Acta Apostolorum apocrypha
Weißenburg, Benediktinerkloster — 9. Jh., 2. Viertel/9. Jh., Mitte
Provenienz: 1r und 161v Bendiktinerkloster Weißenburg, Besitzeinträge: Liber monasterii sancti petri in Wissenburg (1r). 161v Codex monasterii sanctorum Petri et Pauli in Wißenburg. 2r Weißenburger Signaturenbuchstabe: .F. (14. Jh.). 148v Gernot (radierter Name). Vorblatt recto passionale apostolorum cum virtutibus et miraculis eorum. Passio sancti Sebastiani, passio sancti Laurencii. passio sancti Clementis (Ende 15. Jh.). Nachblatt verso unten Excellentissimi Doctoris Blumii mittatur ad P. Horst (Philipp Horst aus Braunschweig, 1584-1664, Prof. der Beredsamkeit in Jena (?); , 182). Wiener Liste 2°61 ( , 3-18).
Pergament — 161 Bl. — 29 × 23 cm
Lagen: I Vorsatzblatt. 2 II (8). 18 IV (152). IV+1 (161). I Nachsatzblatt. Beginnend mit der dritten Lage (erstes Quaternio). Lagenbezeichnungen in römischen Zahlen mittig am unteren Blattrand des letzten Lagenblattes (I-XVIIII). Neue Tintenfoliierung. Guter Zustand. Bl. 4 Blattverlust am Rand ohne Textverlust. Schriftraum: 20 × 16 cm, zweispaltig, 27 Zeilen. Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Incipits und Explicits in Capitalis, zeilenweise schwarz/rot wechselnd oder in roter Capitalis Rustica, teils mit nachfolgender roter Unzialis. Kapitelzählung in roten oder tintenfarbigen römischen Zahlen an den Texträndern.
Roter Ledereinband (Nigerziegenleder; Neubindung 1964).
INHALT
1. Vorsatzblatt (Papier) Beschreibung der Handschrift von F.C.Waeterling, 1825. 2. Vorsatzblatt (Pergament) Missale (Fragment, 12. Jh.). 1r-3r Reversio crucis. 3r-8r Inventio crucis Darunter Oratio. domine Jesu Christe, qui per crucem … Nachtrag (13. Jh.; vgl. Bd. 1, 312.). 8v-9r : Epistula dedicatoria ad passionem sancti Johannis apostoli ( 4320; weiterführende Literatur vgl. 497 Helmst [in Vorb].). 9v-20r Passio sancti Petri apostoli ( 6663). Zusammen mit der Praefatio des Pseudo Africanus ( Juni 5, 424-428). 20r-22v Passio sancti Pauli apostoli mit Capitula ( 6574 und 6575). 22v-32v Passio sanctorum apostolorum Petri et Pauli ( 6657; 1, 119-177). 32v-35r Passio sancti Jacobi minoris apostoli ( 4089). 35r-36v Virtutes sancti Philippi apostoli ( 6814). 36v-57v : Liber de miraculis beati Andrea apostoli ( 430; 71, 1099-1102). 57v-60r Passio sancti Andreae apostoli ( 429; 13, 374-378). 60r-64v Passio sancti Jacobi maiores apostoli (mit Capitula; 4317 und 4318). 64v-84r Virtutes sancti Johannis apostoli mit Capitula ( 4317 und 4318). 84r-101r De miraculis beati Thomae apostoli ( 8140). 101v-107r Passio beati Bartholomaei apostoli ( 1002). 107v-115v Passio beati Matthaei apostoli ( 5690). 115v-124v Passio sanctorum apostolorum Simonis et Judae mit Capitula (Scripsit autem gesta sanctorum apostolorum Abdias… ( , Bd. 1, 118 Anm. 2). 7750 und 7751) und Anhang 124v-151v : Passio sancti Sebastiani ( 7543; 17, 1021-1058; Jan. 2, 629-6642). 151v-160r Passiones Sixti II. papae, Laurentii et Hippolyti ( 7803; Aug. 2, 140-141 ). 160v-161v Passio Clementis I papae ( 1848). 24ra. 38v Althochdeutsche Glossen (12. Jh.). Nachblatt Gradualfragment (14./15. Jh.).
