Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil IV: Cod. Guelf. 462 bis 615 Helmst., beschrieben von Bertram Lesser (in Vorbereitung).
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms Erschließung und Digitalisierung handschriftlicher und gedruckter Überlieferung (Vorläufige Beschreibung)

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 505 Helmst.

Breviarium Hildeshemense

Pergament — II, 250 Bl. — 25,5 × 18 cm — Diözese Hildesheim — 14. Jh., 1. Hälfte

Lagen: V–1+2 (9)! 6 V (69). VII (83). 7 V (153). III+1 (160). 9 V (250). Reklamanten, Kustoden in römischen Zahlen IXXVI (Zählfehler, Zählung springt von VII auf IX), teilweise noch Lagensignaturen in arabischen Ziffern erhalten. Bleistiftfoliierung modern: 1250, leeres Vorsatz und abgelöster VS ungez. Der Codex ist durch den Verlust einer Lage am Schluss fragmentiert (Textverlust). Schriftraum: 18 × 12,5 cm, zweispaltig, je nach Hand 23–28 Zeilen, Blind- und Tintenlinierung, Punkturen an den Blatträndern sichtbar. Textualis in verschiedenen Graden der Ausführung (Gesangsteile in kleinerer Schrift abgesetzt) von fünf Haupthänden, Hand 1: 1ra–9vb; Hand 2: 10ra–83vb, 104ra–150va, 238ra–250ra ; Hand 3: 84ra–103vb; Hand 4: 151ra–238ra; Hand 5: 250ra–vb. Rubriziert, rote, stellenweise abwechselnd rote und blaue Lombarden, vereinzelt mit konturbegleitendem Knospenfleuronnée bzw. Knospenbüscheln oder Ähren im Binnenfeld. Die Ausstattung ist nicht einheitlich und wechselt mit den Händen.

Gotischer Holzdeckelband, mit unverziertem braungefärbtem Schweinsleder überzogen. 5 Doppelbünde, Kapital an Kopf und Schwanz mit ungefärbten Lederstreifen umflochten. 2 Langriemenschließen, bewegliche Schließösen als Drachen- oder Vogelkopf gestaltet. 2 x 5 Schonernägel verloren, vermutlich in Halbkugelform, an den Ecken zusätzlich wohl mit einer kreisrunden Metallplatte (Ø ca. 5 cm) unterlegt.

Fragment, ursprünglich ein Bl., jetzt halbiert: VS (oberer Teil, abgelöst) und HS (unterer Teil): Pergament, 25 × 17,5 cm, mitgeheftet, zusätzlich um die erste bzw. letzte (jetzt verlorene) Lage gehängt. Schriftraum identisch. Textualis, 14. Jh. Arbor virtutum BMV. Farbig lavierte Federzeichnung eines Baumes mit grünem Stamm, ebenso gefärbten waagerechten Ästen (an jeder Seite fünf), gelappten Blättern und Früchten (welche ungeachtet der Stilisierung die Bestimmung als Eiche erlauben), der aus einer stilisierten Bodenfläche auf dem HS hervorwächst, Neben dem Baum kniet eine Nonne (nicht koloriert), mit der Oration Pulchra theotica [!] hec arbor sit tibi [… Rest abgeschnitten] auf einem Spruchband. Links neben dem Baumstamm eine längere Erläuterung: Hanc arborem beata tu linuas [!] mente … ut cum tuo filio possim beatissimo perpetue regnare Amen. Die Krone des Baumes endet auf dem VS, wo die rotgewandete, nimbierte Maria mit dem Jesusknaben im Typus der Hodegetria thront, in der Rechten einen rötlich gefärbten Zweig des Baumes, dessen Spitze zum Himmel weist. Daneben die Beischrift: Virgula de Yesse Christum produxit in se. Absit ut hoc credam quod sit pars puerorum. An den Ästen und am Stamm des Baumes hängen insgesamt 15 grünumrandete Medaillons, in die jeweils eine, metrisch z. T. fehlerhafte Vagantenstrophe eingeschrieben ist: Ave virgo virginum preclara maris stella | Castitatis terminum electa dei cella … — … Amen pulchrum lilium petita que implora | Presens post exilium nunc valeas decora. Amen. Der hymnenartige, offenbar ad hoc gedichtete Preis der Jungfrau Maria ist bislang nur hier nachgewiesen; die Zeilen der mittleren drei Medaillons sind aufgrund der Halbierung des Bl. nicht mehr lesbar.

