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Beschreibung von Cod. Guelf. 494 Helmst. (Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 2: 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung))
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil II: 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)

Theologische Sammelhandschrift

Magdeburg, Prämonstratenserstift St. Marien (?) — um 1200

Provenienz: Aufgrund der durchgehenden Lagenzählung ist anzunehmen, dass die beiden Teile (A und B) vermutlich im frühen 13. Jh. im Prämonstratenserstift St. Marien in Magdeburg zusammengebunden wurden, vgl. den radierten Besitzvermerk auf Bl. 1r: Sancte Marie sanctique Gerontii episcopi et martyris Magadaburch (Lesung durch Heinemann nach Anwendung von Reagens, nicht mehr sicher zu verifizieren). Zusammen mit dem ebenfalls aus dem Marienstift stammenden Cod. Guelf. 1043 Helmst. wurde die Handschrift von Matthias Flacius Illyricus bei einem seiner Aufenthalte in Magdeburg erworben (November 1552, Juli 1555, Februar/März 1557, vgl. Hartmann, 106). Die in allen älteren Katalogen zitierte Inhaltsangabe auf Bl. 1r stammt nicht von Flacius, sondern von der Hand eines Mitarbeiters oder Sekretärs der Centuriatoren (gleiche Hand wie Cod. Guelf. 462 Helmst., 1r). Zusammen mit der übrigen Bibliothek des Matthias Flacius am 20.4.1597 von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg erworben. 1614 im Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 297 [292]) unter den Papalia Miscellanea mit der Signatur Y 48 als Ambrosii, Honorii, Anshelmi, Augustini, Cypriani quædam opuscula et tractatus una cum vita Basilii in membrana manuscripta, Ist mitten etwas heraus geschnitten nachgewiesen. — Seit 1618 in der Universitätsbibliothek Helmstedt, 1644 im Handschriftenkatalog der Universitätsbibliothek (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 3v) als Ambrosii, Honorii, Anshelmi, Augustini, Cypriani aliquot opuscula una cum vita Basilii. In membrana, vorn ist etwas herauß geschnitten unter den Theologici in folio beschrieben, auf dem VS die entsprechende Helmstedter Signatur T. Fol. 46. Im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 51) unter Nr. 39 nachgewiesen.

Pergament — 73 Bl. — 25 × 16 cm

Aus zwei Teilen zusammengesetzt: A 1r–8v, B 9r–72v. Lagen: 8 IV (64). IV+1 (73). Kustoden in römischen Zahlen auf dem unteren Blattrand der ersten Rectoseite jeder Lage (in der vorletzten Lage auf der letzten Versoseite; in der letzten fehlt die Zählung): I, VIXIII. VS und HS Gradualfragmente (Kyriale; 14. Jh.. 2. Hälfte). Moderne Bleistiftfoliierung: 173; das mitgeheftete hintere Vorsatzblatt mitgezählt. Nach Bl. 8 Verlust von sechs Quaternionen.

Gotischer Holzdeckelband, überzogen mit dunkelbraun gefärbtem Leder. Streicheisenlinien. Drei unregelmäßig angeordnete Doppelbünde. Zwei Riemenschließen in Vogelkopfform. Schließenriemen und -haken unten verloren; Gegenblech mit Riemenrest auf dem Buchrücken erhalten.

