ebreos missam ad suam gentem (PL, 100, 1031 [Alcuinus]; 112, 711 C [Hrabanus nach Iohannes Chrysostomus]). 83v–101v Epistulae catholicae (zu den Briefen und ihren Glossen vgl. ausführlich Butzmann Weißenburg, 176–182; Bergmann/Stricker Glossenhandschriften, Nr. 970).

AUSSTATTUNG

1 Initiale. 2 Zeichnungen.

Zeichnungen (Randzeichnungen, koloriert): 66v am linken unteren Blattrand ein Krebs (3,5 × 4 cm, seitlich beschnitten). Auf dem unteren Blattrand ein Skorpion (3,5 × 8 cm). Beide Tiere aus der Draufsicht, mit großen mandelförmigen Augen und Augenbrauen, krallenförmig endenden Beinen. Gliedmaßen mit starken Gelenkverdickungen. Beide Tiere sorgfältig koloriert. Rückgrat, Nacken, Scheren und Krallen mit roten Punkten markiert (Sterne, vgl. Vorlage Tierkreiszeichen, s. u.; bez. mit cancer und scorpio in karolingischer Minuskel von der Hand des Textschreibers). Text: 2 Tim 2,17 et sermo eorum ut cancer serpit (und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs; Z. 5 v.u.). Abb. 339.

Initiale: 31v zum Textbeginn eine kolorierte Initiale 3,5 cm. als Füllmotiv das Zickzackband mit Knospenansätzen, im Bogen ein gliedernder Steg. Im Besatz die Profilpalmette mit rückgeschlagener Spitze und ein Knospenblatt.

Farben: Tiere: Grün, Gelb und Rot, in feinen Abstufungen. Die Initiale mit Orange und Grün. Schwarze Initial- und Satzmajuskeln hinterlegt mit Grün, Gelb und Orange/Rot, rote Buchstaben mit Blau.

STIL UND EINORDNUNG

Die vorliegenden paulinischen und katholischen Briefe geben ein eindrucksvolles Beispiel Weißenburger Glossenarbeit, das vermutlich im Jahr 860 abgeschlossen wurde (vgl. ausführlich Grifoni, 86f.). In der auf 31v beschränkten Initialausstattung finden sich Füll- und Besatzmotive, die im Weißenburger Spektrum bereits in der 1. Hälfte des 9. Jhs. vorkommen (vgl. Zickzackband mit Knospeneinsätzen in 17 Weiss., 85v und 273v, Weißenburg, 2. Jahrzehnt 9. Jh.). Die beiden qualitätvoll ausgeführten Tiere auf 66v, Krebs und Skorpion, stellen eine Besonderheit dar, da sie, auf die Blattränder gezeichnet, vorerst in keinerlei Kontext zu stehen scheinen. Ein Textzusammenhang ist jedoch nachzuweisen. Das Bild des Krebses bezieht sich auf die direkt angrenzenden Verse 2 Tim 2,17 et sermo eorum ut cancer serpit (und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs; Z. 5 v.u.). Der Skorpion wurde vermutlich als Vergleich hinzugegeben. Die auf den Tierkörpern befindlichen roten Punkte sind als Sterne zu deuten und verweisen auf die verwendete Bildvorlage, nämlich Krebs und Skorpion als Tierkreiszeichen, wie sie, ausgehend vom griechischen Dichter Aratos Solensis und dessen zwischen 276–274 v. Chr. entstandenen Phainomena, in den sogenannten Aratea (Himmelsbeschreibungen und Sternenkatalogen) vorliegen. In karolingischer Zeit wurden am Hof Karls des Großen nach antiken Textvorlagen die sogenannten Libri computi zusammengestellt (810–812), deren 5. Buch sich mit astronomischen Phänomenen auseinandersetzt. Zu diesen entstand in Aachen um 820 ein Sternbildzyklus (Madrid, BN, Ms. 3307; Blume/Haffner/Metzger Sternbilder des Mittelalters, Nr. 33), der wiederum den um 816 im Auftrag Ludwigs des Frommen konzipierten Leidener Sternbildatlas Leiden, UB, Cod. VLQ 79 voraussetzt (zur Handschrift vgl. Blume/Haffner/Metzger Sternbilder des Mittelalters, Nr. 23). Anders als in der Aachener, höfischen Prunkausgabe mit ihren ganzseitigen, in Deckfarbe ausgeführten Miniaturen, fügte man im Kloster Fulda, unter Abt Hrabanus Maurus, in eine Ausgabe des Germanicus Bilder in Federzeichnung in den Text ein (Basel, UB, AN IV 18, Fulda, 820–830; Blume/Haffner/Metzger Sternbilder des Mittelalters, Nr. 6), ein Vorgehen, das an die Bilder der Weißenburger Handschrift erinnert. Der Stil der Tiere, mit ihren betonten, mandelförmigen Augen weist in den südwestdeutschen Raum. Parallelen zeigen eine zeitgleiche Handschrift aus dem Bodenseegebiet (Sammelhandschrift, St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 902; Blume/Haffner/Metzger Sternbilder des Mittelalters, Nr. 59) und eine St. Galler Sammelhandschrift aus dem ausgehenden 10. Jh. (St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 250; Blume/Haffner/Metzger Sternbilder des Mittelalters, Nr. 58).

MGH SS 13, 243 (Hs. A 1). — Wolfenbüttel Weiss., Nr. 4131 (Heinemann Nr.). — Steinmeyer/Sievers, Bd. 4, 664, 665 Nr. 637. — Lesne, 707. — Butzmann Weißenburg, 176–182. — Kleiber Otfrid von Weißenburg, 19 Anm. 536, 120 u. Anm. 548, 134, 136, 142, 148, u. Anm. 678, 150. — Hellgardt, 87, 88 Anm. 28, 92 Anm. 44, 93, 94. — Krämer, Bd. 1,1.2, 824. — Bergmann/Stricker Glossenhandschriften, Nr. 970. — Kottje, 227. — Bischoff Katalog 3, Nr. 7396. — Marginalien in Bild und Text, 9 (Einleitung). — Grifoni, 86f., Abb. 2, Farbabb. 1 und 6. — Moulin Rand und Band, 21, Abb. 1. — Westphal Buchmalerei Weißenburg, 361.


Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).
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