AUSSTATTUNG
10 Federinitialen. 12 Zierinitialen. Nachträglich hinzugefügte Skizzen und Federzeichnungen.Initialen: Zu den Büchern Randbandinitialen oder konturierte Initialen (10r, 22v, 37r, 101v, 107v, 116r, 124v, 137v, 151v, 160v). Einige Bücher und Unterkapitel mit roten Federinitialen (3r, 8v, 27r, 27v, 32v, 35v, 37v, 38r, 38v, 57v, 60r, 65r, 84r) - hervorgehobene Texpassagen mit 2-3zeiligen roten, unverzierten Versalien, hier der Übergang zu den roten Federinitialen fließend. Einleitend zu den Virtutes apostolorum (9v) eine Textzierseite. Sämtliche Initialen sind in Rot gezeichnet und farbig ausgemalt, bzw. hinterlegt. Die Randbanddinitialen (10r, 22v, 34v - unfertig, 107v,116r, 124v, 137v, 160v; 5-13 cm) mit Endverflechtungen, Verflechtungen innerhalb des Buchstabenkörpers und Verflechtungen in den Binnenfeldern. Das Flechtband verläuft locker und schlaufig, häufig auch unregelmäßig (vgl. 116r). 160v eingefasst von rot gezeichneten Knospenansätzen. Die konturierten Initialen (20r - unfertig, 37r, 101v, 151v; Init.-Höhe: 7,5-22 cm) mit fadenförmigen Endverflechtungen. Die Initialstämme farbig hinterlegt und mit Flechtbandpaneelen (151v) oder unfertig farbig gefüllt (20r, 37r, 101v). Die roten Federinitialen 3-4,5 cm entweder mit eigenständigem fadenförmigem Flechtband in den Binnenfeldern (3r, 27r, 27v, 32v, 35v, 38r, 38v), oder einfach farbig hinterlegt. 57v im Binnenfeld von der Initiale ausgehendes unregelmäßiges Fadengeflecht. Die Abläufe und die Flechtbandknoten gelegentlich spitz zulaufend oder mit entsprechenden Gelenkstellen (vgl. 10r, 22v, 107v, 124v, 160v), teils begleitet von roten Sporangien (vgl. 57v, 101v, 124v), die Endgeflechte und die eigenständigen Verflechtungen mit Hörnern (vgl. 20r, 35v, 38r). Häufig tritt als Flechtbandmotiv der Dreipass auf (vgl. 107v). Als Füllmotive dienen schmetterlingsartigen Blüten (10r), Kreuzblüten (10r, 37r), eine Palmette (137v), ein gestauchtes Band (101v), ein Stufenband (27r - verblichen) und Flechtband (10r, 151v - geädert und zweifarbig koloriert). Im Besatz dominieren doppelt konturiert Halbalmetten mit rückwärtsgebogenen und/oder eingerollten Blattspitzen - die Blätter mit großen, gestreckten Augen und eingefügten Fruchtständen (3v - kleine einfache, unverzierte Palmette, 22v, 101v - ohne Augen, 107v, 116r, 137v). Außerdem ein einfaches Herzblatt (3r), eine kleine Blüte (57v). Als Initialstamm- oder Flechtbandendungen verschiedene Tierköpfe: 22v zwei Tierköpfe mit Mähnenansätzen (Pferde?), Fabelwesen mit runden oder tropfenförmigen Augen und ausgestreckten Zungen, aus denen gelegentlich Flechtband entspringt (32v, 34v, 35v, 37r, 101v, 124v, 137v, 151v - mit Nackenschopf), antithetisch gesetzte Vogelköpfe (37r).
Skizzen und Federzeichnungen (Nachträge):9r Skizze von geringer Qualität - ein Mensch, der mit der Linken auf sein Herz weist, die Rechte ausgestreckt. Neben ihm ein Zweipass mit angedeutem Blattornament (Kleeblatt); 44r Blattmitte oben, Blatt; 73v Blattmitte untere Hälfte und 84r Blattmitte, Blumen; 144v Blattrand oben links stilisierte Palmette. Ritzzeichnungen: 41v linker Blattrand - Knospenstaude und Profilkopf ohne Auge.