STIL UND EINORDNUNG

Der Besitzvermerk auf Bl. 1r lässt ein Entstehen des ersten Teils der Handschrift (Teil A; 1r-8v) im Prämonstratenserstift St. Marien in Magdeburg vermuten, wo beide Teile (A und B) auch zusammengebunden wurden (s. Provenienz). Der Stil der qualitativ hochwertig gearbeiteten Initiale legt ein Enstehen im 4. Viertel des 12. Jahrhunderts nahe, gleichartig bewegtes Blatt- und Rankenspiel zeigen die Federzeichnungsinitialen des 1194 in Helmsarshausen entstandenen Evangeliars Cod. Guelf. 65 Helmst.. Aus dem Skriptorium des Prämonstratenserstiftes in Magdeburg ist aus dieser Zeit nichts Vergleichbares überliefert. Jedoch begegnen um 1200 und im frühen 13. Jh. Handschriften, deren Buchschmuck bereits unter dem Einfluss des aus Nordfrankreich und Südengland importierten Channel-Styles entstand, vgl. das Evangelistar Brandenburg, Domstift, Ms. 1 (Brandenburger Evangelistar), Magdeburg?, um 1200 (Lit. Braun-Niehr Brandenburger Evangelistar, Faks. Brandenburger Evangelistar) sowie ein Psalter ehemals Magdeburg, Kaiser Friedrich Museum, Kg 13 (verschollen; Lit. Wolter-von dem Knesebeck Beatus-Seiten, 419, Anm. 42). Sie gehören zu den Vorläufern und frühen Handschriften der sog. thüringisch-sächsischen Malerschule (Haseloff Thüringisch-sächsische Malerschule; H. Wolter-von dem Knesebeck, Stichwort "Thüringisch-Sächsische Malerschule", in: Lexikon der Kunst, Neubearbeitung, Leipzig 1994, Bd. 7, 315-316) und dürften in Magdeburg nach importierten Vorlagen geschaffen worden sein. Als Vermittler kommen die Erzbischöfe Ludolf von Kroppenstedt (amt. 1192-1205) und Albrecht II. von Käfernburg in Frage, für die Studienaufenthalte in Paris belegt sind (vgl. B. Braun-Niehr, in: Faks. Brandenburger Evangelistar, 59). Die für den Channelstyle typischen, großflächigen Oktopusblätter, gleichmäßige angelegte Spiralranken und in den Rankenverlauf eingefügte Fabel- und Mischwesen fehlen jedoch in der vorliegenden Handschrift. Es dominieren Stilelemente (ähnlich plastische Palmetten und Blatt- bzw. Rankenabläufe), die in Handschriften aus der zweiten Hälfte des 12. Jh. des Hamersleben-Halberstädter Reformkreises der Augustiner Chorherren zu finden sind, vgl. die Lamspringer Codices Cod. Guelf. 443 Helmst. und Cod. Guelf. 447 Helmst. sowie Halberstadt, Domschatz, Inv. Nr. 473 (olim M 3) und Inv. Nr. 474 (olim M 114) (Hamerslebener Bibel) (Halberstadt Carmassi, 165-171; Cohen-Mushlin Hamersle ben, 22-40). Der Stil der Silhouetteninitialen im Teil B der Handschrift entspricht im Stil den Lombardenverzierungen in der Auszeichnugsschrift der Initialzierseite in Teil A (1v). Die Silhouette entspricht in den Motiven nordostfranzösischen Vorbildern. Als überzeugendes Vergleichsbeispiel ist eine Historia Anglorum aus der Normandie, entstanden in der zweiten Hälfte des 12. Jh. zu nennen, deren eng schaftbegeleitender Dekor enge Parallelen zeigt (vgl. 38v ; Cambridge, University Library, MS Gg.2.21; Binski/Zutshi Western illuminated manuscripts, Nr. 302). Ähnlich lappige, kreisförmig endende Palmetten (vgl. 26r und 54v) zeigt ein Constantinus Africanus aus derselben Region, entstanden in der ersten Hälfte des 12. Jh. (München, BSB, Clm 9561; Bauer-Eberhardt, Ill. Hss. französischer Herkunft 1, Nr. 8, Abb. 14); die zentrale Leiste (Leitermotiv) in quereingestellter Palmette (11v) begegnet ebenfalls in nordfranzösischen Handschriften des 12. Jh. (vgl.München, BSB, Clm 407 - Bauer-Eberhardt, Ill. Hss. französischer Herkunft 1, Nr. 14, Abb. 25; Troyes, BM, Ms. 430, Bd. 1, 1v; Cod. Guelf. 349 Helmst.).