Herkunft: Der Codex wurde in der ersten Hälfte des 14. Jh.s für den Gebrauch in der Diözese Hildesheim geschrieben, worauf die Anordnung und Auswahl der Texte im Temporale und die für dieses Bistum spezifische Fassung der Visitatio sepulchri hindeuten. Eine genauere Lokalisierung ist nicht möglich, da sowohl das Sanctorale als auch Schreiber- und Vorbesitzereinträge fehlen. — Der unikal überlieferte versifizierte Marienhymnus auf den Spiegelblättern lässt die Entstehung, zumindest aber die Benutzung des Breviers im monastischen Kontext, möglicherweise in einer Gemeinschaft der regulierten Augustiner-Chorherren oder -Chorfrauen in der Hildesheimer Diözese, vermuten. — Sofern dies zutrifft, gelangte der Codex im Frühjahr 1572 in die Bibliotheca Julia in Wolfenbüttel, wo ihn Eberhard Eggelinck 1588 ins Verzeichnis der Pergamenthandschriften der Bibliotheca Julia (NLA – StA Wolfenbüttel, 1 Alt 22, 83, 22r–35v, hier 31v) unter dem Wortlaut der Eingangsrubrik Secunda pars breviarii æstivalis in 4. vnd brettern gebunden vff Pergamein geschrieben aufgenommen hat. 1614 im Gesamtkatalog des Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 294 [289]) unter den Papalia Miscellanea als Secunda pars estivalis Breviarii manuscripti ist hinden defect mit der Signatur X 52 nachgewiesen. — 1618 aus Wolfenbüttel nach Helmstedt überführt, 1644 im Katalog der Helmstedter Universitätsbibliothek (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 19r) in einem Sammeleintrag unter den Sechs vnd zwanzig Breviaria, worunter 13 vf pergamen vnd 13 vf papier geschrieben unter den Theologici MSSti in quarto nachgewiesen; im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 736 aufgeführt.

Heinemann Nr. 545. — Lipphardt Osterfeiern 6, 470.

Ir–v Fragment (s. oben), IIr–v leer.