Farben: Kleines Farbspektrum mit Dunkelblau (gelegentlich auch Hellblau) und verblichenem Gelb. Die Kolorierung wirkt häufig nachlässig aufgetragen und ist in den Abläufen der Randbandinitialen nur als Linie aufgetragen.
STIL UND EINORDNUNG
Paläographisch wird die Handschrift 48 Weiss. von Bischoff nach Weißenburg gegeben und in das 2. Viertel/Mitte 9. Jh. datiert ( , Nr. 7397). Butzmann gibt dieselbe Lokalisierung an, dies allerdings mit Vorsicht und mit einer Ausweitung auf den südwestdeutschen Raum bei ähnlicher Datierung (Mitte 9. Jh.; , 182-185). Dass sich die Handschrift bereits früh, nämlich im 3. Viertel des 9. Jh., in Weißenburg befunden hat, lässt sich daraus schließen, dass sie, ebenso wie 61 Weiss. für die Inititialausstattung der in Weißenburg nach 863/871 entstandenen Heidelberger Otfrid Handschrift (Heidelberg, UB, Cod. Pal. lat. 52) als Vorlage gedient hat (die Initiale auf 10r findet sich in ähnlicher Form in der Heidelberger Handschrift auf 13r; , Taf. V). Zudem orientierte sich der ausführende Künstler von 48 Weiss. an dem kurze Zeit vorher entstandenen Evangeliar 61 Weiss. Für die in 48 Weiss. vorhandenen zwei Initialstypen, zum einen die Randbandinitiale und zum anderen die konturierte Initiale, lassen sich Vergleichshandschriften aus unterschiedlichen Regionen und Kontexten heranziehen. Die konturierte Initiale, die in 48 Weiss. insgesamt viermal vorkommt (s.o.), steht in der Tradition des Weißenburger Skriptoriums. So konnte bereits Butzmann nachweisen, dass 61 Weiss. mit der Initiale auf 98r für die Initiale von 48 Weiss. auf 151v Pate gestanden hat. Es finden sich ein ähnlich farbig wechselnd hinterlegter Initialstamm mit Flechtbandpaneelen und ein identisch gestalteter unterer Flechtbandausfläufer ( ). Die auffällig nach unten spitz zulaufenden Endgflechte der F-Initiale auf 20r haben ihre Entsprechung in der um die Mitte des 9. Jh. in Weißenburg enstandenen Prudentius-Handschrift 77 Weiss., die als Otfrid-Autograph mit Sicherheit in Weißenburg verankert ist. Hier findet sich auch der in 48 Weiss. übliche Wechsel mit farbig hinterlegten, roten Federinitialen. Die auf 10r verwendeten Motive der Kreuzblüte und der schmetterlingsartige Blüte (vgl. 10r) gehören zum festen Repertoire des Weißenburger Skiptoriums (vgl. 10 Weiss., 3r und 61 Weiss., 154v und 100v). Für die konturierte Initiale auf 37r griff der Maler, ebenso wie in 61 Weiss., direkt auf rFuldaer Vorlagen zurück (vgl. Halberstadt, DS, Inv.-Nr. 467, 58r; , Taf. 22). Äußerst ähnlich gestaltete Pferdeköpfe, wie auf 22v, liegen auch in der im 3. Viertel in Weißenburg entstandenen Wiener Handschrift Wien, ÖNB, Cod. 1239, 1r vor (vgl. , Die frühmittelalterlichen Handschriften des Abendlandes. Die illuminierten Hanschriften und Inkunabeln der Nationalbibliothek in Wien, Leipzig 1923 [Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich 1], 179-182; , 97 Anm. 38). Wie bereits von Sauer bemerkt, zeigen die Randbandinitialen von 48 Weiss. Parallelen zu Handschriften aus Sankt Gallen und dem Bodenseegebiet ( , 25). Da in der neueren Forschung einige der bisher für St. Gallen beanspruchten Hanschriften (vgl. Handschriften der Wolfcoz-Zeit, , Nr. 32-36) nun paläographisch auf der Reichenau verankert werden konnten (zur paläographischen Einordnung der Handschriften Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 