Wolfenbüttel Aug., Nr. 531 (Heinemann Nr.). — Kurz 5/2, 512. — Krämer, 523. — Stadt im Wandel, 1186 Nr. 1033 (R. Kroos). — Nass Reichschronik, 18. — Hartmann, 106, 166, 234. — N. Kössinger, Sammeln, Edieren und Interpretieren: Matthias Flacius und das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg. Flacius und die Heidelberger Otfridhandschrift (Cod. pal. lat. 52), in: Catalogus und Centurien. Interdisziplinäre Studien zu Matthias Flacius und den Magdeburger Centurien, hrsg. von A. Mentzel-Reuters und M. Hartmann, Tübingen 2008 (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 45), 77–93, hier 78. — N. Kössinger, Otfrids "Evangelienbuch" in der frühen Neuzeit. Studien zu den Anfängen der deutschen Philologie, Tübingen 2009 (Frühe Neuzeit. Studien und Dokumente zur deutschen Literatur und Kultur im europäischen Kontext 135), 49.Aufbruch in die Gotik 2, 293f. Nr. V.55 (T. Ertl). — Bollbuck, 219. — Wolfenbüttel Helmst. Lesser (vorläufige Beschreibung in der Handschriftendatenbank der HAB).

A

Pergament — 8 Bl. — 25 × 16 cm — Magdeburg, Prämonstratenserstift St. Marien (?) — um 1200

Pergament — 8 Bl. — 25 × 16 cm

Lagen: IV (8). Schriftraum: 19 × 10,5–11 cm, einspaltig, 32 blindliniierte Zeilen, Punkturen an den Blatträndern sichtbar. Carolino-Gothica von einer Hand.

INHALT

1r unter einer vorgezeichneten Initiale D rubrizierte Inhaltsangabe (12. Jh.). 1v–8v Ambrosius Mediolanensis: De incarnationis dominicae sacramento (prima pars tantum); PL 16, 817–853; CSEL 79, 223–281, hier bis 257 Z.29; CPL 152..

AUSSTATTUNG

1 Initialzierseite. 1v Initialzierseite: In der oberen Blatthälfte eine in roter Federzeichnung ausgeführte Spaltleisteninitiale. Der Initialstamm mit großen dreieckigen Blattapplike, geometrischen Spaltfüllungen (Mäander und doppelt gezogenes Zickzackband) und großen, blütengefüllten Spangen; die Randleisten erscheinen genagelt. Im Binnfeld, frei bewegte, symmetrisch verlaufende Rankenabläufe mit üppigen Stauchungen an den Gabelungen. Im Besatz bewegte, gekernte Palmettenblätter mit eingerollten oder zipfeligen Enden und rückwärts gebogenem, zweiten Palmettenblatt. Die Innenflächen der Blattzungen mit Perlbandverzierung; in die Blattabläufe integriert erscheinen perlbandverzierte Fruchtdolden. Als Besatz des Initialstamms wurden tütenförmig aufgestellte Palmettenblätter verwendet. Die kräftig gezeichneten Schraffuren der Blattrücken, lassen diese plastisch dreidimensional erscheinen. 9,5 × 9,5 cm. Im Anschluss an die Initiale der rubrizierte Schriftzug [D]EBITUM IN DOMINO FRATRES KARISSIMI CVPIO. Hier die Buchstaben mit schaftbegleitenden und verdickenden Punktverzierungen, im Endbesatz eine Silhouettenknospe und Blättchen mit kufgelförmig ausgearbeiteten Endungen.

B

Pergament — 65 Bl. — 25 × 16 cm — Magdeburg, Prämonstratenserstift St. Marien (?) — um 1200

Pergament — 65 Bl. — 25 × 16 cm

Lagen: 7 IV (64). IV+1 (73). Schriftraum: 19 × 11–11,5 cm, einspaltig, 41 Zeilen. Carolino-Gothica von zwei Händen, Hand 1: 9r–54r Hand 2: 54v–72v.