1ra–250vb Breviarium Hildeshemense (Proprium de tempore, pars aestivalis). Incipit secunda pars breviarii scilicet estivalis. In vigilia pasche ad vesperas antiphona. Alleluia laudate dominum omnes gentes (CAO 3586). Super Magnificat antiphona: Vespere autem sabbati que lucescat in prima sabbati venit Maria Magdalena (CAO 5371) … — … et de paradiso exhereditatos celi reddidit heredes hec est post synagogam quidem [vocata] [Aug. serm. 231,1] (Text bricht ab). Enthält die Offizien der Sonn- und Wochentage und der Herrenfeste von Vigilia Paschae bis dominica XXV post festum sanctissimae Trinitatis. Im einzelnen sind enthalten: (1ra–9vb) Dominica Paschae mit Ferialtagen, 2rb vor den Laudesantiphonen am Ostersonntag eingefügt eine Visitatio sepulchri nach dem Usus der Diözese Hildesheim, Druck: Brooks, 57f. Nr. 1 (diese Hs.); Young 1, 584 (Hs. genannt); Lipphardt Osterfeiern 2, 278 Nr. 219 (diese Hs., Sigle Hild3); am Schluss des Samstagsoffiziums gemeinsamer Ordo completorii (9rb–vb) mit Hymnus AH 27 Nr. 35 Str. 1–4 und 6 mit Doxologie wie im Apparat (Gloria tibi domine…) und dem Zusatz: Iste ordo completorii servetur usque in vigiliam ascensionis domini. (1ra–18va) Dominica prima in octava pasche mit Ferialtagen, (18va–25rb) Dominica secunda mit Ferialtagen, (25rb–32vb) Dominica tercia post pascha mit Ferialtagen, (32vb–38ra) Dominica IIII post pascha mit Ferialtagen, (38ra–43va) Dominica quinta post pascha mit den Offizien zu feria II–IV, (43va–46vb) In ascensione domini, (46vb–50rb) Offizien für feria VI und Sabbatum post ascensionem mit Hymnus (48rb) AH 50 Nr. 82 Str. 1, 2 und Doxologie, (50rb–55ra) Dominica post ascensionem domini mit Ferialtagen, (55ra–56ra) In vigilia penthecostes, (56ra–64rb) In vigilia penthecostes ad vesperas mit Ferialtagen, (64rb–65vb) In octava pentecostes ad vesperas, (65vb–71vb) In festo sanctissimae Trinitatis mit den Offizien zu feria II–IV, (71vb–75vb) In festo cor[poris] Christi, (75vb–77vb) Offizien für feria VI und Sabbatum post festum Corporis Christi, (77vb–83vb) Dominica infra octavam corporis Christi mit Ferialtagen. Alle bis hierher genannten Offizien mit Ausnahme der Herrenfeste enthalten nur die Lesungen der dritten Nokturn. – (83vb–197rb) Offizien der Sonn- und Wochentage von Dominica prima post octavam penthecostes bis Sabbato post dominicam XXV post octavam pentecostes, jeweils mit den Lesungen der ersten und zweiten Nokturn aus den Büchern des VT gemäß dem Usus der Diözese Hildesheim (bis Ende Juli I–IV Rg, August Prv, Ecl, Sap, Sir, September Iob, Tb, Idt, Est, Oktober Mcc, November bis 1. Advent Ez, Dn, XII prophetae minores), jeweils vorangestellt ist die zugehörige Antiphonen- und Responsorienübersicht (hystoria). – (197va–250ra) Offizien der Sonntage von Dominica prima post trinitatis bis Dominica XXV post festum sanctissimae Trinitatis, jeweils mit den Evangelienlesungen und Kommentarhomilien der dritten Nokturn. – 250ra–vb Sequitur de dedicacione ecclesie (durch Blattverlust unvollständig, bricht im Text der lectio prima ab). Weitere bislang gesicherte Hildesheimer Breviere im Bestand der HAB sind Cod. Guelf 145 Helmst., 348 Helmst., 536 Helmst., 559 Helmst., 658 Helmst., 1193 Helmst., 1263 Helmst., 1303 Helmst., 1364 Helmst., 1411 Helmst., 71.7 Aug. 2°, 79.1 Aug. 2° und 85.5 Aug. 12° und 547 Novi. Druckausgaben des Hildesheimer Breviers: GW 5362 (= Bohatta Bibliographie 254, vergl.); Bohatta Breviere 2276; VD16 B 8155 (= Bohatta Bibliographie 1087).


Abgekürzt zitierte Literatur

AH Analecta hymnica medii aevi, hrsg. von G. M. Dreves und C. Blume, Bd. 1–55, Leipzig 1886–1922, Registerbd. 1–2, hrsg. von M. Lütolf, Bern u. a. 1978
Bohatta Bibliographie H. Bohatta, Liturgische Bibliographie des XV. Jahrhunderts mit Ausnahme der Missale und Livres d'heures, Wien 1911, ND Hildesheim 1961
Bohatta Breviere H. Bohatta, Bibliographie der Breviere 1501–1850, Leipzig 1937
Brooks N. C. Brooks, Osterfeiern aus Bamberger und Wolfenbütteler Handschriften, in: ZfdA 55 (1917), 52–61
CAO R.-J. Hesbert, Corpus antiphonalium officii, Bd. 1–6, Rom 1963–1979 (Rerum ecclesiasticarum documenta. Series maior 7–12)
GW Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Bd. 1–, Leipzig 1925–1938, Stuttgart 1978–
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Lipphardt Osterfeiern W. Lipphardt, Lateinische Osterfeiern und Osterspiele, 9 Bde., Berlin, New York, 1975–1990 (Ausgaben deutscher Literatur des XV. bis XVIII. Jahrhunderts. Reihe Drama 5/1–9)
VD16 Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des XVI. Jahrhunderts, Online-Ressource: http://gateway-bayern.bib-bvb.de/aleph-cgi/bvb_suche?sid=VD16
Young K. Young, The drama of the medieval church, 2 vols., Oxford 1933