12; als Dauerleihgabe in der StiB St. Gallen) und St. Gallen, Cod. Sang. 367, vgl. , Alemannische Minuskel (744-846 n. Chr.), Frühe Schriftkultur im Bodenseeraum und Voralpenland, Stuttgart 2014, 86-90), ergibt sich hierbei aber nun eine deutliche Gewichtung zugunsten der Reichenau (Reichenauer Handschriften zur Zeit des Schreibers und Bibliothekars Reginbert aus dem 2. Viertel des 9. Jh. und bis 870, nach der Zusammenstellung bei und : Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 12, um 825; Zürich, Zentralbibliothek, Ms. Rh. 34, um 825, St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 367, um 830; Wien, ÖNB, Cod. 1815, 850-860; Stuttgart, WLB, Cod. Don. 191, um 860; Oxford, BodL, MS. Auct. D. I. 20, um 870). Burkhart gibt weitere Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek hinzu (Stuttgart, WLB, HB II 36, um 800; Stuttgart, WLB, HB VII 1, 2. Viertel 9. Jh.; Stuttgart, WLB, HB VII 44, 3. Viertel 9. Jh.; Stuttgart, WLB, HB VII 62, Mitte/kurz nach Mitte 9. Jh.; Stuttgart, WLB, HB XIV 13, 3. Viertel 9. Jh. - , Nrn. 3, 5, 7, 8, 9). Zu ergänzen sind Reichenauer Handschriften aus dem frühen 9. Jh., heute in Karlsruhe (Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 81; Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 87; Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 76; Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 85, um 830; vgl. , Nr. 45-48) und die beiden Reichenauer Abschriften Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 19 und Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 29, 825/850 ( , Nr. 51 und 52). Bereits die frühen Reichenauer Abschriften, heute in Karsruhe, zeigen mit ähnlich spitz zulaufenden Flechtbandabläufen, der Vorliebe für Kreuzblüten, den gebändert erscheinenden Abläufen und den geflochtenen Initialstämmen und konturierenden Knospen das Repertoire dieser Region und Ähnlichkeit mit48 Weiss. (vgl. , Abb. 173, 179 und 182). Gut ausgebildet liegt der Reichenauer Stil in dem 850/860 entstandenen Sakramentar Wien, ÖNB, Cod. 1815 vor, das mit den locker geschwungenen Verflechtungen, der Vorliebe für Dreipassknoten und nicht zuletzt immer mit der Kombination von konturierten Initialen und Randbandverflechtungen (vgl. , Abb. 221-225) dieselbe Stilstufe zeigt. Hier (112v; , Abb. 225) und auch in Stuttgart, WLB, Cod. Don. 191 (89v; K. Bierbrauer, in: Das Sakramentar der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek Cod. Don. 191, hrsg. von der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, Berlin 1996 [Kulturtstiftung der Länder - Patrimonia 85], 49-61, Taf. 22) findet sich das besondere Füllmotiv des gestauchten Mäanders, das in 48 Weiss. in abgerundeter Form auf 101v eingesetzt wude. Ein spätes Echo findet das Initialornament in zwei Handschriften aus dem Bodenseegebiet, von denen vermutlich eine auf der Reichenau (Karlsruhe, BLB, Cod. Aug. perg. 207), die andere in einem von St. Gallen abängigen Kloster, evtl. in Konstanz (Fulda, HLB, Aa 8 gegen Ende des 9. Jh.s entstanden ist ( , Nr. 15, Abb. 12-15)., Nr. 4132 (Heinemann Nr.). — , 707. — . — , 182-185. — Bd. 1, 312. — , 134, 146 Anm. 667, 150. — , 19. — , Bd. 1,1.2, 824. — , Bd. 4, Nr. 971. — , 24-26. — , 267. — , Nr. 7397. — , 97 Anm. 38. — , 365f., 369.
Abgekürzt zitierte Literatur
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.