INHALT

9r–10v Anselmus Havelbergensis: Epistula apologetica pro canonicis regularibus partim (PL 188, 1119A–1140A, hier 1129A–1133B; Rep. font. 2, 367; 2VL 1, 384–391 [386 Hs. genannt]; J. T. Lees, Anselm of Havelberg. Deeds into words in the twelfth century, Leiden u.a. 1998 [Studies in the history of christian thought 79], 152f. [Hs. genannt und zitiert, Sigle Wolf. 2]); W. Bomm, Anselm von Havelberg, Epistola apologetica – Über den Platz der 'Prämonstratenser' in der Kirche des 12. Jahrhunderts. Vom Selbstverständnis eines frühen Anhängers Norberts von Xanten, in: Studien zum Prämonstratenserorden, hrsg. von I. Crusius und N. Flachenecker, Göttingen 2003 [Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 185; Studien zur Germania Sacra 25], 107–183 [172 Anm. 200 Hs. genannt]; CALMA 1, 292 Nr. 2). 11r–26r Aurelius Augustinus: Ad Pollentium de adulterinis coniugiis libri II, retractatione praemissa (CC SL 57, 136; PL 40, 451–486; CSEL 41, 347–410; CPL 302; ; Kurz 5/1, 41 [Nr. 4 Hs. genannt]). 26r–38r Aurelius Augustinus: De gratia et libero arbitrio liber I (retractatione praemissa; CC SL 57, 141; PL 44, 811A–912B; ; CSEL 105, 130–176 [25 Nr. 253+ Hs. genannt]; CPL 352; ; Kurz 5/1, 125f. [126 Nr. 19 Hs. genannt]). 38r–44r Thascius Caecilius Cyprianus: De dominica oratione (CSEL 3, 265–294; CC SL 3A, 87–113; Stegmüller RB 2029; CPL 43). 44r–45r Ps.-Augustinus: Sermo de symbolo (PL 40, 1189–1202, hier bis 1196; CPPM 1114). 45r–46v Hildebertus Lavardinensis: Sermo in die palmarum (T24) (PL 171, 947B–950D Nr. CXLI; Schneyer 2, 714 Nr. 1; CALMA 6, 171 Nr. 18). 46v–47r Bernardus Claraevallensis: Parabola III de filio regis sedente super equum (Bernardi opera 6/2, 274–276; CALMA 2, 306f. Nr. 9). 47v–48r Ivo Carnotensis: Sermo de adulterino habitu virorum vel mulierum (PL 39, 1887–1889; PL 162, 607B–610B Nr. XXIV; CPPM 859). 48r–53v Bernardus Claraevallensis: Liber de gradibus humilitatis et superbiae (partim; Bernardi opera 3, 13–59, hier 16–37; CALMA 2, 309 Nr. 25). 54v–65v Ps.-Amphilochius Iconiensis: Vita sancti Basilii episcopi Caesareae interprete Euphemio (Vitae patrum in usum ministrorum verbi, quo ad eius fieri potuit repurgatæ per G. Maiorem. Cum praefatione D. doctoris Martini Lutheri, Wittenberg 1544 [VD16 M 2205]; BHL 1023 mit Suppl. und Novum Suppl.; CPG 3253). 65v–66r Passio sanctae Petronillae ex 'Rescripto Marcelli' deprompta (AA SS Mai III, 10D–11B; BHL 6061). 66r–69v Vita sancti Dalmatii martyris in Pedemonte (A. M. Riberi, San Dalmazzo di Pedona e la sua abazia (Borgo San Dalmazzo), Torino 1929 (Biblioteca della Società Storica Subalpina 110), 369–380; BHL 2082 mit Novum Suppl.). 69v–70v Ps.-Johannes Chrysostomus: Sermo de Hieremia (PLS 4, 700–702; CPL 928). 70v–72v Vita sancti Maximini abbatis Miciacensis (BHL 5818).

AUSSTATTUNG

Silhouetteninitialen. Einleitend zu den Texten 3-13zeilige, rubrizierte Initialen, teils mit ausgesparten Schaftteilungen, Punktverdickungen und schaftbegleitendem Stempeldekor. In den Binnenfeldern roter und grüner Silhouettendektor mit Palmetten-, Trifolien- und Punktverzierungen; 11v querständig eingelegte Palmette mit zentraler Leiste (ähnlich dem Leitermotiv). Die Palmetten mit lappig verdichteten Abläufen, kugelförmig ausgformten Endungen, Schraffuren und wimpernartigen Randverzierungen.
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil II (12. Jh.).
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